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Ernst Lossa - Nebel im August


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18 Antworten zu diesem Thema

#1
Holger

Holger
  • 930 Beiträge
  • Dabei seit 15.05.10

Hallo,

 

heute haben die Dreharbeiten zu dem Kinofilm „Nebel im August“ in Warstein begonnen, in dem es um das Schicksal von Ernst Lossa geht, ein Junge aus dem fahrenden Volk der „Jenischen“, der im Zuge des Euthanasieprogramms der Nazis im Kloster Irsee (damals als Nervenheilanstalt genutzt) ermordet wurde.

 

2008 oder 2009 kam der Drehbuchautor und Produzent Ulrich Limmer mit diesem Projekt auf mich zu. Ulrich Limmer hat u. a. „Schtonk“ geschrieben und war an der Filmakademie in Baden-Württemberg mein Dozent.

Wir besuchten Irsee und führten lange Gespräche mit Michael von Cranach, der als Leiter der Klinik in Kaufbeuren Lossas Akten aus dem Archiv holte und den das Schicksal des Jungen nicht mehr losließ, und Robert Domes, der daraus den Roman „Nebel im August“ schrieb, der mir wiederum als Vorlage für mein Drehbuch diente.

 

Beide, Michael wie Robert, standen uns in den sechs, sieben Jahren, in denen das Drehbuch reifte und reifte, stets für Rückfragen und Hinweise und als Gegenleser zur Verfügung.

 

Zu meiner großen Freude nahm schließlich Kai Wessel auf dem Regiestuhl Platz, mit dem die Buchbesprechungen herausragend waren.

 

Ganz am Anfang habe ich mir das Foto von Ernst an den Monitor geheftet, damit wir Blickkontakt haben und mich dieser Blick ermahnt, wenn ich beim Schreiben vergesse, dass es um ihn geht, dass er seine Geschichte nicht mehr erzählen kann und sich auch nicht wehren kann, wenn jemand wie ich mit ihm nicht respektvoll oder wahrhaftig umgeht.

 

Normalerweise herrschen in einem Drehbuch die Gesetze der Dramaturgie und nicht die der Wirklichkeit – hier war das natürlich anders. Es gibt valide Fakten, und die kann man sich nicht so zurechtbiegen, wie sie vielleicht besser passen.

Es gibt aber „white spots“ – Löcher in der Geschichte, für die es keine Belege gibt. Die so stattgefunden haben könnten oder eben so. In denen die Darstellung der Ereignisse Auslegungssache ist, sofern die Figurenzeichnung stimmig bleibt.

 

Schöne Grüße,

 

Holger

Aus der Augsburger Allgemeinen: Irsee bei Kaufbeuren: Das kurze Leben des Ernst Lossa: Dreharbeiten beginnen - Nachrichten Bayern - Augsburger Allgemeine


Ernst Lossa:
 

 

Ernst_Lossa,_Foto_aus_der_Krankenakte.jpg

 


Bearbeitet von Holger, 07.05.2015 - 10:32,


#2
Ramona

Ramona
  • 2.374 Beiträge
  • Dabei seit 17.03.11

Was soll ich sagen, Holger. Ich hab' den Artikel vorhin schon über deine Facebook-Site gelesen. Bin zutiefst beeindruckt und berührt, und werde mir diesen Film auf gar keinen Fall entgehen lassen.

 

Liebe Grüße

Ramona


“Your intuition knows what to write, so get out of the way.” (Ray Bradbury)

#3
AngelikaB

AngelikaB
  • 128 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

Hallo Holger,

 

ich musste Ernst Lossa erst einmal googeln, da ich ihn, wie viele andere vermutlich auch, überhaupt nicht kannte. Mit ein Grund dafür, warum es so wichtig ist, solche Geschichten an die Öffentlichkeit zu bringen.

 

LG,

Angelika


"Wem die Deutschstunde schlägt", Goldmann Verlag, 2014


#4
Holger

Holger
  • 930 Beiträge
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Was soll ich sagen, Holger. Ich hab' den Artikel vorhin schon über deine Facebook-Site gelesen. Bin zutiefst beeindruckt und berührt, und werde mir diesen Film auf gar keinen Fall entgehen lassen.

 

Liebe Grüße

Ramona

 

Das freut mich sehr. Diese Stoffe haben es natürlich schwer neben Keinohrhasen und Fack ju Göthe. Zumal ich mir sicher bin, dass es nicht verkehrt ist, für den Kinobesuch ein paar Taschentücher einzupacken und die Bereitschaft zu haben, die gute Laune für den Rest des Abends abzuschreiben. Geht man dafür noch ins Kino?
 

Hallo Holger,

 

ich musste Ernst Lossa erst einmal googeln, da ich ihn, wie viele andere vermutlich auch, überhaupt nicht kannte. Mit ein Grund dafür, warum es so wichtig ist, solche Geschichten an die Öffentlichkeit zu bringen.

 

LG,

Angelika

Für mich war Ernst Lossa auch ein völlig Unbekannter.
Ernst Lossa befand sich in einem als Nervenheilanstalt getarnten Vernichtungslager, und zwar deswegen, weil er als "unwertes Leben" klassifiziert worden ist.

Es war den Beteiligten des Films dabei auch ein Anliegen, die Maßstäbe der Nazis auf die heutige Gesellschaft anzulegen, das wird in einigen Dialogen deutlich: etwa, inwieweit man sich ein heutiges Pflegesystem leisten will / kann, bis in welches Lebensalter notwendige OP's noch "sinnvoll" sind, wie anders die Reaktion auf über 2.000 Ertrunkene wäre, wenn es nicht Schwarze und Muslime, sondern deutsche Staatsbürger gewesen wären, Frauen, Kinder, Säuglinge.
Die unterschiedliche Bewertung von Leben, so sehr man auch mit Abscheu auf das Euthanasieprogramm blickt, wird auch heute noch direkt vor unseren Augen praktiziert.

Schöne Grüße,

Holger



#5
UlrikeS

UlrikeS
  • 2.200 Beiträge
  • Dabei seit 15.06.10

Eine spannende Entstehungsgeschichte! Bin schon sehr gespannt. Du sagst uns ja bestimmt bescheid, wenn der Film anläuft, oder?

 

LG Ulrike



#6
Ramona

Ramona
  • 2.374 Beiträge
  • Dabei seit 17.03.11

Es war den Beteiligten des Films dabei auch ein Anliegen, die Maßstäbe der Nazis auf die heutige Gesellschaft anzulegen, das wird in einigen Dialogen deutlich: etwa, inwieweit man sich ein heutiges Pflegesystem leisten will / kann, bis in welches Lebensalter notwendige OP's noch "sinnvoll" sind, wie anders die Reaktion auf über 2.000 Ertrunkene wäre, wenn es nicht Schwarze und Muslime, sondern deutsche Staatsbürger gewesen wären, Frauen, Kinder, Säuglinge.

Die unterschiedliche Bewertung von Leben, so sehr man auch mit Abscheu auf das Euthanasieprogramm blickt, wird auch heute noch direkt vor unseren Augen praktiziert.

Schöne Grüße,

Holger

 

Tja, auch der Gutmensch ist nicht so gut, wie er die Welt gerne glauben machen will. Mit der Zeit scheint alles und jedes (mit jedem kleinen, scheinbar noch so unbedeutenden Schritt) von einem Extrem ins andere zu fallen.

Vor etwa einem Monat habe ich mir noch mal "Sophie Scholl - Die letzten Tage" angeschaut. Stimmt einen sehr sehr nachdenklich. (Auch hinsichtlich der Frage, wie man sich selbst in jener Zeit verhalten hätte.)

Liebe Grüße

Ramona


“Your intuition knows what to write, so get out of the way.” (Ray Bradbury)

#7
Angelika Jo

Angelika Jo
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  • Dabei seit 03.07.07

Das ist toll, Holger. Und so gut gefällt mir, wie du an diesen Stoff herangehst, mit so viel Respekt vor der (grässlichen) Wirklichkeit und dem Brückenschlag zur Jetztzeit (auf vergangene Herrschaft kritisch zu blicken ist ja durchaus leichter, als sich den gegenwärtigen Herrschaften und ihrer Politik zu stellen). 

 

Du sagst uns, wann der Film läuft? Den werde ich mir auf jeden Fall ansehen!

Herzliche Grüße, Angelika

 

P.S. Du kennst sicher "Abschied von Sidonie"?


Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#8
Mascha

Mascha
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Großartig, dass solche »schweren« Themen umgesetzt werden können. Klingt sehr traurig und sehenswert. Ich bin froh, dass es neben Wohlfühlfilmen und Komödien auch noch solche Stoffe zu sehen gibt.



#9
Holger

Holger
  • 930 Beiträge
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So, es ist so weit: "Nebel im August" startet am 29.09. in den Kinos.

 

Anbei der Trailer:NEBEL IM AUGUST Trailer German Deutsch (2016) - YouTube

 

In "heute": Film "Nebel im August": Grausame Nazi-Euthanasie aus Kinderaugen - heute-Nachrichten

 

Tagesschau: Film über Euthanasie-Opfer: Eine wahre Geschichte - leider | tagesschau.de

 

In "Kinozeit":Nebel im August - Film - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino

Mein früherer Drehbuchdozent und Produzent Ulrich Limmer über sein Herzensprojekt: Blickpunkt Film: Blickpunkt:Film | News | Ulrich Limmer: "Mit großem Einsatz gemeistert"

Der Film behandelt, wie eingangs erwähnt, eine wahre Geschichte.

Schöne Grüße,

Holger
 



#10
CorneliaL

CorneliaL
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  • Dabei seit 04.10.09

Lieber Holger,

 

als mein Lieblingsmoderator Claus Kleber vorgestern am Ende des Heute-Journals den Bericht über den Film anmoderierte, dachte ich, ich höre nicht richtig. Denn ich habe das Buch - zusammen mit einem ganzen Stapel anderer Bücher zu diesem Thema - erst vor wenigen Wochen gelesen. Und es hat mich tief bewegt. (Dass du das Drehbuch geschrieben hast, wurde natürlich wieder mal nicht gesagt und diesen Thread hatte ich entweder nicht gelesen oder längst vergessen.)

 

Die Initialzündung für meine Beschäftigung mit diesem Thema waren 2 Sachen: 1. Mein Besuch im Sommer in Pirna auf dem Sonnenstein, wo 1943/44 an die 14.000 Menschen vergast wurden, weil sie nicht ins Schema passten (Aktion T4). Diese Anstalt war quasi der Vorgänger für die späteren Massenvergasungen in Auschwitz und anderen KZs.

 

Und die fast zeitgleiche Entdeckung eines geheimen zugemauerten Raumes im ehemaligen Gesundheitsamt in Erfurt, wo Akten über eben jene Euthanasiemorde lagerten. (übrigens ist das erst in den 50-ger Jahren passiert, also zu DDR-Zeiten.)

 

Zusammen mit persönlichen Dokumenten, Frontbriefen u.a. von meinem Großvater, will ich versuchen, das Thema in einem Roman zu bearbeiten.

 

Ich stehe mit der Recherche noch ganz am Anfang, aber es scheint ein Thema zu sein, das allmählich wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rückt. 

 

Ich wünsche dem Film, auf den ich sehr gespannt bin, viele interessierte Zuschauer.

 

LG Cornelia



#11
ChristineNo

ChristineNo
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In ttt, Titel, Thesen, Temperamente, wurde letzten Sonntagabend auch im Ersten ausführlich über den Film berichtet.

Leider gibt es in unserer kleinen Stadt schon ewig kein Kino mehr. Und die beiden erreichbaren sind schon ziemlich weit entfernt. :(

 

Gruß aus Tirol


2017: Heisse Winternächte (Tina Scandi), Bastei Entertainment


#12
Angelika Jo

Angelika Jo
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Der Trailer und die anderen Filmausschnitte zeigen sehr gut die Qualität des Films. Die Schauspieler (auch die Laien!) sind großartig. und das Drehbuch hält die Figuren offenbar sehr angemessen ambivalent. Eine große Arbeit – ich gratuliere herzlich, lieber Holger!

 

Angelika


Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#13
Margot

Margot
  • 1.929 Beiträge
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Wird der auch in der Schweiz gezeigt? Wenn ja, sehe ich ihn mir auf alle Fälle an. Ich wünsche dir viele Besucher.



#14
Holger

Holger
  • 930 Beiträge
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Liebe Margot,

danke. Ich glaube, der Verleih bringt ihn nicht ín der Schweiz.

Schöne Grüße,

Holger



#15
Margot

Margot
  • 1.929 Beiträge
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Ach, schade ... aber dann kaufe ich ihn mir einfach, wenn er als DVD herauskommt.



#16
CorneliaL

CorneliaL
  • 2.670 Beiträge
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Ich habe den Film nun gestern gesehen und war sehr berührt davon. Was mir besonders gefiel, dass sich Holger nur auf eine kurze Zeit seines Lebens und auf wenige Hauptfiguren beschränkt hat. Eine der stärksten Szenen für mich war, als der Pfleger und die Schwester mit der Todesspritze in den Raum gingen, in dem Ernst lag. Und man hörte nichts und sah bloß eine lange Zeit die Tür von außen. DAS ist großes Kino. Wenn die Fantasie des Zuschauers all das "sieht", was auf der Leinwand nicht zu sehen ist. Holger, ganz großes Kompliment für diesen Film, dem ich viele Zuschauer wünsche.

 

LG Cornelia



#17
Holger

Holger
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Liebe Cornelia,

 

herzlichen Dank für den Gang ins Kino und Deine Zeilen dazu!

Schöne Grüße,

Holger



#18
UlrikeS

UlrikeS
  • 2.200 Beiträge
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Ich bin auch schon ganz gespannt. Leider dauert es noch bis Mitte Oktober, bis er bei uns im Programmkino gezeigt wird :(



#19
Olivia Kleinknecht

Olivia Kleinknecht
  • 148 Beiträge
  • Dabei seit 31.10.15

Ein großartiges Filmprojekt, das tief berührt. Werde es mir auf jeden Fall auf DVD kaufen. Unbegreiflich, dass es nicht in die Schweiz kommt. Und beeindruckend, wie lange der Stoff reifte! Gerade die Entwicklungsgeschichte zu wissen, ist bedeutsam. Viele haben ja keine Ahnung, wie lange es häufig braucht. Daumen sind gedrückt. LG, Olivia