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Ich und mein Vater


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44 Antworten zu diesem Thema

#21
Hannah Simon

Hannah Simon
  • 1.992 Beiträge
  • Dabei seit 13.09.05

Vielleicht bekommst Du einen "Knoten" in die Perspektive, weil das ja nicht nur eine Frage der Perspektive (wer spricht?) ist, sondern auch die der Erzählsituation (zu wem spricht der Erzähler?).

 

Also: Ob deine Prota "Mama" oder "Mutti" sagt, hängt von deiner Prota ab - was sie sagen würde, welches Verhältnis sie zu ihr hat.

Ob sie irgendwann auch mal "unsere Mutter" sagt, hängt davon ab, ob sie das Erzählte irgendjemandem darlegt, erklärt, schreibt, sagt, ... der viel weiß oder wenig.

 

Wahrscheinlich musst Du beides in Deine Überlegungen mit einbeziehen (oder so elegante Umschreibungen verwenden, wie sie Anni und Andreas und Ole vorschlagen).


Was wäre, wenn du allergisch gegen Glück wärst - und dich dann verliebst? "Felix", FVA 2015, ISBN 978-3-627-00213-8

 

www.hannahsimon.de


#22
NelleM

NelleM
  • 20 Beiträge
  • Dabei seit 26.04.16

Meine Lektorin fand "Mum" komisch und hat es angestrichen zum Überdenken. Ich habe es überdacht: das ist okay! ;-) Allerdings ist es ein elfjähriges Kind, das "Mum" sagt. Bei Erwachsenen würde ich das nicht machen.Die Form zu wählen, in der die Protagonisten denken, macht es authentisch. (Das wurde oben schon gesagt).



#23
UlrikeS

UlrikeS
  • 2.220 Beiträge
  • Dabei seit 15.06.10

Beim weiterschreiben bleibe ich jetzt meist bei "mein Vater" und wechsele zu "unser Vater", wenn die Schwester anwesend ist und bei der Interaktion von Bedeutung ist. Die Vornamen der beiden verwende ich jetzt nur noch, wenn andere Personen diese ansprechen. Dadurch bin ich zwar enger an meiner Protagonistin, trotzdem empfinde ich es als distanziert - der Leser rückt nicht so richtig nahe an Vater und Mutter heran.

Andererseits ist auch meine Protagonistin emotional weit von ihren Eltern entfert und insofern passt es dann wieder. Sie ist auch nicht der Typ für Spitznamen.

 Ich hatte sonst auch schon überlegt, es wie bei "Das Mädchen: es wird zu sie" zu machen und in perspektivisch engen Abschnitten "meine Mutter " zu schreiben (wie bei dem Bsp. mit der Gulaschsuppe - "meine Mutter vergaß gerne, dass Franz Vegetarierin war" ist enthält nämlich ein sehr ironisches "gerne" - die Mutter kennt die Ernährung ihrer Tochter ganz genau, missbilligt es allerdings). In perspektivisch weiteren Abschnitten dann doch die Vornamen zu wählen.

Allerdings habe ich von diesen bislang keine gefunden.

 

Nochmal zu Mum/Dad - unter Teenagern scheint das gerade in zu sein. Ist vielleicht noch nicht bis zu jeder Lektorin vorgedrungen (außer, diese hat Kinder in dem Alter).

 

Danke für eure Hilfe, mal sehen, wie es sich weiterhin schreiberisch anfühlen wird,

Ulrike



#24
Uschi

Uschi
  • 3.041 Beiträge
  • Dabei seit 09.11.05

Vielleicht bekommst Du einen "Knoten" in die Perspektive, weil das ja nicht nur eine Frage der Perspektive (wer spricht?) ist, sondern auch die der Erzählsituation (zu wem spricht der Erzähler?).

 

Genau den Gedanken hatte ich auch.

Natürlich habe ich einerseits als Autor vielleicht den Wunsch, möglichst dicht am Protagonisten und seiner Weltsicht zu sein. Trotzdem macht es einen Unterschied, wem ich etwas erzähle.

Wenn jemand seiner Schwester gegenüber von Papa und Mama spricht, ist das etwas ganz anderes, als wenn er gegenüber einem anderen Erwachsenen, den er nicht allzu gut kennt, von Mama oder Mutti spricht. Da ist dann das objektivere "meine Mutter" angemessen, sonst wirkt es in der Tat kindlich. Der Leser ist ja jemand, den der Protagonist zu Beginn des Buches erst kennenlernt, sozusagen. (Das leite ich daher ab, dass es umgekehrt ja genauso ist. :) )

 

Liebe Grüße

Uschi



#25
InezCo

InezCo
  • 726 Beiträge
  • Dabei seit 23.10.07

 

Vielleicht bekommst Du einen "Knoten" in die Perspektive, weil das ja nicht nur eine Frage der Perspektive (wer spricht?) ist, sondern auch die der Erzählsituation (zu wem spricht der Erzähler?).

 

 

Wenn jemand seiner Schwester gegenüber von Papa und Mama spricht, ist das etwas ganz anderes, als wenn er gegenüber einem anderen Erwachsenen, den er nicht allzu gut kennt, von Mama oder Mutti spricht. Da ist dann das objektivere "meine Mutter" angemessen, sonst wirkt es in der Tat kindlich. Der Leser ist ja jemand, den der Protagonist zu Beginn des Buches erst kennenlernt, sozusagen. (Das leite ich daher ab, dass es umgekehrt ja genauso ist. :) )

 

 

Ein bisschen O.T., aber das brennt mir schon die ganze Zeit unter den Nägeln: ​Wie empfindet ihr das, wenn Erwachsene (meist Frauen) vor anderen ständig von "meiner Mama/meinem Papa" sprechen? Begegnet mir in letzter Zeit immer wieder. Hört sich für mich extrem kindlich, fast schon unreif an, aber das sind durchaus Frauen von über 30 ... Na ja, vielleicht bin ich einfach nur zu alt ;-).

 

Liebe Grüße

​Inez
 



#26
UlrikeS

UlrikeS
  • 2.220 Beiträge
  • Dabei seit 15.06.10

 

 

Vielleicht bekommst Du einen "Knoten" in die Perspektive, weil das ja nicht nur eine Frage der Perspektive (wer spricht?) ist, sondern auch die der Erzählsituation (zu wem spricht der Erzähler?).

 

 

Wenn jemand seiner Schwester gegenüber von Papa und Mama spricht, ist das etwas ganz anderes, als wenn er gegenüber einem anderen Erwachsenen, den er nicht allzu gut kennt, von Mama oder Mutti spricht. Da ist dann das objektivere "meine Mutter" angemessen, sonst wirkt es in der Tat kindlich. Der Leser ist ja jemand, den der Protagonist zu Beginn des Buches erst kennenlernt, sozusagen. (Das leite ich daher ab, dass es umgekehrt ja genauso ist. :) )

 

 

Ein bisschen O.T., aber das brennt mir schon die ganze Zeit unter den Nägeln: ​Wie empfindet ihr das, wenn Erwachsene (meist Frauen) vor anderen ständig von "meiner Mama/meinem Papa" sprechen? Begegnet mir in letzter Zeit immer wieder. Hört sich für mich extrem kindlich, fast schon unreif an, aber das sind durchaus Frauen von über 30 ... Na ja, vielleicht bin ich einfach nur zu alt  ;-).

 

Liebe Grüße

​Inez
 

 

Ich finde das auch kindlich. Vergleichbar mit Menschen, die über ihren Lebenspartner mit dessen Kosenamen reden.

Daher lasse ich das auch bei meiner Protagonistin weg, obwohl die genau in diese Alterskasse fällt. Aber sie ist kein Typ, der immer noch auf liebes Kindchen-Schema macht und Gummistiefel mit Pünktchen anzieht.

 

LG Ulrike

 

Mir fällt gerade ein, dass ich das auch schon bei einer Ü30 gehört habe - "meine Mama". Dabei war das eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Merkwürdig.



#27
Anni Bürkl

Anni Bürkl
  • 3.292 Beiträge
  • Dabei seit 30.01.10

Ganz super komisch ist "der meinige" für "mein Mann". :-)


Autorin | Ein  Buch schreiben

Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher


#28
JenniferB

JenniferB
  • 2.239 Beiträge
  • Dabei seit 17.01.11

Es ist in Schulen etc. auch durchaus üblich, sich als "die Mama von Fritzi" oder "Fritzis Mama" vorzustellen. Oder andere Mütter als "Mamas" zu bezeichnen.

Für mich recht  wirklich sehr befremdlich, Mama ist für mich ein Kosewort, und man stellt sich ja auch nichts als Karls Hasi oder das Schätzeken vom Jürgen vor ;D

Aber es scheint sich sehr fest eingebürgert zu haben.



#29
Hannah Simon

Hannah Simon
  • 1.992 Beiträge
  • Dabei seit 13.09.05
Ich glaube, dass "Mama" etwas Liebevolles hat bzw haben soll, wenn eine Ü30 Geschäftsfrau von ihrer Mutter so spricht.

In Kindergartenkreisen hat sich's halt so eingebürgert, aber vielleicht auch, weil die eigenen Kinder so über die "Mamas" ihrer Kindergartenfreunde sprechen. (Und nicht "die Mutter von Paula" sagen.

Was wäre, wenn du allergisch gegen Glück wärst - und dich dann verliebst? "Felix", FVA 2015, ISBN 978-3-627-00213-8

 

www.hannahsimon.de


#30
UlrikeS

UlrikeS
  • 2.220 Beiträge
  • Dabei seit 15.06.10

Ich glaube, dass "Mama" etwas Liebevolles hat bzw haben soll, wenn eine Ü30 Geschäftsfrau von ihrer Mutter so spricht.

In Kindergartenkreisen hat sich's halt so eingebürgert, aber vielleicht auch, weil die eigenen Kinder so über die "Mamas" ihrer Kindergartenfreunde sprechen. (Und nicht "die Mutter von Paula" sagen.

Auf Elternabenden im Kindergarten o.ä. finde ich das nicht so schlimm. Da ist man sowieso in der Kinderwelt.

Aber im geschäftlichen Umgang finde ich es komisch. Vielleicht ist es aber auch der nächste Schritt  in der Sprachentwicklung.

 

LG Ulrike



#31
MichaelT

MichaelT
  • 354 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

Da gibt es einen aktuellen Bestseller (Psychothriller) als Beispiel:

 

"Die Vermissten" von Caroline Eriksson.

 

In meinem ersten Buch habe ich in Ich-Perspektive (Protagonistin Ende 30)

immer "mein Vater" und "meine Mutter" geschrieben.

 

In "Die Vermissten" heißt es einfach immer "Mama" und "Papa" und ich muss zugeben,

dass das besser ist, weil es viel authentischer wirkt. Wir sind praktisch im Kopf der Protagonistin

(auch irgendwas zwischen 30 und 40), und man denkt einfach nicht "mein Vater" und "meine Mutter",

sondern halt z.B. "Mama" und "Papa". So wirkt das Verhältnis zu den Eltern auch deutlich intensiver.

 

Beim nächsten Buch mache ich das auch so.

 

Wenn die Protagonistin mit den Eltern spricht, auch "Mama" und "Papa".

 

Nur, wenn sie mit jemand anderem über ihre Eltern spricht, würde

ich "mein Vater" und "meine Mutter" nehmen. Da wären dann "Mama" und "Papa" wirklich zu kindlich,

aber in Gedanken find ich das sehr gut.


Bearbeitet von MichaelT, 28.09.2016 - 21:11,


#32
UlrikeS

UlrikeS
  • 2.220 Beiträge
  • Dabei seit 15.06.10

Da gibt es einen aktuellen Bestseller (Psychothriller) als Beispiel:

 

"Die Vermissten" von Caroline Eriksson.

 

In meinem ersten Buch habe ich in Ich-Perspektive (Protagonistin Ende 30)

immer "mein Vater" und "meine Mutter" geschrieben.

 

In "Die Vermissten" heißt es einfach immer "Mama" und "Papa" und ich muss zugeben,

dass das besser ist, weil es viel authentischer wirkt. Wir sind praktisch im Kopf der Protagonistin

(auch irgendwas zwischen 30 und 40), und man denkt einfach nicht "mein Vater" und "meine Mutter",

sondern halt z.B. "Mama" und "Papa". So wirkt das Verhältnis zu den Eltern auch deutlich intensiver.

 

Beim nächsten Buch mache ich das auch so.

 

Wenn die Protagonistin mit den Eltern spricht, auch "Mama" und "Papa".

 

Nur, wenn sie mit jemand anderem über ihre Eltern spricht, würde

ich "mein Vater" und "meine Mutter" nehmen. Da wären dann "Mama" und "Papa" wirklich zu kindlich,

aber in Gedanken find ich das sehr gut.

Leider gibt es auf amazon keine Leseprobe, das hätte ich mir gerne angesehen.

 

Da es ein Psychothriller ist, könnte hiermit bewusst die Wirkung erzielt worden sein, die Protagonistin als kindlicher, naiver anzusehen, auch gewollt sein. Laut den Rezensionen ist sie ja wohl eine Frau, die eher re-agiert als agiert.

 

Vielleicht finde ich das Buch ja in der Buchhandlung, dann schaue ich mir das mal an.

 

Danke für den Tipp!



#33
JenniferB

JenniferB
  • 2.239 Beiträge
  • Dabei seit 17.01.11

ich würde das gar nicht naiv oder kindlich sehen. Es bezeichnet einfach sehr das Verhältnis, ob es ein sehr inniges, liebevolles ist, oder eher ein nüchternes, oder gar ein distanziertes?

 

Natürlich muss man dabei bedenken, wem die Perspektive eine Geschichte erzählt und wie nah man dran ist.

Ist man im Kopf der Figur dabei (und sie weiß nicht mal davon) oder erzählt die Figur einem fremden Zuhörer, was sie erlebt?

Das muss sich einfach stimmig einfügen.



#34
Dietmar

Dietmar
  • 646 Beiträge
  • Dabei seit 21.08.05

Ein bisschen O.T., aber das brennt mir schon die ganze Zeit unter den Nägeln: ​Wie empfindet ihr das, wenn Erwachsene (meist Frauen) vor anderen ständig von "meiner Mama/meinem Papa" sprechen? Begegnet mir in letzter Zeit immer wieder. Hört sich für mich extrem kindlich, fast schon unreif an, aber das sind durchaus Frauen von über 30 ... Na ja, vielleicht bin ich einfach nur zu alt  ;-).


Das kenne ich auch und sehe es eher als eine Prägung an, die im Kindesalter gelegt wurde und auch im Erwachsenenalter bestehen bleibt. Ich bin der Meinung, ob die Eltern als Mama/Papa, Mutti/Vati oder Mutter/Vater angeredet werden, ist eine Eigenschaft der jeweiligen Person und es gibt keine allgemein gültige Regel, was richtig oder falsch ist. Es muss im Text nur konsequent durchgehalten werden. Wobei regionale und historische Aspekte auch nicht ohne sind. Meine Generation (40 - 60) und im Ostteil groß geworden, wird sehr häufig "Mutti" sagen. Das hat eine ganz einfache Ursache - wir sind mit dem Kinderlied "Wenn Mutti früh zur Arbeit geht..." groß geworden und haben es derartig häufig gehört, dass dieses Lied die Wirkung von Werbung erreicht hat.



#35
UlrikeS

UlrikeS
  • 2.220 Beiträge
  • Dabei seit 15.06.10

 

Ein bisschen O.T., aber das brennt mir schon die ganze Zeit unter den Nägeln: ​Wie empfindet ihr das, wenn Erwachsene (meist Frauen) vor anderen ständig von "meiner Mama/meinem Papa" sprechen? Begegnet mir in letzter Zeit immer wieder. Hört sich für mich extrem kindlich, fast schon unreif an, aber das sind durchaus Frauen von über 30 ... Na ja, vielleicht bin ich einfach nur zu alt  ;-).


Das kenne ich auch und sehe es eher als eine Prägung an, die im Kindesalter gelegt wurde und auch im Erwachsenenalter bestehen bleibt. Ich bin der Meinung, ob die Eltern als Mama/Papa, Mutti/Vati oder Mutter/Vater angeredet werden, ist eine Eigenschaft der jeweiligen Person und es gibt keine allgemein gültige Regel, was richtig oder falsch ist. Es muss im Text nur konsequent durchgehalten werden. Wobei regionale und historische Aspekte auch nicht ohne sind. Meine Generation (40 - 60) und im Ostteil groß geworden, wird sehr häufig "Mutti" sagen. Das hat eine ganz einfache Ursache - wir sind mit dem Kinderlied "Wenn Mutti früh zur Arbeit geht..." groß geworden und haben es derartig häufig gehört, dass dieses Lied die Wirkung von Werbung erreicht hat.

 

Das Lied kannte ich gar nicht, hab's aber natürlich sofort gegoogelt.

Puh.

Zeitgleich schmetterte im Westen Heintje "Mama" - wo nicht die Mutter das Kind verlässt, sondern umgekehrt, aber auch erst, wenn aus dem Jüngling ein Mann geworden ist ;)

 

Aber ich glaube, Mama/Mutti ist auch eine Nord/Süddeutsche Sache, jedenfalls sagten meine norddeutschen Cousins Mutti zu ihrer Mama:

 

Danke für das Lied!

 

LG Ulrike



#36
MariaK

MariaK
  • 340 Beiträge
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Ich habe mich besonders bei meinem Roman "Drei Worte auf einmal" intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt. Ich habe viel herumprobiert. Natürlich kommt es immer auf die Erzählerstimme an. Letztendlich bin ich bei folgender Lösung gelandet: Der Ich-Erzähler (in "Spring!" und auch bei meinem aktuellen Romanprojekt ist es eine Erzählerin), an dem ich sehr nah dran bin, spricht von "Mutter" und "Vater", in der wörtlichen Rede eher "Mama" und "Papa", das habe ich aber wenig benutzt. Sobald du "meine Mutter" oder "mein Vater" schreibst, entfernst du dich vom Erzähler, was auch ok ist, wenn es eben zu deiner Erählerstimme passt. Es ist dann weniger direkt, eher so, als würdest du einer Freundin etwas über deine Mutter erzählen.

In "Spring!" habe ich das übrigens thematisiert, dort will die Mutter der Ich-Erzählerin nicht mit "Mama" oder gar "Mutti" angesprochen werden, sondern mit "Janis" (weil sie Janis Joplin toll findet und außerdem meint, dass jeder Mensch das Recht habe, seinen Namen selbst auszuwählen). Das macht die Tochter natürlich nicht, sondern meidet es, sie mit Namen anzusprechen. Aber wenn sie über ihre Mutter spricht, sagt sie "Mutter". Ich glaube, das funktioniert einfach am besten.

Meine Erfahrung: Probier es einfach ein paar Seiten lang aus, lies es dir laut vor, und dann weißt du hoffentlich, was passt. Wenn nicht, hast du vielleicht noch nicht die richtige Erzählerstimme gefunden. Aber das, das wissen wir alle, ist ein eigenes Thema ...

 

Lass uns wissen, wie du dich entschieden hast, ich finde das spannend, weil ich selbst so viel darüber nachtgedacht habe.


Frisch erschienen: "Spring!"

www.mariaknissel.de


#37
UlrikeS

UlrikeS
  • 2.220 Beiträge
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Maria, das finde ich interessant. Nur "Vater" oder "Mutter" zu schreiben empfinde ich distanzierter als mit dem Personalpronomen. Es erinnert mich an Zeiten, wo man seine Eltern siezte bzw. ein starkes autoritäres Gefälle herrschte, wo ein Kosename wie Mama kein Platz gehabt hatte.

 

Die Distanz habe ich auch bei deinem Buch "Drei Worte auf einmal" empfunden - der Erzähler hat ja auch ein distanziertes Verhältnis zu seinen Eltern, die sich jahrelang um den behinderten Bruder kümmern müssen. Der Erzähler ist sich, wenn ich mich richtig erinnere, dessen auch bewusst - vor allem in den Passagen in der Pubertät (leider habe ich dein Buch gerade verliehen). Dort hat es für mich gepasst. Die Anrede "Mama/Papa" drückt den Wunsch nach Nähe aus.

 

Das Verhältnis meiner Erzählerin zu ihren Eltern ist auch distanziert, nur ist sie sich dessen nicht so bewusst. Sie lebtaufgrund eines traumatischen Erlebnisses in einem Schneckenhaus, ist sauer auf alles, drückt diese Wut, die Enttäuschung und den Schmerz aber nicht aus. Erst im Verlaufe der Geschichte wird dieses alles aufgebrochen.

 

Ich weiß aber nicht, ob das den Unterschied macht - schließlich erzähle ich im Präteritum, und dann, zu einem späteren Zeitpunkt, ist die Distanz ja offengelegt. Leider habe ich dein Buch gerade verliehen, sobald ich es wieder da habe, muss ich nochmal schauen, wie es bei dir wirkt. Mir war bislang noch kein Buch eingefallen, das in der Gegenwart spielt und nicht "mein Vater" schreibt!

 

Sprachlich hatte mich "Drei Wort auf einmal" schon immer sehr beeindruckt :)



#38
MariaK

MariaK
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  • Dabei seit 26.10.11

Danke für das Lob, Ulrike! :)

Ein distanziertes Verhältnis hat mein Protagonist in "Drei Worte auf einmal" zu seinen Eltern eigentlich erst später. Er leidet ja als Jugendlicher sehr darunter, dass die Eltern ihm nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit geben. Der Vater als sehr wichtiger Mensch im Leben des Protagonisten taucht bereits im ersten Satz auf: "'Sieh mal', sagte Vater und zeigte ...". Die Alternative wäre gewesen: "'Sieh mal', sagte Papa und zeigte ..." oder "'Sieh mal', sagte mein Vater und zeigte ...".

Gehen für mich beide nicht. Was funktionieren könnte, wäre noch so etwas wie: "'Sieh mal', sagte Paps und zeigte ...". Aber das hätte nicht in die Zeit gepasst und auch nicht zu dieser Arbeiterfamilie, es ist zu modern, zu amerikanisch. 


Frisch erschienen: "Spring!"

www.mariaknissel.de


#39
UlrikeS

UlrikeS
  • 2.220 Beiträge
  • Dabei seit 15.06.10

Danke für das Lob, Ulrike! :)

Ein distanziertes Verhältnis hat mein Protagonist in "Drei Worte auf einmal" zu seinen Eltern eigentlich erst später. Er leidet ja als Jugendlicher sehr darunter, dass die Eltern ihm nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit geben. Der Vater als sehr wichtiger Mensch im Leben des Protagonisten taucht bereits im ersten Satz auf: "'Sieh mal', sagte Vater und zeigte ...". Die Alternative wäre gewesen: "'Sieh mal', sagte Papa und zeigte ..." oder "'Sieh mal', sagte mein Vater und zeigte ...".

Gehen für mich beide nicht. Was funktionieren könnte, wäre noch so etwas wie: "'Sieh mal', sagte Paps und zeigte ...". Aber das hätte nicht in die Zeit gepasst und auch nicht zu dieser Arbeiterfamilie, es ist zu modern, zu amerikanisch. 

Echt schade, dass dein Buch gerade nicht hier ist. Der Vater im ersten Satz wäre mir sofort aufgefallen.

 

Du bringst mich ins Grübeln. "Mein" Vater zu schreiben bindet den Vater immer ans Bein des Sprechenden. Er existiert nur in der Zuordnung. "Vater" ist eine eigenständigere Person. Völlig autark wird er durch den Vornamen "Dieter". Dann ist er ein Mensch ohne Bindung an die Tochter - nur ist die Tochter diejenige, die spricht. Was will sie eigentlich, wenn sie die Geschichte erzählt? Will sie ihren Vater an sich binden oder autark erscheinen lassen? Oder irgendwas in der Mitte?

 

Fragen über Fragen, die einen immer näher an den Kern der Geschichte dringen lassen.

Danke für die Anregung!



#40
MariaK

MariaK
  • 340 Beiträge
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Echt schade, dass dein Buch gerade nicht hier ist. Der Vater im ersten Satz wäre mir sofort aufgefallen.

 

 

 

 

Du kannst auf Amazon oder auf der Verlagsseite reinlesen. Ich glaube, dass dadurch, dass die Leser von Beginn an von "Vater" und "Mutter" hören und die beiden auch eine wesentliche Rolle in der Geschichte spielen, gewöhnen sie sich sehr schnell daran. Das wäre bei wechselnden Bezeichnungen, wie Brunhilde sie vorschlägt, nicht so.

 

Ich habe übrigens, weil mich das Thema damals auch so beschäftigt hat, nochmal die Passage aus "Spring!" rausgesucht, in der die Mutter eingeführt wird. Die Ich-Erzählerin ist zu dem Zeitpunkt ein Kind:

 

Ich liebe es, wenn die Welt auf dem Kopf steht. So wie jetzt Mutter, die auf mich zukommt: die zerdrückten Ballerinas ganz oben, daran aufgehängt die Knöchel und Waden, um die ein weiter lilafarbener Rock schwingt. Eine bestickte Bluse mit blinkenden Pailletten. Lange rotbraune Haare, im selben Takt schwingend wie der Rock. Es sieht lustig aus, dass die Haare nach oben hängen. Und ganz unten ist der Himmel, ein diffuses Gemisch aus Blau und Grau. Der Himmel als Erde, das gefällt mir.

„Angel“, ruft Mutter. So nennt sie mich seit ein paar Wochen. Das heißt Engel auf Englisch, sagt sie, „und du bist doch mein Engel“. Ich soll sie nicht Mama und schon gar nicht Mutti nennen wie die Mütter der anderen Kinder, auch nicht Regina, wie sie wirklich heißt, sondern ‚Janis‘, weil sie Janis Joplin bewundert und findet, dass jeder Mensch das Recht hat, den eigenen Namen selbst zu bestimmen. Seitdem meide ich es, sie mit Namen anzusprechen.

 

Witzig, oder? Da habe ich wohl unbewusst das Dilemma der Bezeichnung der Mutter im Roman thematisiert. Aber ich habe mich damals selbst bei dieser Kinderperspektive gegen die Bezeichnung "Mama" entschieden. Sicher kann man darüber streiten, aber ich fand es so am besten. 


Frisch erschienen: "Spring!"

www.mariaknissel.de