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Vorsilben


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32 Antworten zu diesem Thema

#1
ClaudiaB

ClaudiaB
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Ich denke gerade, anlässlich eines Textes zum Thema Sehnsucht, verschärft über Vorsilben nach. Und vielleicht haben ja einige von euch Lust, gemeinsam nachzudenken, ganz im Ernst und vielleicht mit Spaß.

 

In unser gemeinsamen Lesung hatten Angelika und ich schon die Vorsilben "ent" und "be" in Arbeit - beides kommt in der Zeitenbummlerin vor :"ent"schleunigen, entfreunden und das "be" als Gegenpart, so hatte ich mir das gedacht, als Befruchtung oder Berufung. Ent - als wegnehmen, be als hinzugeben.

Angelika ent - larvt jedoch das "be" in der Lesung als eine sehr besitzergreifende Vorsilbe, bzw als übergriffig, etwas  besteigen, besiegen, be ... tatschen, jemanden belehren. Den mit der Vorsilbe "be" versehenen Verben wird so eine stärkere zielgerichtete Wirkung bescheinigt als transitiven Verben (also zb ich liebe dich, packe dich etc). Für mich allerdings hat das "be" immer noch etwas gleichsam von oben Überzuckerndes: Ein Instrumentalstück wird betextet, der Himmel ist besternt ... Ist es nicht seltsam, dass ein Text vertont wird, ein Musikstück aber betextet und nicht vertextet (bei vertextet stell ich mir was Verwickeltes vor)? Und gerade las ich, dass erlebte Ereignisse verträumt werden, im Sinne von: das Hirn arbeitet (verarbeitet) Erlebtes; so ein bisschen, als ob ein Faden vernäht wird.

Das "ver" ist - glaube ich - vielschichtig. In der Lesung erklärt die Godess of Grammar  (thanks to AlfL für diesen Begriff!) dass "ver" gleich bedeutend mit "weg von mir" ist. Verlieren, vergessen etc. Reflexiv schließt es eine Fehlleistung ein: Sich verirren, verwählen, verlieben ...

 

So weit sind wir also damit. Und jetzt komm ich mit dem, was man sich ersehnt.

Was sagt uns die Vorsilbe: "er"?

Kann man sich versehnen? Besehnen? (Das hieße, im Sinne des Übergriffigen, sich in Sehnsucht wälzen, bis man ganz in sie gekleidet wäre ...) Entsehnen?

Wäre "er" ein Gegenpart zu "ver"? Sich etwas nahe Heranholen, das eigentlich weit weg von einem (ver) beziehungsweise unerreichbar ist?

 

Abgesehen von der Sehnsucht, welche Vorsilben beschäftigen, beglücken, erheitern, entgeistern, verblüffen euch?

 

Vertrackte Grüße

Claudia



#2
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 2.858 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

 ... Ist es nicht seltsam, dass ein Text vertont wird, ein Musikstück aber betextet und nicht vertextet (bei vertextet stell ich mir was Verwickeltes vor)? Und gerade las ich, dass erlebte Ereignisse verträumt werden, im Sinne von: das Hirn arbeitet (verarbeitet) Erlebtes; so ein bisschen, als ob ein Faden vernäht wird.

 

Ja, in der Tat seltsam wundersam, denn ver- sagt schon so was wie: Das geb ich jetzt endgültig weg von mir: verlier es, vergess es, verbrenn es, verheirate ihn (meinen Mann z. B. und damit ist er nicht mehr meiner, sondern futsch :) ).

 

Der vertonte Text ist also einer, der offensichtlich darauf gewartet hat, dass jemand kommt und ihn als solchen auf die Seite schafft, er wird als Text keine weitere Karriere machen, sondern in Zukunft als Lied davon segeln, Leute beglücken, berühmt werden und andere schöne Dinge mehr.

 

Dagegen wird dem Musikstück scheints von Haus aus mehr Respekt entgegengebracht: Es könnte gut und gern für sich existieren, die Leute wärens zufrieden – aber nein, da muss jemand kommen und das arme schöne Ding betexten, sowie man ein Brot mit Nutella bestreicht, bedauernswerte Mitmenschen belehrt, betrügt oder in anderer Weise belästigt.

 

Hat nicht irgendeiner mal gesagt, dass die Tragödie aus der Musik entspringt? Oder wars umgekehrt? 


Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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#3
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 2.858 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Ah, da waren ja noch zwei offene Fragen:

 

Für mich allerdings hat das "be" immer noch etwas gleichsam von oben Überzuckerndes: Ein Instrumentalstück wird betextet, der Himmel ist besternt

 

 

Daran stimmt vor allem das Wort "von oben". be macht intransitive Verben transitiv (und eh schon transitive noch ein Stück weit schärfer). Zum Verständnis: ein transitives Verb ist eines, das unbedingt ein Akkusativobjekt will (ich liebe, hasse, kaufe, koche, esse  ETWAS) die intransitiven ruhen eher in sich (Ich schlafe, träume, wache auf, tanze, sterbe ... Punkt).

 

Die transitiven Verben steuern ziemlich zielstrebig ihr Objekt an, nicht zufällig ist sehr oft das Subjekt in solchen Sätzen belebt, das Objekt unbelebt (also quasi wehrlos). Das unterstellt so etwas wie ein hierarchisches Gefälle, manchmal sogar optisch sichtbar: Du besteigst den Berg (dann biste oben); bekochst oder bemutterst gar jemanden, bedeckst etwas et. Beim besternten Himmel haben wir ein Partizip vor uns, also ein Verb, das in einer Passivform erstarrt ist, hier das Zustandspassiv. Irgendjemand hat den Himmel besternt. Und jetzt denken wir diesen Jemand wieder weg, übrig bleibt der besternte Himmel. Denkerisch irgendwie ein Unding, weil es einen Schöpfungsgedanken braucht und dann doch ohne Kreationismus funktioniert.

 

 

Er ...

Kann man sich versehnen? Besehnen? (Das hieße, im Sinne des Übergriffigen, sich in Sehnsucht wälzen, bis man ganz in sie gekleidet wäre ...) Entsehnen?

Wäre "er" ein Gegenpart zu "ver"? Sich etwas nahe Heranholen, das eigentlich weit weg von einem (ver) beziehungsweise unerreichbar ist?

 

Manchmal ist das Gegenteil von er tatsächlich ver, aber nicht immer. Das kommt von der Janusköpfigkeit von er. Es kann nämlich sowohl den Anfang eines Prozesses bezeichnen (hier oft Gegenteil durch ver möglich):

 

Die Musik erklingt ---- verklingt.

Die Blume erblüht ---- verblüht.

 

... als auch das Ende, das Er(!)gebnis:
 

Ein Haus wird erbaut, eine Summe errechnet, ein Problem erklärt.

 

Das sind dann übrigens immer transitive Verben, die oben sind intransitiv.

 

Eine Art Automatismus lässt sich aber leider nicht daraus ableiten, so dass immer ein Gegenteil ableitbar wäre. Wir sind hier auf dem Gebiet der "Wortbildung", da herrscht grundsätzlich ziemliche Anarchie. Aber das heiß nicht, dass man sich nicht dichterisch selbst als Wortbildner betätigen dürfte. Ich meine, dass ich das Wort "sich entlieben" zum ersten Mal bei Erich Kästner gefunden hatte, später hat es sich dann weiter durchgesetzt, ob es schon den Karrieresprung in ein Lexikon geschafft hat, weiß ich nicht.

 

Auf jeden Fall kann ich mir ein Wort wie "sich versehnen" sehr gut in einem entsprechend vorbereiteten Kontext vorstellen. nachdem sich jemand etwa verbrüht, versengt oder sonstwie verletzt hat.

 

Angelika


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#4
AngelikaB

AngelikaB
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Abgesehen von der Sehnsucht, welche Vorsilben beschäftigen, beglücken, erheitern, entgeistern, verblüffen euch?

 

Faszinierend, greifbar, aber weniger schön von der Bedeutung her, ist die Vorsilbe "zer", da es sich dabei meistens um etwas handelt, was in irgendeiner Form kaputt geht:

 

zerstören, zertreten, zerbeißen, zerkauen, zerbersten, zerfallen, zerkochen (Nudeln), zerbröckeln, zerdrücken, zerspringen ...

 

LG

Angelika


"Wem die Deutschstunde schlägt", Goldmann Verlag, 2014


#5
Angelika Jo

Angelika Jo
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  • Dabei seit 03.07.07

 

Faszinierend, greifbar, aber weniger schön von der Bedeutung her, ist die Vorsilbe "zer", da es sich dabei meistens um etwas handelt, was in irgendeiner Form kaputt geht:

 

Auch dazu habe ich bei Kästner mal eine neue Wortschöpfung gefunden, ich glaube bei "Pünktchen und Anton", wo das Pünktchen sagt: "Ich bin schon ganz zerlacht."

 

Angelika

 

P.S. Prompt meldet mir eine rote Wellenlinie unter zerlacht, dass es dieses Wort nicht geben soll.  :o


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#6
AngelikaB

AngelikaB
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Herrlich! Bei "zerlacht" habe ich mich kaputtgekringelt!  :s01 

 

LG

Angelika


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#7
Hannah Simon

Hannah Simon
  • 1.971 Beiträge
  • Dabei seit 13.09.05

Sehr interessante Beiträge. Am liebsten würde ich etwas beisteuern, ich ZERmatere mir das Hirn  ;) , aber ich muss zugeben, dass ich auf die Vorsilben noch nicht so geachtet habe. (Eher schon auf die Wortneuschöpfungen als Ganzes bei manchen Autoren.) Tatsächlich sind aber zerlachen und versehnen zum VERlieben.

 

Ich stelle leider fest, dass ich automatisch überlegt habe, wo denn diese Bedeutungen der Vorsilben herkommen, und in meinen VERblassenden Lateinkenntnissen gewühlt, bis jetzt aber nix gefunden.


Viele Dinge werden nicht getan, weil sie unmöglich scheinen. Viele Dinge scheinen unmöglich, weil sie nicht getan werden. (Seneca)

#8
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 2.858 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Alles, was ich dazu weiß, stammt aus Wolfgang Fleischers "Wortbildung der Gegenwartssprache" – aber es dürfte immer noch das wichtigste Buch dazu sein, Fleischer war seinerzeit bahnbrechend auf diesem Gebiet.

 

be - etymologischer Zusammenhang mit bei. Dieses Präfix wirkt eigentlich nur noch grammatikalisierend (wie oben beschrieben), eine (eventuell mal vorhandene) Bedeutung ist vollständig verblasst.

ver - etymologisch aus drei verschiedenen gotischen Präpositionen zusammengeflossen, die für sich vorbei, weg und hindurch bedeuteten.

ent - aus ahd. ant (heute noch in Antwort, Antlitz) = entgegenstehend, wahrscheinlich verwandt mit griechisch anti [meine private Vermutung]

er - ahd. ur = aus, heraus.

zer - verwandt mit lat. dis = auseinander [Hier zitiert Fleischer Strittmatter, der etwas "zerdenken" konnte]

 

 

Zu em- (empfangen, empfehlen) habe ich seltsamerweise nichts gefunden, möglich, dass es direkt aus dem griechisch/lateinischen em übernommen wurde.


Bearbeitet von Angelika Jo, 08.11.2016 - 11:44,

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#9
Hannah Simon

Hannah Simon
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  • Dabei seit 13.09.05
... Oder em- ist eine phonologische Assimilation von ent-?
Viele Dinge werden nicht getan, weil sie unmöglich scheinen. Viele Dinge scheinen unmöglich, weil sie nicht getan werden. (Seneca)

#10
ClaudiaB

ClaudiaB
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Wie schön, dass so viel zusammenkommt und das Ganze entzerrt, bedacht und zerpflückt wird.

 

 

Der vertonte Text ist also einer, der offensichtlich darauf gewartet hat, dass jemand kommt und ihn als solchen auf die Seite schafft, er wird als Text keine weitere Karriere machen, sondern in Zukunft als Lied davon segeln, Leute beglücken, berühmt werden und andere schöne Dinge mehr.

 

Dagegen wird dem Musikstück scheints von Haus aus mehr Respekt entgegengebracht: Es könnte gut und gern für sich existieren, die Leute wärens zufrieden – aber nein, da muss jemand kommen und das arme schöne Ding betexten, sowie man ein Brot mit Nutella bestreicht, bedauernswerte Mitmenschen belehrt, betrügt oder in anderer Weise belästigt.

 

Ich glaub, die gotischen Präpositionen (wie geil ist das denn - sorry! ) erklären mir mein Problem mit dem ver. Das Vertonen sehe ich nämlich immer als etwas an, das mit dem "hindurch" zu tun hat, viel mehr als mit dem "weg von". Text und Musik mingeln, klüngeln, verheddern sich aufs Fröhlichste ineinander und so erwächst etwas Neues. Wird betextet, gibt es wenig Berührung, ich seh da immer jemanden, der Oregano über eine Pizza streut. Und es ist natürlich auch so, dass Musik viel seltener einen Text bekommt als umgekehrt, sie lässt das "ver" vielleicht nicht mit sich machen, lässt den Text also nicht hindurch, lässt nicht zu, sich mit ihm zu vermischen, und die Konsequenz: Der Text wird ihr auferlegt.

 

Erlegt ... auch ein schönes Vorsilbenwort.

Er ist das Unklarste, oder?

Diese Stellung hat sie/er sich erschlafen. (Also herausgearbeitet?)

Sie/er errötete. Erschrak. Erbaute sich an ... Er erlegte tausend Büffel, bis sie ihn erhörte.

 

Zer erscheint mir am klarsten, ebenso wie ent.

Etwas wird zerlacht ( :) bis es zerbirst ... nach zer ist nix wie vorher, nach ent ooch nicht, nach zer gibt es Scherben, nach ent etwas, das bedröppelt oder erleichtert allein dasteht.

 

Und dann gibts noch die trennbaren Vorsilben, nicht wahr, Angelikas (beide)? Beistehen, vorgeben, abhauen oder eben auferlegen - das lässt sich wiederum nicht trennen: Ich erlege dir auf, dass du ... hmmmm. Kommt mir irgendwie gotisch vor ... :)

Da ist weniger Anarchie ... Der Anarchiebereich ist spannender, die unklaren Bedeutungen und vor allem die tollen, neuen Wortschöpfungen.

Man kann sich bestimmt versehnen und zwar in mehrfacher Bedeutung, zersehnen sollte man sich aber besser nicht ...

 

Lasst uns tiefer eindringen und vordringen in die wunderbare Welt der Vorsilben und uns neue Bedeutungen erzaubern

 

Beseelte Grüße

Claudia


Bearbeitet von ClaudiaB, 08.11.2016 - 14:56,


#11
Hannah Simon

Hannah Simon
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Bin schon ganz zerzaubert davon.
Viele Dinge werden nicht getan, weil sie unmöglich scheinen. Viele Dinge scheinen unmöglich, weil sie nicht getan werden. (Seneca)

#12
AngelikaB

AngelikaB
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Total spannendes Thema!

 

"Auferlegen" ist tatsächlich trennbar: Ich erlege ihm etwas auf. Laut Duden sind aber sowohl die trennbare als auch die nicht trennbare Variante möglich. Von dieser Variante (Verben mit zwei Präfixen) gibt es noch ein paar schöne: anvertrauen, nacherzählen, beanstanden, beabsichtigen, bemitleiden, bevormunden, veranstalten.

 

Verben mit trennbaren Präfixen sind mir die liebsten, weil es so viel Spaß macht, sie zu unterrichten. Die Schüler schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, wenn man einen ellenlangen Satz macht und das Präfix dann ganz ans Ende setzt: an-, auf-, an-, aus-, ab-, zu-, mit-, vor-, ein-, weg-, weiter-, fern-, fort- und vieeeele andere. Witzig ist bei diesen, dass sie eine eigene Bedeutung haben, also eigenständige Wörter sind. Die nicht trennbaren, wie be-, ver-, zer-, ent- ... bedeuten nix und können deshalb nicht von der Mama getrennt werden. Bei "er" streite ich mich dann immer mit meinen Schülern, die behaupten, dass "er" durchause in deutsches Wort ist.

 

Interessant ist auch, dass sich je nach Präfix die Wortbetonung verschiebt: Bei Wörtern mit trennbaren Präfixen wird das Präfix betont: AUFmachen, ZUmachen, aber bei nicht trennbaren der Hauptvokal des Verbs: versUchen, bezAhlen. Ach ja, da bin ich im Urlaub und tue doch nix lieber, als mich mit der deutschen Sprache zu beschäftigen. ;D

 

LG

Angelika


"Wem die Deutschstunde schlägt", Goldmann Verlag, 2014


#13
ClaudiaB

ClaudiaB
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Hallo ihr lieben Kundigen,

sich sehnen nach ... ist doch sowohl transitiv als auch reflexiv, richtig? Und wenn ich ihm eine Vorsilbe verpasse, also: ersehnen, wird es zum unecht reflexiven Verb, das auch ohne Bezug zum Subjekt funktioniert. Denn ich kann mir etwas ersehnen, einen schmucken Dativ zum Beispiel, mit dem man sich dufte unterhalten kann,  abgesehen davon, dass er gut aussieht, aber ich kann auch einfach so, out of the blue, etwas ersehnen. (?) Die Vorsilbe aus dem anarchistischen Bereich der Grammatik hat dem Sehnen nun nicht gerade Flügel verliehen, aber sie hat was bewirkt. 

Wie ist es denn mit eigentlich mit doppelten, trennbaren Vorsilben wie herbeisehnen, die ja, wie AngelikaB sagt, eine Bedeutung haben: Hat aber nicht das her und das bei eine eigene Bedeutung?

 

Noch schönen Urlaub, AngelikaB!

Liebe Grüße

Claudia



#14
AndreasS

AndreasS
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Großartiges Thema.

Setzt man Vorsilben etwas anarchistisch ein, kann man damit Tolles mit Verben anstellen, ihnen einen zusätzlichen Dreh geben. Vielleicht besonders interessant für literarische Belletristik. Ich spinne mal rum mit zwei fiktiven Romananfängen und greife auch Dein "Sehnen" auf, Claudia:

 

 

Mit dem Krieg waren wir nie in Berührung gekommen. Bis Großvater an einem sonnigen Junimorgen beim Pflügen seines Ackers auf eine vergessene Mine trat und in Millionen Moleküle zerstarb.

 

 

Eine Woche nach der Begegnung mit der schönen Marilla hatte sich Jimmy so vollständig nach ihr zersehnt, dass er nur noch ein Schatten seiner selbst war.



#15
Angelika Jo

Angelika Jo
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Hallo ihr lieben Kundigen,

sich sehnen nach ... ist doch sowohl transitiv als auch reflexiv, richtig? Und wenn ich ihm eine Vorsilbe verpasse, also: ersehnen, wird es zum unecht reflexiven Verb, das auch ohne Bezug zum Subjekt funktioniert. Denn ich kann mir etwas ersehnen, einen schmucken Dativ zum Beispiel, mit dem man sich dufte unterhalten kann,  abgesehen davon, dass er gut aussieht, aber ich kann auch einfach so, out of the blue, etwas ersehnen. (?)

 

Also, 1. sich sehnen nach ist ein echtes reflexives Verb mit einem Präpositionalobjekt. Transitiv ist es nicht, tut mir Leid.

 

2. Echte Reflexiva sind relativ selten (wertvoll! :) ), unechte sind solche, die eigentlich transitiv auf die Welt kommen, sich also eigentlich nur auf ein Akkusativobjekt stürzen wollen, das sich aber bei näherem Hinsehen als personalidentisch mit dem Subjekt des Satzes herausstellt. Sämtliche Verben, die wir im Badezimmer brauchen, gehören dazu:

Ich wasche mich    – ich könnte aber auch dich oder ihn oder sie waschen

... kämme, bürste, schminke mich, dich, euch etc.

Und analog dazu auch so was wie: Das freut mich/dich/ihn ,,, vs. Ich freue mich, ärgere mich, empöre mich etc.

Echte Reflexiva sind dagegen sich sehnen nach und sich schämen. Ein * etwas schämt mich gibt es nicht.

 

 

Wie ist es denn mit eigentlich mit doppelten, trennbaren Vorsilben wie herbeisehnen, die ja, wie AngelikaB sagt, eine Bedeutung haben: Hat aber nicht das her und das bei eine eigene Bedeutung?

 

 

3. Ja, die trennbaren Vorsilben sind – größtenteils entstanden aus Präpositionen – prallvoll mit gut sichtbarer Bedeutung (sofern man Präpositionen Bedeutung zugestehen will, darüber wird in der Linguistik gestritten). Im Falle von herbei haben wir keine Präposition, sondern ein Adverb, das sich seinerseits zusammensetzt aus einem Präfix – her – und der Präposition bei. Da Präfixe ja auch immer von irgendwoher kommen müssen und da der Unterschied von hin und her des öfteren Schwieerigkeiten macht , noch ein Blick darauf: her leitet sich ab von hier, also nochmal einem Adverb.

 

O, diese Wortarttiere, ein ganzes Rudel läuft jetzt schon herum hier!

Angelika


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#16
ClaudiaB

ClaudiaB
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Mit dem Krieg waren wir nie in Berührung gekommen. Bis Großvater an einem sonnigen Junimorgen beim Pflügen seines Ackers auf eine vergessene Mine trat und in Millionen Moleküle zerstarb.

 

 

Eine Woche nach der Begegnung mit der schönen Marilla hatte sich Jimmy so vollständig nach ihr zersehnt, dass er nur noch ein Schatten seiner selbst war.

 

Schööön. :)   Lasst uns mehr solche Sätze finden oder lasst die Sätze uns finden.

 

Ich spiele auch gerade mit den Vorsilben herum (und, ja, ich konnte nicht anders, ich habe "ihn" in der kurzen Geschichte zum Experten für gotische Präpositionen machen müssen ... )

 

 ... die Erkenntnis, dass das besehnte Objekt dem Tageslicht nicht standhalten würde, noch nicht einmal dem Licht des Motelzimmers hinter der Raststätte.

(Ist noch nicht ausgereift  ...)

 

 

Ah, Angelika, dann sind transitive Verben also nur so etwas wie: Ich besitze, besteige, begreife dich/den Berg/den Kommunismus? (Reihenfolge austauschbar!) Obwohl doch das dich etc dann auch ein Akusativobjekt ist??? Oder net???

 

beseelte Grüße

Claudia


Bearbeitet von ClaudiaB, 10.11.2016 - 22:25,


#17
Angelika Jo

Angelika Jo
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Ah, Angelika, dann sind transitive Verben also nur so etwas wie: Ich besitze, besteige, begreife dich/den Berg/den Kommunismus? (Reihenfolge austauschbar!) Obwohl doch das dich etc dann auch ein Akusativobjekt ist??? Oder net???

 

beseelte Grüße

Claudia

 

Nein, nein, transitiv ist nicht alles, was ein be- vorne hat, sondern alles, was ein Akkusativobjekt begehrt. Also:

Ich liebe dich. Ich hasse dich. Ich ohrfeige dich. Ich trage dich im Garten herum.  Ich verkaufe dich.

 

Bei so was wie Ich warte auf dich haben wir im dich zwar formal einen Akkusativ dastehen. Der ist aber nicht Konsequenz des Verbs, sondern Konsequenz der Präposition auf. Weshalb wir hier ein Präpositionalobjekt haben. Der Unterschied mag haarspalterisch erscheinen, hat aber syntaktisch weit greifende Konsequenzen. Wenn du etwa versuchst, alle diese Sätze zu negieren, wirst du einen Unterschied feststellen (und vielleicht an Nichtmuttersprachler erinnert, die mit der Stellung von nicht oft enorme Probleme haben):

 

Ich liebe dich nicht.

Ich hasse dich nicht.

Ich ohrfeige dich nicht.

Ich trage dich nicht im Garten herum.

Ich verkaufe dich nicht.

 

Ich warte nicht auf dich.

 

Gute Nacht und keine Alpträume trotz alledem.

 

Angelika


Bearbeitet von Angelika Jo, 10.11.2016 - 22:47,

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#18
ClaudiaB

ClaudiaB
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Ah! Es ist die Konsequenz der Präposition. (Was für ein Buchtitel das wäre!!!!) Deshalb auch die Nicht-Transivität beim sich Sehnen nach.

 

Das mit dem besteigen, besitzen etc hab ich mir einfach gemacht, aber es war mir klar, dass es nicht nur Be-Wörter sind. Das Beispiel macht es nochmal schön deutlich. Am besten gefällt mir "Ich trage dich im Garten herum." Das ist doch eine schöne Idee :) Alles andere dagegen ist nur Pille-Palle ...

 

Good night

Claudia



#19
Angelika Jo

Angelika Jo
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:D  :D  :D


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#20
Manfred

Manfred
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Sehr interessante Beiträge. Am liebsten würde ich etwas beisteuern, ich ZERmatere mir das Hirn  ;) , aber ich muss zugeben, dass ich auf die Vorsilben noch nicht so geachtet habe. (Eher schon auf die Wortneuschöpfungen als Ganzes bei manchen Autoren.) Tatsächlich sind aber zerlachen und versehnen zum VERlieben.

 

Ich stelle leider fest, dass ich automatisch überlegt habe, wo denn diese Bedeutungen der Vorsilben herkommen, und in meinen VERblassenden Lateinkenntnissen gewühlt, bis jetzt aber nix gefunden.

 

Hallo in die Runde,

 

wie ihr hier die deutsche Sprache zelebriert. Ist doch schön, was in den Vorsilben, bzw. Präfixen alles drin steckt. Der Linguist sagt „sie sind sehr produktiv im Deutschen“, besonders beim Verb. Das schätzen angelsächsische Germanisten auch oft an unserer Sprache. Präfixe hat das Englische zwar auch, hat aber die meisten germanischen (z.B. „be“ wie im archaischen „be-sing“)  zugunsten romanischer u.a. aufgegeben.  Geblieben ist z. B. „be-head“, also eher im gruseligen Bereich. Wird offenbar noch benötigt. Aber dann gibt’s ja auch „be-stow“ zum Ausgleich. Dabei war „be-“ im Englischen mal sehr verbreitet:

 

... beleaguer, bestand, beset, besit, begather, belay, belook, bestir, belive, besmell, bewrap, bewrite, betalk, betell, bemoan, bemourn, bewail, beknow, besing, bespeak

 

... and on and on it goes ...

 

Dieses  „be-“ hat dieselben Wurzeln wie im Deutschen und anderen germanischen Sprachen wie im Schwedischen und Niederländischen. Sie alle kommen vom Protogermanischen bi“ (“nah, bei”) und dies angeblich aus dem Protoindoeuropäischen.

 

Und an dieser Stelle schaudern die geneigten Zuschauer von 3Sat auch mal gerne ob solch langer Historie. Dabei ist der größte Teil eher Rekonstruktion, nicht unumstritten und  reicht auch nicht gaaaanz so tief in die Entwicklung der menschlichen Sprache, vielleicht mal so schlappe drei Prozent des Weges. Das Problem ist halt, dass die kreativen Höhlenkünstler des Jungpaläolitikums so verdammt wenige Tonaufnahmen hinterlassen haben und noch 25000 Jahre auf die Phönizier warten mussten, um alles aufzuschreiben. Dumm gelaufen für die Sprachhistoriker, aber schön schauderlich.

 

Jetzt fragt man sich, warum denn die Sprecher des Englischen die schönen germanischen Präfixe aufgegeben haben. Klar, Normannisch und Latein waren präsent. Aber warum welche Präfixe? Bastardisierte Sprache? Opportunistische Sprecher? Versteht mich nicht falsch. Das hat mit der Tagespolitik nichts zu tun. Es geht hier um Sprachgeschichte.

 

Also, richtig weit gekommen sind sie mit den romanischen Präfixen auch nicht, denn die kommen ja aus demselben indogermanischen Fundus, nur über andere Umwege. Wenn sich die Eigentümer der englischen Sprache wirklich hätten sprachlich unabhängig machen wollen, dann hätten sie sich mit ihren Präfixen besser an den Bantusprachen orientiert. Die haben nix mit den angeblichen Indoeuropäern zu tun. Das sind agglutinierende Sprachen, die die Deklinationsklasse durch Präfixe markieren. Auch ne schöne Sache, aber weit weg vom Thema hier – und ziemlich unsemantisch.

 

Benommene Grüße,

 

Manfred


Bearbeitet von Manfred, 13.11.2016 - 09:52,