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Sieben Sprünge vom Rand der Welt - Leserunde


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120 Antworten zu diesem Thema

#41
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 2.847 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07
Keine Sorge, Claudia, das machst du hervorragend, ich vertraue auf dein chaotisch-strukturierendes Element. Ich muss es gleich gestehen: mehr als 100 Seiten hab ich bis jetzt noch nicht geschafft. Ich hab das dicke Buch bis an die Südküste von Kreta geschleppt und wirklich Abend für Abend (na ja, ein Abend fiel einer Tauffeier zum Opfer, da haben wir bissel viel Raki trinken müssen) zu lesen versucht. Aber hier hatte ich wirklich Schwierigkeiten. Nach der Lektüre von noch nicht mal einem Viertel Buch wäre es natürlich vermessen, gleich eine Kritik loszuplappern. Ich kann nur von meinem sehr subjektiven Eindruck sprechen. Der lautet: Erzählton ist mir zu kalt. Ich versprechs, ich werde heute noch Stellen suchen, um das zu belegen. Eins vielleicht kann ich doch schon näher sagen. "Die Affen" – so werden sie dauernd genannt. Da rücke ich gleich mal drei Meter zurück. Mein Schwager ist Pfleger bei den Menschenaffen in Hellabrunn. Ich habe ihn niemals "die Affen" sagen hören. Das sind Emma, Toni, Franz usw. Jeder, der ein nahes Verhältnis zu Tieren hat, hört auf, sie als Kategorie zu fassen. Bis jetzt habe ich noch an keiner Stelle der ersten 100 Seiten das Gefühl, dass der Erzähler mit "den Affen" mehr zu tun hatte, als was über sie zu lesen. Ich hätte noch einen Punkt zur Vertreibungsgeschichte, der mich schwer geärgert hat, aber jetzt bin ich erst mal wieder ruhig und lese weiter. Angelika

Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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#42
Barbara Peters

Barbara Peters
  • 664 Beiträge
  • Dabei seit 08.01.08
Auch wir (ich lese das Buch meinem Mann vor, wobei ich die lyrischen Stellen ganz besonders schätze :)) sind fast durch.

Aber damit ich der Diskussion vernünftig folgen kann, muss ich gleich mal zwei Fragen stellen:

1) Wo finde ich den thread, auf den Claudia mit

Hier entzündete sich ja im Handwerksbereich eine kleine Diskussion über den Prolog.

anspricht?

2) Was bedeutet "LB" in Barbaras Statement

als Hommage an LB

?

Liebe Grüße
Barbara

neuestes Buch: Mein lustiger Schieber-Spaß - Hase, Nest und Osterei, Arena Verlag
www.barbarapeters.de


#43
BarbaraS

BarbaraS
  • 2.743 Beiträge
  • Dabei seit 29.03.06

Aber damit ich der Diskussion vernünftig folgen kann, muss ich gleich mal zwei Fragen stellen:

1) Wo finde ich den thread, auf den Claudia mit

Hier entzündete sich ja im Handwerksbereich eine kleine Diskussion über den Prolog.

anspricht?

Der ist hier, liebe Barbara:
(Link ungültig)

2) Was bedeutet "LB" in Barbaras Statement

als Hommage an LB

?

LB steht da für LovelyBooks & andere Leserunden und insbesondere für Kommentare wie "Ich bin gut ins Buch reingekommen", "Liest sich flüssig" etc. War nur ein Witz.

@Angelika: Die Affen bekommen später durchaus Namen. Aber deinen Eindruck vom Erzählton finde ich sehr interessant! Ich hätte ihn nie als kalt bezeichnet, fände es aber sehr spannend zu untersuchen, wie Emotionen ausgedrückt werden. Ich glaube, man wird schon auf Abstand gehalten. Was ich aber – vor allem in den Kriegs- und Nachkriegspassagen des Romans – auch bitter nötig finde. Außerdem passt es für mich zu den Figuren.

Ich schreib später noch genauer, was mich so beeindruckt hat, und auch, womit ich nicht ganz so glücklich war.
Visby als Taschenbuch
Flugverbot beim Golkonda Verlag

#44
jueb

jueb
  • 3.993 Beiträge
  • Dabei seit 01.01.06
Ich kann den Gedanken von Angelika nachvollziehen, erkläre mir das aber auch durch die Figuren. Es handelt sich ja weitgehend um ein hochkarätig intellektuelles selbstreflexives Erzählpersonal. Wenn Gefühle zugegeben werden, werden sie umgehend analysiert. Herzlichst jueb
"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

#45
Barbara Peters

Barbara Peters
  • 664 Beiträge
  • Dabei seit 08.01.08
Danke, Barbara, für die beiden Erklärungen :-). Was den Erzählton angeht, so habe ich mich im ersten Kapitel, als Simone erzählte, zunächst damit auch ein wenig schwer getan. Sie kam mir nicht wirklich nahe. Das hat sich aber bei Boris dann vollkommen geändert. Ich frage mich gerade, ob Simone durch ihre ein wenig distanzierte Art auch versucht, gefühlsmäßigen Abstand von ihrem Vater zu halten. Ich bin selbst die Tochter von Sudetendeutschen und erinnere mich sehr gut, dass ich als Jugendliche nichts über die Vertreibung meiner Eltern wissen wollte. Ich fand, sie sollten sich im neuen Leben in der BRD, in dem es ihnen schließlich gut ging, endlich einrichten und aufhören ständig von der alten Heimat und ihren Verlusten zu lamentieren. Nach der Lektüre dieses Buches, tun mir mein Verhalten und meine damaligen Gedanken leid ... Liebe Grüße Barbara

neuestes Buch: Mein lustiger Schieber-Spaß - Hase, Nest und Osterei, Arena Verlag
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#46
ClaudiaB

ClaudiaB
  • 2.094 Beiträge
  • Dabei seit 11.12.09
Ich versuche, hier einmal ein bisschen zusammenzufassen. Als zentrale Frage kristallisiert sich heraus: Was hält die ganze Sache eigentlich zusammen? Was ist sozusagen das Zentrum? Und was haben die Affen dabei verloren? Der nächste Punkt wäre der Erzählton. Zusammengefasst: Angelika findet ihn im ersten Drittel zu kalt, BarbaraP ging es bei Simone auch so. Jueb kann das nachvollziehen, verweist auf die Figuren: es sind Intellektuelle, sie analysieren alles gleich. BarbaraS sagt, man werde auf Abstand gehalten, aber man brauche diesen auch, vor allem bei den Stellen, wenn es um die Kriegs- und Nachkriegspassagen geht. Mir kommt die Erzählstimme eigentlich gerade bei den Kriegs- und Nachkriegspassagen am nächsten, in denen Lilly erzählt. Hier habe ich den Eindruck der "Wahrhaftigkeit" - die Figur scheint ungefiltert zu sprechen, quasi direkt aus dem Trauma heraus. Aber natürlich kann dies auch ein Abstandhalten sein, sie kommt dem Leser nicht entgegen, will ihn nicht "in die Geschichte hineinziehen", man könnte sogar sagen, die Leser sind ihr egal, sie redet für sich. Für mich ist es trotz allem eine einzige Stimme, die in die sechs Ich-Erzähler hineinschlüpft, die Stimme eines übergeordneten Erzählers - auch dadurch wird der Roman zusammengehalten, finde ich. Zuerst hatte ich eher ein Problem damit, dass ich die einzelnen Figuren nicht hören konnte, immer den Erzähler hörte, später nahm ichs als Stilmittel an. (Ich sage jetzt ganz unfeministisch "der Erzähler", auch und gerade weil U. Draesner weiblich ist, der Erzähler ist ja die Instanz, nicht die Autorin, nur zur Begriffsklärung ...) Zu Punkt 1: Was die Affen mit der Geschichte verbindet. Liegt vielleicht zu sehr auf der Hand, aber ich werfs trotzdem ein: Die Empathie, nach der geforscht wird. Ich finde, dass die Empathie die ganze Zeit über der Geschichte fladdert ünn fladdert und sich üffplüstert - im besten Sinne. Eustachius, der Boris beinahe im Schwimmbad ertränkt und für den das ganz normal ist, dies ist ein Beispiel dafür, das mich sehr berührt hat. Für mich typisch für die Generation und die Generation danach, denen buchstäblich etwas fehlt, die eine Leerstelle haben. Wie BarbaraP bin ich auch "betroffen", deshalb kam mir gerade diese Beschreibung auf eine unheimliche Weise vertraut vor. Ebenso interessieren mich die Spätfolgen ungeheuer (da ich das auch kenne am eigenen Leib sozusagen!) Unsere Familie ist von zweifacher Flucht geprägt - als Vertreibung wurde die Flucht aus Schlesien familienintern niemals bezeichnet, da meine Eltern in der DDR aufgewachsen sind. (Hier die zweite Flucht). Erstaunlicherweise beeinflussen diese Geschehnisse das Leben unterschwellig mehr, als ich gedacht hätte, gerade deshalb finde ich das Buch so wichtig und beeindruckend. Allerdings bin ich nicht völlig kritiklos, gerade, was diese Vertreibungsgeschichten und einige andere Aspekte des Buches betrifft. BarbaraS sagt: Ich fände es spannend, zu untersuchen, wie Emotionen ausgedrückt werden. Findick ooch!! Wie wollen wir's angehen? Liebe Grüße Claudia

Die Zeitenbummlerin (undercover als Leonie Faber) Rad Novel.
April 2016, Knaur

http://www.claudiabrendler.de


#47
BarbaraS

BarbaraS
  • 2.743 Beiträge
  • Dabei seit 29.03.06

Wie wollen wir's angehen?


Dein Posting eignet sich doch bestens als Sammlung von Fragen, liebe Claudia. Wir können ja weitere Fragen ergänzen, wenn sie auftauchen.

Vielleicht können wir versuchen, uns jeweils auf eine Frage zu konzentrieren, damit es nicht so bunt durcheinander geht.
Und weil wir mit der Erzählstimme schon angefangen haben, bleibe ich einfach mal dabei:

Für mich ist es trotz allem eine einzige Stimme, die in die sechs Ich-Erzähler hineinschlüpft, die Stimme eines übergeordneten Erzählers - auch dadurch wird der Roman zusammengehalten, finde ich.

Das sehe ich auch so. Unbedingt! Für mich hat der Roman eine durchgängige Erzählstimme. Die natürlich variiert! Die das Ganze aber trotzdem verbindet und zusammenhält. Ich glaube, wenn es in dem Roman wirklich neun verschiedene Stimmen gäbe, wäre die Gefahr des Zerfallens sehr groß.

Der Eindruck von Einheitlichkeit entsteht für mich auch dadurch, dass die Ich-Erzähler in keinem Fall zu einem klar ausmachbaren Gegenüber sprechen. Ganz offensichtlich ist das bei Hannes: Erstens hat er niemanden, mit dem er reden könnte, er kann die große Einsamkeit ja nie mehr durchbrechen. Zweitens erzählt er bis zum Augenblick seines Todes.

Ich finde das sehr sehr spannend, weil es ja der Forderung nach authentischen Erzählsituationen völlig widerspricht, für mich aber wunderbar funktioniert. Als würde ein unsichtbarer Erzähler den Ich-Erzählern helfen, Dinge zum Ausdruck zu bringen, die sie selbst nicht aussprechen können. Gleichzeitig bleibt aber erhalten, dass alle Ich-Erzähler ihren eigenen autonomen Blick auf die Geschehnisse haben. Wäre das Ganze in der 3. Person geschrieben, wäre die Wirkung völlig anders. Denke ich. Ein 3.-Person-Erzähler geriete leicht in die Rolle des Durchblickers.
Visby als Taschenbuch
Flugverbot beim Golkonda Verlag

#48
ClaudiaB

ClaudiaB
  • 2.094 Beiträge
  • Dabei seit 11.12.09

Der Eindruck von Einheitlichkeit entsteht für mich auch dadurch, dass die Ich-Erzähler in keinem Fall zu einem klar ausmachbaren Gegenüber sprechen. Ganz offensichtlich ist das bei Hannes: Erstens hat er niemanden, mit dem er reden könnte, er kann die große Einsamkeit ja nie mehr durchbrechen. Zweitens erzählt er bis zum Augenblick seines Todes.

Ich finde das sehr sehr spannend, weil es ja der Forderung nach authentischen Erzählsituationen völlig widerspricht, für mich aber wunderbar funktioniert. Als würde ein unsichtbarer Erzähler den Ich-Erzählern helfen, Dinge zum Ausdruck zu bringen, die sie selbst nicht aussprechen können. Gleichzeitig bleibt aber erhalten, dass alle Ich-Erzähler ihren eigenen autonomen Blick auf die Geschehnisse haben.


Ja, ich bin auch davon fasziniert, eben weil es so funktioniert. Und weil da jemand zu sein scheint, der auf diese Ich-Erzähler oder erzählenden Figuren aufpasst. Beim Lesen habe ich lange gehadert: Warum erzählen die mir das jetzt, auf diese anfangs distanzierte Weise, alle trotz ihrer autonomen Sicht doch irgendwie gleich klingend, man erkennt keinen Anlass, keinen Abstand, keine Situation, von der aus sie berichten ... Als ich bei den "Alten" angekommen war, da war es endgültig klar: es wird nicht einmal der Versuch unternommen, eine "authentische" Situation herzustellen. Der Meta-Erzähler des Romans will das nicht, er will etwas ganz anderes. Und vielleicht ist es auch das, was den Sog ausübt.
Auf der Homepage habe ich gelesen, dass die ersten Seiten, die der Autorin "gegeben" wurden (man kennt das: eine Figur drängt sich vor und man muss sie schreiben, der Text ist einem fast fremd etc, das berühmte "es schreibt mich"), die Seiten Lillys waren (ich glaube, die ersten von Lilly.) Lilly ist vielleicht der verletzliche Kern des Romans.
Irgendwie habe ich immer das Gefühl, dass die Figuren geschützt oder beschützt werden müssen. Zumindest diejenigen, die direkt betroffen sind.
Dies auf die Schnelle
Liebe Grüße
Claudia

Die Zeitenbummlerin (undercover als Leonie Faber) Rad Novel.
April 2016, Knaur

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#49
BarbaraS

BarbaraS
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  • Dabei seit 29.03.06

Mir kommt die Erzählstimme eigentlich gerade bei den Kriegs- und Nachkriegspassagen am nächsten, in denen Lilly erzählt. Hier habe ich den Eindruck der "Wahrhaftigkeit" - die Figur scheint ungefiltert zu sprechen, quasi direkt aus dem Trauma heraus. Aber natürlich kann dies auch ein Abstandhalten sein, sie kommt dem Leser nicht entgegen, will ihn nicht "in die Geschichte hineinziehen", man könnte sogar sagen, die Leser sind ihr egal, sie redet für sich.

Ja, ich glaube, das ist es, was ich meinte. Die Ereignisse werden nicht für irgendeinen Leser/Zuhörer aufbereitet, interpretiert. Trotzdem (oder deshalb) habe ich mich bei den Passagen aus der Kriegszeit auch sehr nah "dabei" gefühlt. Vor allem bei Hannes und dem ersten Lilly-Kapitel. Ich glaube, ich muss mir noch mal genauer anschauen, wie das eigentlich gemacht ist. Beim ersten Lesen haben mich diese Passagen ziemlich umgehauen.

In den Kapiteln aus unserer Zeit herrscht dagegen ja oft ein lässiger, ironischer Tonfall vor, der mir ebenfalls gut gefällt - und der für mich eigentlich auch gut zu den Friedenszeiten passt. Trotzdem hat sich bei mir nach und nach der Eindruck eingeschlichen, dass ich auf den zwei Zeitebenen zwei ganz unterschiedliche Romane lese. Nicht nur wegen des Erzähltons, auch aus inhaltlichen Gründen, aber das würde ich gern erst mal vertagen. Wie ist es euch denn damit gegangen?
Visby als Taschenbuch
Flugverbot beim Golkonda Verlag

#50
jueb

jueb
  • 3.993 Beiträge
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off topic:
(Link ungültig)
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#51
ClaudiaB

ClaudiaB
  • 2.094 Beiträge
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Och Menno, noch nicht mal die Affen leben im Hier und Jetzt ... wieder um eine Illusion ärmer geworden. Barbara: Ich fand diesen ironischen Erzählton erst einmal schwierig, nach diesem intensiven Prolog - der ja, wie sich herausstellt (wen wundert's) ein Punkt im Roman ist, an dem vieles zusammenläuft, ein hot spot, das merkt man ihm auch an in seiner Intensität. Und dann dieser lässige, sorglose Ton. Simone hat also Angst vor Schnee. Na und, hab ich gedacht. Falls diese Wirkung beabsichtigt war, dann ist es super gelungen! Wie ging es euch eigentlich mit den ganz jungen Stimmen? Liebe Grüße Claudia

Die Zeitenbummlerin (undercover als Leonie Faber) Rad Novel.
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#52
BarbaraS

BarbaraS
  • 2.743 Beiträge
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Wie ging es euch eigentlich mit den ganz jungen Stimmen?

Gute Frage, Claudia. Beim drüber Nachdenken bin ich darauf gekommen, dass sich bei den beiden für mich zeigt, wo der Haken der vielen Ich-Erzähler liegt. Jedes Ich braucht seine eigene Welt, mit eigenen Figuren, Sorgen, Zielen etc. Bei Jennifer und Esther ist diese Welt aber schon ziemlich weit von dem entfernt, worum es im Roman als Ganzes geht.

Jennifer wirkt auf mich dadurch sehr fremd. Ihr Sport, die Beziehung zu Mutter und Vater, all das hat nur noch wenig mit der Geschichte zu tun, die der Roman erzählt und von der Jennifer ein Stück weitererzählt. Sie taucht auf, weil sie eine dramaturgische Funktion hat, und verschwindet dann wieder.
(Wobei ich es dann auch wieder so klasse finde, dass sie – die Volleyballerin – eben mal einen Ball ins Spielfeld schmettert (indem sie Stachs Geheimnis verrät) und damit dem Spiel eine völlig neue Wendung gibt. Das ist einfach nur gut.)

Bei Esther empfinde ich das mit der Fremdheit als nicht so stark, weil sie natürlich eine enge Beziehung zu ihrem Großvater hat. Und dass Stachs Geschichte bis zu seinem Tod erzählt wird, hat mich sehr gefreut, diese Passagen habe ich einfach geliebt. Trotzdem habe ich auch bei Esther ein wenig das Gefühl, dass der Schwerpunkt ihrer Geschichte an der falschen Stelle liegt. Für sie müsste ihr eigenen Leben im Mittelpunkt stehen, nicht der Großvater. Das wäre anders, wenn sie einen konkreten Erzählanlass hätte. Darum habe ich oben geschrieben, hier liegt für mich der Haken der Erzählkonstruktion.

Das ist aber echt Meckern auf ganz hohem Niveau. Ich mag nicht einmal sagen, dass ich darin eine Schwäche des Romans sehe. Wobei mein größter Kritikpunkt schon wäre, dass der Roman einfach zu viel enthält. Zu viele Themen anschneidet, zu viele Bälle in die Luft wirft. Aber das vertagen wir vielleicht lieber auf später?
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#53
ClaudiaB

ClaudiaB
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Mir ging es mit Jennifer ähnlich. Man könnte fast sagen: Also, das hat mich echt aus dem Lesefluss gerissen.  :-X Und dass Esther natürlich über Vertreibung recherchiert, passt mir auch ein bisschen zu gut ins Gesamtkonzept, bzw. in deinen Einwand, Barbara: Wo ist ihr eigenes Leben, ich glaube ihr nicht ganz, dass sie nur in diesen Zusammenhängen existiert - wie der Erzähler das will. Dass das Thema derart präsent in dieser Familie ist, darüber habe ich mich beim Lesen immer wieder gewundert. Abgleich mit dem eigenen Leben: Kenne ich absolut nicht, die Enkelgeneration weiß noch nicht mal wirklich davon und Schlesien ist ihnen sowas von wurscht. Andererseits: Hier kommt endlich das ins Spiel, woran ich auch immer wieder gedacht habe, Flucht und Vertreibung überall auf der Welt, unter schlimmsten Umständen. Den Ex-Vertriebenen des zweiten Weltkrieges ging es in Deutschland dann doch recht gut, vor allem im Westen, auch der Familie Grolmann. Die Mischung mit den polnischen Vertriebenen in der Geschichte der "Alten" ist sehr gelungen, sehr stark und wirkt kräftig gegen solche Gedanken, aber im letzten Drittel des Buches war ich dann soweit, mir den Blick über den Tellerrand sehnlich zu wünschen. Da die Mehrheit schweigt: Wünscht ihr euch ein anderes Vorgehen? Mehr über den Inhalt reden, weniger über Erzählstimmen? Was meine Zeit betrifft, bin ich selbst jenseits von allem und kurz vorm Wahnsinn, das gilt nicht als Ausrede! Liebe Grüße Claudia

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#54
BarbaraS

BarbaraS
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Dass das Thema derart präsent in dieser Familie ist, darüber habe ich mich beim Lesen immer wieder gewundert. Abgleich mit dem eigenen Leben: Kenne ich absolut nicht, die Enkelgeneration weiß noch nicht mal wirklich davon und Schlesien ist ihnen sowas von wurscht.

Ja, aus meiner Familie kenne ich das auch anders. Die Familie meines Vaters stammt aus Oberschlesien, aber zumindest vor uns Kindern wurde extrem wenig von früher erzählt. Aber das ist vermutlich in jeder Familie anders (gewesen), unsere war sowieso ein Club der Schweiger.

Dass über Esther ein Bogen zu all den Migranten, Flüchtlingen und Vertriebenen heutzutage geschlagen wird, fand ich auch sehr gut gelöst.

Da die Mehrheit schweigt: Wünscht ihr euch ein anderes Vorgehen? Mehr über den Inhalt reden, weniger über Erzählstimmen?
Was meine Zeit betrifft, bin ich selbst jenseits von allem und kurz vorm Wahnsinn, das gilt nicht als Ausrede!

Genau: Wo seid ihr alle?
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#55
Angelika Jo

Angelika Jo
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  • Dabei seit 03.07.07
Uaa, ich melde mich mit schlechtem Gewissen, weil ich immer noch nicht wesentlich weiter gekommen bin (und außer Hausputz und solchem Kram keine rechte Entschuldigung habe). Aber da ihr das Thema mit den Vertriebenen und ihrer Befindlichkeit schon aufgreift, mein allgemeines Ärgernis dazu und am Buch soweit gelesen: Eine deutsche Schriftstellerin schreibt ein dickes Buch darüber, dass nach der Vertreibung der Sudentendeutschen und Schlesier alle so traumatisiert sind. Echt? Sind sie das? Vertrieben werden ist zweifellos ein schlimmes Schicksal. Aber Vertreibung ist nicht Vertreibung. Was den Deutschen nach dem II. Weltkrieg widerfuhr, lässt sich nur in Einzelfällen vergleichen mit dem, was momentan etwa die Syrer mitmachen (es gäbe noch eine große Zahl von vergleichbaren, sehr traurigen Fällen). Und es gab eine Vorgeschichte, an der einige der Vertriebenen recht aktiv mitgewirkt haben. Das sollte bei einer gerechten Betrachtung der Dinge vielleicht nicht ganz vergessen werden. Kaum war die BR gegründet ging es aber – beflügelt durch die entsprechenden Verbände mit entsprechender politischer Protektion – schon los mit Ansprüchen und endlosem Gejammer über die Verluste in der alten Heimat. In unserer Familie genauso: "unser Haus ... unser Haus ...!" Ich habe in den 70ern dann dieses "Haus" besichtigen können: eine schiefe Hütte mit zwei Räumen, der eine für die Menschen, der andere fürs Vieh, den Gang haben beide Parteien benutzt. Für bestimmte politische Ressentiments war die Aufrechterhaltung einer ständigen Vertreibungsdepression funktional – anders kann ich mir das anhaltende Gegreine nicht erklären. Und jetzt nimmt ein Buch sich dieser Depression an. Eine Stelle dazu, die mich aufgeregt hat: Jemand muss seinen Dackel zum Metzger bringen und dort sachgerecht schlachten lassen, weil "Haustiere bei der Flucht nicht erlaubt waren" (p.64). Bringt da die Verfasserin die Begrifflichkeiten durcheinander? Flucht ist was anderes als Vertreibung, Flucht wird  sozusagen privat organisiert, weshalb es auch keine Verbote oder Erlaubnisse gibt. Stalltiere, das weiß ich auch aus der Familiengeschichte, wurden vor der Vertreibung verkauft – zu einem Spottpreis, klar, aber hoch dramatische Kehledurchschneidungen fanden nicht statt. Man kann eine Geschichte so oder so erzählen. In der Titanic habe ich mal einen Cartoon gesehen zur Demonstration eines Vertriebenenverbands, auf der ein Kleinkind quengelt, dass es jetzt heim will, worauf die Mutter ihrer Freundin erklärt: "Siehst du, die Stimme des Blutes!" Das ist natürlich Satire, der Roman hier läuft anders. Aber die Story vom Dackel drückt auf eine Tränendrüse, der ich noch nie geglaubt habe. So,ich habe abgeschnaubt. Ich lese schon weiter. Vielleicht tue ich der Verfasserin unrecht. Angelika

Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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#56
BarbaraS

BarbaraS
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  • Dabei seit 29.03.06
Ja, das finde ich wirklich etwas ungerecht dem Buch gegenüber, liebe Angelika. Ich kenne dieses "Gegreine" auch noch sehr gut und kann es ebenfalls nicht leiden (als "Halbvertriebene" darf ich das wohl sagen ;-)), und auf unserer Masurenreise in der Neunzigern fand ich nichts so ärgerlich wie die Busladungen wohlgenährter deutscher Sechzigjähriger mit fetten Kameras vor den Bäuchen, die sich gegenseitig erzählten, dass "wir hier mal Landwirtschaft hatten", ansonsten aber nur die Bernsteinläden plünderten. (Wir hatten  bei einer ansonsten wunderschönen Dampferfahrt eine solche Gruppe an Bord.) Der Roman erzählt aber nicht von verlorenen Dackeln und Häuschen, sondern von sehr realen Traumatisierungen durch Geschehnisse am Ende des zweiten Weltkriegs. Von Flucht und Vertreibung über Volkssturm, Hinrichtungen, "verbrannte Erde", Bombennächte, Kriegsgefangenschaft … In den Kapiteln aus der Kriegszeit tut er das mit großer Eindringlichkeit und sehr viel Empathie. In den Kapiteln aus der Jetztzeit werden diese Themen dagegen mit großer Distanz und (wie ich finde) sehr viel Ironie abgehandelt. Ob die Kombination völlig gelungen ist, kann man sicher diskutieren. Aber selbstmitleidig fand ich den Roman eigentlich nirgendwo. (Was allein schon eine Leistung ist, meiner Meinung nach.) Aber das wäre ja vielleicht auch noch ein interessantes Diskussionsthema. Noch konkret zu dem Dackel: Im Lauf des Romans wird klarer, wie sich die Flucht abgespielt hat. Wenn ich es richtig im Kopf habe, hat die deutsche Obrigkeit angeordnet, dass Frauen, Kinder und Alte das Dorf zu verlassen haben, während die Männer zum Volkssturm eingesammelt wurden. Die Menge Gepäck, die mitgenommen werden durfte, war vorgeschrieben – ja, und eben keine Haustiere. Das alles, wie gesagt, aus dem Gedächtnis, ich komme im Moment nicht dazu, die Stellen herauszusuchen. Aber falls du weiterliest, kommst du ja selbst noch daran vorbei. Liebe Grüße Barbara
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#57
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 2.847 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07
Barbara, du bist gerecht, dir glaub ich alles. :D Okay, ich hätte eh weiter gelesen, aber nach deinen Worten tue ich es mit weniger Widerwillen. Bis später, Angelika

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#58
BarbaraS

BarbaraS
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Barbara, du bist gerecht, dir glaub ich alles.  :D

;)
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#59
Manfred

Manfred
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Hallo in die Runde, wo die Mehrheit ist? In Schlesien, etwas USA, Bayern. Bin gerade wieder hier angekommen und muss mich von dem Jetlag erholen. Soviel schon mal während der Kopf noch schwirrt vor Eindrücken. Hut ab! Beeindruckend, vor allem sprachlich. Unfassbare Breite von Registern. Die Bilder der schlimmen Zeit erinnern mich an Paul Celan, auch wenn die Autorin eine Generation nach ihm lebt. Ich kann Angelikas Zögern aber gut nachvollziehen. Ab dem 4. Kapitel (Lilly) erschienen mir die Figuren glaubhaft. Mit den Simone und Borris hatte ich so einige Probleme. Ich melde mich gleich wieder mit Eindrücken zur Erzählperspektive und Sprache. Manfred

#60
Manfred

Manfred
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  • Dabei seit 20.03.14
Mein Eindruck von der Erzählperspektive ist ähnlich wie der von Claudia und Barbara. Es gibt zwar verschiedene Ich-Erzähler, aber es gibt auch – wie Claudia sagt – einen Meta-Erzähler, der nach meinem Eindruck durch Draesners markantem Schreibstil durchdringt. So verwendet sie bei allen Ich-Erzählern ungewöhnliche Komposita wie „Fellkinder“, „Kommunismusbett“, „Grußgreis“ oder „Mutterblödigkeit“ ebenso eher Partizipien als Nebensätzen („Das von mir vor ein paar Wochen gelesene Buch einer israelischen Autorin ...“ statt „Das Buch einer israelischen Autorin, das ich vor ein paar Wochen gelesen habe/hatte, ...“), archaische Verbformen wo möglich („buk“ statt „backte“, „dürsten“ statt „dursten“ ) und Kurzsätze, die als Kontrapunkt am Schluss einer lebhaften Ausführung stehen. Daneben verwenden einige der Erzähler authentische Redemittel, z.B. der etwas nervige Wortwitz von Eustachius, das Jugendregister vor allem bei Esther und z.T. bei Jennifer, Jagd- und Militärregister bei Hannes. Dazu die schlesischen und bairischen Dialekteinfärbungen, polnisches, russisches und englisches Code-switching und die entsprechende Sprachmischung (z.B. bei der Re-Migrantin „Maggie“ – im Roman „Maggy“, z.B. „We are oalt enouff dafür“). All das wirkt auf mich sprachlich authentisch und trägt dazu bei, die jeweilige Figur darzustellen. Der Wechsel zwischen den eher figurentypischen und den Draesner-typischen Ausdrucksmitteln hat mich in den ersten drei Kapiteln etwas gestört, wahrscheinlich weil ich die Figuren aus inhaltlichen Gründen nicht ganz überzeugend fand. Dabei fand ich die Innenperspektive aber inhaltlich konsequent dargestellt. Mich überraschte, dass Lilly sich in ihrer Erzählung so weit von sich selbst entfernt, dass sie sich selbst „Lilly“ nennt („Lilly hatte gekocht, Lilly, die ich vor mir sehe, Lilly-Ich ...“) und dass dies nicht zur Verwirrung des Lesers führt – zumindest nicht bei mir. Im Hannes-kapitel geht Draesner noch einen Schritt weiter. Hannes erzählt zunächst in der ersten Person und wechselt dann mit dem Tod seines Freundes Ewald zur dritten Person (ab S. 328), bleibt aber in der Innenperspektive des Hannes. Auch das funktionierte für mich. Es hatte den Effekt, dass ich Hannes aus weiterer Distanz betrachtete, so als wäre Hannes, der Erzähler, losgelöst von Hannes, dem die Dinge passieren. Erst nach seinem Suizidversuch im Wald kommt er zu sich und der ersten Person zurück (S. 373). Auf mich hat dieses Heraus- und Hereintreten stark gewirkt. Ok, das erst mal als mein erster Kommentar zu meiner Wahrnehmung der Form. Es gibt sowohl dazu als auch zu etlichen anderen Themen sicher noch viel zu sagen. Mich interessieren natürlich die Affen brennend, ebenso die Frage des freien Willens, die Migration, die lyrischen Stellen und ... Herzliche Grüße, Manfred