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Unterbezahlte Drehbuchautoren


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8 Antworten zu diesem Thema

#1
Holger

Holger
  • 930 Beiträge
  • Dabei seit 15.05.10

Anlässlich der Ausstrahlung von "Deutschland 83" hat Spiegel-Online ein Interview mit der Autorin Anna Winger veröffentlich, die u. a. Folgendes sagt: "Horizontal erzählte Serien wie "Deutschland 83" sind eine langwierige Angelegenheit - das müssen also Autoren entwickeln. Und die deutschen Autoren sind immer noch unterbezahlt und stehen in der Wertehierarchie viel zu weit unten."

 

Hier der Link: "Deutschland 83"-Drehbuchautorin: "Deutsche Autoren sind unterbezahlt" - SPIEGEL ONLINE

 

Ich würde beides sofort unterschreiben, wobei die wesentliche Änderung, die schwieriger herbeizuführen ist, den zweiten Punkt betrifft: Wertehierarchie. 

Wie essentiell für die Qualität des fertigen Filmes das Drehbuch und die Vision der Autoren ist, hat im deutschen Fernsehen erst eine Minderheit erfasst. Diese Minderheit wird auch in den Medien abgebildet, indem die Arbeit der Autoren dort mehrheitlich ebenfalls übergangen und gering geschätzt wird.

Oder kann sich irgendjemand erinnern, wann der Spiegel (oder eine beliebige andere Zeitschrift) jemals ein Interview mit einem Drehbuchautoren geführt hat, sofern der nicht entweder selbst Schauspieler oder in Personalunion auch Regisseur des Filme war? Ich nicht.
Wann und mit wem war noch gleich das letzte Interview mit einem Autoren auf dem roten Teppich der Berlinale?
Nicht falsch verstehen: Für mich wäre das der Horror. Aber es ist bezeichnend für die Stellung des Drehbuchautoren in Deutschland, dass der da überhaupt nicht entlang läuft. Wie das? Sind die Filme, die da gezeigt werden, alle im Wald improvisiert worden?
 

Ich glaube, wenn sich an der Wertehierarchie, wie Frau Winger es nennt, etwas ändert, dann ändert sich auch etwas an der Bezahlung und konsequenterweise auch etwas am menschlichen Umgang. Und dann auch in der öffentlichen Wahrnehmung.

 

Schöne Grüße,

 

Holger



#2
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
  • 5.526 Beiträge
  • Dabei seit 12.03.08

Es hat mich schon oft gewundert, dass bei Fernsehfilmen nie der Autor erwähnt wird. Oder anders herum, für manche Stoffe (besonders im Kino) wird ein Vermögen an Stars, Kostümen und Szenario ausgegeben, dabei ist das Drehbuch dabei manchmal so flach und banal, dass man denkt, das kann nur der Praktikant des Produzenten geschrieben haben.


Der Bastard von Tolosa, Die Comtessa, Die Hure Babylon, Das Schwert des Normannen, Die Rache des Normannen, Der Schwur des Normannen, Der Sturm der Normannen, Bucht der Schmuggler, www.ulfschiewe.de


#3
AndreasD

AndreasD
  • 7 Beiträge
  • Dabei seit 02.11.15

Ich habe den Artikel auch gelesen und schloße mich dem an. Alle schauen immer in die USA und nach Dänemark. Aber es wird oft vergessen, dass dort ganz andere Vergütungen gezahlt werden. Bei "The Team" (Dänisches Autorenduo) sprach der Produzent von ca. 500.000 Euro Entwicklungsbudget. (Tatort Eifel 2015)   In den USA werden Serienautoren für die Entwicklung einer Staffel einfach mal komplett vom Markt gekauft und können dann ein Jahr oder länger mit den Charakteren ihrer Serie verbringen. Das muss aber finanziert werden.  In Deutschland wird pro Folge und Drehbuch beauftragt. Wie soll das bei komplexen horizontal erzählten Serien noch funktionieren? Wer das geballte kreative Potential eines Writers Room will, muss ihn auch finanzieren. Dazu muss man den Writers Room für Autoren aber auch attraktiv machen. IN den USA sind die Autoren direkt oder indirekt an den Erlösen beteiligt. In Deutschland geht der Trend eher dahin, für dasselbe Honorar alle Rechte zu verlangen.  



#4
Holger

Holger
  • 930 Beiträge
  • Dabei seit 15.05.10

Ja, auch das ist wahr. Das deutsche Fernsehen wollte sich bisher keinen Writer's Room leisten.

Der Anteil der Drehbuchkosten einer Produktion in Deutschland liegt bei 1,5 bis 2,5% der Gesamtkosten.
In den USA wird ein Vielfaches dessen in die Drehbücher und die Autoren investiert. Die deutschen Sender haben sich mit dem Erreichten die letzten 10 Jahre zufrieden gegeben, sie waren saturiert: Warum sollen wir das Honorar von drei Autoren zahlen, die an einer Serie arbeiten, wenn es auch eine für ein Drittel der Kosten hinbekommt?

Anstöße von außen, von Autoren, Produzenten, Regisseuren gab es zuhauf. Vergebens.
Dass jetzt endlich auch neue Erzählformen überhaupt ausprobiert werden, ist erneut einem Anstoß von außen zu verdanken: der öffentlichen Kritik.

Die Erneuerung, die jetzt zaghaft hervorlugt, ist nicht in den Sendern entstanden. Der Ruf der Öffentlichkeit, warum man selbst im kleinen Dänemark erzählerisch den Allerwertesten hoch kriegt aber das trotz 8 Milliarden Haushaltsabgabe im deutschen ÖR nicht möglich sein soll, war irgendwann so ohrenbetäubend, dass er von den Verantwortlichen nicht mehr ignoriert werden konnte.

Und die erwähnte zaghafte Erneuerung ist auch so lange nicht wirklich eine Erneuerung, solange die Autoren nicht die Hoheit über ihre Stoffe zurück erhalten, sondern jeder, der zu wissen meint, wie man super Geschichten erzählt, auch noch einmal mit umrühren darf. Das Erfolgsrezept der dänischen und amerikanischen Serien liegt nur sekundär bei der besseren Bezahlung, es fußt vielmehr auf der Überzeugung, dass der Schöpfer der Geschichte und der Figuren diesbezüglich auch das letzte Wort hat. Das ist die eigentliche Innovation.

 

 

Schönen Abend,

Holger



#5
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
  • 5.526 Beiträge
  • Dabei seit 12.03.08

Das Erfolgsrezept der dänischen und amerikanischen Serien liegt nur sekundär bei der besseren Bezahlung, es fußt vielmehr auf der Überzeugung, dass der Schöpfer der Geschichte und der Figuren diesbezüglich auch das letzte Wort hat. Das ist die eigentliche Innovation.

 

 

Schönen Abend,

Holger

 

So ist es.


Der Bastard von Tolosa, Die Comtessa, Die Hure Babylon, Das Schwert des Normannen, Die Rache des Normannen, Der Schwur des Normannen, Der Sturm der Normannen, Bucht der Schmuggler, www.ulfschiewe.de


#6
Ramona

Ramona
  • 2.374 Beiträge
  • Dabei seit 17.03.11

 

Das Erfolgsrezept der dänischen und amerikanischen Serien liegt nur sekundär bei der besseren Bezahlung, es fußt vielmehr auf der Überzeugung, dass der Schöpfer der Geschichte und der Figuren diesbezüglich auch das letzte Wort hat. Das ist die eigentliche Innovation.

 

 

Schönen Abend,

Holger

 

So ist es.

 

Deckt sich mit meiner Beobachtung. 
 

Allerdings scheinen amerikanische "Filmemacher" auch Multitalente zu sein. Spontan fällt mir da J. J. Abrams ein. Film- und Fernsehproduzent, Drehbuchautor, Komponist und Regisseur ... Abrams hat also z. B. in vielerlei Hinsicht eine klare "Vorstellung/Vision" dessen, was er später auf der Kinoleinwand bzw. dem TV-Bildschirm sehen will, und er weiß es aus vielerlei Blickwinkeln auch umzusetzen. Wobei wir wieder beim "WIE" wären.


Bearbeitet von Ramona, 27.11.2015 - 16:31,

“Your intuition knows what to write, so get out of the way.” (Ray Bradbury)

#7
SebastianN

SebastianN
  • 248 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

 

Das Erfolgsrezept der dänischen und amerikanischen Serien liegt nur sekundär bei der besseren Bezahlung, es fußt vielmehr auf der Überzeugung, dass der Schöpfer der Geschichte und der Figuren diesbezüglich auch das letzte Wort hat. Das ist die eigentliche Innovation.

 

 

Schönen Abend,

Holger

 

So ist es.

 

+1



#8
AndreasD

AndreasD
  • 7 Beiträge
  • Dabei seit 02.11.15

J.J. Abrams: Ein bisschen hinkt der Vergleich schon. Abrams kann natürlich viel einfacher seine Vision der Dinge realisieren, da er über ein entsprechendes Vermögen verfügt, bzw. über ein Produktionsbudget, dass für europäische Verhältnisse nicht denkbar ist. Ein deutscher TV Movie hat ein Budget von maximal 1,5 Millionen. Die meisten Kinofilme und Reihen / Serien sogar deutlich weniger. Als Autor schreibt man da von Anfang an gegen das Budget. Keine Massenszenen, nicht zu viele Figuren, nicht zu viele Motive, keine Nebenfiguren an verschiedenen Motiven, etc...  Ich habe schon mal eine Produzentin erlebt, die wollte, dass man eine Geschichte die in den Bergen spielte nach Niederbayern verlegt, damit man alles im Umkreis von maximal 2 Autostunden von München drehen kann.(Spart Hotelkosten).... Wer fragt da nach digitalen Effekten?!  Roboter? Szenen im Ausland? 120 Szenen in einem 90er sind vielen Produzenten auch schon zu viel. Nicht weil der Film zu lang würde, sondern weil es zu viele Einstellungen werden, die in den vorgegebenen 23 Drehtagen (maximal) nicht mehr realisierbar sind. Also muss gestrichen und zusammengefasst werden.

Natürlich last sich auch ein spannendes Kammerspiel erzählen und viele Autoren machen aus der Not eine Tugend, aber der Look hängt halt doch oft vom Production value ab. 

Das spielt schon eine bedeutende Rolle. Man braucht nur mal "Deutschland 83" mit "The Americans" vergleichen... 



#9
AndreasD

AndreasD
  • 7 Beiträge
  • Dabei seit 02.11.15

Ich war ja echt überrascht, was sich Sat1 "Mordkommission Berlin 1 hat kosten lassen. Schade, dass es so schlecht lief...

Hier noch ein guter Artikel zum Thema Honorare und Vergütungen

http://www.tagesspie.../12665032.html