Inhalte aufrufen

Profilbild

Tatort - Preis des Lebens, So., 25.10.

Tatort Dilemma Menschenrechte

  • Zum Antworten bitte anmelden
42 Antworten zu diesem Thema

#21
Holger

Holger
  • 899 Beiträge
  • Dabei seit 15.05.10

Ich fand den Film auch unglaublich spannend, weil er so dicht an seinen Figuren dran war. Ich konnte die Motivation aller nachvollziehen, auch der Eltern. Die haben mit dem Leben abgeschlossen und warten nur noch darauf, sich rächen zu können. Die gesamte Konstellation hat mir unheimlich gut gefallen, das war so clever aufgebaut, abseits des Üblichen und warf grundlegende Fragen auf. Sowohl bei den Eltern als auch bei Bootz habe ich mich gefragt, wie ich in solch einer Situation reagieren würde.

 

Toll war auch, dass die Geschichte keine Angst davor hatte, richtig dramatisch zu werden. Ob das nun logisch war, dass die Mutter sich am Grab der Tochter vergiftet oder Bootz abdrückt, war mir relativ egal – dramaturgisch passte es einfach. Ich finde, da darf beim Erzählen die Logik ruhig mal hinten anstehen.

Felix Klare hat mich sehr beeindruckt, der hat Bootz’ Konflikt so gut dargestellt – man spürte, wie es diesen Mann innerlich fast zerriss. Sehr cool!

 

In der begeisterten Besprechung der Welt (und sicher auch anderer Zeitungen) war wieder mal keine Rede vom Drehbuchautor. Der Regisseur sackt die ganzen Lorbeeren ein. Total ungerecht. Ich poste ja normalerweise keine Kommentare zu Zeitungsartikeln, aber hier werde ich das noch machen. Holger, nervt dich das nicht unheimlich, wenn deine Leistung einfach unter den Teppich gekehrt wird?

 

Das freut mich sehr, dass das für Dich alles gestimmt hat.

Zur anderen Frage: Als Drehbuchautor hat mich das anfangs sehr gestört. Da hieß es dann bisweilen: Toll, was Regisseur xy sich das ausgedacht hat, großartige Dialoge von der Regie usw. usf. Das ärgert einen schon.
Heute sehe ich das sehr viel gelassener. Denn den meisten Zuschauern ist es wirklich egal, wer sich das alles ausgedacht hat. Die gehen mit Felix Klare und Richy Müller mit. Wenn es hoch kommt, können die sich noch den Regisseur merken. Den meisten ist sowieso nicht klar, dass Film immer eine Teamleistung darstellt und das von den Medien befeuerte Bild des Regiegenies Unsinn ist. Obwohl ich mich sehr freue, wie Roland Suso Richter die Szenen aufgelöst hat. Wie er dieses archaische Drama begriffen hat. Die Bilder, die Jürgen Carle dafür gefunden hat. Die Darsteller etc.

Solche Beiträge wie in der "Welt" zeugen aber von zwei Dingen: Die große Mehrheit der Filmkritiker hat keine Ahnung, wie ein Film entsteht (das ist in etwa so, als würde man einen Reiseführer über Paris schreiben ohne je dort gewesen zu sein, also eigentlich ein komplettes Unding) und glaubt, ohne Recherche schreiben zu können. Das kann man, hat dann aber nicht immer mit der Wirklichkeit zu tun.

Davon abgesehen spiegelt das die Wertschätzung für Autoren in der Branche: Der Umgang mit Urhebern und auch mit ihren Stoffen im Filmgeschäft ist überwiegend unter aller Kanone. Sie werden unter der Gürtellinie kritisiert, herabgewürdigt, belogen und hintergangen.

Man kann bei einer schlechten Erfahrung lediglich dafür sorgen, mit solchen Leuten nie wieder arbeiten zu müssen. 

 

Schöne Grüße,

Holger


PS: Hier mal ein Positivbeispiele für eine Filmbesprechung:

"Tatort" aus Stuttgart: Sterben und leben lassen - Medien - Tagesspiegel
 


Bearbeitet von Holger, 26.10.2015 - 13:44,


#22
DorisC

DorisC
  • 1.316 Beiträge
  • Dabei seit 25.07.11

Kojacking - genialst! Ebenfalls sehr gut für Romanautoren anzuwenden.

Auch ich (eigentlich keine Krimi-Guckerin) bin diesem Tatort mit größter Spannung gefolgt und bedanke mich für Deine Hintergrunderklärungen.

 

Lieben Gruß

Doris


MAROKKO-SAGA bei Blanvalet: Das Leuchten der Purpurinseln, ISBN: 978-3-442-37874-6; Die Perlen der Wüste, ISBN: 978-3-442-37875-3; Das Lied der Dünen, ISBN: 978-3-7341-0102-1


#23
Tom Liehr

Tom Liehr
  • 623 Beiträge
  • Dabei seit 20.03.14

Die Rezension bei "n-tv" immerhin nennt Dich, Holger, mit allem Drum und Dran an prominenter Stelle - und ganz nebenbei ist sie auch noch sehr positiv:

 

http://www.n-tv.de/l...le16193421.html

 

Herzlich,

Tom


Website · Facebook · Oktober 2016: "Landeier" (Rowohlt)


#24
SusanneL

SusanneL
  • 1.741 Beiträge
  • Dabei seit 14.05.12

Danke für deine Erklärungen, Holger!

Tom ist mir zuvorgekommen, die - positive! -n-tv-Rezension hatte ich auch gerade entdeckt. 



#25
CorneliaL

CorneliaL
  • 2.580 Beiträge
  • Dabei seit 04.10.09

Danke Holger für die interessanten Einblicke in deine Gedanken und das Filmbusiness.

 

Zitat: "Ich habe das aus einem Fall, in dem sich ein Mann in Thailand an Jungs vergangen hat und die Bilder des Missbrauchs, die er auch noch gemacht hatte, getauscht hat. Der hat sein Gesicht mit Hilfe einer Bildbearbeitungssoftware verfremdet. Zielfahnder des BKA waren aber in der Lage, mit der (identischen?) Software diesen Verfremdungseffekt rückgängig zu machen. Und erhielten so quasi das Tätergesicht „frei Haus“."

 

Davon hatte ich auch gehört.

 

LG Cornelia



#26
BarbaraMM

BarbaraMM
  • 1.392 Beiträge
  • Dabei seit 17.01.11

Boah, Holger, danke, dass du dir soviel Mühe gemacht hast mit dem Antworten. Deine Erklärung für die Folterszene und die Weiterentwicklung der Technik ist absolut einleuchtend. Und versprochen: auch wenn ich normalerweise keine Krimis kucke, deine werde ich weiter anschauen. Beste Grüße, Barbara


Jedenfalls bleibt die Tatsache, dass es im Leben nicht darum geht, Menschen richtig zu verstehen. Leben heißt, die anderen misszuverstehen ... Daran merken wir, dass wir am Leben sind: wir irren uns. (Philip Roth)

#27
Tom Liehr

Tom Liehr
  • 623 Beiträge
  • Dabei seit 20.03.14

Hallo, Cornelia.

 

Es hängt von der Art der Verfremdung ab. Beim "klassischen" Verpixeln legt man eine Art Gitter über das Bild oder Teile davon und ersetzt in jeder Gitterzelle den dortigen Inhalt - simpel gesagt - durch den Durchschnittswert der Farbwerte aller enthaltenen Pixel. Wenn eine solche Kachel (Gitterzelle) vorher beispielsweise 4 x 4 Pixel enthielt, die insgesamt 16 Farbwerte repräsentierten, enthalten alle 16 Kacheln nach der Verfremdung den gleichen Farbwert, nämlich jenen, der sich als Durchschnitt (auch simpel gesagt) aus den 16 Einzelwerten ergab. Üblicherweise wählt man deutlich größere Kacheln. Ein solcher Effekt schien auch in den Videosequenzen verwendet zu sein, die in der "Tatort"-Folge zu sehen waren. Hier gibt es meines Wissens keinen Rückweg: Ich hatte vorher die Einzelwerte 0,1,2,3,4,5,6,7,8,9,10,11,12,13,14 und 15 und habe danach nur noch 16 Achten. Aus denen kann ich nicht mehr die Einzelwerte errechnen, weil es sehr, sehr viele Möglichkeiten gibt, um auf diesen Durchschnittswert zu kommen. Man senkt quasi die Auflösung des Bildes sehr drastisch, und dieser Verlust kann nicht mehr ausgeglichen werden.

Anders verhält sich das, wenn man eben andere Verfremdungsalogrithmen anwendet, beispielsweise Unschärfefunktionen oder Verzerrungseffekte. Wenn man weiß oder erkennt, welcher Effekt/Algorithmus angewendet wurde, kann man eine Annäherung an das Original durchaus errechnen. Wer ein iPhone oder iPad hat, besitzt automatisch "Photo Booth". Das ist eine Verfremdungssoftware. Die dort verfügbaren Effekte "Quetschen", "Wirbeln", "Strecken" und "Röntgen" kann man mit wenig Mühe zurückrechnen. Es wird nicht mehr genau das Original entstehen, weil auch hier Teile der ursprünglichen Bildinformationen fehlen, aber in etwa dürfte man es hinbekommen.

 

Ähnlich verhält es sich mit den Bildern in schlechter Auflösung (etwa aus Überwachungskameras), die in Krimis immer wieder "hereingezoomt" werden. Eine Information, die ich nicht habe, kann ich auch nicht errechnen - ich kann aus 600 x 400 nicht 1200 x 800 machen. Pixel enthalten nur Informationen über sich selbst, nicht über ihre (ehemaligen) Nachbarn. Man kann über solche Bilder diverse Funktionen laufen lassen, die etwas mehr Schärfe und Kontur generieren, aber ein Kopf rechts oben in der Ecke, der ganze 50 Pixel beansprucht, wird nie zum hochauflösenden Fahnungsfoto, das den Gesuchten zeigt.

 

Edit: Dazu auch das hier (Link). In diesem Text geht es auch um die fraglichen verfremdeten Fotos, die so zurückgerechnet wurden, dass man die Täter erkennen konnte:

http://www.welt.de/w...u-erkennen.html

 

Herzlich,

Tom


Bearbeitet von Tom Liehr, 26.10.2015 - 21:18,

Website · Facebook · Oktober 2016: "Landeier" (Rowohlt)


#28
HelgaS

HelgaS
  • 177 Beiträge
  • Dabei seit 12.09.05

Hallo Holger,

 

nur ganz kurz: Gesehen, war ok.

 

Viele Grüße

Helga


http://hpsch.blogspot.com

http://jonnabott.blogspot.de

"Der Zauber des Talismans", Fantasy, E-Book, Februar 2016


#29
MichaelT

MichaelT
  • 321 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15
Hallo Holger,

ich habe den auch gesehen - und eines vorweg:

Da ich noch nichts veröffentlicht habe, steht es mir aus Autorensicht nicht wirklich zu, einen "Tatort" mit Millionen
Zuschauern zu kritisieren. Darum sieh das bitte eher als Kritik von einem Zuschauer, der seit Jahren gerne
Krimis guckt.

Die "vermeintlichen" Logikfehler, die der Spiegel kritisiert, stören mich in einem Krimi nicht.
Mir als Zuschauer ist wichtig, dass die Motive und das Handeln der Figuren glaubhaft sind -
das war der Fall.

Das Problem, das ich mit dem Film hatte, war folgendes:

Von einem Krimi erwarte ich Rätsel, Geheimnisse, Cliffhanger, Wendungen, Überraschungen - zumindest irgendwas davon.
Das habe ich alles vermisst.

Alle Mörderfragen waren schnell geklärt.

Dass Maja mit reingezogen wird, stand schon in der Vorschau.

Dass Maja heil rauskommt, war klar.

Dass die Eltern sich umbringen (dies zumindest versuchen), war auch sehr vorhersehbar (haben die ja mehrfach angekündigt; und was Anderes hätte auch nicht gepasst).

Und dass der den Täter nicht ausliefern kann, war auch ziemlich sicher (sonst könnte es keine neuen Folgen
von dem Team mehr geben). Aber okay, auch wenn man den Punkt weglässt, ist mir diese eine Frage, ob
der den jetzt ausliefert oder nicht, für einen Krimi zu wenig.

Dass das Ehepaar von Beginn an als Mörder feststand, fand ich völlig okay.

Aber irgendwelche offenen Fragen, Wendungen und Überraschungen erwarte ich mir von einem Krimi dann doch.

Das Thema, die Figuren und den Anfang fand ich gut, aber beim Plot erwarte ich von einem "Tatort" etwas Anderes.

Der Film war nicht schlecht - aber er war meines Erachtens ein Drama und kein Krimi.

Viele Grüße,
Michael

Bearbeitet von MichaelT, 27.10.2015 - 04:33,


#30
Holger

Holger
  • 899 Beiträge
  • Dabei seit 15.05.10

Lieber Michael,

 

das ist sehr interessant - und zwar, weil ich die meisten Deiner Punte aus einer analytischen Sicht nachvollziehen kann und verstehe.

Dagegen steht die Wahrnehmung in sozialen Netzwerken und auch sonstigen Anlaufstellen für Reaktionen, dass die Zuschauer selten "so einen spannenden Film" gesehen haben, der für einige "schier nicht auszuhalten" war.
Nun schließen sich Vorhersehbarkeit und Spannung ja komplett aus.

Wie kommt es also, dass Du mit den meisten Punkten Recht hast und sich trotzdem diese, sagen wir empirisch nachweisbare, Spannung einstellt?
Kann es vielleicht sein, dass die meisten wohl davon überzeugt waren, dass Maja nichts passiert (wie Du), sich aber nicht sicher sein konnten (im Gegensatz zu Dir)?
Kann es sein, dass die meisten sich ebenso wie Du sicher waren, Bootz würden den Täter nicht ausliefern, aber ich dessen nicht sicher waren (im Gegensatz zu Dir)?
Kann es sein, dass viele gespannt waren, wie Bootz da rauskommt (so wie Du auch)?

Denn ansonsten kann ich mir die große Mehrheit der Reaktionen nicht erklären. 

Es gibt aber auch sicher Kleinigkeiten, die auch Dich überrascht haben dürften. Etwa, dass Frank Mendt den Austauschmann sofort über den Haufen schießt. Oder dass Frau Mendt sich auf dem Friedhof schlicht das Leben nimmt. Oder dass Lannert den Kollegen "verrät". Oder dass Maja Bootz bereit ist, den Mann ans Messer zu liefern. Oder ob die Polizei die Suche nach dem 2. Täter für sich entscheidet. Und ob Bootz den 2. Mann aus der JVA bekommt oder auffliegt. Und ob Lannert den Kollegen denkt als di JVA bei Frau Alvarez anruft. 
Wenn ich noch länger überlege, komme ich vielleicht noch auf weitere Punkte, die sich trotz analytischer Betrachtung der Vorhersehbarkeit entziehen.

Aber davon abgesehen finde ich diesen Gegensatz ausgesprochen interessant. Denn mit kühlem Kopf (und vielleicht auch als Autor mit analytischem Blick) konnte man einige Optionen mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen. So, wie Du es getan hast.  Aber wenn Du Dir etwa die "Tatort"-Seite auf Facebook anschaust, siehst Du etwa 20% Leute, die den Film nicht mochten. Die anderen 80% melden sich nahezu durchgehend mit "war der spannend".

Hm. 

Aber danke für's Anschauen,

schöne Grüße,

 

Holger 



#31
BarbaraS

BarbaraS
  • 2.743 Beiträge
  • Dabei seit 29.03.06

Nun schließen sich Vorhersehbarkeit und Spannung ja komplett aus.

 

Ohne jetzt wirklich in eine Diskussion einsteigen zu können: An dieser Aussage habe ich schon lange große Zweifel. Letztlich halte ich sie für falsch. Oder jedenfalls für ungenau. Nur ein Gedanke dazu: Je tiefer ich als Zuschauer (oder Leser) emotional in eine Geschichte einsteige, desto mehr verschwinden diese Meta-Überlegungen (X darf nicht sterben, Y darf nicht ausgeliefert werden; am Ende kriegen sie sich ja doch …) hinter meinem Horizont. Eben so lange, wie ich geistig/emotional in der Geschichte "lebe". Hinterher und vorher bin ich wieder genauso sicher, dass X nicht sterben darf. Aber währenddessen teile ich die Angst der Figuren. Und die wissen eben nicht, ob sie überleben.

 

Das ist die eigentliche Kunst, glaube ich: die Leute so in den Bann zu schlagen. Und umgekehrt, wenn das nicht gelingt, hat die kniffligste und am wenigsten vorsagbare Geschichte der Welt kaum Chancen, Spannung zu erzeugen.

 

Aber das ist ein weites Feld und führt natürlich auch von deinem "Tatort" weg, Holger.


Visby als Taschenbuch
Flugverbot beim Golkonda Verlag

#32
Holger

Holger
  • 899 Beiträge
  • Dabei seit 15.05.10

Liebe Barbara,

 

das macht doch nichts, dass das wegführt. Ich finde die Diskussion darüber sehr interessant, das ist ja ein Autorenforum in der Rubrik "Handwerk Drehbuch".
Denn Dein Einwurf macht für mich absolut Sinn - wer emotional drin steckt, verliert diesen Überblick.

Und natürlich war es tatsächlich vorschnell von mir geschrieben: Vorhersehbarkeit und Spannung schließen sich natürlich nicht zwingend aus, ansonsten würden Sachen wie  "James Bond", "Indiana Jones" etc. nicht funktionieren.

Schöne Grüße,

Holger


 



#33
Tom Liehr

Tom Liehr
  • 623 Beiträge
  • Dabei seit 20.03.14
Von einem Krimi erwarte ich Rätsel, Geheimnisse, Cliffhanger, Wendungen, Überraschungen - zumindest irgendwas davon.
Das habe ich alles vermisst.

 

 

Hallo, Michael.

 

Eine "Tatort"-Folge, die mir lange - also bis heute - gut in Erinnerung geblieben ist, ist "Macht der Angst" (2007) mit Axel Milberg (Buch: Joachim Scherf/Thomas Kirchner). Darin ging es um eine mit dem Plot von "Preis des Lebens" vergleichbare Situation: Ein Richter wurde bedroht und erpresst, um in einem laufenden Prozess zugunsten des Angeklagten zu entscheiden - und Milberg alias Borowski war der Hauptbelastungszeuge in diesem Prozess. Selbstverständlich war von Anfang an klar, dass es nicht dazu (also zur erfolgreichen Erpressung) kommen würde, aber der Weg dorthin war trotzdem ungeheuer spannend. So ähnlich verhält es sich letztlich meistens, denn der Mord, der am Beginn steht, wird in 99 Prozent der Fälle am Ende aufgeklärt, Punkt. Es kommt auf das Wie an, nicht so sehr auf das Was. Ob im Bereich des "Wie" mit Stilmitteln wie Cliffhangern oder einer Rätselebene gearbeitet wird, ist nach meinem Dafürhalten unerheblich. Denn es ist nicht das Stilmittel selbst, das die Spannung generiert, sondern seine dramaturgisch sinnvolle Verwendung im Film oder Buch. Hundert Cliffhanger in neunzig Minuten machen keinen Film hundert Mal so spannend wie einen ganz ohne das. Ganz im Gegenteil kann der Ansatz, chronologisch und perspektivisch linear zu arbeiten, im Einzelfall viel, viel spannender sein.

 

"Preis des Lebens" verzichtete völlig auf das "Whodunnit", weil das von Anfang an klar war. Es gab nach einigen Minuten auf Seiten der Ermittler keine dahingehenden Irritationen mehr, wer der Täter sein könnte. Natürlich war auch klar, dass die Täter nicht mit ihrem Ansatz durchkommen würden, weil das - von sehr, sehr wenigen Ausnahmen abgesehen - einfach ein No-Go im Genre ist. Die Spannung entstand aus der extremen, persönlichen Bedrohungssituation, aus der Frage, ob Moral durchzuhalten ist, aus den Optionen, die den Protagonisten zur Verfügung standen, und welche sie dann - durchaus auch sehr überraschend - gewählt haben.

 

Holger erzählt von einem Verhältnis von 20 zu 80 bei der Zuschauerbeurteilung "langweilig" versus "ultraspannend". Ich kann das nachvollziehen (und gehöre zur Mehrheit). Ich kann auch verstehen, wenn man enttäuscht war, weil die klassische Erwartungshaltung gebrochen wurde. Mir gefällt gerade das. Insofern gibt es eigentlich auch keinen Grund, darüber zu diskutieren, denn es handelt sich um eine Geschmacksfrage.

 

Herzlich,

Tom


Website · Facebook · Oktober 2016: "Landeier" (Rowohlt)


#34
CorneliaL

CorneliaL
  • 2.580 Beiträge
  • Dabei seit 04.10.09

Barbara: "Das ist die eigentliche Kunst, glaube ich: die Leute so in den Bann zu schlagen. Und umgekehrt, wenn das nicht gelingt, hat die kniffligste und am wenigsten vorsagbare Geschichte der Welt kaum Chancen, Spannung zu erzeugen."

 

Genau! Und auch das, was Tom schreibt, kann ich voll unterschreiben.

 

LG Cornelia



#35
CorneliaH

CorneliaH
  • 149 Beiträge
  • Dabei seit 25.03.14

Meinen Geschmack hat "Preis des Lebens" voll und ganz getroffen. Als Tatort und Richie-Müller Fan hätte ich mir den Film auf jeden Fall angesehen. Die durchweg positiven Vorabbesprechungen haben die Erwartungshaltung noch erhöht. Obwohl ich einiges wusste und noch einiges mehr ahnte, saß ich völlig fasziniert vor dem Bildschirm, gefesselt und unter Strom wie schon lange nicht mehr am Sonntagabend. Irgendjemand hat geschrieben, das sei kein Krimi sondern eher ein Drama. Gut so!
 

Der Tatort ist ja ein sehr genormtes Produkt, am Anfang kommt der Mord und um 21.30 Uhr die Auflösung und dazwischen ist mal heiter (Münster), mal Schlaftablette (Ludwigshafen) und mal Kracheraction (Hamburg). Dann kommt so ein Hammer. Der sich eben nicht nur auf den Fall und Dialogen wie "Wo waren Sie am Sonntag um 20.15 h" beschäftigt, sondern seinen Figuren unter die Haut geht. Lange nicht mehr so eine intensive Szene gesehen wie die im Präsidium, nachdem Bootz Lanner "verraten" hat und allen vier Personen dort der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Mir wurde richtig eng im Magen.

 

Klar, fragt man sich, "wie konnten die das Kind entführen" und "warum hockt der zweite Täter ohne Handschellen im Auto". Das ist dann aber nicht mehr wichtig, weil es theoretisch immer Erklärungen gibt, und ein Film muss eben nicht alles haarklein erklären, weil die Zuschauer durchaus in der Lage sind, ein paar Lücken zu füllen.

 

Auf eines hätte ich doch jetzt noch gerne von Holger eine Antwort: Schreibst du auch den nächsten Stuttgarter Tatort und löst dabei die den Abend überdauernde Frage, wie Lannert und Bootz diesen Riss in ihrer Partnerschaft wieder kitten, oder auch nicht?

 

HG,

 

Cornelia



#36
Tom Liehr

Tom Liehr
  • 623 Beiträge
  • Dabei seit 20.03.14

Vorhersehbarkeit kann ganz im Gegenteil auch äußerst große Spannung erzeugen. Wenn ich weiß, was geschehen wird, aber echtes Mitgefühl für jene empfinde, denen das geschehen wird, bin ich unter Strom. Und zwar möglicherweise unter sehr viel stärkerem Strom als nach einem Cliffhanger oder wenn ich mit einer Überraschung konfrontiert werde, die schlecht vorbereitet wurde.

Davon abgesehen sind mehr als 95 Prozent der Fernsehkrimis vorhersehbar: Der Täter wird überführt. Es ist auch nicht an und für sich spannend, mitzurätseln, wer das sein könnte. Der Druck, den echte Spannung braucht, entsteht dadurch längst nicht immer. Es gibt lahme Krimis mit eigentlich guten Plots und spannende Krimis mit relativ simpler Struktur. Vorhersehbarkeit oder Überraschung sind nur zwei von vielen, vielen Elementen, die den Unterschied ausmachen - oder eben nicht. Generalisieren lässt sich das nicht.

 

Herzlich,

Tom


Website · Facebook · Oktober 2016: "Landeier" (Rowohlt)


#37
DorotheaB

DorotheaB
  • 339 Beiträge
  • Dabei seit 15.09.12

Hallo Holger,

 

mir hat dein Tatort auch sehr gut gefallen :) Ich bin ein bisschen zartbesaitet und zwischendrin fand ich es heftig, aber immer gut. Ich habe lang nicht mehr so mit einem Kommissar mitefühlt wie mit dem armen Bootz.

 

Und das mit der Spannung und der Vorhersehbarkeit sehe ich auch so wie meine Vorredner_innen, das muss sich nicht ausschließen, da geht es ja viel auch darum, wie man auf einer emotionalen Ebene angesprochen wird und da mit-leidet.

LG
Dorothea



#38
MichaelT

MichaelT
  • 321 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

Aber davon abgesehen finde ich diesen Gegensatz ausgesprochen interessant. Denn mit kühlem Kopf (und vielleicht auch als Autor mit analytischem Blick) konnte man einige Optionen mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen. So, wie Du es getan hast.  Aber wenn Du Dir etwa die "Tatort"-Seite auf Facebook anschaust, siehst Du etwa 20% Leute, die den Film nicht mochten. Die anderen 80% melden sich nahezu durchgehend mit "war der spannend".

 

Ja, das stimmt - die Bewertungen sind überwiegend sehr positiv.

Nicht nur bei Facebook, sondern auch bei Tatort-Fundus liegt der Durchschnittswert bei guten 7,5.

 

Ich denke, dann liegt die abweichende Einschätzung wohl auch daran, dass ich nicht zur Haupt-Zielgruppe des "Tatorts" gehöre. Die ist wohl wesentlich älter und hat andere Erwartungen an solch einen Film.

 

Und am Sonntag kam wohl noch dazu, dass diese "Was würde ich tun, wenn..."-Frage gut funktioniert hat,

weil der durchschnittliche Zuschauer selbst Kinder haben dürfte und sich deshalb da besser hineinversetzen kann

als ich (habe noch keine Kinder).

Dennoch ist für mich ein Film, der sich so stark (in erster Linie) um so eine Gewissensfrage dreht, eher Drama als Krimi.

 

Für mich entsteht die Spannung in einem Krimi dadurch, dass ich unbedingt eine Frage (oder im Idealfall

mehrere Fragen) beantwortet haben möchte (Täterfrage, Motiv, Hintergründe, Geheimnisse usw. - irgendetwas davon).

Da das für mich nicht gegeben war, kam bei mir keine Spannung auf.

 

Aber, wie gesagt: Bei der Zielgruppe war dies anders - und das zählt.


Bearbeitet von MichaelT, 27.10.2015 - 18:27,


#39
Holger

Holger
  • 899 Beiträge
  • Dabei seit 15.05.10

 

Auf eines hätte ich doch jetzt noch gerne von Holger eine Antwort: Schreibst du auch den nächsten Stuttgarter Tatort und löst dabei die den Abend überdauernde Frage, wie Lannert und Bootz diesen Riss in ihrer Partnerschaft wieder kitten, oder auch nicht?

 

Liebe Cornelia,

es gab nach der Verfilmung natürlich die Frage, wie die Kollegen, die jetzt die folgenden Tatortfolgen schreiben, die Figuren führen sollen, und ich habe diesbezüglich im Gespräch mit der zuständigen Redakteurin Brigitte Dithard meinen Ratschlag dazu gegeben.

Schönen Abend,

Holger


Bearbeitet von Holger, 27.10.2015 - 19:52,


#40
CorneliaH

CorneliaH
  • 149 Beiträge
  • Dabei seit 25.03.14

 

 

Auf eines hätte ich doch jetzt noch gerne von Holger eine Antwort: Schreibst du auch den nächsten Stuttgarter Tatort und löst dabei die den Abend überdauernde Frage, wie Lannert und Bootz diesen Riss in ihrer Partnerschaft wieder kitten, oder auch nicht?

 

Liebe Cornelia,

es gab nach der Verfilmung natürlich die Frage, wie die Kollegen, die jetzt die folgenden Tatortfolgen schreiben, die Figuren führen sollen, und ich habe diesbezüglich im Gespräch mit der zuständigen Redakteurin Brigitte Dithard meinen Ratschlag dazu gegeben.

Schönen Abend,

Holger

 

 

Das klingt gut. Und spannend. Ich freu mich dann auch schon auf "deinen" nächsten Tatort.

 

HG

Cornelia


Bearbeitet von CorneliaH, 28.10.2015 - 12:17,






Themen mit den gleichen Schlagworten: Tatort, Dilemma, Menschenrechte