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Holzfällen


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176 Antworten zu diesem Thema

#41
jueb

jueb
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Aber Ulf!! Das ist jetzt nicht dein Ernst... Du findest Künstler unwichtige und uninteressante Menschen?! LG jueb
"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

#42
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
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Aber Ulf!!
Das ist jetzt nicht dein Ernst... Du findest Künstler unwichtige und uninteressante Menschen?!

LG
jueb

Natürlich nicht. Aber die im Buch dargestellten kommen als ziemlich unwichtige Typen rüber, die im Leben nichts zustande gebracht haben, aber so tun als ob. :)

Der Bastard von Tolosa, Die Comtessa, Die Hure Babylon, Das Schwert des Normannen, Die Rache des Normannen, Der Schwur des Normannen, Der Sturm der Normannen, Bucht der Schmuggler, www.ulfschiewe.de


#43
Charlie

Charlie
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Wenn es schließlich um die Person von Bernhard geht:

Und warum tut er das? Irgendetwas muss ihn so gekränkt haben (was das sein könnte, verrät er nicht), dass er so blindwütig um sich schlägt. Ich vermute mal, Herr Bernhard ist ein sehr ehrgeiziger Mensch gewesen mit enormen Geltungsbedürfnis und ein sehr eitler Mensch. Irgendetwas muss seine Eitelkeit verletzt haben, das er so blindwütig um sich schlägt.


Da gibt es hier sicher bessere Kenner als mich, aber so viel weiß ich, dass er weniger eitel war als kreuzungücklich: schwer krank, ärmliche Verhältnisse, Eltern, die ihn nicht wollten und so was.


Ich (das mag eine Einzelerfahrung sein, die mit Ort und Zeit des Studiums - Berlin, Achtziger Jahre - und Alter des Freundes/Kollegenkreises zu tun hat) kenne keinen anderen Autor ausser Kafka, bei dem es so schwer ist, ueber einen Text zu reden, ohne dass sofort die Biographie massiv ins Spiel gebracht wird wie Bernhard. Persoenlich finde ich das ein bisschen schade, weil damit - und in die Richtung driftet die Diskussion ja auch gerade ein wenig - suggeriert wird, dass der Text als solcher zu wenig sagt.
Ich moecht' kein Aussparen der Biographie fordern, auf gar keinen Fall, aber ich faende es interessant, wenn wir eine Weile lang beim Text bleiben koennten, also noch nichts ueber Bernhard vermuten, sondern erst einmal ueber den von ihm gewaehlten Erzaehler. Und das wuesste ich gern, Ulf: Hast Du diesen Erzaehler als jemanden erlebt, der gekraenkt worden ist (ich finde es extrem interessant, dass Angelika gesagt hat, sie faende keine Traurigkeit. Ich bin dazu auf weitere Eindruecke gespannt - mir ging's naemlich nicht ganz so, auch wenn ich dem im Vergleich zu anderen Texten von Bernhard schon zustimmen muesste)? Oder nimmst du es vom Autor an? In einem anderen interessanten Abschnitt sprichst du ja von Wuerde - meinst du hier, der Erzaehler nehme den uebrigen Figuren und damit sich selbst die Wuerde oder sprichst du hier ausschliesslich vom Autor?
Eventuell findest du diese Fragen aufgrund von biographischem Hintergrundwissen spitzfindig, ich habe aber dennoch das Beduerfnis, diese Unterscheidung zu machen, weil sie mir fuer die Frage "Sind das unwichtige, uninteressante Menschen?" wichtig scheint. "Unwichtig und uninteressant" wuerde fuer mich bedeuten, dass ueberhaupt keine Uebertragbarkeit besteht, und das ist fuer mich nicht der Fall.

Herzlich,
Charlie

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 


#44
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
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Das sind eine ganze Reihe von interessanten Fragen, Charlie. Ich versuche mich mal mit Antworten. Zunächst finde ich es schwierig, Text von Biographie zu trennen, zumindest von dem bewussten Skandal. Der Text alleine hätte mich in keiner Weise so getroffen wie im Zusammenhang mit den Hintergründen. Ich hätte mich nur gefragt, mein Gott, was sollen diese Tiraden? Wie ich schon sagte, durch die Biographie gewinnt es an Drama. Ich glaube, man kann in diesem Fall Text nicht von Autor trennen. Die Sache ist autobiographisch und als solche auch zu verstehen, meine ich. Ich vermute, der Hintergrund ist eine Kränkung. Der redet wie ein Gekränkter, einer der zurückschlagen möchte, auch wenn er es nur im Geiste tut. Er stellt die Menschen in ihrer Kleinheit dar, in ihrer erbärmlichen Unbedeutsamkeit. Wenn sie so unbedeutend wären, warum dann das ganze Gezeter, warum die ganze Energie, die auf dieses Pamphlet der Verachtung gegossen wird? Das kann ich mir nur durch eine vorangegangene Kränkung erklären. Und, ja, er nimmt ihnen die Würde. Besonders eben da es sich nicht um fiktive Figuren handelt, sondern um lebende Menschen. Die schonungslose Darstellung eines erfolglosen, trunksüchtigen Musikers, ein Ehepaar, das hinter Äußerlichkeiten seine innere Lehre verbirgt, die Virginia Woolf von Österreich, etc. Und dass es dem Thomas Bernhard so wichtig ist, diese Menschen klein zu machen, das macht auch ihn klein. Ich finde es würdelos auch als Autor. Und der Bernhard versteht das schon. Denn er lässt den Burgtheaterschauspieler plötzlich an Statur gewinnen, als der sich gegen die Attacken der Jeannie verteidigt. Er holt sich seine Würde zurück. Ja, da kann ich Text von Person nicht trennen. Den Text allein hätte ich sonst vielleicht gar nicht zu Ende gelesen, weil es mich nicht sonderlich berührt hätte.

Der Bastard von Tolosa, Die Comtessa, Die Hure Babylon, Das Schwert des Normannen, Die Rache des Normannen, Der Schwur des Normannen, Der Sturm der Normannen, Bucht der Schmuggler, www.ulfschiewe.de


#45
Bea

Bea
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Hallo, liebe Leute, Mitleser, Mitfragende oder auch Mitleidende, jetzt bin ich auch hier, gestern war ich unterwegs, und möchte auch mit meinem Eindruck – also dem ersten, beginnen. Nach einer früheren Lektüre von Bernhard war ich ungefähr vorbereitet, auf das, was mich erwartet: innerer Monolog, Gedankenlitaneien und gebetsmühlenartige Wiederholungen. Und: ich habe sie genossen, damals wie nun beim Holzfällen. Ja, es ist ein Sound, Musik, mit Strophen und Refrain. Allerdings kam mir der Schwall von Weitschweifigkeit bis zum Austreten und -leiern der Gedankenschleifen hier besonders auf den ersten ca. 10 bis 20 Seiten exorbitant vor, gewöhnungsbedürftig und ich schnaufte schon auf – hoppala – wo will der Gute hin. Aber es wurde leicht, wie bei meinem ersten Bernhard-Buch, ich schwebte durch, selten so schnell und gerne gelesen. Denn ich konnte mich auf diesen Quasseler und Nörgler, dem gnadenlos Abkanzelnden einlassen. Denn ja, hinter der Erregung wird mir eine Geschichte erzählt, auf eine Weise, wie ich es noch nicht hörte/las. Sicher, man meint, von diesen Leuten gehört zu haben, sie zu kennen, aber sie wurden mir nicht so präsentiert. Na gut, vielleicht sogar vorgeführt. Und: der Erzähler berichtet von sich selbst, und bald erkennt man ja in seinem Ohrensessel den abgehalfterten versoffenen Typen, der nicht anders ist, als die, die er beobachtet. Die ganze Abrechnung/Erregung kommt aus ihm selbst, aus seiner Wut über sich selbst. Ja, er hat etwas Trauriges, in seinem Selbstekel. Eine Verletzung? Guter Gedanke. Das knüpft bei mir an die Schilderung seiner Zeit mit den Auersbergern an, die ihn zu sich in die Gentzgasse holten und besonders mit nach Maria Zaal, wo er die Ehekapriolen der beiden Auersberger abmildern sollte, als Gesellschafter, als Gemütsdämpfer, der dem Ehepaar ein gewisse Erträglichkeit beschaffen sollte und ich glaube durchzuhören, dass dieses Ausnutzen sehr „eng“ und persönlich war. Gut, mag sein er (der Erzähler) frisst sich hier in eine seiner üblichen verzerrten Erinnerungen hinein. Aber es schien mir glaubwürdig. Summa summarum, ich bin froh das Teil gelesen zu haben. Soweit erst mal von mir. Bea und ich möchte hier ganz von der Biografie Bernhards weg bleiben und beschäftige mich jetzt damit nicht, lese nicht den Artikel.

"Büchners Braut" Aufbau Juli 2013,  "Tumult der Seele - Lichtenberg und Maria Dorothea Stechard" SalonLiteraturVerlag, 2015

"Wer nicht weiß, in welchen Hafen er will, für den ist kein Wind der richtige." Seneca


#46
jueb

jueb
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Aber Ulf!!
Das ist jetzt nicht dein Ernst... Du findest Künstler unwichtige und uninteressante Menschen?!

LG
jueb

Natürlich nicht. Aber die im Buch dargestellten kommen als ziemlich unwichtige Typen rüber, die im Leben nichts zustande gebracht haben, aber so tun als ob.  :)


Das scheint mir so nicht zu stimmen. Letztendlich handelt der Text von einer Künstlerelite, die es - zumindest in den Augen der (Wiener) Gesellschaft durchaus zu etwas gebracht hat. Der Burgschauspieler, und der Auersberger in jedem Fall. Für mich geht es in diesem Text übrigens genau auch darum: was macht einen erfolgreichen Künstler aus? Wer bestimmt das? Was ist die Messlatte? Wie lässt sich eine künstlerische Existenz überhaupt rechtfertigen?

Für mich steckt in diesem Text viel darin über die Schwierigkeit, das Risiko und das Scheitern, wenn man sich in letzter Konsequenz für eine künstlerische Existenz entscheidet. Die Figur der Joanna z.B., die als ambitionierte und offenbar auch sehr talentierte Künstlerin anfing, im Alkohol und Prekariat endete und sich erhängt hat. Sie ist für mich übrigens alles andere als eine mittelmäßige Figur, im Gegenteil, auch eine Figur, die mich berührt hat, weil der Erzähler und auch die Abendgesellschaft sie auf sprechende Weise wegdrückt - und das gibt dem Text als Ganzes für mich auch eine gewisse Traurigkeit, die von der Komik nur teilweise verdeckt wird. In letzter Konsequenz steckt da auch noch die zynische Pointe drin. Die Joanna ist die aufrichtigste von allen (gewesen).

Ich stimme Charlie zu, den Text zunächst ohne den biografischen Hintergrund des Autors zu lesen. Mir tut Kafka, den ich als Autor immer noch sehr mag, so leid, dass seine Texte wohl für ewig gelesen werden unter dem Aspekt seines Vaterkomplexes.

LG
jueb
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#47
jueb

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Lieber Ulf, so kann man wirklich nur schlecht über Romane oder - wie in diesem Fall - über Erzählungen sprechen, wenn du einfach Autor und Erzähler gleichsetzt. Im Übrigen, finde ich, dass du in deiner Argumentation einfach außer Acht lässt, dass der Erzähler den anderen Figuren die Würde nehmen mag, aber sich eben auch, und damit steht er - zumindest für mich - eigentlich noch viel würdeloser da als all die anderen - am Ende. Herzlichst jueb
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#48
BarbaraS

BarbaraS
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Ich (das mag eine Einzelerfahrung sein, die mit Ort und Zeit des Studiums - Berlin, Achtziger Jahre - und Alter des Freundes/Kollegenkreises zu tun hat) kenne keinen anderen Autor ausser Kafka, bei dem es so schwer ist, ueber einen Text zu reden, ohne dass sofort die Biographie massiv ins Spiel gebracht wird wie Bernhard. Persoenlich finde ich das ein bisschen schade, weil damit - und in die Richtung driftet die Diskussion ja auch gerade ein wenig - suggeriert wird, dass der Text als solcher zu wenig sagt.

Ich möchte Charlie da zustimmen und es eher noch weiter zuspitzen: Für mich lebt dieser Text ganz ohne jeden Zweifel aus sich selbst heraus, was ihn gut und interessant macht, ist gerade nicht das Autobiographische (ich find's sowieso immer heikel, wenn wir Leser so tun, als könnten wir wissen, warum ein Autor einen bestimmten Text geschrieben hat), sondern die großartige Art, wie der Text eine Atmosphäre schafft und Personen und Szenen zum Leben erweckt, während er so tut, als wäre er eine einzige kunstlose Wutrede. Auch mir ging es so, dass ich immer wieder dachte: O Gott, die kennst du doch, oder: Das hast du doch selbst schon oft genug erlebt.

Übrigens scheint mir das Geschehen in Holzfällen auch keineswegs eins zu eins irgendwelchen realen Gegebenheiten zu entsprechen, sondern nur in bestimmten Punkten, während anderes erfunden ist. Aber so viel weiß ich über Bernhard und die Wiener Kunstszene nicht, dass ich das wirklich beurteilen könnte.

Und in einer Hinsicht finde ich den Bezug zu realen Personen geradezu unausweichlich, weil ich nicht glaube, dass dieser Text von irgendeiner anderen Kunstszene handeln will als von der Wienerischen. Man könnte ihn nicht nach Berlin oder München oder Zürich oder wasweißichwohin verpflanzen. Weil dieses Phänomen, um das der Text ja ständig kreist - alle kommen nach Wien, um "ihre" Kunst machen zu können, und bleiben dann dort stecken und verheddern und verstricken sich immer tiefer und kommen NIE mehr daraus frei, und sie lieben es und hassen es zu gleich, finden sich gleichzeitig großartig und jämmerlich – ohne etwas über Wien zu wissen, ist in mir zumindest der Eindruck entstanden, dass es das so nur in Wien geben kann.

Ob das wirklich stimmt, finde ich fast nebensächlich, weil der Text für mich trotzdem weit über das Lokale und Konkrete hinausgeht. Er erzählt von Menschen, die in Situationen gefangen sind, die sie am Wachstum hindern; auch davon, wie man nach 20 Jahren (!) Abwesenheit sich augenblicklich wieder in alte Muster und Strukturen verstrickt, wenn man in die alte Heimat zurückkehrt. Für mich klingt darum in der Erzählstimme weniger Traurigkeit und noch weniger Gift mit, sondern vor allem Verzweiflung. Und ja, auch Zuneigung.
Visby als Taschenbuch
Flugverbot beim Golkonda Verlag

#49
Bea

Bea
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Das ist das eigentliche Drama des Buches. Und es wirft für mich ein sehr schlechtes Licht auf den Verfasser selbst. Im Grunde tun mir die armen Wichte leid, die er so verhöhnt und an den Pranger stellt. Und dabei macht er sich eigentlich selbst zum Wicht. Und das schlimmste ist noch das Ende. Da sind sie ihm wieder die allerliebsten und Wien überhaupt die beste. Was soll das? Das ist irgendwie noch verhöhnend oben drauf.


Sie könnten einem leid tun, die armen Wichte, da hast du recht Ulf, man möchte schwanken zwischen lachen und heulen.
Aber wir lesen hier die Gedanken eines Menschen, ungeschönt, er schreibt für sich – diese Erzähler, nicht Bernhard, dieser Mensch, der selbst nur einer derer ist, was er weiß.  Ja, er verhöhnt vielleicht, aber er ist wütend, wütend auf sein Leben, dass er zum größten Teil mit diesen Menschen verbracht hatte.
Das macht für mich den Reiz dieser Erzählweise aus, das gnadenlose Festhalten an diesem zermürbenden inneren Monolog.
Und das Ende: ich bin nicht der Meinung, dass die alle ihm wieder die allerliebsten sind. Es hat etwas Beklemmendes an sich, wie er da nicht die Kraft, nicht den Mut oder sonst was hat, endlich, endlich - man hätte es ja nach all seinen »Erkenntnissen« erwartet - eine Kühle oder Abweisung behält. Aber nein, er muss sich retten in die altgewohnte Art, das Vertraute von damals - und hat er nicht daher im Graben am Anfang die Einladung angenommen. Ist er nicht dafür aus London zurückgekommen?

» .. dort und gerade auf dem Graben und auf der Kärntnerstraße, wahrscheinlich, weil ich endlich und entschieden dem monatelangen Alleinsein in meiner Währinger Wohnung, meiner mich ja schon stumpfsinnig machenden Isolation entkommen, entgehen wollte. »

Und am Ende dieses entsetzte Hineinrennen in die Innere Stadt, in Wien hinein, diese beste Stadt, die verhasste Stadt, dieses Laufen, um endlich darüber schreiben zu können,
»gleich und sofort und gleich und gleich, bevor es zu spät ist«.

Bevor es zu spät ist, um wieder Anschluss zu finden, dem endgültigen Alleinsein, Verlottern, Totsaufen, Vergrandeln zu entgehen? Wenigstens nicht allein?
Nein, ich habe kein Mitleid mit diesem Mann. Aber ich mag seine Geschichte, wie sie mir erzählt wurde.
Nicht dass ich in Bausch und Bogen diesen Erzählstil als einen gelungenen ansehen würde. Mir kam öfters beim Lesen der Gedanke, dass einem das mit den Worten »ist das Ihr Ernst?  zurückgegen werden würde (unabhängig davon, dass der Stil nun mal von Bernhard besetzt ist und alles eine müde Parodie werden würde).
Bea

"Büchners Braut" Aufbau Juli 2013,  "Tumult der Seele - Lichtenberg und Maria Dorothea Stechard" SalonLiteraturVerlag, 2015

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#50
Angelika Jo

Angelika Jo
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So was in der Art wollte ich auch gerade sagen:

Letztendlich handelt der Text von einer Künstlerelite, die es - zumindest in den Augen der (Wiener) Gesellschaft durchaus zu etwas gebracht hat. Der Burgschauspieler, und der Auersberger in jedem Fall. Für mich geht es in diesem Text übrigens genau auch darum: was macht einen erfolgreichen Künstler aus? Wer bestimmt das? Was ist die Messlatte? Wie lässt sich eine künstlerische Existenz überhaupt rechtfertigen?


Looser sind das keine, die ersticken ja schon fast an ihrem Erfolg. Und auch bei deiner Frage nach der Messlatte gehe ich mit, jueb.

Aber hier nicht so ganz:

Die Figur der Joanna In letzter Konsequenz steckt da auch noch die zynische Pointe drin. Die Joanna ist die aufrichtigste von allen (gewesen).


Warum eigentlich? Weil sie sich umgebracht hat? Das schützt sie doch nur davor, dass über sie auch hergefallen wird. Über die Toten nix Böses – nach der Devise spricht ganz besonders der Burgschauspieler ganz grausig "... seine Stimme auf Trauerton einstellend" über "unsere liebe Tote" ("Aber wenn es unserer lieben Toten geholfen hat, sagte de Burgschauspieler, hat es ja seinen Sinn gehabt" – nämlich ihr seiner Ansicht nach total sinnloser Bewegungsunterricht).

Und der Erzähler – wenn der anfängt, sie als einzige Künstlerin unter all den Spießern und Kleinbürgern hervorzuheben, die die anderen für ihn darstellen (er tut es an zwei Stellen) – dann möchte ich ja schon mal wissen, wo er da sein Kriterium herhat. Ich befürchte, es ist der Strick, an dem sie hing, ihr Scheitern, ihre Erfolglosigkeit. Und nicht ihr Tanz oder ihr aufrichtiger Umgang mit den anderen.

Angelika

Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#51
BarbaraS

BarbaraS
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... und mir tut's fast schon leid, dass ich den Link zu dem Artikel gepostet habe ... Auf jeden Fall hätte es Zeit gehabt bis später.
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#52
Angelika Jo

Angelika Jo
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Huch, es geht Schlag auf Schlag ...! Angelika :)

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#53
Bea

Bea
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Ob das wirklich stimmt, finde ich fast nebensächlich, weil der Text für mich trotzdem weit über das Lokale und Konkrete hinausgeht. Er erzählt von Menschen, die in Situationen gefangen sind, die sie am Wachstum hindern; auch davon, wie man nach 20 Jahren (!) Abwesenheit sich augenblicklich wieder in alte Muster und Strukturen verstrickt, wenn man in die alte Heimat zurückkehrt. Für mich klingt darum in der Erzählstimme weniger Traurigkeit und noch weniger Gift mit, sondern vor allem Verzweiflung. Und ja, auch Zuneigung.


Danke, das ist sehr viel kompakter ausgedrück, als ich es eben gerade gepostet hatte.
Verzweiflung, die sich in den Schimpftiraden am Ende über seine eigene Verlogenheit zeigt:
" ... einen Kuss auf die Stirn gegeben und war hinunter gelaufen über die Treppe und auf die Straße, fortan durch alle jetzt von mir gegagenen Straßen damit gepeinigt, der Auersberger alles Gesagte nur vorgelogen zu haben und ganz bewußt ihr alles und jedes Gesagte vorgelogen zu haben."

Bea

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#54
jueb

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Ja, das ist gut getroffen, Barbara!
"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

#55
Charlie

Charlie
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[ weil der Text für mich trotzdem weit über das Lokale und Konkrete hinausgeht. Er erzählt von Menschen, die in Situationen gefangen sind, die sie am Wachstum hindern; auch davon, wie man nach 20 Jahren (!) Abwesenheit sich augenblicklich wieder in alte Muster und Strukturen verstrickt, wenn man in die alte Heimat zurückkehrt. Für mich klingt darum in der Erzählstimme weniger Traurigkeit und noch weniger Gift mit, sondern vor allem Verzweiflung. Und ja, auch Zuneigung.


Fuer mich ist das auch so. Vor allem das "am Wachstum hindern" (und ich mochte dazu juebs Anmerkungen zu Joanna - "sie wird auf sprechende Weise weggedrueckt" sehr gern). Nur haette ich zwischen traurigem und verzweifelten Ton nicht so genau unterscheiden koennen, aber das ist hier nebensaechlich (und muss auch von mir noch mal ueberprueft werden). Ich teile aber gerade dazu (und ja - da geht der Text fuer mich weit uebers Konkrete - und auch ueber Kuenstlerkreise - hinaus) Ulfs Beobachtung zum Thema Wuerde. Der Erzaehler kommt mir entwuerdigt (gekraenkt) vor, er hackt sehr sehr zielgenau und sehr sehr blindwuetig zugleich auf die Wuerde der anderen, als waere das ein sichtbares, gar angezeichnetes Organ, und trifft sein eigenes mit. Ist sich dessen auch bewusst. Hackt das kurz und klein.
Ich habe fuerchterliche Angst, total zu nerven, weil ich ja gerade in meiner Franz-Werfel-Phase und damit auf monomanischen Nerv-Kurs eingestellt bin, aber mir ist bei dem Beitrag von Ulf sofort an Werfels Saetze vom Schoepfermord ("Wer aber in einem Geschoepf die Wuerde vernichtet, der vernichtet den Schoepfer in ihm") denken muessen. Das ist ein so starker Zerstoerungswille, da gibt es auch kein Zurueck und keine Milderung. Und je mehr ich darueber nachdenke, desto mehr gefaellt mir das Ende, dieses Zerplatzen und Zusammensacken und Umfallen, weil ich eigentlich gar nicht weiss, wie es danach anders gehen sollte.

Herzlich,
Charlie

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Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 


#56
Charlie

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Huch, es geht Schlag auf Schlag ...!


Ja, und mir ist gerade peinlich aufgefallen, dass wir juebs Anmerkungen zum Thema kuenstlerische Existenz ein bisschen zur Seite gewischt haben, was bloed ist.

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Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 


#57
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
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Huch, es geht Schlag auf Schlag ...!


Ja, und mir ist gerade peinlich aufgefallen, dass wir juebs Anmerkungen zum Thema kuenstlerische Existenz ein bisschen zur Seite gewischt haben, was bloed ist.


Ja, die künstlerische Existenz. Da hat Jueb natürlich völlig recht, darum geht es zum großen Teil. Und was ist denn eine künstlerische Existenz? Davon gibt es die unterschiedlichsten Ausprägungen. Der eine arbeitet nachts, der andere am Tag, der ein sucht Inspiration in Drogen oder Alkohol, der andere arbeitet diszipliniert von 9 bis 17 Uhr, der eine ist Bohemien, der andere bürgerlich. Es gibt sie alle, den Rebell, den Angepassten.

Aber eines haben sie doch alle gemeinsam, das Bedürfnis nach Anerkennung. Ohne die Anerkennung fallen sie in eine Sinnkrise. Und um die Anerkennung geht es auch in diesem Roman, oder besser gesagt, um das Heischen nach Anerkennung. Und wer sie verfehlt, begeht Selbstmord ... oder macht sie sich selbst. ;D

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#58
BarbaraS

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Für mich geht es in diesem Text übrigens genau auch darum: was macht einen erfolgreichen Künstler aus? Wer bestimmt das? Was ist die Messlatte? Wie lässt sich eine künstlerische Existenz überhaupt rechtfertigen?


Stimmt, und ich finde bemerkenswert, wie viele Aspekte dieser Fragen und wie viele Varianten künstlerischer Laufbahnen hier auf doch relativ engem Raum ihren Platz finden. Ich glaube, dieser Text ist bei aller oberflächlichen Redundanz wahnsinnig ökonomisch geschrieben.

Bei mir ist übrigens der Eindruck zurückgeblieben, dass gerade im ersten Viertel oft in einer Weise von "Kunst" und dem "Künstlerischen" die Rede ist, als wären das fassbare oder gar messbare Entitäten wie die relative Luftfeuchtigkeit oder die Höhe über dem Meeresspiegel ... Später scheint mir das zu zerfallen, aber da müsste ich noch mal genau nachschauen, um das belegen zu können ...
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#59
Bea

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Und der Erzähler – wenn der anfängt, sie als einzige Künstlerin unter all den Spießern und Kleinbürgern hervorzuheben, die die anderen für ihn darstellen (er tut es an zwei Stellen) – dann möchte ich ja schon mal wissen, wo er da sein Kriterium herhat. Ich befürchte, es ist der Strick, an dem sie hing, ihr Scheitern, ihre Erfolglosigkeit. Und nicht ihr Tanz oder ihr aufrichtiger Umgang mit den anderen.


Und rutscht am Ende selbst übel daneben, in seiner Joana-Zuneigung, bleibt in einem platten Gemeinplatz hängen, sagt etwas "vollkommen Unzureichendes" -
"Wahrscheinlich ist es das Beste für sie, dass sie sich umgebracht hat, sagte ich, wahrscheinlich ist es der beste Zeitpunkt für sie gewesen, sagte ich zur Auersberger und die Peinlichkeit dessen, das ich gerade gesagte hatte, war mir bewußt, die Widerwärtigkeit ..."

Mir schien die Joana geradezu die Erregungsbremse, der Rettungsanker für ihn zu sein, oder für den Leser, die Figur, die die Tiraden aufs Erträgliche mildert. Er benutzt Joana als Schutzschild für sich, die Beerdigung, die Trauer, die sich immer dazwischenschiebt.
Beim genaueren Nachdenken würde ich sogar eine ziemlich straff und logisch gefügte Figurenkomposition erkennen. Auch wie sie nach und nach Auftreten, Wiederkehren, über sie weitererzählt wird.
In Kilb haben wir die Parts Gemischtwarenhändlerin und den John, an die der Erzähler eine seltsame Wunsch-Bindung äußert.
Beim künstlerischen Abendessen ist der Burgschauspielder der Part, der einzeln steht, dominat, okkupierend, angebetet. Der einzige, der Joana nicht kannte, nicht auf der Beerdigung war.
Überhaupt ist das eine theatralische Zusammensetzung der Figuren bei diesem Abendessen - und die Auflösung desselben. Der verhasste Burgschauspieler wird zu dem, der als einziger sich verteidigt (von Jeannie) und dann noch mit Würde abgeht.
Die stummen "jungen" Anwesenden wirkten etwas hineingeklebt, da ja die Gesellschaft nicht zu klein erscheinen kann oder sollte. Wer weiß. Die kurzen Reflexionen über sich selbst als damals "stummen" jungen Künstler bringen keine große Bereicherung.

Bea

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#60
Bea

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Bei mir ist übrigens der Eindruck zurückgeblieben, dass gerade im ersten Viertel oft in einer Weise von "Kunst" und dem "Künstlerischen" die Rede ist, als wären das fassbare oder gar messbare Entitäten wie die relative Luftfeuchtigkeit oder die Höhe über dem Meeresspiegel ... .


ja, ist mir auch aufgefallen. Zu Anfang scheint es mir mit Spott belegt zu sein, mit Ironie. Das Plattitüdenhfafte verliert sich - auch die einfache Erwähnung dieser Wortpaare - als wir mehr und mehr konkrete Personen vor Augen haben. Ihre Existenz, ihr Leben als Künstler ist dann da, bzw. ihr Heischen danach, ihre Hoffnungen und ihre Kläglichkeit.

Bea

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"Wer nicht weiß, in welchen Hafen er will, für den ist kein Wind der richtige." Seneca