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Macho Literaturbetrieb


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66 Antworten zu diesem Thema

#41
MartinC

MartinC
  • 628 Beiträge
  • Dabei seit 10.06.13

@ ChristianeL

 

ich kann dir nur voll beipflichten.  Nach wie vor werden männliche Erlebens- und Handlungsräume für wichtiger, wertvoller und bedeutender erachtet.  Was bitte ist an Female Romance besser oder schlechter, als an Male Romance (Herr der Ringe, Mankell ... Sherlock Holmes ...)? Ein schönes Beispiel dafür ist das Ergebnis eines Experiments der Uni Hannover: Männliche Bewerbungsschreiben sind knapper, mehr auf den Punkt und kompetenter. Weibliche sind ungenauer, zeigen Entscheidungsschwäche, sind ausschweifend. Das stellten zwei Gruppen Personaler (paritätisch Männer und Frauen) fest, nachdem sie im Rahmen dieses Experiments Bewerbungsmappen ohne Fotos bewertet hatten. Die Männer bekamen 1. mehr Gehalt zu gesprochen und zweitens im Verhältnis 70/30 dern Vorzug bei der Stellenvergabe, und zwar auch von den Frauen!!! Ihr ahnt es vielleicht: Beide Personalergruppen bekamen die gleichen Texte, nur dass die Namen, also die Geschlechter vertauscht wurden. Entscheider sind also allein durch das Wissen, welchem Geschlecht DER Bewerber angehört unbewusst voreingenommen. Die erfreuliche Konsequenz in vielen Betreiben: Die Bewerbungsschreiben werden anonymisiert, auch die Fotos werden weggelassen.

 

Für mich gibt es weder die bösen Männer, noch die die Frauen, die ja selber Schuld sind, sondern wie bereits gesagt, eine über Jahrhunderte gewachsene Struktur, die in Deutschland allerdings schon erfreulich stark aufgelöst wurde. Wenn das so weitergeht, wird in ein oder zwei Genrationen dieses Problem verschwunden sein.

 

LG

Martin


_______________________________________________________

www.martinconrath.de

Jede Art des Schreibens ist erlaubt - nur nicht die langweilige (Voltaire)


#42
UlrikeS

UlrikeS
  • 1.930 Beiträge
  • Dabei seit 15.06.10

Sorry, ich gebe es echt auf in diesem thread zu diskutieren. :(

 

Auch was du schreibst, Ulrike, ist richtig (auch interessant), bringt uns der Antwort zur Grundfrage aber nicht näher.

Warum ist die Stellung der Frau so schlecht (beginnend mit dem Artikel über die Benachteiligung bei der Preisvergabe), müssten die Bedingungen / das Umfeld für Frauen in der Literatur doch besser/günstiger sein als in der Atomphysik?

 

Eine Antwort auf diese Frage bietet Christianes Einwurf mit der strukturellen Diskriminierung.

Warum es die gibt? Tja, die Evolution, jahrhundertelange Tradition, Erziehung, Klischees ... Das Umfeld der Literatur ist ein Spiegel dessen, genauso wie die Atomphysik, wenn auch mit völlig anderem Ergebnis.

 

Interessanter finde ich die Frage, was man dagegen unternehmen kann - analog zu anonymen Bewerbungen das Geschlecht unkenntlich machen bei der Agentur/Verlagssuche und evtl. sogar beim Buchverkauf?? Wobei das letztere einem gespenstisch erscheint.



#43
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
  • 5.295 Beiträge
  • Dabei seit 12.03.08

Sind Literaturpreise so wichtig? Warum immer dieses Opferdenken? Es gibt doch eine Menge erfolgreicher Autorinnen in Deutschland, die von ihren Verlagen geschätzt werden und gut verkaufen. Manche sogar sehr gut. Nina George selber ist außergewöhnlich erfolgreich. Nur für einen Literaturpreis haben süßlich, romantische Romane wie "Das Lavendelzimmer" wohl eher wenig Chancen, egal ob von einem Mann oder einer Frau geschrieben. Genauso wenig wie historische Romane oder handfeste Thriller. 


Der Bastard von Tolosa, Die Comtessa, Die Hure Babylon, Das Schwert des Normannen, Die Rache des Normannen, Der Schwur des Normannen, Der Sturm der Normannen, Bucht der Schmuggler, www.ulfschiewe.de


#44
UlrikeS

UlrikeS
  • 1.930 Beiträge
  • Dabei seit 15.06.10

Literaturpreise bringen wie Stipendien Geld in den kargen Autorengeldbeutel. Zudem schaffen sie Aufmerksamkeit und können zu höheren Verkaufszahlen führen, zu höheren Vorschüssen etc.



#45
Tereza

Tereza
  • 2.319 Beiträge
  • Dabei seit 06.03.06

 

 

 

Seit wann hängt Qualität am Genre oder an der Frage E- oder U (die hier ungenannt im Raume steht).

 


 

 

 

 

Das ist ein interessanter Punkt.

 

Als ich anfing zu schreiben, wusste ich, dass U weniger angesehen ist als E. Ich hatte als Studentin auch eine Weile so gedacht und mich nicht immer getraut zuzugeben, dass ich z.B. Bücher wie "Vom Winde verweht" oder "Die Nebel von Avalon" liebte. Mir war also klar, dass ich niemals auf einer Stufe mit Philip Roth stehen könnte, wenn ich eher in die Richtung von Philippa Gregory schrieb. Das war für mich fast zu selbstverständlich, um mich darüber aufzuregen.

 

Überraschend finde ich aber die Erfahrung, dass es auch im U-Bereich Abstufungen gibt und "Frauenbücher" milde belächelt werden - von Leuten, die selbst durchaus U lesen, nur eben Cornwell oder Stephen King oder was auch immer. Das kann ich mir eben nur durch die von Christiane zitierte These erklären: was Frauen machen, steht immer unter dem, was Männer machen.

 

Warum Frauen bevorzugt Liebesgeschichten schreiben, ist schwer zu sagen. Mein Eindruck ist, dass die meisten es durchaus freiweillig tun, ohne absoluten Druck der Verlage. Es mag - wie jedes geschlechtsspezifische Verhalten - anerzogen oder angeboren sein. Eigentlich finde ich das in dem Fall egal.

 

Jene Frauen, die eher typisch "männliche" Bücher schreiben wollen, also harte Thriller und Actionromane, sollen es schwer haben, von Verlagen ernst genommen zu werden. Ich frage mich, was mit Männern ist, die gerne Liebesgeschichten schreiben? Irgendwo habe ich mal von einem gehört, der dann (als Selfpublisher) bewusst ein weibliches Pseudonym annahm. Also gibt es da wohl umgekehrt ebenfalls eine gewisse Voreingenommenheit, auch bei den Lesern.

 

Es würde mich interessieren, wie es denn nun im E-Bereich ist. Sind z.B. Margaret Atwood oder Toni Morrison auch weniger angesehen als Philip Roth? Das war bisher nicht mein Eindruck. Hatten sie es schwerer als die Männer, sich in diesem Bereich durchzusetzen? Ich fürchte aber, wir haben hier keine Mitglieder, die darüber Auskunft geben könnten.



#46
MelanieL

MelanieL
  • 2.172 Beiträge
  • Dabei seit 21.04.09

Sind Literaturpreise so wichtig? Warum immer dieses Opferdenken? Es gibt doch eine Menge erfolgreicher Autorinnen in Deutschland, die von ihren Verlagen geschätzt werden und gut verkaufen. Manche sogar sehr gut. Nina George selber ist außergewöhnlich erfolgreich. Nur für einen Literaturpreis haben süßlich, romantische Romane wie "Das Lavendelzimmer" wohl eher wenig Chancen, egal ob von einem Mann oder einer Frau geschrieben. Genauso wenig wie historische Romane oder handfeste Thriller. 

 

Für meinen ersten Krimi bekam ich vom Land NRW ein Literaturstipendium und durfte zwei Monate in einem Künstlerdorf leben UND bekam auch noch einen vierstelligen Betrag dafür.

Und ich bin mir sicher, dass das Stipendium einen großen Anteil daran hatte, dass ich nach fünf Tagen einen Vertrag mit einer der größten Literaturagenturen in Deutschland hatte - und einer anderen, fast ebenso großen Agentur, absagen konnte.

Und in den Gesprächen mit den anderen Künstlern ist mir ein Satz im Gedächtnis geblieben: "Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen."

 

Wer einmal ein Stipendium bekommen hat, hat es auch in der Folgezeit leichter. Viele von ihnen hatten mehrere Stipendien bekommen - im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich mich nicht noch weitere Male beworben habe. Aber mit schulpflichtigen Kindern ist ein mehrmonatiges Aufenthaltsstipendium einfach kaum möglich.

 

Literaturpreise sind nicht überlebenswichtig, können aber wichtige Sprungbretter sein und sind deshalb eben doch wichtig.


"Alle sagten, das geht nicht. Dann kam eine, die wusste das nicht und hat es einfach gemacht."

(Internetfund)


#47
Daniela

Daniela
  • 1.271 Beiträge
  • Dabei seit 29.08.06

Die strukturelle Diskriminierung ist wohl der Kern des Problems, denn ich habe durchaus den Eindruck, dass es viele Leser gibt, die bei einer Autorin automatisch an eine Liebesgeschichte denken, während sie von einem Autor einen anderen Schwerpunkt erwarten. Und das obwohl es z. B. im Krimi- und Thrillerbereich mittlerweile erfolgreiche Autorinnen gibt, und manche Männer erfolgreiche Liebesromane schreiben. Solche Vorurteile verändern sich wohl leider nur langsam, und Verlage neigen dazu, die Vorurteile zu bedienen, weil sie (nach meiner Erfahrung zu recht) befürchten, dass sich ein "Männerbuch" von einer Autorin nicht verkauft.

Konkret macht sich das in der Branche immer wieder bemerkbar. So habe ich mich einmal gegen einen Agenten entschieden, weil er mich allen Ernstes fragte, warum ich denn Männerthemen schreiben wolle, obwohl ich eine junge Frau sei ... Implizite Botschaft: Junge Frauen haben sich für Kinder- und Liebesgeschichten zu interessieren, und etwas anderes nimmt man ihnen auch nicht ab.

Und nein, ich hab mich nicht damit getröstet, dass es für eine Frau in meinem Alter schmeichelhaft ist, als "junge Frau" gesehen zu werden ;)



#48
AndreasS

AndreasS
  • 629 Beiträge
  • Dabei seit 03.12.15

Deutscher Literaturpreis, bisherige Gewinner:

Frauen: 6

Männer: 6

 

Delia Literaturpreis, 1. Plätze:

Frauen: 12

Männer: 1

 

Preis der Leipziger Buchmesse:

Frauen: 11

Männer 25



#49
DorotheaB

DorotheaB
  • 339 Beiträge
  • Dabei seit 15.09.12

Sind Literaturpreise so wichtig? Warum immer dieses Opferdenken? Es gibt doch eine Menge erfolgreicher Autorinnen in Deutschland, die von ihren Verlagen geschätzt werden und gut verkaufen. Manche sogar sehr gut. Nina George selber ist außergewöhnlich erfolgreich. Nur für einen Literaturpreis haben süßlich, romantische Romane wie "Das Lavendelzimmer" wohl eher wenig Chancen, egal ob von einem Mann oder einer Frau geschrieben. Genauso wenig wie historische Romane oder handfeste Thriller. 

 

Schau dir mal die Liste der Auszeichnungen an, die Paulo Coelho bekommen hat, in dessen Genre ich das Lavendelzimmer einordnen würde.(Und ja,darunter sind auch Auszeichnungen wie, dass ein Asteroid nach ihm benannt wurde, aber: Darunter sind auch jede Menge Literaturpreise.) 

 

 

 

 

Deutscher Literaturpreis, bisherige Gewinner:

Frauen: 6

Männer: 6

 

Delia Literaturpreis, 1. Plätze:

Frauen: 12

Männer: 1

 

Preis der Leipziger Buchmesse:

Frauen: 11

Männer 25

 

Ich hab jetzt nur mal den Preis der Leipziger Buchmesse rausgegriffen: 
Nominierungen 2016 Belletristik: 

Frauen: 1

Mäner: 4

 

Nominierungen 2015 Belletristik:

Frauen: 2

Männer: 3

 

Nominierungen 2014 Belletristik:

Frauen: 1

Männer: 4

 

Nominierungen 2013 Belletristik:

Frauen: 2

Männer: 3

 

In den anderen Kategorien sieht es genauso aus, bzw. im Sachbuch noch viel schlimmer (2013: 5 Männer/0 Frauen, 2014: 4 Männer/1 Frau, 2015: 5 Männer/0 Frauen, 2016: 5 Männer/0 Frauen), und ja, den Preis tatsächlich zu gewinnen ist noch mal eine Kategorie höher. Aber letztlich sind doch die Autoren, die sich da auf Short- und Longlists tummeln die, die wir für "E-Literatur als solche" halten, die die E-Literatur ausmachen. Und dann ist sie offenbar doch ziemlich männlich "besetzt" - in unseren Augen. Und eben nicht nur in den Augen der Männer, sondern natürlich auch in denen der Frauen ...

 

Und damit sind wir eben auch bei DeLiA und Coelho: Coelho kriegt den allgemeinen Preis, Nina George den DeLiA-Preis. Wer hatte das oben gesagt? Wenn Männer Liebesromane schreiben, ist es "Literatur", wenn Frauen es tun, sind es Frauenromane ... 

 

Im Übrigen finde ich ChristianeLs Kommentar sehr gut, da ist ja alles ganz wunderbar erklärt und auf den Punkt gebracht.  


Bearbeitet von DorotheaB, 20.01.2017 - 09:42,


#50
Mascha

Mascha
  • 3.440 Beiträge
  • Dabei seit 30.01.10

Na ja, ich bin da eher skeptisch. Mag sein, dass in der Statistik der Preise die Frauen schlecht abschneiden. Aber ich würde das nicht den Männern anrechnen. Sondern den Frauen selber. Die meisten Lektoren in den Verlagen sind Frauen. Die meisten Leser auch. Inzwischen sogar die meisten Autoren. Wenn es da ein Ungleichgewicht gibt, dann wahrscheinlich weil Frauen sich häufig Themen aussuchen, die hauptsächlich von Frauen bevorzugt und gelesen werden. Und dazu gehören eben viele seichte Frauenromane. Ich denke mal, die Autorinnen werden von den Verlagen wahrscheinlich dazu gedrängt, solche Themen zu bedienen, weil man meint, unbedingt die 70% weiblichen Leser bedienen zu müssen. Ist mir in gewisser Weise ja selbst passiert. Und solche Themen oder Genre sind nicht unbedingt fürs Feuilleton interessant. Trotzdem verkaufen sie sich aber gut, weil Frauen das gerne lesen.

 

Dabei gibt es großartige weibliche Autoren. Habe kürzlich eine Reihe von tollen Büchern gelesen, die von Frauen geschrieben wurden. Aber keine Chick-Lits und auch keine Sehnsuchtsromane sondern richtig gute Krimis. Quoten wären sicher nicht die richtige Lösung. Und alles den Männern ankreiden, auch nicht. Autorinnen sollten sich überlegen, was sie für Themen wählen und wie sie diese umsetzen. 

 

 

Bei Literaturpreisen wird fast ausschließlich E-Literatur berücksichtigt. Und ja, als Frau wird man viel mehr gegängelt, angebliche Leserinneninteressen zu berücksichtigen. Von Männern habe ich da noch nie Klagen gehört. Zudem wird Literatur von Frauen über weibliche Befindlichkeiten fast immer in die "Frauenbuch"-Ecke gesteckt, bekommt ein süßliches Cover und ist damit nicht mehr satisfaktionsfähig. Die Frau ist immer ein Sonderfall, die allgemeingültige Weltsicht wird immer noch aus männlicher Sicht definiert. Da gilt als große Literatur, wenn ein Mann durch die Stadt läuft und über seine ungelösten Vaterprobleme sinniert (ich übertreibe absichtlich).  So etwas von einer Frau würde ganz schnell in der Selbstfindungsschublade landen. Ich habe neulich einen Artikel darüber gelesen dass Männer statistisch häufiger in "seriösen" Verlagen verlegt werden (kann mich leider nicht erinnern, wo).

 

Ich habe zwar nicht das Gefühl, dass Bücher von Autorinnen im Feuilleton weniger Aufmerksamkeit erhalten (habe aber nicht nachgezählt). Tatsache ist aber, dass die Mehrheit der Kritiker männlich sind, ebenso wie die Literaturpreis-Jurys und die Entscheider in den Verlagen (und wenn da noch so viele Frauen arbeiten, der Chef ist meistens ein Mann). Und die entscheiden, wer zur E-Literatur Zugang findet, also entsprechend präsentiert und rezipiert wird.

 

Ein sehr guter Artikel dazu hier: https://www.welt.de/...ei-faellig.html

 

Der Artikel relativiert auch die Ergebnisse des Deutschen Buchpreises, weil auf der Longlist Frauen völlig unterrepräsentiert sind.

 

Die Behauptung, wir Frauen seien selbst schuld, wenn wir keine Preise gewännen, empfinde ich als reinen Hohn, Ulf. Völlig an der Realität vorbei.



#51
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
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Die Behauptung, wir Frauen seien selbst schuld, wenn wir keine Preise gewännen, empfinde ich als reinen Hohn, Ulf. Völlig an der Realität vorbei.

 

 

War nicht als Hohn gemeint. Und die Statistik gibt dir und den anderen hier sicher recht. Aber man muss doch auch zugeben, dass weibliche Autoren sehr gut im Markt vertreten sind. Nun fehlen noch die Preise. Vielleicht stimmt es ja auch, dass alle voreingenommen gegen Frauen sind, obwohl ich das nicht so glaube. Aber muss man jetzt wieder einen Feldzug der underdogs führen? Es werden mehr Bücher von und für Frauen verkauft als anders herum. Das sollte man auch mal bedenken.


Der Bastard von Tolosa, Die Comtessa, Die Hure Babylon, Das Schwert des Normannen, Die Rache des Normannen, Der Schwur des Normannen, Der Sturm der Normannen, Bucht der Schmuggler, www.ulfschiewe.de


#52
AndreasS

AndreasS
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Der Artikel relativiert auch die Ergebnisse des Deutschen Buchpreises, weil auf der Longlist Frauen völlig unterrepräsentiert sind.

 

 

 

 

Das wollte ich mit meinen Zahlen andeuten, Mascha: Jeder pickt sich halt das für seine eigene Argumentation Hilfreiche heraus.

Diese Longlist-Diskussion hab ich noch im Ohr, und genauso gut könnte man den Satz auch einfach umdrehen:

 

Die Verteilung der Geschlechter in der Longlist wird dadurch relativiert, dass es bei den Gewinnern gleich viele Frauen und Männer gibt. Und der Gewinner ist ja relevanter als der Nominierte.

 

Würde der Delia-Preis überwiegend an Männer gehen, wäre die Kritik groß.

Geht er überwiegend an Frauen, auch.



#53
Charlie

Charlie
  • 12.747 Beiträge
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Mich ärgert zum Beispiel Folgendes:

Ich interessiere mich lebenslang für Militärgeschichte. Das ist eins meiner Themen. Darin bin ich gut (finde ich).

Ich interessiere mich nicht fuer Mode und Popmusik. Meinen Buechern merkt man das auch an: Wenn es zum Thema Mode kommt, sind sie immer total schlampig recherchiert, weil mich das nervt.

Ich übersetze seit dreissig Jahren Sachbücher, einen grossen Teil davon aus dem Bereich Militärgeschichte. Meinen Namen darf ich dabei aber nicht benutzen, obwohl das mein Heimspiel ist. Ich muss dafür ALS UEBERSETZER ein männliches Pseudonym annehmen, weil "sich sonst so Spezialisten unter den Lesern beschweren, die glauben nicht, dass eine Frau sich mit Waffengattungen auskennt."

Zwischendurch habe ich auch eine ganze Reihe von Biographien von Popmusikern übersetzt. Dazu sollte ich bitte meinen Namen benutzen. Hab ich nicht gemacht. Das Pseudonym sollte dann aber bitte weiblich sein ...

 

Als Autor muss ich um Details in Schlachtszenen kämpfen und verliere häufig, auch wenn ich deutlich mache, dass das a) meine Stärke  und b) wichtig und überraschend fuer den Verlauf der historischen Ereignisse, die die Basis des Buches bilden, ist. "Unsere Leserinnen interessieren sich dafür nicht." Aus einem Buch habe ich 50 (von 600) Seiten deswegen entfernen müssen. So Sachen über Mode und Möbel, die ich immer Wischi-waschi schnell abhandle, weil ich das ja nicht ordentlich recherchiert habe und weil's fuer meine Geschichte keine Rolle spielt, soll ich stattdessen ausbauen. "Da hätten unsere Leserinnen gern etwas mehr." Inzwischen hab ich sogar eine nette Lektorin, die MIR DAS NACHRECHERCHIERT, damit ich mir damit nicht die Mühe mache muss, "weil dich das doch nicht so interessiert ..."

 

Und natürlich wird auch mit meinen ohnehin auf ein Minimum reduzierten Stärken mein Buch dann nicht beworben, sondern mit meinen Schwächen: "Die entzückende junge Flora usw." 

Das finde ich schade. Für mich und fuer nicht "unsere Leserinnen", sondern "MEINE Leserinnen (und womöglich auch Leser)". Bei mir kommt doch eh keiner, der jetzt z.B. Mode spannend findet, auf seine Kosten. Wieso also nicht sich auf die konzentrieren, die ich mit meiner Interessenlage auch bedienen könnte, selbst wenn das weniger sind (im Endeffekt sind's doch mehr, denn die anderen kaufen mich doch nicht wieder, oder mache ich hier einen Denkfehler?) Ich sage inzwischen bei Verlagsinteresse vorab: Ich möchte gern über Krieg schreiben. Haben Sie dafür Verwendung? Über Liebe möchte ich auch schreiben, das gehört für mich zusammen. Man kriegt dann da grundsätzlich Antworten wie: "Ja, natürlich, das käme uns dann nur ein bisschen auf die Gewichtung an ..."

Und da wissen wir ja dann, was das heisst.

 

Das ärgert mich.

Wieso wird behauptet, Frauen suchten sich "die falschen (seichten) Themen" aus? Erstens finde ich, es ist nur das Thema falsch (oder seicht), zu dem der Autor nichts zu sagen hat, nicht per se irgendeines (zu behaupten, Krieg wäre ein richtiges Thema, Mode ein falsches, fände ich eine hoechst bedenkliche Aussage, to say the least). Und zweitens - wie viel Auswahl haben denn Frauen in der Unterhaltungsliteratur? 


"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 


#54
Charlie

Charlie
  • 12.747 Beiträge
  • Dabei seit 02.09.05

P.S.: Und nein, ich finde männliche Pseudonyme dafür überhaupt keine Lösung, denn das kickt den Unique selling point von den Büchern, die ich schreiben könnte. Ich interessiere mich fuer Krieg und ich bin eine Frau (und Mutti), ich schreib über Krieg als Frau (und Mutti). Ich finde, das ist interessant. Und nicht ausgelutscht. Mich interessieren Bücher über Krieg, die von Männern geschrieben sind, die mir über die Sicht von Männern auf Krieg etwas beibringen - wenn Männer die Sicht von Frauen auf Krieg nicht interessiert, haben aus meiner Sicht Männer ein Problem, nicht ich.

 

Und das Problem kann ich nicht lösen, indem ich da Hansi Mueller draufschreib. Ich kann einem Mann in meinem Roman durchaus beweisen, dass ich weiss, was fuer Landungsprobleme eine Bristol Blenheim Mk I mitbrachte, denn das weiss ich. Ich kann ihm aber nicht beweisen, dass ich nicht aus einer weiblichen Sicht über Krieg schreibe, denn das tue ich ohne jeden Zweifel.


Bearbeitet von Charlie, 20.01.2017 - 11:37,

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 


#55
SebastianN

SebastianN
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Die ganze Diskussion hier erinnert mich ein wenig daran, wie im Jahr 2016 im Vorfeld der Oscar-Verleihung ein großes Tamtam darum gemacht wurde, warum nicht genug schwarze Schauspieler für einen Oscar nominiert wurden. Wochenlang war das ein kleiner Skandal, der sogar ein paar Leute dazu brachte, die Verleihung zu boykottieren.

 

Nun kann man bis zu einem gewissen Grad sagen, dass große Hollywood-Filme wirklich überwiegend für weiße Männer geschrieben sind, auch wenn sich da das Bild deutlich ändert. Das kann und sollte man anprangern. Wird auch oft genug gemacht. Fakt (oder zumindest meiner Meinung und der Meinung der Jury nach) jedoch war, dass all die schwarzen Hauptdarsteller eben einfach keine so gute Leistung gezeigt haben, wie ihre weißen Kollegen. (Zumindest in diesem Jahr, wohlgemerkt!)

 

Was sagt das über die Diskussion hier aus?

 

Nun, da auch immer auf die Preise verwiesen wird, bei denen mal mehr und mal weniger Männer oder Frauen nominiert sind: Vielleicht waren in diesem Jahr wirklich einfach die Bücher eines bestimmten Mannes besser. Oder die einer bestimmten Frau. Daraus muss man aber nicht zwangsläufig ableiten, dass das ganze System total frauenfeindlich ist.

 

Der George-Artikel und manche Argumentation hier ist eine Interpretation der Fakten: Mehr Männer haben Preise gewonnen und Bücher von Männern wurden besser verkauft. Okay. Man KANN daraus interpretieren, dass das irgendwelche frauenfeindlichen Hintergründe hat, man kann aber auch sagen: Gut, das war jetzt halt so, warum auch immer. Einen direkten Kausalzusammenhang kann man da, meiner Meinung nach, nicht ziehen.

 

Aufgrund des hohen Anteils an Frauen in der Literaturbranche vor und hinter den Kulissen, wenn man denn so will, halte ich die Argumentation, dass diese Ergebnisse sexistische Hintergründe haben, für nicht stichhaltig.


Bearbeitet von SebastianN, 20.01.2017 - 12:01,


#56
AlexanderH

AlexanderH
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  • Dabei seit 04.11.09

Und muss doch noch was schreiben, sonst platze ich. :)

 


Als Autor muss ich um Details in Schlachtszenen kämpfen und verliere häufig, auch wenn ich deutlich mache, dass das a) meine Stärke  und b) wichtig und überraschend fuer den Verlauf der historischen Ereignisse, die die Basis des Buches bilden, ist. "Unsere Leserinnen interessieren sich dafür nicht." Aus einem Buch habe ich 50 (von 600) Seiten deswegen entfernen müssen.

Und das ist ein Grund, warum die Situation so ist, wie sie ist. Wenn eine bekannte, gute, erfolgreiche Autorin wie du, das mit sich machen lässt, dann signalisierst du dem Verlag, dass man es mit dir machen kann.

Hast du mal darüber nachgedacht zu sagen: "Nein, das mache ich nicht! Ich will, dass es drinbleibt. Wenn euch das nicht passt, dann gehe ich woanders hin und mache es im Notfall als SP."

Wenn du dich für Krieg interessierst, dann schreib ein Buch darüber. Brutal, blutig und gnadenlos. Dank SP können dich die Verlage mal. Und dich jemand in eine Frauen-Literatur-Ecke drücken will, ist doch super. Dann weißt du sofort, dass es der völlig falsche Mann und der völlig falsche Verlag ist.


Bearbeitet von AlexanderH, 20.01.2017 - 12:55,


#57
AndreasE

AndreasE
  • 1.796 Beiträge
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Das ist so wie mit schwarzen Autoren, die immer nur darüber schreiben dürfen, wie es ist, schwarz zu sein. Bücher über andere Themen nimmt man ihnen offenbar nicht ab.



#58
Mascha

Mascha
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  • Dabei seit 30.01.10

 

 

Die Behauptung, wir Frauen seien selbst schuld, wenn wir keine Preise gewännen, empfinde ich als reinen Hohn, Ulf. Völlig an der Realität vorbei.

 

 

War nicht als Hohn gemeint. Und die Statistik gibt dir und den anderen hier sicher recht. Aber man muss doch auch zugeben, dass weibliche Autoren sehr gut im Markt vertreten sind. Nun fehlen noch die Preise. Vielleicht stimmt es ja auch, dass alle voreingenommen gegen Frauen sind, obwohl ich das nicht so glaube. Aber muss man jetzt wieder einen Feldzug der underdogs führen? Es werden mehr Bücher von und für Frauen verkauft als anders herum. Das sollte man auch mal bedenken.

 

 

Natürlich muss man nicht überall sofort Sexismus wittern, wenn mal das Geschlechterverhältnis nicht ganz ausgeglichen ist. Aber wenn sich das Phändomen häuft, darf man wohl einen Zusammenhang mit (unbewusstem) Sexismus vermuten. Ich finde es wichtig, auf solche "selbstverständlichen" Ungleichheiten hinzuweisen, die uns gar nicht auffallen, weil wir daran gewöhnt sind. Wie soll sich sonst jemals etwas ändern?

 

Weshalb sollten Frauen nicht ihren Platz und ihre Teilhabe einfordern? Nicht als Geschenk, sondern aufgrund unserer Kompetenz und Leistung. Die Anerkennung kommt aber nicht von selbst, dafür müssen wir (Frauen & Männer) uns einsetzen. Alltäglicher Sexismus ist eine Tatsache und für Frauen leider normal. Vielleicht kann man sich das als Mann nicht wirklich vorstellen.


Bearbeitet von Mascha, 20.01.2017 - 15:43,


#59
Mascha

Mascha
  • 3.440 Beiträge
  • Dabei seit 30.01.10

 

 

Der Artikel relativiert auch die Ergebnisse des Deutschen Buchpreises, weil auf der Longlist Frauen völlig unterrepräsentiert sind.

 

 

 

 

Das wollte ich mit meinen Zahlen andeuten, Mascha: Jeder pickt sich halt das für seine eigene Argumentation Hilfreiche heraus.

Diese Longlist-Diskussion hab ich noch im Ohr, und genauso gut könnte man den Satz auch einfach umdrehen:

 

Die Verteilung der Geschlechter in der Longlist wird dadurch relativiert, dass es bei den Gewinnern gleich viele Frauen und Männer gibt. Und der Gewinner ist ja relevanter als der Nominierte.

 

Würde der Delia-Preis überwiegend an Männer gehen, wäre die Kritik groß.

Geht er überwiegend an Frauen, auch.

 

 

Klar, die Argumentation gilt natürlich auch umgekehrt. Spitzfindig könnte man sagen, dass durch die Parität bei den Gewinnern die Unterrepräsentation in der Longlist keinesfalls ausgeglichen wird. Wie wichtig schon die Longlist für die öffentliche Wahrnehmung des Buches ist, steht in dem Artikel, die ich verlinkt habe.

 

Bei Delia ist es so, dass wir uns über JEDEN Mann freuen, der beitreten will, und das gilt auch für Liebesromane für Männern, die für den Preis eingereicht werden. Denn für die Bewerbung muss der Verlag das Buch einreichen, und leider sind da so gut wie keine Romane von Männern dabei. Wie gesagt: Wir würden uns darüber sehr freuen. Männer, reicht eure Liebesromane ein!


Bearbeitet von Mascha, 20.01.2017 - 15:35,


#60
Hanna Aden

Hanna Aden
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Mich ärgert zum Beispiel Folgendes:

Ich interessiere mich lebenslang für Militärgeschichte. Das ist eins meiner Themen. Darin bin ich gut (finde ich).

Ich interessiere mich nicht fuer Mode und Popmusik. Meinen Buechern merkt man das auch an: Wenn es zum Thema Mode kommt, sind sie immer total schlampig recherchiert, weil mich das nervt.

Ich übersetze seit dreissig Jahren Sachbücher, einen grossen Teil davon aus dem Bereich Militärgeschichte. Meinen Namen darf ich dabei aber nicht benutzen, obwohl das mein Heimspiel ist. Ich muss dafür ALS UEBERSETZER ein männliches Pseudonym annehmen, weil "sich sonst so Spezialisten unter den Lesern beschweren, die glauben nicht, dass eine Frau sich mit Waffengattungen auskennt."

Zwischendurch habe ich auch eine ganze Reihe von Biographien von Popmusikern übersetzt. Dazu sollte ich bitte meinen Namen benutzen. Hab ich nicht gemacht. Das Pseudonym sollte dann aber bitte weiblich sein ...

 

Als Autor muss ich um Details in Schlachtszenen kämpfen und verliere häufig, auch wenn ich deutlich mache, dass das a) meine Stärke  und b) wichtig und überraschend fuer den Verlauf der historischen Ereignisse, die die Basis des Buches bilden, ist. "Unsere Leserinnen interessieren sich dafür nicht." Aus einem Buch habe ich 50 (von 600) Seiten deswegen entfernen müssen. So Sachen über Mode und Möbel, die ich immer Wischi-waschi schnell abhandle, weil ich das ja nicht ordentlich recherchiert habe und weil's fuer meine Geschichte keine Rolle spielt, soll ich stattdessen ausbauen. "Da hätten unsere Leserinnen gern etwas mehr." Inzwischen hab ich sogar eine nette Lektorin, die MIR DAS NACHRECHERCHIERT, damit ich mir damit nicht die Mühe mache muss, "weil dich das doch nicht so interessiert ..."

 

Und natürlich wird auch mit meinen ohnehin auf ein Minimum reduzierten Stärken mein Buch dann nicht beworben, sondern mit meinen Schwächen: "Die entzückende junge Flora usw." 

Das finde ich schade. Für mich und fuer nicht "unsere Leserinnen", sondern "MEINE Leserinnen (und womöglich auch Leser)". Bei mir kommt doch eh keiner, der jetzt z.B. Mode spannend findet, auf seine Kosten. Wieso also nicht sich auf die konzentrieren, die ich mit meiner Interessenlage auch bedienen könnte, selbst wenn das weniger sind (im Endeffekt sind's doch mehr, denn die anderen kaufen mich doch nicht wieder, oder mache ich hier einen Denkfehler?) Ich sage inzwischen bei Verlagsinteresse vorab: Ich möchte gern über Krieg schreiben. Haben Sie dafür Verwendung? Über Liebe möchte ich auch schreiben, das gehört für mich zusammen. Man kriegt dann da grundsätzlich Antworten wie: "Ja, natürlich, das käme uns dann nur ein bisschen auf die Gewichtung an ..."

Und da wissen wir ja dann, was das heisst.

 

Das ärgert mich.

Wieso wird behauptet, Frauen suchten sich "die falschen (seichten) Themen" aus? Erstens finde ich, es ist nur das Thema falsch (oder seicht), zu dem der Autor nichts zu sagen hat, nicht per se irgendeines (zu behaupten, Krieg wäre ein richtiges Thema, Mode ein falsches, fände ich eine hoechst bedenkliche Aussage, to say the least). Und zweitens - wie viel Auswahl haben denn Frauen in der Unterhaltungsliteratur? 

Hah, Militärgeschichte würde mich voll interessieren ^^. Ich fahre voll gern mit meiner Freundin mit ihrem britischen Militär-Rover von Anno Bla (ja, ich vergess die Details immer) auf Militärfahrzeugschauen.

Wobei ich Modegeschichte ja voll spannend finde. Im Studium musste ich dazu mal das Buch "Anzug und Eros" von Ann Hollander lesen, wo sie eine extrem intelligente Geschichte der Männer- und Frauenmode vom Mittelalter bis ins Heute schreibt, wie sich das mit dem Zeitgeist geändert hat und was das jeweils über das Verhältnis von Männern und Frauen zueinander und zu Welt und Politik bedeutet hat. Da geht es nicht um schöne Bilder oder welche Schleife und welche Modefarbe jeweils gepasst hat, sondern z. B. auch darum, dass es unter Ludwig XIV. erlaubt wurde, dass Frauen als Schneidermeisterinnen und nicht mehr nur als Näherinnen aktiv werden durften. Das bedeutete damals einen großen Fortschritt für Frauenrechte, verkehrte sich aber in den Jahrzehnten und Jahrhunderten danach ins Gegenteil, weil Frauenmode damit dann einen ganz anderen Ruf als Männermode bekam ... ich könnte das jetzt ewig ausführen, so spannend finde ich das ^^. In meiner mündlichen Prüfung habe ich mich auch zu dem Thema ausgelassen, weil ich das Buch so faszinierend fand, und weil ich am Tag der letzte Prüfling war, eineinhalb Stunden mit meinen Professorinnen dazu diskutiert. Wusstet ihr zum Beispiel, dass das Korsett ursprünglich die weibliche Anpassung eines männlichen Kleidungsstücks war, das seinen Ursprung im Spätmittelalter der neuen, aus der Rüstungsschmiede stammenden Idee verdankte, dass ein Kleidungsstück den Körper nicht mehr in losen Falten umgibt, sondern Detail für Detail an die exakte (oder idealisierte) Körperform angepasst wird?

Ähem. Back to topic. Ich habe neulich auch ein schönes Beispiel für Alltagssexismus gehabt, als eine Frau mir sagte, dass sie gern zu einem bestimmten Thema weiter mit mir zusammengearbeitet hätte, weil es ja toll sei, das ich als Frau ... Auf das, was ich an guter Arbeit in dem Bereich gemacht habe, ging sie nicht ein. Da musste ich auch schlucken. Sind meine Titten etwa wichtiger als das, was ich tue, wenn ich das mal so flapsig ausdrücken darf?

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Ich möchte einen Gedankenimpuls geben, der mir gerade zum Thema kommt, ohne zu wissen, ob er stimmt oder ob er zum Thema passt.

 

Von einer Verlagsmitarbeiterin hörte ich mal, dass Liebesromane mit zwei, drei Erotik/Sexszenen so etwas wie das weibliche Pendant zu filmischer Pornografie, die sich eher an männliches Zielpublikum richtet, sei. Zahlen oder Gerüchten oder Annahmen zufolge konsumieren Männer und Frauen beide gern mehr oder weniger künstlerische Machwerke, die ihr erotisches Kopfkino in Gang bringen und evt. zu befriedigenden Handlungen inspirieren können. Männern wird dabei zugeschrieben, dass ihnen der visuelle Impuls wichtiger sei, deswegen gibt es für sie Filmchen, die Handlungen zeigen (und ich oute mich hiermit als eine, die solche Filmchen auch guckt, aber von der reinen Handlung nie so erregt wird wie vom Gesichtsausdruck - was aber auch daran liegen könnte, dass die Frauenkörper dort meist schöner und besser sichtbar sind als die Männerkörper und ich nun mal eher auf letztere schaue). Frauen wird dagegen zugeschrieben, dass ihnen die Emotionen rund um den sexuellen Akt wichtiger seien, was ich zumindest durch meinen bevorzugten Blick auf die Gesichter in solchen Filmen aus meiner Sicht bestätigen kann (und es gibt wenig, was es da an schönen Filmchen gibt). Daher wird für Frauen eher eine Geschichte um das Drumherum des sexuellen Aktes erzählt werden müssen, um die entsprechenden Emotionen auszulösen. Ich bestätige hiermit ebenfalls, dass ich als Teenager mein erotisches Kopfkino primär über Geschichten über Abenteuer auf einem Piratenschiff, Kämpfe mit Entersäbeln, Lagerfeuer auf Südseeinseln, Nacktbaden in Lagunen, bewundernde Blicke beim Tanzen und Leute, die mich und meinen Liebsten voneinander trennen wollten, angefeuert habe.

Kann es sein, dass der schlechte Ruf von Liebesromanen daher kommt, dass die meisten unausgesprochen wissen/ahnen/vermuten/unterstellen, dass sich dahinter etwas verbirgt, was für das weibliche Pendant zu filmischer Pornografie gehalten wird - egal, wie berechtigt oder unberechtigt diese Ansicht sein mag? Pornoregisseure werden nicht nach Cannes eingeladen. Autorinnen erotischer Liebesromane erhalten keine angesehenen Literaturpreise. Trotzdem werden Pornos im Internet tagtäglich millionenfach angeklickt und Liebesromane mit viel Sex bilden die Spitze der Amazon-Bestsellerlisten.


Bearbeitet von Hanna Aden, 22.01.2017 - 11:41,