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Wie wähle ich einen Romanausschnitt für eine Lesung aus?


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33 Antworten zu diesem Thema

#1
KristinaS

KristinaS
  • 66 Beiträge
  • Dabei seit 17.03.11
Hallo liebe Montis, ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin, falls nicht, bitte verschieben. Ich plane für dieses Jahr Lesungen aus meinem ersten, gerade erschienenen Roman auch Lesungen. Wobei ich mir vollkommen unsicher bin, ist die Auswahl eines geeigneten Abschnitts für eine Lesung von ca. 30-60 Minuten. Der Text soll das Publikum anfüttern, soll also Lust auf mehr machen, soll aber den Zuhörer auch nicht mit lauter Fragezeichen im Gesicht dasitzen lassen. Nehme ich etwas vom Anfang, ist die Handlung gerade erst ins Rollen gekommen und noch nicht so irre spannend, dafür erfährt der Hörer einiges über die Charaktere. In der Mitte und zum Ende hin ist zwar alles sehr spannend, es fehlen aber mit Sicherheit Informationen für den Hörer, die er braucht, um das Handeln der Charaktere nachvollziehen zu können. Wie macht ihr das? Wie wählt ihr Textschnippsel aus euren Werken für Lesungen aus? Mischt ihr vielleicht auch - ein Stück vom Anfang, eins aus der Mitte und eins vom Ende? Erklärt ihr zwischendurch, fasst ihr zusammen? Fragende Grüße, Kristina
"Sage nicht alles, was Du weißt - aber wisse, was Du sagst!" (Seneca)

#2
SusanneB

SusanneB
  • 135 Beiträge
  • Dabei seit 25.11.05
Hallo Kristina, nicht, dass ich auf diesem Gebiet so sonderlich geschickt wäre. Ich reiche einfach mal weiter, wie ich es bisher gemacht habe und was dazu an Rückmeldung gekommen ist: Mir wurde empfohlen, möglichst eine zusammenhängende Einheit herauszupicken, z.B. die Aktivitäten einer Figur oder das Geschehen an einem Schauplatz zu verfolgen. Das hat sich auch weitgehend bewährt, denn das reduziert den Bedarf an Erklärungen zwischen den einzelnen Teilen. Bei meinem letzten Lesungsprogramm wurde ich dann allerdings darauf angesprochen, dass die Haupthandlung dabei gar zu kurz gekommen ist. Außerdem habe ich festgestellt, dass es nützlich ist, eine überschaubare Anzahl von Figuren zu präsentieren. Exotische Namen stören manche Leute schon beim selbst lesen, wenn man sie nur hört, steigt das Verwirrungspotenzial noch. Was bei dir vermutlich keine Rolle spielt, ist der Lokalpatriotismus: Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass bei Lesungen an Originalschauplätzen diese möglichst gut zur Geltung kommen sollten. Ich hoffe, das hilft etwas bei der Auswahl. Vielleicht melden sich ja auch noch Leute mit mehr Erfahrung zu Wort.

#3
KristinaS

KristinaS
  • 66 Beiträge
  • Dabei seit 17.03.11
Danke, der Tip, sich auf einen Handlungsstrang und eine Figur zu konzentrieren, hilft schon mal weiter. Die Zeit ist ja auch begrenzt und ich will mich nicht verfusseln. Auf Originalschauplätze kann ich leider nicht zurückgreifen - wenn es die Welt, in der mein Roman spielt, wirklich gäbe, wäre ich trotz aller gefahren wohl schon längst nicht mehr hier. :)
"Sage nicht alles, was Du weißt - aber wisse, was Du sagst!" (Seneca)

#4
Hans-Juergen

Hans-Juergen
  • 1.177 Beiträge
  • Dabei seit 01.09.08
Ich lese immer 3 Textstellen so ca. 10 min. - 20 min. - 15 min.. Dabei konzentriere ich mich immer auf einen Handlungsstrang und konfrontiere die Leute nur mit wenigen Personen. Hans-Jürgen
Alle Infos zu meinem Ostsee-Thriller "Gekapert" auf dem Blog "Schauplatz Ostsee". Und eine optisch/akustische Einstimmung ist hier: "Video"

#5
KristinaS

KristinaS
  • 66 Beiträge
  • Dabei seit 17.03.11
Und die drei Textstellen dann aus Anfang/Mitte/Ende?
"Sage nicht alles, was Du weißt - aber wisse, was Du sagst!" (Seneca)

#6
Eva

Eva
  • 2.723 Beiträge
  • Dabei seit 22.09.05
Liebe Kristina, Du solltest einen Umfang von ca. einer Stunde Lesezeit auswählen. Ich erarbeite mir immer verschiedene Programme, dem Buch und dem Anlaß entsprechend. Dabei suche ich mir Szenen heraus, die ich frei redend in den Zusammenhang setze, wobei ich dem Publikum zusätzliche Informationen, zum Beispiel zur Entstehung des Textes, liefere. Oder ein paar Anekdoten, die Recherche betreffend und so weiter. Die Leute wollen ja einen gewissen Mehrwert. Ich fahre ganz gut damit, Szenen zu lesen, die ich selbst besonders gern mag, weil sie inhaltlich viel hergeben und mir sprachlich besonders gelungen erscheinen etc. Weiters achte ich darauf, in der Lesung Spannung aufzubauen, also beispielsweise auf eine zentrale Frage des Romans hinzulesen, die aber natürlich nicht zu beantworten. Nach dem Motto: "Und wenn Sie nun wissen wollen, wie es weitergeht, müssen Sie das Buch lesen." Mit einem Cliffhanger bw. einer Szene aufzuhören, die in irgend einer Art Fragen aufwirft, ist daher vielleicht nicht die schlechteste Idee. Weiters: Bereite Dir alles gut vor, evtl. sind Manuskriptseiten besser als das Buch, weil Du Dir Hilfen und Anmerkungen reinschreiben kannst. Und übe, übe, übe. Der beste Text, schlecht vorgetragen, wird zu einer Qual. Viel Erfolg Eva

"Der Dichter muss nach Wunderbarem dürsten, [] wer nicht zum Staunen bringt, soll Pferde bürsten."&&Giambattista Marini (1569-1625)&&


#7
KristinaS

KristinaS
  • 66 Beiträge
  • Dabei seit 17.03.11
Danke für die Tips, Eva! Ja, das üben plane ich schon ein, ich halte mich nämlich nicht so für den geborenen Vorleser. Solange außer mir und meiner Katze niemand im Raum ist,ist alles gut, aber sobald da ein Publikum ist, vor dem ich reden muss, fange ich an zu rappeln und zu rattern, lese viel zu schnell und werde atemlos beim lesen. Passiert mir auf Autorentreffen immer wieder, einfach weil ich aufgeregt bin, und das, obwohl ich die Leute alle kenne (wird bei den Lesungen auf den Cons genauso sein). Vielleicht ist da auch einfach ein hoher Erwartungsdruck. Die Leute kenne mich alle, sie haben mit mir zusammen auf das Buch gewartet, viele haben vorbestellt und sind jetzt natürlich gespannt. Ich hatte auf jeden Fall vor, mir einen Ausdruck zum Lesen mitzunehmen, in Extragroßschrift für den Fall, dass das Licht mist ist, und so, dass ich mir Zeichen in den Text kritzeln kann. Ich gehe dann mal auf Lieblingsszenen-mit-Cliffhangerpotential-Suche.
"Sage nicht alles, was Du weißt - aber wisse, was Du sagst!" (Seneca)

#8
Hans-Juergen

Hans-Juergen
  • 1.177 Beiträge
  • Dabei seit 01.09.08

Und die drei Textstellen dann aus Anfang/Mitte/Ende?


So ungefähr. Auf jeden Fall lese ich grundsätzlich den Anfang des Buches. Bei einer Textstelle von ziemlich weit hinten muss man natürlich beachten, dass man den Zuhörern nicht zu viel zu verrät, insbesondere, wenn es um einen Krimi geht, wie bei mir. Bei einem Buch hätte schon einer der Namen vieles verraten und so habe ich diesen beim Lesen einfach durch "der Kerl" ersetzt, was ganz gut ging.

Hans-Jürgen
Alle Infos zu meinem Ostsee-Thriller "Gekapert" auf dem Blog "Schauplatz Ostsee". Und eine optisch/akustische Einstimmung ist hier: "Video"

#9
KristinaS

KristinaS
  • 66 Beiträge
  • Dabei seit 17.03.11
Danke! Beim Anfang meines Buches überlege ich noch. Es hat nämlich einen eher ruhigen Prolog, der in die Welt und die Kultur der Charaktere einführt, im ersten Kapitel ist der Leser dann sozusagen mitten drin, indem er den Protagonisten bei einem wichtigen Initiationsritual begleitet - da hätte ich noch zusätzlich Tempo neben Kultur und Protagonist. Meine Lieblingsszene werde ich wohl nicht lesen, denn in ihr stirbt eine Figur, die viele Testleser als sehr sympathisch empfunden haben - den Tod zu verraten wäre sicherlich kontraproduktiv.
"Sage nicht alles, was Du weißt - aber wisse, was Du sagst!" (Seneca)

#10
Anni Bürkl

Anni Bürkl
  • 3.215 Beiträge
  • Dabei seit 30.01.10
Hallo Kristina, Ich halte es mit anderen, mehr vom Anfang zu lesen, aber ich mache etwas Besonderes: Ich wähle verschiedene Arten von Textstellen aus. Also zB. eine besonders schaurige, eine lustige, eine sinnliche und/oder erotische Stelle ... Das kann man ja eigentlich mit allen Arten von Romanen machen, dabei einfach aus den wichtigsten Elementen typische Szenen auswählen. Wichtig finde ich an den Schluss eine absolut packende Szene zu packen, nach der die Leute nur so zum Büchertisch hetzen. :-) Mir ist es auch schon so gegangen - bei "Ausgetanzt" - dass die Gäste nach der letzten Szene ob des Grusels einen Moment ziemlich still dasaßen. Fand ich auch gelungen! Das mit dem Lokalkolorit mache ich nach Möglichkeit auch. Meist stelle ich am Anfang meine Hauptperson(en) kurz vor, ebenso wie den Ort. Etwa so: "Ich entführe Sie nun ins Salzkammergut, und zwar an den Ausseer See. Stellen Sie sich vor: Ein Dorf, der See an allen anderen Seiten von Bergen umgeben, die ein Entkommen schwierig machen ..." So in etwa. Wichtig auch: Überleitende Erklärungen zwischen den Leseproben - aber möglichst kurz. Achso, und wegen der Aufregung :-) ---- da gibts ein hilfreiches Mittel: einfach mit weniger aufregenden Lesungen beginnen, die Routine bringts. Irgendwann kennst du deine Lesestellen auswändig. :-) Liebe Grüße! Anni

#11
Gunnar

Gunnar
  • 136 Beiträge
  • Dabei seit 20.02.11
Hallo Kristina, Du hast ja schon viele gute und richtige Antworten erhalten; hier noch ein paar Ergänzungen: Ich springe durchaus im Text, manchmal sogar über -zig Seiten, gerade weil ich versuche, inhaltlich Zusammenhängendes vorzutragen. Außerdem versuche ich natürlich, meine Hauptfiguren vorzustellen. Das ist, glaube ich, ganz wichtig; ich habe neulich gemerkt, als ich auch nur 25 Minuten hatte und mich für die atmosphärischen bzw. dramatischen Szenen entschied, dass es vermutlich besser angekommen wäre, hätte ich mich auf meine Figuren konzentriert und den Zuhörern die Möglichkeit gegeben, sie ins Herz zu schließen. Niemand verlangt, dass Du den Text so vorliest, wie er gedruckt ist. Sprich: Vielleicht liest sich irgendwo besser ein Punkt, wo eigentlich ein Komma steht. Vielleicht musst Du Stellen weglassen, die auf etwas anspielen, was Du während Deiner Lesung eh nicht weiterführst. Ich mach' mir bei Stellen, bei denen ich während der Proben zu Hause merke, dass ich sie häufig falsch betone, Betonungszeichen, das hilft (aber zu viele davon machen Dich nur noch nervöser, also: Augenmaß!). ;) Wenn Du kannst, versuch, verschiedene Stimmen für die verschiedenen Leute zu wählen, weil es ziemlich blöd ist, wenn man sich als Zuhörer dauernd fragt: Wer redet denn gerade? Das muss (und sollte) nicht zur Karikatur werden, darf ruhig dezent sein, vielleicht eine Sprachmarotte, jemand spricht langsam, ein anderer schnell, einer etwas höher, einer ist vielleicht heiser - fühl' Dich in Deine Figuren ein: Wie stellst Du sie Dir vor? schüchtern? forsch? hochnäsig? prollig? Sobald Du Dir etwas sicherer im Text bist, ist es sehr wichtig, beim Lesen immer auch mal das Publikum anzugucken Und insgesamt zeigt die Erfahrung, dass ein Publikum Patzer nicht übel nimmt, so lange Du selbst entspannt damit umgehst. In der Regel sind die Leute auf Deiner Seite!!! Nie vergessen! Ein Lächeln gleicht drei Patzer aus. :D Viele Grüße, Gunnar

www.gunnarkunz.de

"Wir sind klein, dachte Krümel, aber mit Hilfe von Worten hat die ganze Welt in uns Platz." (Schnatzelschnapf! oder: Wie kommt die Welt in meinen Kopf?)


#12
Anni Bürkl

Anni Bürkl
  • 3.215 Beiträge
  • Dabei seit 30.01.10

Und insgesamt zeigt die Erfahrung, dass ein Publikum Patzer nicht übel nimmt, so lange Du selbst entspannt damit umgehst. In der Regel sind die Leute auf Deiner Seite!!! Nie vergessen! Ein Lächeln gleicht drei Patzer aus.  :D


Genau. Weil: 9 von 10 sind froh, nicht selbst dort auf der Bühne zu sitzen!

::)

Anni

#13
Silvia

Silvia
  • 913 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.05
Ich habe immer versucht, einen dem Anlass entsprechenden Ausschnitt zu wählen. Mitternachtslesung - etwas erotisch, Eventlesung - aktionsreiche Spannung, erste Lesung, um das Buch vorzustellen - möglichst einprägsame Szene, die auch Fragen aufwerfen darf. Für die nächste Lesung anlässlich der Frauenmesse in Hamm, war mein erster Gedanke, etwas Romantisches auszuwählen. Doch mittlerweile überlege ich ernsthaft, ob ich nicht auch den Anfang meines aktuellen Romans lese, wie es hier einige von euch zu tun pflegen. Erscheint mir ganz sinnvoll. Da spare ich mir die einführende Rede, bei der ich persönlich doch ganz gerne vor Nervösität ins Stolpern gerate. Gruß Silvia

MENSCHENFISCHER - Zoe Lenz, Deutschlands jüngste Bestatterin


#14
JenniferB

JenniferB
  • 2.108 Beiträge
  • Dabei seit 17.01.11
Silvia, das ist der Grund, warum ich IMMER zuerst den Anfang lese. Weil ich zu Anfang schrecklich nervös bin und im Leben nicht frei erzählen kann. Mir fällt es leichter, erst zu lesen (den Anfang, denn dann muss ich vorher nichts erklären) und dann erst etwas zu erzählen, danach weitere Stücke zu lesen. Ich bevorzuge mehrere kürzere Ausschnitte (nicht länger als 10 Minuten maximal), weil ich merke, dass ich so als Zuhörer auch eher dranbleibe; aber das ist Geschmacksache. Zu Patzern: Ich habe in Leipzig Kai Mayer lesen sehen. Er hat sich irgendwo verlesen und musste danach echt mit dem Lachen kämpfen. Aber: Das komplette Publikum hat danach 5 Minuten dauergegrinst. Sowas gehört dazu, das macht sympathisch :s18

#15
KristinaS

KristinaS
  • 66 Beiträge
  • Dabei seit 17.03.11
Danke für Eure Antworten! Ich habe bisher erst zwei Lesungen gehört und die auch noch beide von derselben Autorin (Ju Honisch, sie hat auf den Cons, auf denen ich auch lesen möchte, aus ihren Steampunkromanen vorgelsen). Ju ist mein großes, wol nie erreichtes Vorbild, denn sie kann all das, was ihr vorschlagt - ein bisschen frei reden zwoschendurch, mt verstellter Stimme lesen, ins Publikum gucken, bei komischen Stellen *nicht* lachen, obwohl wir alle brüllend am Boden lagen... Puh. Irgendwie macht es mir komplett nichts und null aus, auf der Bühne zu musizieren oder zu singen oder mit meiner Band aufzutreten. Aber Reden? OHgottogott. So langsam habe ich mich, denke ich, entschieden - für den Anfang ohne Prolog und vielleicht irgendwas actionreiches/witziges/flottes aus der Mitte und wenn zeit genug ist, noch mal etwas Ruhigeres aus dem Schlussteil. Vielen Dank für die vielen Antworten!
"Sage nicht alles, was Du weißt - aber wisse, was Du sagst!" (Seneca)

#16
BarbaraMM

BarbaraMM
  • 1.348 Beiträge
  • Dabei seit 17.01.11
Noch'n Tipp: Ich mache mir Atemzeichen in den Text, damit ich nicht außer Atem komme - ist mir auch schon passiert. Außerdem ist es hilfreich, den Text, den man liest, mit dem Finger zu verfolgen, dann verliert man die Textstelle nicht, wenn man zwischendurch mal ins Publikum schaut, was man unbedingt versuchen sollte.
Jedenfalls bleibt die Tatsache, dass es im Leben nicht darum geht, Menschen richtig zu verstehen. Leben heißt, die anderen misszuverstehen ... Daran merken wir, dass wir am Leben sind: wir irren uns. (Philip Roth)

#17
Claudia Toman

Claudia Toman
  • 1.331 Beiträge
  • Dabei seit 12.06.09
@Kristina: Die Auswahl der Textstellen ist wesentlich, daher ist es gut, wenn du dir viele Gedanken dazu machst. Ich überlege mittlerweile erst, welches die Szene ist, in der die Ereignisse ins Rollen kommen und an welchem Punkt es sich darin strategisch gut aufhört, um die Zuhörer total gespannt zu entlassen. Ich suche grundsätzlich nur Szenen aus dem ersten Drittel aus. Alles danach verrät meist zu viel, ich will ja nicht, dass die Leute dann das halbe Buch lang eh schon wissen, was kommen wird. Außerdem sind Szenen mit Dialogen von Vorteil, besonders dann, wenn man sie ein wenig gestaltet. Ich merke beim Vorlesen selbst, dass lange Beschreibungen, von Landschaft oder Personen, die Gedanken schweifen lassen, das kann ich auch als Zuhörer bestätigen. Immer dran bleiben und auch innerhalb des Lesetextes kürzen und straffen. Beim vorigen Buch habe ich mich irgendwie verzettelt, wollte möglichst viele Aspekte zeigen, musste immer wieder dazwischen erklären, das lief nicht rund. Diesmal habe ich lieber ein ganzes Kapitel ausgesucht, fast eine halbe Stunde lang, in dem die Aspekte auch rüberkommen, mit witzigen Dialogen, spannendem Ende und zwei schön gegensätzlichen Figuren. Die Zuhörer hatten Zeit, sich in die Situation und Figuren hineinzuversetzen. Ich finde, das funktioniert sehr viel besser. Damit haben sie nicht den Eindruck, Häppchen serviert zu bekommen, sondern tauchen schon in das Buch ein und wollen am Ende gerne drin bleiben. Zumindest klebten sie durchgehend an meinen Lippen, was bei der Häppchenversion nicht so der Fall war. Ich rede dann auch lieber nach dem Lesungsteil als dazwischen und am liebsten frei in Form von Antworten auf Publikumsfragen. Das funktioniert für mich besser, als zwischen den Lesungsabschnitten aufzulockern, weil Auflockerung auch für Unruhe sorgt. Allgemein muss ich sagen, dass ich kürzer geworden bin. Man kann und muss nicht in der Lesung das gesamte Buch verpacken und jeden Aspekt davon anreißen. Lieber nehme ich die Zuhörer bei der Hand und führe sie ein Stück durch die Geschichte. Das entspricht dem kindlichen Bedürfnis, beim Zuhören Kopfkino zu erleben. Und ist für mich das Wichtigste überhaupt an der Lesung. lg Claudia

"Widerspruch ist fast immer der Beginn einer Fährte." (Claudia Toman - Jagdzeit)


#18
KristinaS

KristinaS
  • 66 Beiträge
  • Dabei seit 17.03.11
@BarbaraMM - ja, an die Atemzeichen werde ich auf jeden Fall denken. Wobei ich beim lesen nie das Gefühl habe, zu wenig Luft zu haben, paradoxerweise habe ich eher ein Problem mit zu viel Luft, weil ich wahrscheinlich zu hektisch lese und zu viel einatme, oder zu oft, weiß der Kuckuck. Auf jeden Fall fühle ich mich nach zehn Minuten vorlesen wie ein zum Platzen voller Ballon, da muss ich noch an mir arbeiten. Vielleicht weiß da ja auch jemsnd Rat. Wahrscheinlich geht's am besten mit üben. @Claudia - ich möchte möglichst wenig zwischendrin erklären und auch lieber nach dem Vorlesen auf Fragen/KOmmentare antworten. Ich habe beim lesen selbst gern das Kopfkino laufen und würde es natürlich auch gern bei Lesern und Zuhörern erzeugen. Langsam tendiere ich immer mehr zu einer abgespeckten Fassung des ersten Kapitels. Dass zwischendurch mal Absätze weggelassen werden oder winzige Veränderungen auftreten, habe ich gemerkt, als ich nach Ju Honischs Lesungen ihre Bücher gelesen habe. Da stand dann die entsprechende Passage - hoppla - doch ganz dezent anders im Buch.
"Sage nicht alles, was Du weißt - aber wisse, was Du sagst!" (Seneca)

#19
InezCo

InezCo
  • 702 Beiträge
  • Dabei seit 23.10.07
Hallo Kristina,

paradoxerweise habe ich eher ein Problem mit zu viel Luft, weil ich wahrscheinlich zu hektisch lese und zu viel einatme, oder zu oft, weiß der Kuckuck. Auf jeden Fall fühle ich mich nach zehn Minuten vorlesen wie ein zum Platzen voller Ballon, da muss ich noch an mir arbeiten. Vielleicht weiß da ja auch jemsnd Rat.

Bei einer Mini-Sprechschulung, die ich mir mal geleistet habe, wurde erklärt, dass das Ausatmen fast noch wichtiger ist als das Einatmen. (Ist beim Yoga übrigens genauso.) Wenn du zu viel einatmest, hyperventilierst du leicht. Auch gegen Aufregung hilft tiefes, bewusstes Ausatmen gut.

Ich habe außerdem noch mal ein bisschen in alten Threads gestöbert und einiges gefunden (zur Lesungsauswahl, aber auch Stimmtipps etc):

(Link ungültig)

(Link ungültig)

(Link ungültig)

(Link ungültig)

(Link ungültig)

Liebe Grüße und viel Erfolg!
Inez

#20
Silvia

Silvia
  • 913 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.05

Silvia, das ist der Grund, warum ich IMMER zuerst den Anfang lese. Weil ich zu Anfang schrecklich nervös bin und im Leben nicht frei erzählen kann.


Ich werde es dieses Mal ziemlich sicher so machen, zumal ich alles andere bereits ausprobiert habe. Maßgebend ist für mich, dass keine großen Erklärungen vorher nötig sind und der Anfang eine ähnliche Neugier weckt wie das kurze reinschnuppern in der Buchhandlung. Ein Versuch ist es auf jeden Fall wert. ;)

Die hier erwähnten Atempausen sind ja interessant. Daran sollte ich vielleicht auch mal denken.

Siehst du, Kristina, jetzt hat deine Frage auch anderen ein paar Tipps eingebracht. ;D

Gruß Silvia

MENSCHENFISCHER - Zoe Lenz, Deutschlands jüngste Bestatterin