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Der Protagonist als Täter


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59 Antworten zu diesem Thema

#21
AndreasG

AndreasG
  • 1.135 Beiträge
  • Dabei seit 16.09.07

 

Als unzuverlässiger Erzähler geht meines Erachtens nur ein Ich-Erzähler, weil ein personaler Erzähler außerhalb der Erzählung steht und einen automatisch verarscht, wenn er Dinge erzählt, die nicht so waren, wie sie erzählt werden, oder Dinge verschweigt, nur um die Spannung aufrecht zu erhalten oder den Leser in die Irre zu führen.

 

Das sehe ich anders. Auch bei einem Thriller mit einem Protagonisten in 3. Person erwarte ich als Leser,

dass er mich nicht komplett anlügt. Wird auch fast immer eingehalten.

 

Kleine Geheimnisse, und Auslassungen - okay, aber bitte kein Protagonist, der sich am Ende als Täter rausstellt (und auch weiß, dass er der Täter ist) und den Leser die ganze Zeit angelogen hat. Auch nicht in 3. Person. Kann mich beim Buch auch nicht an einen einzigen Thriller erinnern, wo ich so etwas gelesen habe.

 

Den Leser zu täuschen, und ihn auf die falsche Fährte zu locken, sollte man als Autor m.E. auch anders hinkriegen.

 

Aber, wie gesagt, da Sabines Protagonistin selbst nicht weiß, dass sie die Täterin ist, ist das was völlig anderes.

 

 

Du meinst mit "3. Person" den Ich-Erzähler, Michael, oder? Also 1. Person? Dann stimme ich dir absolut zu: Auch ein Ich-Erzähler darf nicht alles einfach so erfinden und lügen wie es ihm gefällt und am Ende rufen "April, April!" Bzw. er darf es natürlich, aber was er erzählt, wird dadurch entwertet. Wieso sollte ich etwas lesen, bei dem auf nichts Verlass ist und es letztlich keine Regeln gibt? Ein unzuverlässiger Erzähler ist eine sehr, sehr heikle Aufgabe, die viel Fingerspitzengefühl erfordert, eine Gratwanderung mit permanenter, akuter Absturzgefahr. Ein personaler Erzähler darf den Leser jedoch aus dem gleichen Grund m. E. noch viel weniger täuschen, weil er tatsächlich eine Vertrauensinstanz ist, die Objektivität behauptet und dadurch einen Vertrauensvorschuss durch den Leser erhält. Hier bin ich persönlich echt pingelig und auch dogmatisch. Aber ich bin natürlich nicht der Maßstab. Der Masse der Leser sind solche "Feinheiten" eher wurscht, das beweisen die Erfolge von "Die Therapie" und anderen. Ich gönne den Autoren ihre Erfolge, aber klappe solche Bücher verstimmt zu, sobald die betrügerische Absicht ruchbar wird. Die Leser sind aber auch in anderen Dingen weniger streng. Deshalb, Sabine und Jennifer, macht euch keine Sorgen, wenn eure erdachten Konstruktionen mit der psychologischen Realität außerhalb eurer Bücher nicht ganz konform gehen: Ist die Geschichte in sich schlüssig und plausibel und vor allem spannend, goutiert der Durchschnittsleser es in der Regel. Und in diesem Fall finde ich es auch richtig, denn es geht um fiktionale Unterhaltung, nicht um psychologische oder psychiatrische Fallstudien.

 

Andreas


"Stirb leise, mein Engel", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Hörst du den Tod?", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Denn morgen sind wir tot", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2015


#22
jueb

jueb
  • 3.993 Beiträge
  • Dabei seit 01.01.06

Hallo Sabine,

 

lies "Der Kameramörder" von Thomas Glavinic, ein Krimi, der 2002 den Friedrich-Grauser-Preis gewonnen hat. Zu recht, wie ich finde.

 

LG

jueb


"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

#23
Thomas R.

Thomas R.
  • 2.587 Beiträge
  • Dabei seit 07.04.05

Hallo zusammen,

 

die wichtigste Vereinbarung zwischen Leser und Autor ist, dass der Autor den Leser nicht anlügt- der unzuverlässige Erzähler ist der Einzige, der dies darf. Aber auch in diesem Fall gibt es ganz klare Grenzen: Er darf beschönigen, sich besser stellen, er darf etwas verheimlichen- er muss sich aber als unzuverlässiger Erzähler zu erkennen geben und der Autor muss an einigen Stellen die "Wahrheit" offen legen.

Den hier beschriebenen Fall finde ich extrem schwierig dem Leser zu vermitteln, weil so viele Dinge beachten werden müssen. Die klassische Kriminalhandlung muss nach und nach immer mehr Hinweise auf die unzuverlässige Erzählerin als Täterin bieten, während gleichzeitig immer stärker die Wahnvorstellungen als "Lösung" für die unzuverlässige Erzählerin ein für sie schlüssiges Ende erscheinen. Dabei bin ich mir nicht sicher, ob es ausreicht, dass dies am Ende aufgelöst wird- vielmehr denke ich, dass die Wahnvorstellungen immer wieder für den Leser Hinweise bieten müssen, dass es Wahnvorstellungen sind. Im Prinzip also das Dilemma von M. Night Shyamalan, der die meisten seiner Filme nach einem solcher solchen Wendung ausrichtet: Der Leser müsste beim zweiten Lesen des Textes Dutzende von Hinweisen auf das Ende im Text finden, die er vorher nicht wirklich wahrgenommen hat.

Zudem muss die Identifikation des Lesers mit der Figur funktionieren, auch wenn das alles kippt- die Figur muss ser vielfältig, sehr likeable und mit vielen verständlichen Geheimnissen konstruiert werden. Und als wenn das nicht schwierig genug ist, du benötigst eine erste Szene, in der all das schon klar ist, wenn der Leser den Anfang ein zweites Mal liest: Bspw. muss dein unzuverlässiger Erzähler in der erste Szene beim Arzt Medikation für seine wirkliche Krankheit bekommen und dies auf einen guten Grund zurückführen, der aber maximal Auslöser der Krankheit war. Und es muss einen deutlichen Hinweis geben, dass der unzuverlässige Erzähler genau das ist, in der ersten Szene. Anders formuliert: Das wird kein Thriller, sondern die Geschichte einer Krankheit. Das darf nur der Leser zuerst nicht wissen.

 

Ich würde überlegen, ob du den Roman nicht anders aufzäumst: Ich persönlich würde die Geschichte mit dem Ende beginnen- die Figur denkt, dass sie die Tat begangen hat und sie versucht die Tat aufzuklären, um sich selber Gewissheit zu schaffen. Im Zentrum der Geschichte steht der Fall und der Versuch des unabsichtlich unzuverlässigen Erzählers zu prüfen, was wirklich ist und was Wahnvorstellung. Das böte am Ende jede Menge Raum für den legendären "Twist", also wer war es wirklich (Figur, andere Figur, Verschwörung) oder ob es die Tat wirklich gab. Du könntest die Krankheit für sehr spannende Twists in der Geschichte nutzen, denn wenn man sich Verschwörungen einbildet, bedeutet dies ja nicht, dass es nicht auch eine gegeben hat. Und du hättest die Möglichkeit sehr tief in die Psyche dieser Figur einzusteigen.

So würde der Leser mit der Figur alles entdecken, und das unzverlässige wäre viel stärker ein Spannungselement, genau wie die Sorge der Figur um die Krankheit, die Tat und alles andere.

 

Spannende Sache, alles beide, bloß sehr, sehr schwierig zu schreiben.

 

Gruss

 

Thomas


"Als meine Augen alles // gesehen hatten // kehrten sie zurück // zur weißen Chrysantheme". Matsuo Basho

#24
Sabine

Sabine
  • 456 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14
Dieses Risiko gehe ich ein, Thomas. Und ich hab vieles von dem, was du an Überlegungen geschrieben hast, auch in meinem Roman drin. Es gibt auch Momente, wo sich der Leser fragen wird, ob das alles so stimmt. Aber dann passieren wieder Dinge, die keinen Zweifel zulassen und für meine Protagonistin sprechen.
Es ist schön, dass du das ansprichst, denn ich glaube mich damit auf einer Gradwanderung und hab Sorge, dass das Ende für den Leser nicht mehr überraschend kommt, weil ich hin und wieder diese tatsächliche Wahrheit durchschimmern lasse.
www.saskia-calden.de
Nackte Angst, zieh dich an, wir gehen spazieren.

#25
Thomas R.

Thomas R.
  • 2.587 Beiträge
  • Dabei seit 07.04.05

Hallo Sabine,

 

das große Geheimnis bei dieser Gradwanderung ist die Dynamik der Szene und besondere Techniken. Hier ein paar Ideen:

1. Der Heilige Gral: In the Sixth Sense gibt es die Szene, bei der Bruce Willis im Restaurant mit seiner Frau sitzt und mit ihr spricht. Sie antwortet nicht, sondern wirkt sehr unglücklich. Die Szene ist der "Heilige Gral", weil die Aussage erst durch das Ende gedreht wird. 

Im Prinzip handelt es sich um Szenen, die scheinbar zum Bild der eigentlichen Geschichte gehören, aber mit dem geeigneten Wissen eine ganz andere Geschichte erzählen. Bei einer multiplen Persönlichkeit könnte deine Figur der die Spur von einer anderen ihrer Persönlichkeit sein, und es könnte einen Hinweis darauf geben, dass es die gleiche Person ist- indem das an einer anderen Stelle erst angedeutet, dann gezeigt wird. Ein Beispiel wäre eine Szene, wo deine Figur beim Psychiater ist, der sie auch in der anderen Persönlichkeit gesehen hat, und ihr das auch sagt. Was aber an dieser Stelle so gedeutet wird, dass deine Figur der Mörder sein könnte, aber eigentlich auf die andere multiple Persönlichkeit verweist.

2. Versteckt in der Dynamik der Szene: Eine andere Variante ist die Dynamik der Szene: Die Wahrheiten werden dort versteckt, wo die Leser nicht danach suchen und nicht so aufmerksam lesen- z.B. in den Beschreibungen, oder im retardierenden Moment, nicht im Höhepunkt oder der Ausleitung.

3. MacGuffin: Eine weitere Variante ist der MacGuffin, also Objekte oder Personen, die die Handlungen voran treiben, ohne selbst von besonderem Nutzen zu sein. Hier soll er vom eigentlichen Geheimnis ablenken.

4. Die multiple Persönlichkeit: Schreibe einfach einige Szenen scheinbar aus der gleichen Perspektive, aber mit einer in vielen Details unterschiedlichen Sichtweise, andere Handlungen,... Die Idee ist es die Szenen aus Sicht einer anderen Persönlichkeit deiner Figur zu zeigen, mit auffälligen Unterschieden, die bestimmte Handlungen zeigt- und am Ende zu drehen. Damit verbunden sind Andeutungen: So etwas würde sie nicht tragen, das würde sie machen, oder dein Figur weiß in einer späteren Szene nicht mehr davon.... Und hier kommt der Widerspruch, aber mit der Ergänzung: Ich mache das nur, weil... (Und die Begründung klärt sich scheinbar durch die Ergebnisse, wird aber am Ende gedreht).

 

Gruss

 

Thomas


"Als meine Augen alles // gesehen hatten // kehrten sie zurück // zur weißen Chrysantheme". Matsuo Basho

#26
MichaelT

MichaelT
  • 285 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

 Es gibt auch Momente, wo sich der Leser fragen wird, ob das alles so stimmt.

 


Das würde ich noch mal überdenken.

 

Sobald ich als Leser auch nur den Verdacht hätte, dass der Prota psychisch krank sei und alles damit zu tun habe,

wäre für mich die Spannung komplett weg.

 

Es sollte Szenen geben, wo sich der Leser nachher sagt: "Da hättest du drauf kommen müssen".

 

Aber er darf nicht schon beim Lesen den Verdacht haben.

Sonst funktioniert die Überraschung nicht. Und die ist bei diesen Auflösungen eigentlich das Allerwichtigste.


Bearbeitet von MichaelT, 28.02.2016 - 20:46,


#27
JenniferB

JenniferB
  • 2.143 Beiträge
  • Dabei seit 17.01.11

Das ist ja der Spaß an der Sache:

Diese Szenen, die Schlüsselszenen, die müssen einerseits unauffällig sein, damit der Leser sie nicht durchschaut. Andererseits müssen sie präsent genug sein, dass sie dem Leser nach der Auflösung sofort vor dem geistigen Auge aufploppen.

Im Film werden diese Szenen ja idR kurz eingespielt. Im Roman kann man das theoretisch auch machen ... eleganter ist es aber, wenn man das nicht nötig hat.

 

Ich bin mit Michael einer Meinung: Wenn der Leser erst den Verdacht hat, müsste er über die Hinweise auf die Lösung kommen. Und dann kann der Roman ziemlich gut sein, der Leser wird trotzdem das Gefühl haben, dass das Buch bei ihm nicht "funktioniert" hat, weil er die Lösung zu schnell gefunden hat.

Andererseits müssen wir Romane auch immer so schreiben, dass sie auch dann noch interessieren, wenn die Leser durch die erste spoilende Amazon-Rezension alles wissen - oder weil sie das Ende zuerst lesen.

 

Schade, dass man sowas nur einmal schreiben kann ;)



#28
MichaelT

MichaelT
  • 285 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

Andererseits müssen wir Romane auch immer so schreiben, dass sie auch dann noch interessieren, wenn die Leser durch die erste spoilende Amazon-Rezension alles wissen - oder weil sie das Ende zuerst lesen.

 

Das ist beim Krimi und Thriller m.E. aber vergleichbar mit der Aufgabe, einen Eimer ohne Boden und ohne Deckel mit Wasser zu füllen.

 

Das erwarte ich als Leser auch von absoluten Spitzenautoren nicht.

Und sie könnten es auch gar nicht schaffen - zumindest bei mir als Leser nicht.

 

Wenn ich die Auflösung vorher kenne, ist ein Spannungsroman für mich völlig witzlos.


Bearbeitet von MichaelT, 28.02.2016 - 22:17,


#29
JenniferB

JenniferB
  • 2.143 Beiträge
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Wirklich?

Aber liest denn der Thriller-Leser den Roman nur um einer einzigen Frage - wer ist der Täter? -  wegen?

 

Ich schreibe normalerweise keine Thriller ("Es war ein Unfall!") sondern ... Liebesromane. Da ist die entscheidende Frage - kriegen sie sich? - eigentlich vom Cover und vom Titel an geklärt: Du siehst auf den ersten Blick: happy End - die kriegen sich, oder: Drama: die kriegen sich nicht und / oder einer stirbt.

Und trotzdem sind die Romane entweder interessant und spannend oder langweilig und öde. Das hat mit der entscheidenden Frage einfach gar nichts zu tun. Ein spannender, interessanter Roman wirft ja nicht nur die eine, große Frage auf, sondern eine Vielzahl von weiteren.



#30
MichaelT

MichaelT
  • 285 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

Vom Liebesroman habe ich, ehrlich gesagt, keine Ahnung.

 

Darum sprach ich ja speziell von Krimis und Thrillern.

 

Ich stelle mir vor, ich lese einen Thriller von Sebastian Fitzek oder Charlotte Link (um mal die beiden

deutschen Top-Autoren des Genres zu nennen), und kenne die Auflösung vorher.

Ich weiß nicht, wie ich da noch Spannung empfinden könnte und unbedingt weiterlesen wollen würde.

 

Kann mir auch nicht vorstellen, dass das ein wesentlicher Teil der hunderttausenden Leser der beiden anders sieht.

 

Ich will miträtseln, alle paar Seiten meinen Täter-Tipp ändern; Gänsehaut bei Cliffhangern haben; immer mehr wissen wollen, wie alles zusammenhängt - und am Ende überrascht werden (nicht nur vom Täter, sondern auch vom Motiv, Hintergründen usw.).


Bearbeitet von MichaelT, 29.02.2016 - 01:22,


#31
KerstinS

KerstinS
  • 161 Beiträge
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Hallo Sabine,

 

ich finde das Thema psychisch Kranker = Täter schwierig. Mich ärgert es sehr, dass psychisch Kranke, wenn sie denn überhaupt mal thematisiert werden, meist verhaltensauffällig oder gleich Mörder sind. Von daher zieht sich bei mir bei dem Thema gleich alles zusammen. Schizophrenie ist keine geordnete Wahnwelt, in der man morgens dem gleichen Wahn ausgesetzt ist wie abends. Das ändert sich ständig, da kann es sein, dass man beim Aufstehen glaubt, an den schlimmsten Morden schuld zu sein, und fünf Minuten später, selbst einer der zu Ermordenden zu sein. Eine geordnete Wahnwelt, wie ich sie bei dir herauszulesen glaube, halte ich für wenig realistisch. Ich muss allerdings sagen, dass ich mich mit dissoziativen Persönlichkeitsstörungen nicht auskenne, vielleicht ist so etwas dort denkbarer.

Du sagtest ja, du hast schon viel recherchiert.

 

Dennoch: Ich wünsche mir Romane mit psychisch Kranken, in denen sie weder Opfer noch Täter sind. Okay, vielleicht schreib ich selbst mal so einen.

 

Liebe Grüße

Kerstin



#32
Elke

Elke
  • 521 Beiträge
  • Dabei seit 26.06.12

Hallo Sabine,

alle Schizophrenen mit Wahnvorstellungen, die ich in meiner Arbeit gesehen habe, hatten extreme Angstzustände. Die Angst ist so riesig, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass sie in einem aktuen Schub gewalttätig werden könnten. Aber ich habe auch nie in der Forensik gearbeitet.

Multiple Persönlichkeiten haben tatsächlich Phasen, die sogar sehr lange sein können, von denen sie nachher nicht mehr wissen, was sie getan haben. Und es ist unmöglich für sie, sich jemals daran zu erinnern.

Beides zusammen habe ich allerdings nie gesehen.

Aber deine Frage ist ja nicht, ob deine psychologische Konstruktion der Täterpersönlichkeit realistisch ist. Vermutlich gibt es alles in allen Kombinationen, wenn auch nur selten, sodass du es so machen kannst. Viel eher willst du ja wissen, ob die Leser sich verschaukelt fühlen werden.

 

In "Riven Rock" von T.C. Boyle gibt es am Anfang eine Szene eines Krankenwärters, wo er aus der Ich-Perspektive daran denkt, wie er seine Frau geschlagen hat. Er stellt es für sich selbst innerlich so dar, dass er gar nichts dafür kann, dass ihre Wange seiner Hand so nahe kam. Dieser Mann hat keine Wahnsvorstellungen, er denkt, wie vermutlich die meisten Täter denken. Er zieht sich aus der Verantwortung für sein Handlen, er verdreht es so lange, bis er dabei gut wegkommt, er beruhig sich damit, dass er eigentlich gar nichts gemacht hat.

Ich kann mir gut vorstellen, so einen Roman zu lesen, ohne mich verschaukelt zu fühlen. In die Innensicht einztauchen und mitzubekommen, wie jemand die Realität für sich so dreht, dass alles in Ordnung ist, ist interessant. Und es ist im Grunde etwas, das wir doch alle kennen. Wir drehen doch auch Vieles so lange, bis es in unser Bild von uns selbst passt und erinnern uns dann dem entsprechend. Wie viele Täter sagen: Das habe ich nie gemacht. Mütter zum Beispiel, die ihre Kinder geschlagen haben. Dafür braucht es gar keine Schizophrenie oder Multiple Persönlichkeit.

 

Liebe Grüße

Elke


"Der Traum der Dichterin - Die Sehnsucht der Annette von Droste Hülshoff"  "Mutterschuld"- Krimi www.elkeweigel.com www.elke-weigel.de


#33
UlrikeS

UlrikeS
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Andererseits müssen wir Romane auch immer so schreiben, dass sie auch dann noch interessieren, wenn die Leser durch die erste spoilende Amazon-Rezension alles wissen - oder weil sie das Ende zuerst lesen.

 

 

Finde ich nicht. Wer so doof ist, sich spoilern zu lassen, kann nicht vom Autor erwarten, dieses wieder auszubügeln.



#34
UlrikeS

UlrikeS
  • 2.025 Beiträge
  • Dabei seit 15.06.10

Wirklich?

Aber liest denn der Thriller-Leser den Roman nur um einer einzigen Frage - wer ist der Täter? -  wegen?

 

Ich schreibe normalerweise keine Thriller ("Es war ein Unfall!") sondern ... Liebesromane. Da ist die entscheidende Frage - kriegen sie sich? - eigentlich vom Cover und vom Titel an geklärt: Du siehst auf den ersten Blick: happy End - die kriegen sich, oder: Drama: die kriegen sich nicht und / oder einer stirbt.

Und trotzdem sind die Romane entweder interessant und spannend oder langweilig und öde. Das hat mit der entscheidenden Frage einfach gar nichts zu tun. Ein spannender, interessanter Roman wirft ja nicht nur die eine, große Frage auf, sondern eine Vielzahl von weiteren.

Beim Liebesroman geht es ja auch darum, die geschilderten Gefühle mitzuerleben. Es geht darum, sich von der Geschichte verführen zu lassen, es geht ganz viel um das "Wie kriegen sie sich", es geht um Hindernisse, die aus dem Weg geräumt werden etc.

 

Thriller/Krimi-Leser wollen natürlich auch Gefühle miterleben, aber die wichtigste Frage ist die der überraschenden Auflösung. Darin sehe ich einen der größten Genre-Unterschiede zwischen Liebes und Spannungsroman. Auch der Liebesroman will spannend sein, auch der Spannungsroman Gefühle erzeugen (allerdings die von Angst, Beklemmung etc.). Aber die große Überraschung am Schluss ist der Unterschied. Die gibt es beim Liebesroman nicht, sondern eine Auflösung aller Hindernisse.

 

LG Ulrike



#35
Sabine

Sabine
  • 456 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

Hm, wenn Schizophrene so unter Angstzuständen leiden, jeden Tag eine andere Bedrohung vermuten und keine Gewaltausbrüche haben, dann frag ich mich, wie das bei Beautiful Mind funktioniert hat. Diesen John Nash gab es ja wirklich.

Vermutlich ist es wirklich so, dass man das nicht verallgemeinern kann. Die Psyche ist unberechenbar.

 

Zu dem Einwand, dass der Leser überhaupt nichts ahnen darf:

Was, wenn der Leser ganz zu Anfang denkt, es könnte durchaus sein, dass das alles so nicht stimmt, weil die Protagonistin Dinge glaubt, die in der Realität normalerweise nicht passieren. Aber dann passieren diese Dinge im Roman tatsächlich. Der Leser erlebt es selbst mit und die Protagonistin deckt immer mehr Tatsachen auf, wodurch alles einen Sinn ergibt. Und dann am Ende stellt sich raus, dass doch alles nur ihrem Wahn und dem Bedürfnis entsprang, die innere Ordnung wieder herzustellen. Wird der Leser dann sagen: Ich habs ja ganz zu Anfang gesagt, dass das alles nur Einbildung ist. Oder wird er sagen, oh Mann, da hat mich die Autorin echt dran gekriegt.


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#36
Helene

Helene
  • 1.596 Beiträge
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Mit einem Ich-Erzähler als Täter kann ich auch aufwarten. Der Aufbau dieser Figur war für mich eine reizvolle Herausforderung. Allerdings glaube ich nicht, dass es mir Spaß gemacht hätte, einem Mörder oder Kinderschänder die Feder in die Hand zu drücken. Da gibt es bei mir Grenzen.

 

LG

Helene


Helene Luise Köppel LESEN hält wach - garantiert! Aktuelle Romane: "Die Sache des Fuchses"; "Blut.Rote.Rosen", "Talmi", "Salamandra", NEU Juli 2017: "Béatris"

                                         

                                 


#37
JenniferB

JenniferB
  • 2.143 Beiträge
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Andererseits müssen wir Romane auch immer so schreiben, dass sie auch dann noch interessieren, wenn die Leser durch die erste spoilende Amazon-Rezension alles wissen - oder weil sie das Ende zuerst lesen.

 

 

Finde ich nicht. Wer so doof ist, sich spoilern zu lassen, kann nicht vom Autor erwarten, dieses wieder auszubügeln.

 

 

Vielleicht denke ich da zu sehr an die Blogger & Rezensenten.

Die lesen viele Rezensionen und schreiben viele Rezensionen. Und früher oder später kommt immer jemand, der spoilert. Wenn man die dann alle verliert, ist das schade.

 

Aber mir geben Romane grundsätzlich nichts, wenn ihr Wert einzig an einer Frage und der Antwort hängt.

 

Sabine, John Nash gab es, aber in der Realität war er wohl nicht besonders fillmtauglich - was zeigt, dass es durchaus funktioniert, sich da Freiheiten zu nehmen. Aber es muss stimmig bleiben. Ein John Nash, der über seine Angstattacken das Baby in die badewanne legt und vergisst - passt.

Aber in dem Sinne aktiv zu werden, jemanden zu ermorden?

(ich muss zugeben, ich erinnere mich nicht mehr, was er gemacht hat.)

 

Interessant ist Wiebke Lorenz' Roman "Alles muss versteckt sein" (auch wenn mich die Auflösung enttäuscht hat - der Thriller funktioniert trotzdem.)

Die Protagonistin hat Zwangsvorstellungen - sie kommt nicht gegen die Fantasie an, Menschen (bevorzugt Kinder) zu töten. Es wird immer wieder betont, dass Menschen mit Zwangsvorstellungen nicht zu Gewalt neigen und für andere vollkommmen ungefährlich sind. Trotzdem ist man sehr lange im Unklaren und rätselt hin und her, ob sie es nun getan hat oder nicht.



#38
Sabine

Sabine
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Im Film wurde Nash von seinem imaginären Agenten aufgehetzt, seine Frau zu töten, weil sie Nashs Psychiater anrief. Er hat es zwar nicht getan, aber er hat ihr dann gesagt, dass er nicht dafür garantieren kann, dass er ihr nicht irgendwann was antut, weil ihm seine Wahnvorstellungen so im Griff haben.

 

Andererseits gibt es ja genug Mörder, die psychisch krank sind und deshalb morden. Die Frage ist, ob ein Schizophrener jemanden tötet, weil er glaubt, dass derjenige ihn töten will. Oder weil seine Wahrnehmungen so verschoben sind, dass er keine andere Möglichkeit sieht, als die Menschen zu töten, die seinem Ziel im Weg stehen.


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#39
KerstinS

KerstinS
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Liebe Sabine,

 

das Ding ist eben die Unberechenbarkeit, die dem psychisch Kranken solche Angst macht wie auch seiner Umgebung, denke ich. Dass man jemandem, der z. B. an einer paranoiden Schizophrenie leidet, gegenübersitzt und nicht genau weiß: Wie schätzt der mich nun ein? Bin ich Feind oder Freund? Bin ich, wenn ich jetzt Freund bin, vielleicht in fünf Minuten Feind, weil er Stimmen hört oder weil die Dame im Fernsehen etwas sagt, das ihn glauben lässt, ich sei nun der Feind? Das ist das Beängstigende, zumindest aus meiner Erfahrung. Gewalttaten werden von psychisch Kranken nicht häufiger verübt als von gesunden Menschen, sondern  meist größer ausgebreitet in den Medien.

 

Natürlich gibt es schizophrene Mörder. Bei ihnen lässt sich eben schwer nachvollziehen, was sie zu der Tat getrieben hat – Mord aus Habgier, Mord aus Hass oder Wut ist für Gesunde zwar noch lange nicht verständlich, aber eben nachvollziehbarer, als wenn jemand als Grund anführt, der Teufel hätte in dem Ermordeten gewohnt und sei nun besiegt.

 

Aber dir ging es doch eigentlich um die Frage, ob man sich als Leser womöglich auf den Arm genommen fühlt, oder? Sorry, ich hab darauf gar nicht geantwortet, mir fiel aber noch ein, dass ich  den Film "Identität" gesehen habe und da sehr enttäuscht war, weil der Mörder sich als gespaltene Persönlichkeit herausstellte und die Ermordeten alle eigene abgespaltene Persönlichkeiten von ihm waren. Das war allerdings vielleicht auch deshalb für mich enttäuschend, weil ich die ganze Zeit dachte: "Wow, wie kriegen die in dem Film jetzt die Kurve, das alles ist dermaßen verwirrend und beängstigend, wer soll denn da der Täter sein?". Und am Ende bringt eben bloß jemand seine eigenen abgespaltenen Identitäten um, fand ich ziemlich grotesk. Es kommt, finde ich, darauf an, wie sehr man sich in die Psyche desjenigen einfühlen kann, sowohl als Autor und dann eben als Leser (oder Zuschauer). Und das ist, finde ich, ein ganz schön großes Ding. Schizophrenie ist so vielfältig wie grausam und beängstigend, für die Betroffenen vor allem, aber auch für ihr Umfeld. ich würde mich da nicht ranwagen, aber das mag daran liegen, dass ich psychisch Kranke im direkten Umfeld habe. Daher eben auch mein Ärger, wenn ich das Gefühl habe, sie erscheinen per se als gewaltbereit.

 

Liebe Grüße

Kerstin



#40
Sabine

Sabine
  • 456 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

Ja, der Schlüssel ist denk ich mal, dass der Leser nachvollziehen kann, was in der Protagonistin passiert, was ihre Beweggründe sind. Dann wird er am Ende nachvollziehen können, warum sie es getan hat und warum es für sie die einzig richtige Wahl war. Auch wenn er es nicht für gut heißen wird und die Protagonistin womöglich auch nicht mehr mögen wird. Das kann passieren, aber auf der anderen Seite ist das Buch ja dann eh zu Ende. Er wird es weglegen und mit diesen Gefühlen entlassen. Vielleicht hat er auch Mitleid mit ihr, was ich hoffe. Aber das kommt vermutlich auf den Menschen an, der das Buch liest.

 

Ich glaub nicht, dass jeder einen psychisch kranken von vornherein als gewalttätig ansieht. Auch wenn es in Thrillern nur so davon wimmelt. Als gesunder Leser weiß man ja trotzdem, dass das Fiktion ist und dass die Realität nicht nur schwarz-weiß ist.


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