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Ich und mein Vater


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44 Antworten zu diesem Thema

#41
JenniferH

JenniferH
  • 26 Beiträge
  • Dabei seit 18.11.13

Ich persönlich würde im Ich-Erzähler immer "Mein Vater", "Unsere Mutter" usw. nutzen. 

Auch wenn es vielleicht etwas vom Ich-Erzähler distanziert, ist mir nur "Vater" oder "Mutter" irgendwie zu förmlich. 

 

Ich finde aber auch, dass es auf die Figuren ankommt. Wenn du es nachher liest, fühlst du sicher direkt, ob es passt oder nicht. 



#42
ClaudiaB

ClaudiaB
  • 2.070 Beiträge
  • Dabei seit 11.12.09
Ich liebe es, wenn die Welt auf dem Kopf steht. So wie jetzt Mutter, die auf mich zukommt: die zerdrückten Ballerinas ganz oben, daran aufgehängt die Knöchel und Waden, um die ein weiter lilafarbener Rock schwingt. Eine bestickte Bluse mit blinkenden Pailletten. Lange rotbraune Haare, im selben Takt schwingend wie der Rock. Es sieht lustig aus, dass die Haare nach oben hängen. Und ganz unten ist der Himmel, ein diffuses Gemisch aus Blau und Grau. Der Himmel als Erde, das gefällt mir.

„Angel“, ruft Mutter. So nennt sie mich seit ein paar Wochen. Das heißt Engel auf Englisch, sagt sie, „und du bist doch mein Engel“. Ich soll sie nicht Mama und schon gar nicht Mutti nennen wie die Mütter der anderen Kinder, auch nicht Regina, wie sie wirklich heißt, sondern ‚Janis‘, weil sie Janis Joplin bewundert und findet, dass jeder Mensch das Recht hat, den eigenen Namen selbst zu bestimmen. Seitdem meide ich es, sie mit Namen anzusprechen. [/quote]

 

Ich habe Angelikas Bezeichnung für ihre Mutter immer als Reaktion empfunden - dieses "Mutter" klingt ja seltsam altmodisch. Und ist für mich die einzige Möglichkeit, wie Angelika auf die Verweigerung ihrer Mutter, wirklich Mutter zu sein, reagieren kann ...

Genau aus diesem Grund erschien mir das konsequente "Mutter" zwingend und für die Figur absolut logisch. (Da hat dein Unbewusstes eben wieder gewusst, was es tat ... :))

 

Und genau deswegen finde ich die Überlegungen, wie Elternteile/Verwandte/Figuren im Roman von Ich-Erzählern oder der Erzählstimme bezeichnet werden, absolut wichtig, es sagt so viel ... über Verhältnis, Erzählsituation, Distanz oder Nähe des Erzählers zu den Figuren oder seinem fiktiven Publikum, Gesamtsound.  Und für mich spricht es absolut für den Text, wenn ein und dieselbe Person von verschiedenen Figuren verschieden betitelt wird. Den Lesern sollte man (glaube ich) dieses Unterscheidungsvermögen und die intellektuelle Anstrengung, auch in der U, unbedingt zutrauen. (Achtung Zwinkersmiley, Ironie, aber auch Realität ...  auf jeden Fall gut, wenn man belegen kann, warum man das tut ...)

Viel Glück.

Liebe Grüße

Claudia


Bearbeitet von ClaudiaB, 06.10.2016 - 22:07,

Die Zeitenbummlerin (undercover als Leonie Faber) Rad Novel.
April 2016, Knaur

http://www.claudiabrendler.de


#43
JenniferB

JenniferB
  • 2.136 Beiträge
  • Dabei seit 17.01.11

Das ist sehr gut gemacht - ja!

Und man kann herrlich damit arbeiten, ohne dass der Leser es bewusst wahrnimmt.

Meine Antonia in "Es war einmal Aleppo" schreibst zunächst von Paps. "Paps lenkt den Wagen in die Einfahrt."

Dann steigert sich langsam ein Konflikt zwischen den beiden hoch, bis sie irgendwann auf "mein Vater" umformuliert, weil sie sich plötzlich weit entfernt, distanziert von ihm wahrnimmt.

Ich finde, damit kann man viel machen.



#44
UlrikeS

UlrikeS
  • 1.967 Beiträge
  • Dabei seit 15.06.10

Danke für dein tolles Beispiel, Maria. "Spring!" muss ich auch unbedingt noch lesen!

 

Im Moment ist gerade so viel Unerwartetes los hier, das gar nicht dazukomme, meinen noch namenlosen Gartenroman weiterzuschreiben, daher weiß ich auch noch nicht, wie sich alles so anfühlt. Ich werde aber berichten  :) 

 

LG Ulrike



#45
MichaelT

MichaelT
  • 272 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15
Das ist echt schwierig, ich hänge da auch gerade.

"Mein Vater" und "meine Mutter" finde ich zu distanziert und in Ich-Perspektive nicht authentisch.

"Mama" und "Papa" ist wirklich sehr kindlich.

"Mutter" und "Vater" (ohne "mein(e)") find ich sehr aniquiert.

"Mum" und "Dad" find ich eigentlich sehr gut, aber ist das für eine Protagonistin Mitte 30 realistisch? Sie wird ja ihre Eltern so nennen, wie sie sie immer genannt hat. Der "Mum" und "Dad"-Trend kommt mir aber eher neu vor (also in Deutschland). Oder hat jemand von euch seine Eltern schon vor 20, 30 Jahren so gennant bzw. eure Freunde?

"Paps" find ich gut, aber was wäre da das weibliche Gegenstück?

Bearbeitet von MichaelT, 19.10.2016 - 12:50,