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Ein untadeliger Mann – Jane Gardam


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160 Antworten zu diesem Thema

#41
Christa

Christa
  • 6.114 Beiträge
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Das war wohl das Hoch Christa :)

 

Das ist aber goldig :D

Die letzten beiden Tage bin ich kaum zum Lesen gekommen, da ich endlich mal wieder so richtig im Schreibfluss drin war. Aber die ersten ca. 25 Seiten habe ich ja schon gelesen.

 

LG

Christa



#42
BarbaraMM

BarbaraMM
  • 1.399 Beiträge
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Mein Buch ist leider immer noch unterwegs. Eine Bekannte hat mir gerade eröffnet, dass es mit der Royal Mail bis zu vier Wochen dauern kann. Naja, ich schaue mal, ob und wie ich das dann noch hinkriege.


Jedenfalls bleibt die Tatsache, dass es im Leben nicht darum geht, Menschen richtig zu verstehen. Leben heißt, die anderen misszuverstehen ... Daran merken wir, dass wir am Leben sind: wir irren uns. (Philip Roth)

#43
Angelika Jo

Angelika Jo
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Ich bin inzwischen bis etwa zur Hälfte durch, denke aber, dass ich es zweimal lesen werde. 

Wann wolltet ihr denn anfangen?

 

Angelika


Bearbeitet von Angelika Jo, 23.08.2016 - 08:20,

Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#44
Lisa

Lisa
  • 1.544 Beiträge
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Ich lese es auch gerade zum zweiten Mal und freue mich auf die Runde :-)

 

Liebe Grüße

Lisa


Neu: "Max und die Wilde Sieben - Die Geister-Oma" (Kinderbuch ab 8, Oetinger) www.lisamariedickreiter.de

#45
BarbaraS

BarbaraS
  • 2.743 Beiträge
  • Dabei seit 29.03.06

Wann wolltet ihr denn anfangen?

 

Eigentlich: heute.

 

Wie sieht es denn aus, ihr Guten? Sind schon einige von euch startbereit?

Mir wäre es aus egoistischen Gründen ganz lieb, wenn wir anfangen könnten. Die früheren Leserunden haben sich ja auch meist über mehrere Wochen gezogen, es gäbe also noch viel Gelegenheit, später einzusteigen. Und mein Vorschlag wäre sowieso, dass wir erst einmal mit allgemeinen Leseeindrücken anfangen. Dazu ließe sich ja auch schon etwas sagen, wenn man noch nicht fertig gelesen hat. Nebenher könnten wir Themen für die weitere Diskussion sammeln.

 

Aber wenn ihr den Start lieber um eine Woche verschieben wollt, sagt Bescheid!

 

Sonst würde ich sagen: Bühne frei.

Und ich melde mich nachher auch selbst noch mal mit einem Posting zum Roman.


Visby als Taschenbuch
Flugverbot beim Golkonda Verlag

#46
Hannah Simon

Hannah Simon
  • 1.971 Beiträge
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Bin auf Seite 217 und würde mich freuen, mit Euch loszudiskutieren, einfach über die Dinge, die bereits gehen.

 

Liebe Grüße!


Viele Dinge werden nicht getan, weil sie unmöglich scheinen. Viele Dinge scheinen unmöglich, weil sie nicht getan werden. (Seneca)

#47
BarbaraS

BarbaraS
  • 2.743 Beiträge
  • Dabei seit 29.03.06

So, dann fange ich einfach mal an.

 

Mir passiert es gar nicht so häufig, dass ich nur aufgrund einer Rezension ein Buch kaufe, aber beim "Untadeligen Mann" war es so. Vor ziemlich genau einem Jahr erschien irgendwo (in der FAZ?) eine Vorschau auf den Bücherherbst 2015, und darin war ein kurzer Abschnitt über Jane Gardam und diesen Roman. Was mich damals neugierig gemacht hat, war einmal das Thema der Raj-Waisen und zum anderen die Tatsache, dass da eine steinalte Frau schrieb, die in England offenbar längst als große Erzählerin galt, von der hier in Deutschland aber noch nie jemand gehört hatte. Inzwischen ist der Roman ja oft besprochen worden und war eine Zeit lang sogar auf der Bestsellerliste.

 

Wenn ich "Old Filth" mit einem einzigen Wort charakterisieren müsste, würde ich wohl so etwas wie "Leichtigkeit" sagen. Nicht weil es um leichte Themen ginge (Einsamkeit, Ehebruch, Kindesmisshandlung, Krieg, Altern und Tod …) oder weil diese Themen ins Leichte und Luftige gezogen würden, sondern weil die Erzählstimme mir vermittelt, dass man sich durch das Schwere nicht niederdrücken lassen muss. Auch wenn man es sich genau anschaut. Vielleicht trifft "Freiheit" es noch besser. Ich finde es nicht nur handwerklich eindrucksvoll, wie frei der Roman sich durch die Zeiten bewegt, wie souverän da mit Figuren und Motiven hantiert wird, sondern mir vermittelt er auch ein Gefühl von innerer Freiheit. Wegen der Ironie vermutlich, der witzigen Kontrapunkte zum Düsteren, der inneren Distanz des Erzählers, die ihm einen liebevollen und gleichzeitg gnadenlosen Blick auf die Figuren und das Geschehen ermöglicht.

 

Vermutlich ahnt ihr jetzt schon, dass ich den Roman sehr gern gelesen habe … ;-)

 

Ich würde in unserer Leserunde gern auch ein paar handwerkliche Sachen genauer anschauen. Zum Beispiel (schon erwähnt) das nicht-chronologische Erzählen und warum man dabei als Leser nicht die Orientierung verliert. (Aber vielleicht gibt es da ja auch andere Leseeindrücke? Ich fände es sehr spannend, da zu vergleichen.) Oder die Frage, wie Figuren vorgestellt und weitergeführt werden, besonders die Nebenfiguren. Wodurch Nähe zur Hauptfigur entsteht, falls sie entsteht. Oder die Funktion der Theaterszenen und überhaupt der Theatersprache, die ja zwischendurch immer mal auftaucht. Aber wir finden sicherlich noch viele andere Themen.

 

So viel erst mal von mir.

 

Herzliche Grüße in die Runde

 

Barbara


Visby als Taschenbuch
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#48
BarbaraMM

BarbaraMM
  • 1.399 Beiträge
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Naja, ich fange jetzt mal an zu lesen! Mit Grüßen, Barbara II.


Jedenfalls bleibt die Tatsache, dass es im Leben nicht darum geht, Menschen richtig zu verstehen. Leben heißt, die anderen misszuverstehen ... Daran merken wir, dass wir am Leben sind: wir irren uns. (Philip Roth)

#49
Christa

Christa
  • 6.114 Beiträge
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Bin heute am See bis Seite 272 gekommen, umschwirrt von kleinen blauen Libellen. :)

Erster Eindruck: Faszinierend, spannend, Metaphern, die mich manchmal umhauen wie diese Schrift, die aussieht wie eine

winzigkleine, Spinne die übers Papier getorkelt und dann verendet ist. Bei der ersten Rückblende dachte ich noch, nanu, Betty ist doch

viel zu alt für einen Liebhaber, aber bei den weiteren kam ich mühelos in die andere Zeit hinein. Ich mag diese Figuren übrigens alle

und sehe sie deutlich vor mir stehen. Morgen mehr.



#50
Hannah Simon

Hannah Simon
  • 1.971 Beiträge
  • Dabei seit 13.09.05

Sehr interessante Begriffe!

Ich finde zwar „Leichtigkeit“ im Stil, es stellt sich beim Lesen ein, aber den Begriff „Freiheit“ assoziiere ich gar nicht.

 

Für mich – und das ist dann vielleicht mehr MEIN Thema als das Thema des Romans? – geht es auch um Identität.

Wer ist dieser „Filth“? Für mich ist er fast mehr das verstoßene Kind als der „saubere“ Erwachsene, aber da wird es interessant: Genau so, wie wir selbst uns selten wie 38 (oder wie alt auch immer Ihr seid) fühlen, sondern in manchen Situationen alt, in anderen wie ein Kind, Erinnerungen uns plötzlich wie 13 fühlen lassen und aktuelle Situationen ein ganz anderes Handeln erfordern, so ist auch Filth GLEICHZEITIG das stotternde Kind, der nach außen perfekte Anwalt, der alte Mann, dem die zeitlichen Grenzen zerfließen ....

Vielleicht spiegelt das Nicht-chronologische Erzählen diese Gleichzeitigkeit.

 

Er sagt auf S. 262: „Ich habe mir ein Image aufgebaut, Veneering. War harte Arbeit. Da werde ich doch jetzt nicht daran rütteln.“

Das ist für mich ein sehr zentraler Satz, zur Identität, zu dem, was ihm nach dem Tod Bettys passiert, zu dem, was er zeigt vs. wie er sich fühlt etc.

 

Tja, und zum Thema Theaterszenen nur ein gedanklicher Schnellschuss: Sie wechselt so gekonnt die Perspektive innerhalb der anderen Szenen und erzeugt damit Verschiedenes (ironischer Kommentar, nötiges Wissen für den Leser), dass mir die Theaterszenen fast wie eine Art zusätzliche Perspektive („Zuschauerperspektive“) erscheint.

 

(Liebe Grüße von Seite 280, bin fast durch!)


Bearbeitet von Hannah Simon, 25.08.2016 - 08:31,

Viele Dinge werden nicht getan, weil sie unmöglich scheinen. Viele Dinge scheinen unmöglich, weil sie nicht getan werden. (Seneca)

#51
Christa

Christa
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Dieses Meisterwerk, als das ich das Buch empfinde, habe ich gestern bis spät in die Nacht zuende gelesen. Eigentlich müsste ich es ein zweites Mal lesen, um einen versierten Gesamteindruck abgeben zu können. Da haften so viele Bilder, Stimmungen, Entwicklungen, Enthüllungen, Beziehungen, versäumte Möglichkeiten, die aber im Nachhinein doch ausgelebt wurden, so viele große Themen, die in eine leichte und gleichzeitig tiefe Sprache gehüllt werden. Ja, die Leichtigkeit habe ich vom ersten Moment an empfunden, bei der Freiheit hatte ich den Eindruck, als steuere Eddie langsam darauf hin, als müsse er sich vom Korsett  seiner Untadeligkeit erst befreien, bevor er der werden kann, der er eigentlich ist: Nämlich, wie ihr sagt, gleichzeitig ein geschundenes, missbrauchtes Kind und ein erfolgeicher Anwalt, reich und angesehen, schüchtern und dann, in der Rückblende, doch "draufgängerisch." Nachdenklich und unerschütterlich in seinem Bestreben, nach Bettys Tod zu seinem wahren Kern durchzukommen - wobei sie ihn ja auch immer wieder posthum begleitet, selbst in seiner altersbedingten Trotteligkeit noch liebenswert und humorvoll. Interessant ist auch, wie sich das Stottern immer wieder verliert (in der Freundschaft mit Pat, also durch Halt und menschliche Nähe).

 

Diese Leichtigkeit wird durch Humor und Ironie vermittelt, denke ich. Da fallen mir ein paar Dinge ein wie: Vermeintlicher Herzinfarkt, aber es waren die Krabben, er stirbt gar nicht, wie man befürchtet. Das Spiel mit den Bananen. Auch die kurzen in Klammern gesetzten Sequenzen, obwohl mich längere Klammerpassagen sonst immer etwas gestört haben. Sie geben meist einen inneren Kommentar einer Figur wieder.

 

Zu den Zeitebenen und warum man ihnen mühelos folgen kann. Es ist immer ein Bezug da, aus dem man die Zeitebene entnehmen kann. Bei sehr schnellen Wechseln heißt es dann manchmal "Old Filth", und man weiß, dass die Jetztzeit, der alte Filth, gemeint sind. Die Nebenfiguren brennen sich durch ihr manchmal skurriles Verhalten ins Gedächtnis ein: Die "Löwin" Isobel, Babs und Loss, zum Beispiel. Bei Loss war ich so was von froh, als er in der Rückblende auftaucht und ich erfahre, wie Filth zu seiner Anwaltskarriere kam. Selbst das Buttermilchmädchen hatte ich nicht vergessen. Vielleicht ist das so mühelos gelungen, weil diese Nebenfiguren eine Charakteristik haben, an der man sie sofort wiedererkennt?

 

Für den überraschenden Schluss habe ich fast die längste Zeit gebraucht. Will jetzt nicht zu viel verraten, aber der kam für mich wie der sprichwörtliche Hammer. Erst dachte ich, ich hätte etwas überlesen und wusste plötzlich nicht mehr, wer Babs und Claire eigentlich waren. Und dann hat sich dieses krasse Detail aufgelöst und hat sich wie selbstverständlich in die Gesamhandlung eingefügt, die Untadeligkeit war endgültig beseitigt, Eddie aber war zum Ganzen geworden. Immer noch sympathisch, folgerichtig in seinem Leben, seine Untadeligkeit nur ein lebenslanger Akt der Verdrängung.

 

Ich muss, um jetzt mal zum Schluss zu kommen, sagen, dass mich das Buch auch emotional sehr angesprochen hat. Den Schluss fand ich nur noch genial und er hat allem die große Sahnehaube aufgesetzt. Noch zwei Kleinigkeiten: Die Queen Mary-Szenen wusste ich zunächst nicht einzuordnen, aber dadurch, dass Eddie die Frei-Zeit in London zu ganz anderen Zwecken benutzt als von ihr vorgesehen, machen das Ganze dann wieder so witzig und zeigen, dass Eddie durchaus auch schon früher in der Lage war, seine Untadeligkeit zu durchbrechen. Die erste Theaterszene (interessant: im Präsens!) konnte ich noch nicht einordnen, die letzte hat dann alles von außen erklärt. Nicht zu vergessen die Landschafts- Orts-und Detailbeschreibungen. Gegen Ende waren es fast nur noch Dialoge, was mir sonst nie so gefällt, aber es waren reine, klare Dialoge ohne dieses Brimborium drumrum, und ich wusste immer, wer da spricht.

 

Freue mich auf weitere Aspekte!

Christa


Bearbeitet von Christa, 25.08.2016 - 13:35,


#52
BarbaraS

BarbaraS
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Ich will nur ganz kurz einwerfen: Bei der Sache mit der Freiheit habe ich mich, wie ich jetzt erst kapiere, völlig unverständlich augedrückt. Ich meinte, dass die Erzählweise und der Blick auf die Geschichte für mich eine große innere Freiheit des Erzählers/der Autorin ausdrückt. Die Frage, wie es um Old Filth's innere Freiheit steht, finde ich viel komplexer. Aber auch spannend. So wie alles, was ihr hier über Identität, über das Zu-sich-Finden, über die verschiedenen Gesichter der Figur schreibt. Das sollten wir unbedingt genauer untersuchen!

 

Und Christa, es freut mich total, dass dir das Buch so gut gefallen hat!

 

Liebe Barbara, das klingt ja, so, als wäre dein Buch endlich angekommen?


Bearbeitet von BarbaraS, 25.08.2016 - 11:28,

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#53
SabineB

SabineB
  • 1.194 Beiträge
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Hallo,

 

ich bin aus dem Urlaub zurück und würde mich jetzt auch einfädeln.

 

Gibt es spezielle Fragestellungen oder sagt einfach jede und jeder, was ihr zu dem Buch einfällt?

Sorry, wenn ich da gerade nicht durchblicke, das ist meine erste Leserunde.

 

Sabine



#54
BarbaraS

BarbaraS
  • 2.743 Beiträge
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Gibt es spezielle Fragestellungen oder sagt einfach jede und jeder, was ihr zu dem Buch einfällt?

 

Eigentlich beides, Sabine. Wir diskutieren über alles, was irgendwen hier interessiert. ;-) Mein Vorschlag war, dass wir mit allgemeineren Eindrücken anfangen, aber nur, weil das vielleicht am einfachsten ist. Genauso gut können wir uns gleich auf ein Spezialthema stürzen (das mit der Identität, das Hannah und Christa aufgebracht haben, interessiert mich z.B. gerade brennend …) Wichtig ist vermutlich nur, dass wir miteinander reden und nicht aneinander vorbei irgendwelche Statements posten, aber ich glaube, die Gefahr besteht überhaupt nicht. Also stürz dich hinein!


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#55
Olivia Kleinknecht

Olivia Kleinknecht
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Bin noch nicht weit, geniesse aber schon seit drei Abenden die Lektüre im Bett und freue mich bereits darauf, ein Buch ist manchmal wie ein Doppelleben. LG, Olivia



#56
BarbaraS

BarbaraS
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Gegen Ende waren es fast nur noch Dialoge, was mir sonst nie so gefällt, aber es waren reine, klare Dialoge ohne dieses Brimborium drumrum, und ich wusste immer, wer da spricht.

 

Ich habe vorhin auch den Schluss noch einmal gelesen und fand ihn auch wieder sehr sehr stark, Christa. Ich glaube, es liegt auch daran, dass man Old Filth über so viele Seiten hinweg als verschwiegenen Menschen kennengelernt hat. Da ist es einfach ein wahnsinnig starker Auftritt, wenn dieses Schweigen in dem Dreier-Gespräch (Filth, Babs und Tansy) im Hotel schließlich gebrochen wird.

 

Außerdem fand ich es formal sehr befriedigend, dass durch die Dialogform hier zum ersten mal die beiden Zeitebenen miteinander verschmelzen. Man ist zugleich im "Jetzt" (Filth als alter Mann) und in der Kindheit. Vorher gab es zwar manchmal kurze  Erinnerungs-Sequenzen, in denen eine Szene aus der früheren Zeit in die spätere hineingeholt wurde, aber die meiste Zeit blieben sie doch säuberlich getrennt: Einmal Eddie als Kind, von der Geburt bis 1947 (nach meiner Rechnung war er da 24), und einmal Old Filth als alter Mann, von der Fahrt nach London mit Betty bis zu seinem Tod.

 

Für den überraschenden Schluss habe ich fast die längste Zeit gebraucht. Will jetzt nicht zu viel verraten, aber der kam für mich wie der sprichwörtliche Hammer. Erst dachte ich, ich hätte etwas überlesen und wusste plötzlich nicht mehr, wer Babs und Claire eigentlich waren. Und dann hat sich dieses krasse Detail aufgelöst und hat sich wie selbstverständlich in die Gesamhandlung eingefügt, die Untadeligkeit war endgültig beseitigt, Eddie aber war zum Ganzen geworden. Immer noch sympathisch, folgerichtig in seinem Leben, seine Untadeligkeit nur ein lebenslanger Akt der Verdrängung.

 

Ich stimme dir völlig zu, dass Eddies Untadeligkeit in dem Roman immer mehr Kratzer bekommt, bzw. man sieht immer deutlicher, dass es sich um eine polierte Oberfläche handelt (dazu passt ja auch die Stelle zum "Image", die Hannah zitiert). Nur mit dem Wort "Verdrängung" habe ich Probleme, aber vielleicht deute ich es auch falsch. Mein Eindruck beim Lesen war nicht, dass Eddie die Ereignisse in Wales völlig aus seiner Erinnerung und seiner Gefühlswelt aussperrt. Er spricht "nur" nicht darüber. Er erträgt es auch nicht, wenn andere davon sprechen oder auch nur Andeutungen machen. Ihm selbst ist aber die ganze Zeit bewusst, was er – oder sie alle - damals gemacht haben. Für mich ist Eddie am Ende seines Lebens nicht auf der Suche nach seinen Erinnerungen oder nach der Wahrheit. Sondern nach einem Weg, darüber zu sprechen.

 

Aber vielleicht lässt sich das letztlich auch gar nicht unterscheiden. Ich finde bei diesem Roman auffällig, wie sehr auch die Hauptfigur über ihre Handlungen und das, was sie sagt, charakterisiert wird. Der Erzähler zeigt uns seine Oberfläche. (So geht es ja gleich los, S. 13: "Er war sagenhaft sauber. Geradezu ostentativ sauber. Der Rand seiner alten Fingernägel war reinweiß …") Hin und wieder erfährt man auch etwas über seine Gefühle, aber auch da nur über die unmittelbaren Reaktionen auf das Geschehen. Wir tauchen nie tief in sein Inneres ein. Man sieht ihn tatsächlich oft wie eine Bühnenfigur. Auf S. 20 heißt es über ihn sogar ausdrücklich: "bei jemandem, der die Schauspielerei verinnerlicht hat (wie etwa ein Kronanwalt)" – kann ein psychischer Zusammenbruch unsichtbar bleiben.

 

Das bringt mich zu der Frage nach der Identität, die du aufgeworfen hast, Hannah. Wer ist dieser Old Filth wirklich? Mein Eindruck ist, dass der Roman die Antwort verweigert, und zwar bewusst. Der "Kern" der Persönlichkeit bleibt unerreichbar. Man sieht nur Facetten, je nach Alter, aber auch je nach Situation. Ist das Verlogenheit? Oder Verdrängung? Oder sind Menschen einfach so, dass sie verschiedene Gesichter haben, die alle zu ihrer Persönlichkeit gehören, und der Versuch, daraus eine einheitliche Identität abzuleiten, führt in die Irre?


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#57
Lisa

Lisa
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Aus versehen gedoppelt.


Bearbeitet von Lisa, 26.08.2016 - 21:05,

Neu: "Max und die Wilde Sieben - Die Geister-Oma" (Kinderbuch ab 8, Oetinger) www.lisamariedickreiter.de

#58
Lisa

Lisa
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Ich kann heute Abend leider nur kurz vorbeiflitzen, habe die Kinderschicht  :-)

 

Beim ersten Mal Lesen des Schlusses hatte ich eine Gänsehaut. Genau wie du schreibst, Barbara, hat mich beeindruckt, dass das Schweigen von Eddie in diesem Dreiergespräch gebrochen wird. Gleichzeitig fand ich auch klasse, dass hier Vergangenheit und Gegenwart auf diesen beiden Ebenen - Dialog (Vergangenheit) und Situation (Gegenwart) - eins werden, miteinander verschmelzen. Dieser Roman kommt so leichtfüßig daher, so fließend,aber wenn man mal genau hinschaut, dann wird deutlich, wie genau und wahnsinnig gut er komponiert ist. Dass die Leichtfüßigkeit an keiner Stelle von dieser Komposition erdrückt/aufgehoben wird, bewundere ich sehr.

 

 

 

 

Aber vielleicht lässt sich das letztlich auch gar nicht unterscheiden. Ich finde bei diesem Roman auffällig, wie sehr auch die Hauptfigur über ihre Handlungen und das, was sie sagt, charakterisiert wird. Der Erzähler zeigt uns seine Oberfläche. (So geht es ja gleich los, S. 13: "Er war sagenhaft sauber. Geradezu ostentativ sauber. Der Rand seiner alten Fingernägel war reinweiß …")

 

 

Der Roman fängt ja sogar noch viel früher mit der äußersten Oberfläche an: In der Theater/Drehbuchszene, in der andere Männer über Eddie sprechen. Sie sprechen vor allem über seinen Ruf, sein Ansehen, seine Karriere. Wie er von außen gesehen/wahrgenommen wird. 


Bearbeitet von Lisa, 26.08.2016 - 21:07,

Neu: "Max und die Wilde Sieben - Die Geister-Oma" (Kinderbuch ab 8, Oetinger) www.lisamariedickreiter.de

#59
Christa

Christa
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Für den überraschenden Schluss habe ich fast die längste Zeit gebraucht. Will jetzt nicht zu viel verraten, aber der kam für mich wie der sprichwörtliche Hammer. Erst dachte ich, ich hätte etwas überlesen und wusste plötzlich nicht mehr, wer Babs und Claire eigentlich waren. Und dann hat sich dieses krasse Detail aufgelöst und hat sich wie selbstverständlich in die Gesamhandlung eingefügt, die Untadeligkeit war endgültig beseitigt, Eddie aber war zum Ganzen geworden. Immer noch sympathisch, folgerichtig in seinem Leben, seine Untadeligkeit nur ein lebenslanger Akt der Verdrängung.

 

Nur mit dem Wort "Verdrängung" habe ich Probleme, aber vielleicht deute ich es auch falsch. Mein Eindruck beim Lesen war nicht, dass Eddie die Ereignisse in Wales völlig aus seiner Erinnerung und seiner Gefühlswelt aussperrt. Er spricht "nur" nicht darüber. Er erträgt es auch nicht, wenn andere davon sprechen oder auch nur Andeutungen machen. Ihm selbst ist aber die ganze Zeit bewusst, was er – oder sie alle - damals gemacht haben. Für mich ist Eddie am Ende seines Lebens nicht auf der Suche nach seinen Erinnerungen oder nach der Wahrheit. Sondern nach einem Weg, darüber zu sprechen.

 

Liebe Barbara, ich habe nach deinen Worten noch einmal einige Schlüsselszenen des Romans gelesen und will mal kurz darstellen, wie ich auf die Verdrängung gekommen bin - aber jetzt auch darauf kam, dass es ihm wirklich die ganze Zeit bewusst war, was damals geschah. Ich zitiere:

S. 14: "Nach Bettys Tod ...begann, zunächst langsam, die Deckel von vergangenen Ereignissen zu heben, die er bisher geschlossen gehalten hatte." S.18: "Ich bin das Vergessen eingeübt, wie sollte ich sonst funktionieren?" Da schlägt sofort meine psychologische Ausbildung zu, denn spaßhaft haben wir auch immer über Deckel gesprochen, wenn jemand etwas verdrängte.

 

Dann wird öfter, von verschiedenen Leuten, über den Zusammenbruch gesprochen, auch von ihm selbst. Der begann *klinisch* sicher schon dann, als er aus der Wärme der asiatischenUmgebung rausgerissen wird. Überhaupt ist immer wieder von Wärme und Kälte die Rede. Am Schluss kehrt er aus der Kälte in die Wärme zurück und stirbt, er ist am Ziel.

 

S.152 : Er sieht seine Ziegenlederhandschuhe, sein ganzes gepflegtes Äußeres und denkt: "ungelöst ...unzulänglich ...schwach...die anderen werden ihn nicht mehr mögen ...fühlte nichts." Während der Beichte sagte er "nicht die Wahrheit" S.317 dann, wie du richtig bemerkst, nach dem vermeintlichen Herzinfarkt: "Ich muss es jemandem erzählen." Und das tut er dann, demselben Pater Tansy, dem er die Beichte vorher verweigert hat, zusammen mit Babs, und hier verknüpfen sich Vergangenheit und Gegenwart in allerklarster Weise. Vielleicht findet er durch das Eingeständnis seiner Schuld, (die ja eigentlich gar keine war, denn er hat Ma Didd ja nur losgelassen, und sie sollte Magenkrebs im Endstadium gehabt haben) und durch das offene Sprechen zu seiner Identität zurück.So könnte man den ganzen Prozess auch als den Weg einer Heilung verstehen. Auch Tansy spricht übers Heilen, und im letzten, entscheidenden Gespräch stottert Eddie nicht mehr, als wäre es immer so gewesen. Bis zu Bettys Tod wollte er vergessen und den Deckel drauflegen, dann ist es, in den verschiedenen Stationen und Zeitebenen, immer weiter aufgebrochen.


Bearbeitet von Christa, 26.08.2016 - 22:18,


#60
BarbaraS

BarbaraS
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Der Umgang mit verschachtelten Zitaten kann einen hier wirklich fertig machen, ich mach es jetzt mal von Hand:

 

Lisa schrieb: Der Roman fängt ja sogar noch viel früher mit der äußersten Oberfläche an: In der Theater/Drehbuchszene, in der andere Männer über Eddie sprechen. Sie sprechen vor allem über seinen Ruf, sein Ansehen, seine Karriere. Wie er von außen gesehen/wahrgenommen wird.

 

Stimmt, genau, schon die erste Szene signalisiert eigentlich, dass sehr stark von außen auf die Figuren geblickt wird, und dass ihr "Gesicht" (das, was sie nach außen zeigen) ein wichtiges Thema ist.

 

Und hier bin ich auch völlig einverstanden:

Dieser Roman kommt so leichtfüßig daher, so fließend,aber wenn man mal genau hinschaut, dann wird deutlich, wie genau und wahnsinnig gut er komponiert ist.

 

Das würde ich mir sehr gern noch genauer anschauen. Zum Beispiel der Umgang mit den Nebenfiguren (da hat Christa auch schon Wichtiges zu geschrieben), der Gebrauch von Gegenständen als Symbole oder Signale …

 

Christa, was du zum Verdrängen schreibst, leuchtet mir sehr ein. Meine Probleme kommen vermutlich wirklich daher, dass ich den Begriff viel zu eng ausgelegt habe (geprägt von Hollywood wahrscheinlich ;-)), in dem Sinn, dass der Betroffene zu dem Verdrängten gar keinen Zugang hat. Aber schon wenn ich mir die Frage stelle: Kann sich X nicht erinnern oder will er nur nicht daran denken? – wird eigentlich klar, dass das vermutlich in der Praxis keine sinnvolle Unterscheidung ist. Danke für deine Erklärungen!

 

Und ja, dass er am Ende ins Warme und damit nach Hause zurückkehrt: Genau so lese ich das auch. Ich fand das ebenfalls toll, und sehr berührend. Und weil ich ja immer aufs Formale schauen muss: In der Umsetzung fand ich klasse, dass die Beschreibung dieses Warmen keineswegs idyllisch daherkommt; es schwingt durchaus mit, dass andere Leute dieses Klima vielleicht gar nicht so angenehm finden (S. 344):

 

"Am oberen Ende der Gangway traf ihn der Osten mitten ins Gesicht. Die wunderbare, dicke Hitze überschwemmte ihn, umfing seine geschwollenen alten Hände und seine müden Füße, badete seinen alten Kopf und den sehnigen Hals, sickerte in jede Pore und jede Faser seines Körpers. Das Leben regte sich. Das stillstehende Flugzeug vibrierte von der Hitze, die Luft um es herum vibrierte, der ganze Flughafen vibrierte und tanzte in der weichen Dunkelheit."


Bearbeitet von BarbaraS, 27.08.2016 - 13:08,

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