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Fragen an Dr. Jodl


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28 Antworten zu diesem Thema

#1
Andreas

Andreas
  • 3.453 Beiträge
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Liebe Doktor Jodl Redaktion,

 

wenn ich so in mich hineinschaue, habe ich das Gefühl, meine Grammatik ist kleiner als die der anderen Jungs in der Dusche.

Neulich habe ich mich über Bücher und Bänke unterhalten. Und folgende Frage tauchte auf:

  • Du kannst das Buch neben dich auf die Bank legen
  • Du kannst das Buch neben dir auf die Bank legen

Gehe ich recht in der Annahme, dass beides korrekt ist? Das eine bezieht sich auf "neben wen" und das andere auf "wohin"?

 

Wenn dem so ist, und ich gehe davon aus, dass es eine gewitzte Erklärung mit zauberhaften Fachwörten dafür gibt, wäre es dann auch korrekt anzunehmen, dass

  • Sie legte das Buch neben sich auf die Bank
  • Sie legte das Buch neben sie auf die Bank

die korrekte Entsprechung wären?

 

In der Hoffnung auf grammatisches Wachstum,

 

Andreas (45)*

 

*Name der Redaktion bekannt



#2
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 2.790 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Also, hier erst mal das große Handtuch, bevor du aus der Dusche steigst. Und dann die beruhigend eindeutige Botschaft:

In beiden der von dir zitierten Fälle geht nur die erste Variante. Das liegt vornehmlich an der Präposition neben und dann auch am Verb legen.

 

neben ist neben in, an, auf, über, unter, vor, hinter, zwischen eine so genannte Wechselpräposition. Wechsel, weil sie nicht wie andere Präpositionen einen immer fest stehenden Kasus nach sich zieht (so wie zu immer mit Dativ oder für immer mit Akkusativ), sondern die Auswahl zwischen Dativ und Akkusativ bereithält (so kommt dein Problem überhaupt auf die Welt). 

Auf wen die Wahl fällt, hängt dann wiederum ab vom Charakter des Verbs. Benennt es einen Ortswechsel von A nach B? Dann folgt Akkusativ. Kein Ortswechsel, statischer Zustand? Dann Dativ. Also:

 

Ich setze, stelle, lege, hänge etwas neben mich.       Das Trumm sitzt, steht, liegt, hängt neben mir.

 

Und bei der dritten Person folgt das Reflexivpronomen: Sie legt das Buch neben sich auf die Bank. – Neben sie wäre grammatikalisch nicht unkorrekt, man denkt dann aber zwangsläufig an zwei Frauenzimmer, die eine, die das Buch legt, die andere, neben die sie es legt.

 

Und? Wachstum erfolgt?


Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#3
IngridA

IngridA
  • 164 Beiträge
  • Dabei seit 27.01.14

Bei mir schon. Danke!

Ich wachse immer gern mit.

Liebe Grüße,
Ingrid



#4
Andreas

Andreas
  • 3.453 Beiträge
  • Dabei seit 10.02.05

Fantastisch. Sofort sichtbare Resultate, schon nach einer Anwendung. :D



#5
DorisC

DorisC
  • 1.273 Beiträge
  • Dabei seit 25.07.11

Ja, das habe ich kapier!

 

Und weil sich hier plötzlich und unerwartet diese absolut wunderbare Möglichkeit ergibt, hänge ich mich sofort mit einer anderen scheinbar einfachen Frage dran:

 

Alle Männer empfanden sich als Brüder, insbesondere die des gleichen/des selben Stammes.

 

Gibt es dafür vielleicht auch eine gleiche/selbe einfache (und einprägsame!) Lösung?

 

Danke!

Doris

 

 

 

 


MAROKKO-SAGA bei Blanvalet: Das Leuchten der Purpurinseln, ISBN: 978-3-442-37874-6; Die Perlen der Wüste, ISBN: 978-3-442-37875-3; Das Lied der Dünen, ISBN: 978-3-7341-0102-1


#6
AngelikaB

AngelikaB
  • 128 Beiträge
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Hach ja, die lieben Wechselpräpositionen. Frau Jodl, besser hätte ich es auch nicht erklären können. ;)  Noch eine kleine Anmerkung zu unserem Andreas (Ich vermute ja, das ist in Wirklichkeit der Name seiner Hausmöwe):

 

>Das eine bezieht sich auf "neben wen" und das andere auf "wohin"?

Beide Fragen würden einen Akkusativ nach sich ziehen, hätten also ein "neben dich" als Antwort. Die passende Frage für die Antwort "neben dir" wäre "neben wem" bzw. "wo", würde dann aber in eben der Antwort, wie bereits von Frau Jodl erklärt, eines statischen Verbs bedürfen, hier des Verbs "liegen".

 

Herzliche Grüße

Angelika


"Wem die Deutschstunde schlägt", Goldmann Verlag, 2014


#7
AngelikaB

AngelikaB
  • 128 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

Liebe Doris,

 

da ich gerade online bin, gehe ich diese Frage mal an:

 

Wenn wir in einem Büro auf demselben Stuhl säßen, würde es ziemlich eng werden, wenn doch auch gleichzeitig ziemlich kuschlig. :o) Wenn wir aber auf dem gleichen Stuhl sitzen würden, dann wären unsere Stühle vermutlich vom selben Hersteller und sähen sich zum Verwechseln ähnlich.

 

LG

Angeliia


"Wem die Deutschstunde schlägt", Goldmann Verlag, 2014


#8
DorisC

DorisC
  • 1.273 Beiträge
  • Dabei seit 25.07.11

Aah (es wurde Licht)!

Vielen Dank, liebe Angelika, mit diesen Stühlen vor meinem inneren Auge werde ich jetzt und in Zukunft klar kommen!

 

LG

Doris


MAROKKO-SAGA bei Blanvalet: Das Leuchten der Purpurinseln, ISBN: 978-3-442-37874-6; Die Perlen der Wüste, ISBN: 978-3-442-37875-3; Das Lied der Dünen, ISBN: 978-3-7341-0102-1


#9
BarbaraMM

BarbaraMM
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Tschuldigung, aber müsste es nicht bei den Stühlen heißen: "... sie sähen einander zum Verwechseln ähnlich"? LG, Barbara


Jedenfalls bleibt die Tatsache, dass es im Leben nicht darum geht, Menschen richtig zu verstehen. Leben heißt, die anderen misszuverstehen ... Daran merken wir, dass wir am Leben sind: wir irren uns. (Philip Roth)

#10
SabineB

SabineB
  • 990 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

Kannst Du mal den genauen Link online stellen? Ich kriege keine entsprechende Seite aufgerufen.

LG
Heike


Herrlich!

Wunderbar vor allem, das Andreas jetzt den anderen Jungs unter der Dusche mal so richtig zeigen kann, wo die Grammatik hängt.

Bearbeitet von SabineB, 08.11.2016 - 23:14,

"Das mit dir und mir" - Jugendroman, 1. Dezember 14 bei dtv, "A Song about Love" - Young Adult, 1. Juli 2015 bei BoD, "Das Zwillingsmatch" - Young Adult, 15. Januar 16 bei BoD

#11
Angelika Jo

Angelika Jo
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Tschuldigung, aber müsste es nicht bei den Stühlen heißen: "... sie sähen einander zum Verwechseln ähnlich"? LG, Barbara

 

Nein, das hat meine Namensvetterin schon richtig benannt: sich ist ein schönes, vollwertiges Synonym für einander

 

Oder eigentlich müsste ich sagen, einander ist das Synonym. es wird nämlich eher in den Ausnahmefällen eingesetzt, wenn etwa

 

- ein sich sich sonst verdoppeln würde, also aus stilistischen Gründen

 

- ausgeschlossen werden soll, dass das sich sich auf zwei verschiedene Personen reflexiv bezieht anstatt reziprok (wem das zu hoch ist, der lese "Fräulein Praxenschlagers reziproke Verben" im letzten Ferienlesebuch von dtv; oder wenn

 

- mit einer Präposition verbunden werden muss: zueinander, gegeneinander, füreinander, miteinander ...

 

Grüße zur Nacht,

Angelika


Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#12
AngelikaB

AngelikaB
  • 128 Beiträge
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@ Barbara: Nö, nicht notwendigerweise. Eine reziproke (wechselseitige) Beziehung zwischen zwei Subjekten lässt sich (meistens - Ausnahmen gibt es natürlich auch hier) entweder durch Reflexivpronomen (uns, euch, sich) ausdrücken oder durch das reziproke "einander". Ich kann also sagen:

 

Wir begrüßten uns / einander herzlich.

Trefft ihr euch / einander in der Bar?

Sie sehen sich / einander ähnlich.

 

In diesen Fällen würde man aber eher selten das Pronomen "einander" benutzen. Nur in Fällen, wo das Reflexivpronomen nicht eindeutig ist, würde man auf "einander" ausweichen, z.B.:

 

"Sie ärgern sich" kann (aus dem Kontext gerissen) sowohl eine reflexive Bedeutung haben, dass "sie" sich also (selbst) über etwas ärgern als auch eine reziproke Bedeutung. Im letzteren Fall wäre ein "einander" angebracht: "Sie ärgern einander", wobei man auch da vermutlich eher so was wie: "Sie ärgern sich gegenseitig" sagen würde.

 

LG

Angelika

 

Nachtrag: Post überschnitten. ;D Da war meine Kollegin mit dem schönen Namen schneller.


Bearbeitet von AngelikaB, 07.11.2016 - 23:23,

"Wem die Deutschstunde schlägt", Goldmann Verlag, 2014


#13
SusanneL

SusanneL
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Liebe Frau Dr. Jodl,

mit Spannung und großem Vergnügen verfolge ich diesen Thread. Dabei bin ich über das Wort Trumm gestolpert.
Ist damit das etwas fülligere Wesen - männlich oder auch weiblich - gemeint?
Das nämlich kenne ich - gebürtige Ostwestfälin - als der Trumm.

Herzliche Grüße aus Niedersachsen!


Homepage

ab Mai 2017 Pusteblumensommer (Ullstein TB) & Sommer mit Lilo (List TB - als Rieke Schermer)


#14
UlrikeS

UlrikeS
  • 1.931 Beiträge
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Liebe Frau Dr. Jodl,

mit Spannung und großem Vergnügen verfolge ich diesen Thread. Dabei bin ich über das Wort Trumm gestolpert.
Ist damit das etwas fülligere Wesen - männlich oder auch weiblich - gemeint?
Das nämlich kenne ich - gebürtige Ostwestfälin - als der Trumm.

Herzliche Grüße aus Niedersachsen!

Ich will mal raten - "das Trumm" ist kein Mensch, sondern die Einzahl zu "Die Trümmer"und bezeichnet einfach ein sehr großes Teil??



#15
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 2.790 Beiträge
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Ja, es ist ein großes Ding damit gemeint, groß und ungeschlacht (von daher motiviert sich vielleicht der Plural Trümmer, der bezeichnet ja Kaputtgegangenes).

Es ist sächlich, eben ein Ding, aber im Bairischen können wir das mit Menschen verknüpfen: "a Trumm Weiberts", "a Riesntrumm Mannsbild".

 

 

Angelika

 

P.S. Schön, dass so viel aus Andreas' Duschtrauma entsteht!


Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#16
JulianeB

JulianeB
  • 798 Beiträge
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Ja, es ist ein großes Ding damit gemeint, groß und ungeschlacht (von daher motiviert sich vielleicht der Plural Trümmer, der bezeichnet ja Kaputtgegangenes).

Es ist sächlich, eben ein Ding, aber im Bairischen können wir das mit Menschen verknüpfen: "a Trumm Weiberts", "a Riesntrumm Mannsbild".

 

 

Angelika

 

P.S. Schön, dass so viel aus Andreas' Duschtrauma entsteht!

 

Und ein Zamperl kann sogar Trümmerl scheißen. ;D (Dann aber bitte hinterher das Glump mit dem roten Sackerl aufklaubn und in den Mülleimer werfen! Es könnte  natürlich auch sein, dass es dann neben etwas anderem zu liegen kommt, das man sogar mit einem Personalpronomen bennen kann.)

 

Danke für diese heitere Grammatikstunde mit und ohne Handtuch, Hauptsache nach dem Duschen wird dann auch frische Wäsche angezogen...

 

Juliane


"Man kann auf seinem Standpunkt stehen, aber man sollte nicht darauf sitzen."

Erich Kästner

Vorträge und Lesungen einstudieren  und  Autorenseite Juliane Breinl


#17
ClaudiaB

ClaudiaB
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Und bei der dritten Person folgt das Reflexivpronomen: Sie legt das Buch neben sich auf die Bank. – Neben sie wäre grammatikalisch nicht unkorrekt, man denkt dann aber zwangsläufig an zwei Frauenzimmer, die eine, die das Buch legt, die andere, neben die sie es legt.

 

Um mal die Vorsilben reinzubringen ... Was ist denn hiermit?

 

Ich legte das Buch auf der Bank ab, direkt neben seinem nervös wippenden Bein, und er blickte von seinem Smartphone auf und sagte, ey vollkrass, was is das denn?

Durch das Ablegen dativt mir es so ... stimmt das? (Obwohl es genau genommen ortswechselt.)

Bei: Ich lege es auf die Bank, würde ich natürlich: direkt neben sein (in knielangen Badehosen steckendes) Bein schreiben.

 

Mischform: Ich legte das Buch auf der Bank ab, legte es direkt neben sein nervös wippendes Bein, und als er von seinem Smartphone aufblickte, fragte ich ihn, ob sein Oberschenkel nun im Akkusativ oder im Dativ wippe, und er sah mich an und sagte ... (das wollen wir jetzt lieber nicht wissen).

 

Wie ist das beim Ablegen? Oder hiermit: Ich legte das Buch auf der Bank ab, platzierte es genau neben seinem Bein, in der Hoffnung, er würde endlich von seinem Smartphone aufblicken und mit mir über Adorno diskutieren.

 

Vorsilbige Grüße

Claudia


Die Zeitenbummlerin (undercover als Leonie Faber) Rad Novel.
April 2016, Knaur

http://www.claudiabrendler.de


#18
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 2.790 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Absolut richtig alles, vorsilbig Vorwitzige! Bei dem hier: 

 

Ich legte das Buch auf der Bank ab, direkt neben seinem nervös wippenden Bein

 

hast du es durch das Ablegen geschafft, den (auch grammatikalisch bestimmten) Blick ganz auf den Punkt zu lenken, wo das Buch – abgelegt, wie es nun ist – auf statische Weise liegt und somit Dativ erfordert.Und auch die Mischform ist stimmig, da schwankt das Bild nach vorne und wieder zurück, das Buch ist erst angekommen, dann sehen wir es noch im Schwung und so gehts hin und her mit Dativ und Akkusativ.

 

Ja, das ist es, was Vorsilben können, sie bringen eherne Gesetze der Syntax durcheinander. Zum Beispiel sagt eine Regel, dass intransitive Verben, die das Perfekt mit sein bilden – also etwa gehen, wachsen, kommen – kein attributives Partizip II bilden können: * der Gewachsene, Gegangene, Gekommene geht nicht, gibts nicht. Aber das untergegangene Schiff gibts dann doch. 

 

Weil die Präfixe Bedeutung ins Spiel bringen. Je trennbarer, desto Bedeutung. Aber auch die untrennbaren schaffen das, darin würde ich meiner klugen Namensvetterin übrigens gerne widersprechen: Das vergangene, begangene, entgangene, zerflossene etc. Es sind natürlich nur kleine Vorsilblein, aber nicht weit weg von ganz lexikalischen Burschen wie dem schön gewachsenen Baum, dem voll auf seine Kosten gekommenen Kunden.

 

Die Partizipien führen ab vom Thema, aber sie sagen was über Vorsilben.

 

Gute Nacht und morgen wird die Welt wahrscheinlich eine andre sein, Angelika


Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#19
AngelikaB

AngelikaB
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Weil die Präfixe Bedeutung ins Spiel bringen. Je trennbarer, desto Bedeutung. Aber auch die untrennbaren schaffen das, darin würde ich meiner klugen Namensvetterin übrigens gerne widersprechen: Das vergangene, begangene, entgangene, zerflossene etc.

 

Aber nein, liebe Namensbase. Wir sind da absolut gleicher Meinung, dass die untrennbaren Präfixe die Verben auf bedeutsamen Trab bringen. Ich meinte nur, dass die untrennbaren Präfixe allein etwas bedeutungslos dastehen, da sie keine eigenständigen Wörter sind, sprich man sie nicht als solche im Duden finden kann. Kombiniert mit Verben, ja, da können sie so richtig zeigen, was sie können. :)

 

Gute Nacht

 

Angelika


"Wem die Deutschstunde schlägt", Goldmann Verlag, 2014


#20
HelgaJK

HelgaJK
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Ich hoffe, dass meine Frage in diesen Strang gehört, sonst bitte verschieben.

Liebe Angelikas, wie gehe ich mit einem Begriff in Anführungszeichen vor, wenn er am Ende der direkten Rede steht?

Konkret in diesem Fall:

"Ja. In der Heckscheibe klebt ein roter Sticker "der schöne Anton"."

Ich finde, das sieht mit dem Punkt zwischen den Anführungszeichen irgendwie komisch aus. Wäre mir aber egal, wenn das richtig ist.

Nur: Ist es richtig?

 

LG

Helga