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Individualität vs. Handwerk


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32 Antworten zu diesem Thema

#1
Titus

Titus
  • 365 Beiträge
  • Dabei seit 11.02.05

Ihr Lieben,
 

ich habe meinen Lektor für zwei Events dieses Jahr gewinnen können (das Autorentreffen in Nürnberg, und ein Seminar in Brixen zum Thema: Spannung und das "gewisse Etwas" im Unterhaltungsroman). Weil wir das Seminar in Brixen gemeinsam halten, gab er mir kürzlich einen Text von sich zu lesen, den er in der Vorbereitung darauf verfasst hat. Ich finde seine Marktbeobachtung hochspannend und wollte das mit euch teilen. Bin neugierig, wie ihr die Sache seht!
 

Edgar Bracht (Blessing Verlag) zu aktuellen Entwicklungen im Markt:

"Das Verhältnis zwischen Planung des Plots, der Figuren, des Zeitraums einerseits und einer gewissen Offenheit und Phantasie in der Darstellung und der Entwicklung der Figuren ist nach meiner – sicher subjektiven – Wahrnehmung in den letzten Jahren aus dem Lot geraten: Und zwar zugunsten der Planung, des Handlungsablaufes, der vorab festgelegten Konflikte, zuungunsten der Phantasie.

 

Ich schließe das aus folgender Wahrnehmung.

 

Früher: Der Verlag erhielt sehr viele dilettantische und distanzlos autobiographische Texte, die wenigen Manuskripte aber, die durcharbeitet, durchdacht waren, hatten es dann oft in sich, waren ernsthafte Kandidaten fürs Verlegtwerden.

 

Heute: Der Verlag erhält sehr viele Romane, die solide erzählt sind, mit einem gut durchdachten Handlungsablauf, ein kontrastreiches Romanpersonal mit Protagonisten und Antagonisten haben – und die dennoch nicht auf eine Veröffentlichung drängen. Korrekte, aber nicht mitreißende Prosa. „[Solche Prosa] zeichnet sich dadurch aus, dass sie keine Fehler macht.“ (Ulrich Greiner, Standbilder eines Chronisten, Erst lesen. Dann schreiben, S. S. 64) Hat der Literaturkritiker (zum Teil) recht?

 

Die Individualität eines Autors kann nur in dem Überschüssigen bestehen, in dem, was nicht den handwerklichen Regeln entspricht. Um jenes von Forster so bezeichnete sumpfige Romangelände zu kreieren und zu durchmessen, braucht es eine Erzählenergie, einen Willen, beim Erzählen immer Neues zu entdecken und nicht nur starr eine Route zu verfolgen. Abschweifungen, Erfindungen, Ausschmückungen können den Roman verwässern, aber ohne sie wirkt er unbelebt trocken, vorhersehbar.

 

Der Romanautor muss also sein individuelles Weltwissen in den Roman einfließen lassen. Das lässt sich nicht auf Knopfdruck bewerkstelligen. Das kann er nur, wenn er aus einem gewissen Fundus schöpfen kann: Notizen, kurze, aber bestimmte Sinneseindrücke, die nur er/sie hat, sind unabdingbar. In solchen Notaten kommen der besondere Instinkt, die subjektive Prägung eines jeden Autors besonders gut zutage. Außerdem schärfen sie die Fähigkeit, spontan zündend zu formulieren."

Wir sind als Autoren ja selbst auch Leser. Geht es euch wie ihm, stört es euch, dass die Abschweifungen und das Persönliche im Roman abhanden kommen? Gehen wir derzeit zu handwerklich ans Schreiben heran?

Mal angenommen, er hat recht. Wie kommt es zu der Entwicklung? Liegt es am großen Einfluss des Films, der klare Federstriche braucht und Abschweifungen schlecht verkraftet, und an den wir uns im Roman annähern, von dem wir Techniken übernehmen? Oder liegt es daran, dass wir – oft gezwungenermaßen und aus wirtschaftlichen Gründen – zu schnell zu viel schreiben und gar nicht die Zeit bleibt für spielerische Beobachtungen?

 

Mich hat seine Aussage ins Grübeln gebracht. Wüsste gern, was ihr zu dem Thema denkt.

Herzlich,

Titus

 


24 Stunden können alles verändern: Der Tag X


#2
Bettina Wüst

Bettina Wüst
  • 709 Beiträge
  • Dabei seit 07.06.07

Eine interessante Betrachtung und Frage, Titus, die ich gerne mit euch diskutieren möchte.

 

Generell denke ich, dass es viele, viele Romane gibt, die eine Haltung, einen Willen und eine eigene Betrachtung oder Stimme aufweisen. Nur, es gibt heute solch eine Vielzahl von Veröffentlichungen geschulter Autoren, dass man das Gefühl haben könnte, diese Fähigkeit wäre verloren gegangen.

Ist sie nicht.

Bei der Vielzahl der veröffentlichten Bücher ist erkennbar, dass Autoren sich in der Vergangenheit viel intensiver mit Struktur befasst haben. Zum einen, weil es inzwischen sehr viele Fortbildungsmöglichkeiten für Autoren gibt, zum anderen, weil wir uns heute viel mehr mit dem Medium Film und seiner ökonomischen Erzählstruktur beschäftigen. Wir  konsumieren erheblich mehr Kinofilme und Serien, und Prosaautoren haben die dramaturgischen Werkzeuge des Films entdeckt. Das kann zu dem Phänomen der „korrekt“ geschriebenen Romane führen, sofern man den Fokus nur auf die erlernte Struktur legt.

 

Nicht vergessen darf man Eingriffe seitens des Lektorats, das Geschichten ja auch gerne mal auf einen gemeinsamen Nenner bürstet. Gegen den Strich, also gegen das Eigene und Unverwechselbare,  ist oft nicht erwünscht. Etwas Unverwechselbares wird oft verlangt, gedruckt wird dann doch eher me-too.

 

Das mag auch zu vorauseilendem Gehorsam des Autors führen, der all diese Argumente durch eigene Erfahrung oder Austausch in den immer zahlreicher werdenden Netzwerken berücksichtigt. Am fatalsten halte ich den immer wieder zu hörenden Ausspruch „die Figur muss sympathisch sein, sonst kann sich der Leser nicht mit ihr identifizieren“. Das ist schlichtweg falsch, und es gibt dermaßen viele Beweise für diese Falschaussage, dass ich sie gar nicht einzeln belegen möchte. Ich denke, dass hier auch oft missverständlich argumentiert wird, und dass sich hinter dieser Aussage etwas anderes verbirgt. Identifikation entsteht nicht, weil man so sein möchte wie die Figur oder weil man sie toll finden muss, aber ihre Gefühlswelt sollte nachvollziehbar sein. Das wird sie nur, wenn der Autor seine Figur genügend durchleuchtet, sie versteht und liebt, auch die bösen Buben und die bösen Mädels.

 

Egon Bracht erwähnte die Krux der „vorab festgelegten Konflikte“. Wer den Handlungsablauf und damit einhergehend die Wendepunkte einer Geschichte rein dem Plot entlang entwirft (also nur darauf achtet "hier muss was passieren, ein Wendepunkt muss her usw.), wird das auf Kosten der Lebendigkeit einer Geschichte tun. Die Lebendigkeit und Unverwechselbarkeit einer Geschichte hängt aber nicht nur vom „Was“ ab, sondern auch vom „Wer und wie“ ab. Wer sich also mit Verve und Hingabe seinen Figuren widmet, auch in ihre Abgründe eintaucht, legt die Konflikte nicht vorab fest, sondern leitet sie zwingend aus der Persönlichkeit und den Erfahrungen seiner Figuren ab. Dieses Abtauchen in Gründe und Abgründe bedeutet für den Autor ja auch immer, die eigenen Gründe und Abgründe zu erforschen. Und somit landen wir wieder bei der Haltung, der Individualität des Autors vs. Handwerk.

 

Diese Aussage hier möchte ich hinterfragen:

 

Abschweifungen, Erfindungen, Ausschmückungen können den Roman verwässern, aber ohne sie wirkt er unbelebt trocken, vorhersehbar.

 

Sie greift meinem Empfinden nach zu kurz. Ich glaube nicht, dass Ausschmückungen einen Text beleben und unvorhersebar, sprich: besser machen.

 

Hingegen bin ich sehr mit dieser Aussage einverstanden:

 

Der Romanautor muss also sein individuelles Weltwissen in den Roman einfließen lassen. Das lässt sich nicht auf Knopfdruck bewerkstelligen. Das kann er nur, wenn er aus einem gewissen Fundus schöpfen kann: Notizen, kurze, aber bestimmte Sinneseindrücke, die nur er/sie hat, sind unabdingbar. In solchen Notaten kommen der besondere Instinkt, die subjektive Prägung eines jeden Autors besonders gut zutage. Außerdem schärfen sie die Fähigkeit, spontan zündend zu formulieren."

 

Ich möchte frenetisch nicken. Auch die Haltung des Autors zum Thema, seine Erfahrungen und Beobachtungen spielen eine Rolle. Ich wage zu behaupten, dass man es einem Text anmerkt, ob da jemand entlang seiner eigenen Haltung, seiner eigenen Wahrheit oder dem Plotgerüst entlang schreibt. Was Romane mir fremder Autoren betrifft, so bleibt das natürlich eine Vermutung, aber im Coaching spüre ich, ob ein Autor von innen nach außen schreiben oder ob es beim Abhandeln der Figuren und der Dramaturgie bleibt. Nicht umsonst umkreisen wir sehr lange die Punkte „Thema“ und Ansichten, Erfahrungen des Autors. Und oft tritt das wahre Thema des Romans erst ins Rampenlicht, wenn wir uns eingehend mit dem Innenleben und der Weltsicht des Autors befasst haben.

 

Wer also die eigene Sicht auf die Welt im allgemeinen und die Romanwelt sowie deren Figuren im spezifischen außen vor lässt, sich nur auf Struktur und Planung verlässt, der läuft Gefahr, einen korrekt geschriebenen Roman zu schreiben. Dem der Funke und das Funkeln fehlt. Das wäre dann tatsächlich gutes Handwerk auf Kosten der Individualität. Gut finde ich hingegen Individualität PLUS Handwerk, nicht versus.

 

LG, Bettina


Bearbeitet von Bettina Wüst, 05.05.2017 - 17:39,

" Winterschwestern" (AT)
Figuren- und Storypsychologie

#3
Diana Hillebrand

Diana Hillebrand
  • 201 Beiträge
  • Dabei seit 29.11.12

Lieber Titus, 

 

ich kann sehr gut nachvollziehen, was dein Lektor meint. Ich fühle mich sogar selbst angesprochen, weil ich ja seit vielen Jahren Schreibkurse gebe. Darin vermittle ich ja so etwas wie das "Handwerkszeug", wenn man so will. Und ich erlebe Kursteilnehmer, die das dann wunderbar umsetzen können und eine Geschichte sehr gut strukturieren und alles. Auf den ersten Blick also alles wunderbar. Manche suchen regelrecht nach einer Art Generalanleitung zum Schreiben eines Romans. Doch die gibt es nicht und ich rate auch allen davon ab, so etwas zu suchen. Es ist sicher gut, wenn man weiß was man tut. Aber ich finde es ebenso wichtig, es laufen zu lassen und nicht alles auf dem Reißbrett zu entwickeln. 

Mir hat mal eine Lektorin gesagt, es gäbe viele solide Schriftsteller, aber sie freue sich immer dann, wenn sie einen besonderen "Schmelz" in der Sprache und in den Texten erkennen könne. 

 

Liebe Grüße 
Diana 


Bearbeitet von Diana Hillebrand, 05.05.2017 - 17:10,


#4
Anni Bürkl

Anni Bürkl
  • 3.292 Beiträge
  • Dabei seit 30.01.10

Schönes Thema, das mich schon länger beschäftigt!

 

Ich nenne das für mich "die zu braven Bücher".

Alles richtig gemacht - und trotzdem fesseln sie mich als Leserin nicht.

Aber ich bin sehr anspruchsvoll, ich will jedes Mal möglichst was Neues, einen interessanten Blickwinkel auf ein Thema, verrückte Sprache, was weiß ich.

Gleichzeitig hänge ich aber doch an Plots, denen ich folgen mag. ;-) Also zu wenig Handlung mag ich auch nicht.

 

Aus schreibender Sicht habe ich bemerkt, dass ich nach den ersten paar Büchern weit lockerer an alles rangehe und wohl doch sowas wie spinnert bin - oder mich spinnen lasse ;-) - während des tatsächlichen Schreibens. Ich plane ein wenig vorab, sehr grob im Exposé, schmeiße dann manches Detail wieder um, wenn ein besseres daher kommt.


Autorin | Ein  Buch schreiben

Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher


#5
Holger

Holger
  • 896 Beiträge
  • Dabei seit 15.05.10

 

Die Individualität eines Autors kann nur in dem Überschüssigen bestehen, in dem, was nicht den handwerklichen Regeln entspricht. Um jenes von Forster so bezeichnete sumpfige Romangelände zu kreieren und zu durchmessen, braucht es eine Erzählenergie, einen Willen, beim Erzählen immer Neues zu entdecken und nicht nur starr eine Route zu verfolgen.

 


Diese Aussage halte ich für einen konstruierten Widerspruch, der mehr oder minder für den gesamten Beitrag gilt. 
Die Individualität eines Autors kann eben NICHT nur in dem Überschüssigen bestehen, sondern durchaus in seiner persönlichen Art, in der er handwerkliche Regeln anwendet oder z. B. auch bewusst Konventionen durchbricht. 
 

Handwerkliche Regeln zu beachten (und auch sie wissentlich zu brechen, um einen entsprechenden Effekt zu verursachen) führt niemals auf eine starre Route - sonst wären ja alle Liebesgeschichten logischerweise identisch. Werkzeug und Holz sind handwerkliche Instrumente. Was man daraus schafft: jedes Stück ein Original. 
Daher stimmt in meinen Augen die Prämisse dieses Textes nicht.

 

Schöne Grüße,

 

Holger



#6
ClaudiaB

ClaudiaB
  • 2.088 Beiträge
  • Dabei seit 11.12.09

Auf Musikalisches umgesetzt: Eine C-Dur Tonleiter ist eine C-Dur-Tonleiter. Damit kann man Großartiges schaffen, eine Fuge entwickeln, eine Improvisation, einen Blues (mit Hinzufügen einer einzigen Note) oder eben alle meine Entchen spielen. Die C-Dur Tonleiter ist schon lange allen zugänglich, vom ersten  Blockflötenunterricht in der Schule an. Anscheinend sind  aberDramaturgie-Regeln oder ein gewisses Handwerkszeug beim Schreiben (hier: von Unterhaltungsromanen) hierzulande noch nicht so lange allen zugänglich. Deshalb die klaffende Lücke aus früheren Zeiten zwischen Unbrauchbarem und Kunstnahem/Kunstvollem. Und jetzt wundert man sich also, dass es nicht reicht, wenn man die Regeln einfach nur anwendet. (Abgesehen davon, dass man in vorauseilendem Gehorsam Forderungen der Verlage oder LeserInnen erfüllt, was mit Kunst nichts mehr zu tun hat, egal, wie gut man die C-Dur-Tonleiter des Schreibens beherrscht.)

Die Annäherung an das Medium Film kommt dazu, man vergisst - habe ich den Eindruck - dass es beim Schreiben um Sprache geht. Ist mir fast peinlich, das hinzuschreiben, wird aber tatsächlich oft vergessen. Von Anfängern, die einfach nur beschreiben, was sie im "Kopfkino" sehen, ohne Rücksicht auf Zeitformen, Grammatik, Rechtschreibung, als auch von Profis oder angehenden Profis, wo zwar das Äußere stimmt, eine gewisse antrainierte Sprache, saubere Perspektive, erlernte Figurenpsychologie, wo aber der in weitestem Sinne innovative Umgang mit der Sprache eben fehlt. (Kann sein, dass sich aus Ich beschreib euch mal einen Film eine neue Kunstform entwickelt, wer weiß, ich glaube nur, es ist noch nicht soweit.)

 

Die Sache mit der Haltung find ich spannend. Abgesehen von der Fähigkeit, mit Sprache umzugehen und sie nicht nur als Transportmittel zu benutzen, braucht es das: Eine besondere Sicht auf die Welt. Und, was auch erwähnt wurde, die Erzählenergie. Manchmal sieht man, wenn man viel mit Fremdtexten zu tun hat, sprachlich, sagen wir mal, problematische Texte. Voller Fehler. Und die haben dennoch "etwas", vielleicht genau diese Energie. Die AutorInnen gehen anscheinend tiefer, wie es Bettina beschrieben hat, an das, was sie ausmacht und vielleicht nicht so leicht zu erlangen ist, was etwas kostet, was sich von gängigen Weltbildern und vor allem der "Sympathiefrage" entfernt. Und dieses Etwas schlägt sich, glaube ich, relativ früh auch in der Sprache nieder (und zwar trotz aller Fehler). Es ist aber eher eine "Erzählsprache", eben diese Energie des Erzählens. Und, ja, mit Ausschmückungen und Abweichungen.

AutorInnen, die wirklich lesen (und sich auch hier was trauen) können gemeinhin mit Sprache so umgehen, dass man mehr als nur die Energie des Erzählens spürt. (Die jetzt für mich nur ein Anfang wäre. Ist aber nur meine Meinung.) 


Bearbeitet von ClaudiaB, 05.05.2017 - 22:53,

Die Zeitenbummlerin (undercover als Leonie Faber) Rad Novel.
April 2016, Knaur

http://www.claudiabrendler.de


#7
Titus

Titus
  • 365 Beiträge
  • Dabei seit 11.02.05

Vielen Dank für eure guten Gedanken, auch für den berechtigten Widerspruch! Das hilft mir alles weiter.

 

Ich muss von meiner Seite noch ergänzen, dass ich das Handwerk des Schreibens liebe. Ich lese jedes Buch über das Schreiben, das ich in die Finger kriege, und ich lerne auch sehr viel Gutes übers Erzählen im Kino. (Wenn mich ein Film besonders berührt hat, frage ich mich hinterher: Wie haben die das gemacht?) Bin meiner Auffassung nach bisher gut damit gefahren.

 

Aber vielleicht hat mich gerade deshalb Edgars Einwurf so fasziniert: Weil er in eine völlig andere Richtung geht. Vielleicht muss man ab und zu, wenn man wie ich so stark in Richtung Handwerk geht, an das Spielerische, Freie und Individuelle erinnert werden.


24 Stunden können alles verändern: Der Tag X


#8
MartinC

MartinC
  • 680 Beiträge
  • Dabei seit 10.06.13

Ich halte es schlicht für unmöglich, die eigene Persönlichkeit aus dem Schreiben herauszuhalten. Und wenn sie zuviel durchscheinen, die "persönlichen Ausschweifungen" dann kommt es schnell zu Seelen-Textchen oder moralinsauren Ergüssen oder ernster Literatur. 8-)

Ich gebe Holger Recht: die Prämisse ist für mich ein theoretisches Konstrukt, um seltsame Abgrenzungen vorzunehmen, die für mich nach der altbekannten E/U-Diskussion riechen. 

 

 

"Und zwar zugunsten der Planung, des Handlungsablaufes, der vorab festgelegten Konflikte, zuungunsten der Phantasie".

 

Das sehe ich vollkommen anders. Die literarische Landschaft sprüht vor Genres und Untergenres und neuen Geschichten, Figuren und Erzählstimmen. Die Vielfalt ist geradezu fantastisch, der Fantasie sind  keine Grenzen gesetzt. Aber der Autor sagt ja auch, dass das seine subjektive Wahrnehmung ist, hinter der, das spekuliere ich jetzt mal, eine bestimmte Erwartungshaltung steht: Literatur muss so und so sein, der Autor muss so und so sein und schreiben.

 

Wie gut, dass ich mich nicht daran halten muss und dabei glücklich und zufrieden bin. Ich kann nur immer wieder Voltaire zitieren: Jede Art des Schreiben ist erlaubt - nur nicht die Langweilige.

 

LG

Martin


Bearbeitet von MartinC, 06.05.2017 - 08:01,

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www.martinconrath.de

Jede Art des Schreibens ist erlaubt - nur nicht die langweilige (Voltaire)


#9
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 2.839 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Erst mal danke, lieber Titus für die weiter gereichten Gedanken deines Lektors.

 

Die einfache, empirische Feststellung über besagte Kluft war mir tatsächlich eine Neuigkeit. Zwar weiß/hört man allerorten, dass bei den Verlagen haufenweise unbrauchbare Manuskripte eingehen, die Erklärung dafür ist naheliegend: Im Unterschied zur Musik (um bei Claudias Analogie zu bleiben) trauen sich viele das Schreiben schnell zu. Den Satz: "Wenn ich Zeit hätte, würde ich auch eine Oper komponieren" habe ich noch nie gehört, das gleiche mit "Roman schreiben" kennen wir alle. Weil jeder schon mal wenigstens eine Mail geschrieben hat (jedoch kein "Alle meine Entchen" komponiert), dazu kommt der Laptop, dann kanns losgehen. Ohne Ahnung vom Handwerk wird mutig geschrieben. Dachte ich.

Aber jetzt heißt es "solide erzählt" – was ist da los? Sind das alles Absolventen von Creative Writing Kursen? Oder lernt man das jetzt in der Schule? Ich wundere mich wirklich.

 

Erst mal bis hierher.

Angelika 


Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#10
Holger

Holger
  • 896 Beiträge
  • Dabei seit 15.05.10

 

Aber jetzt heißt es "solide erzählt" – was ist da los? Sind das alles Absolventen von Creative Writing Kursen? Oder lernt man das jetzt in der Schule? Ich wundere mich wirklich.

 

 

Hier möchte ich mich, sofern ich sie richtig verstanden habe, Angelika anschließen: Ich höre - aus unterschiedlichen Verlagen und auch von unterschiedlichen Lektoren -, dass die meisten Manuskripte (und selbst u. a. von bekannten Autoren) "ganz schlecht geplottet" sind. 

Schöne Grüße,

 

Holger



#11
AndreasE

AndreasE
  • 1.845 Beiträge
  • Dabei seit 01.04.07

Ich finde diese Betrachtung hochinteressant und merke auch, wie da was in meinem tiefsten Inneren "ja, genau" flüstert. Weil es mir als Leser auch oft so geht, dass ich ein Buch in die Hand bekomme, an dem es nichts auszusetzen gibt … aber das mich eben trotzdem kalt lässt. Das mir nicht fehlen würde, gäb’s es nicht.

 

Und erst neulich habe den Gedanken in meinem Tagebuch festgehalten, ob man mit all diesen "Plotstrukturen" das Pferd nicht von hinten her aufzäumt. Ob eine solche Struktur nicht das Ergebnis eines ganz anders verlaufenden, den Eigenheiten der Geschichte und ihrer Figuren folgenden Entwicklungs-, ja Schreibprozesses sein sollte, anstatt eine von vornherein vorgegebene Gußform. Ob man seine Idee nicht vergewaltigt, wenn man fragt, "um Seite 400 herum brauche ich noch einen Wendepunkt, was könnte das sein?"

 

Mir ist noch deutlich das "44-Stunden-Experiment" von Wolfenbüttel in Erinnerung, ganz am Anfang, als wir mit 15 Autoren darüber brüteten, was denn nun in dem innerhalb von 44 Stunden zu schreibenden Roman passieren sollte. Zuerst hatte ich die übliche Drei-Akt-Struktu (die vier Viertel I, IIA, IIB und III) an die Tafel gemalt, wir hirnten und schlugen vor, und es waren nicht mal mehr 43 Stunden übrig und es zeichnete sich nichts ab. Dann sagte ich, "vergessen wir die Struktur, wählen wir lieber erst mal die Figuren aus und überlegen, was wir mit denen anfangen" – und auf einmal sprudelten die Ideen nur so. Das war wirklich eindrucksvoll. Im Nu hatten wir die Handlung für das erste Viertel beisammen und konnten loslegen, und alles weitere ergab sich wie von Zauberhand, inklusive eines Schlusses, den sich so niemand im voraus hätte ausdenken können.



#12
Bettina_Mod

Bettina_Mod
  • 40 Beiträge
  • Dabei seit 31.03.15

Ich denke, das Problem der Ausgangsfrage ist, dass sie schwarz-weiß malt. Die Positionierung der beiden Worte „Individualität“ und „Handwerk“ werden durch versus bewertet. So als würde Struktur Individualität ausschließen.  

 

Wer käme auf die Idee, einem Architekten zu sagen: Babe, mach dir keine Sorgen und die Beschaffenheit der Materialien, um die Statik, ist doch egal, wenn später alles zusammenstürzt, mach einfach dein ganz eigenes Ding! Wieso kann ein Archtiekt, der sein Handwerk beherrscht, nicht sein ganz eigenes Ding mit diesem Hintergrundwissen erschaffen? Übersetzt: Wer behauptet, dass die ordnende Hand des Autors (also die Struktur) keinen Platz für das eigene, individuelle Erschaffen lässt?

 

Ich behaupte das nicht, aber der Artikel tut das. Als subjektive Wahrnehmung kann man die Behauptung ja akzeptieren. Als Prämisse hingegen nicht, in diesem Sinne gebe ich Holger und Martin Recht.

 

LG, Bettina



#13
Christa

Christa
  • 6.024 Beiträge
  • Dabei seit 18.11.05
Wer also die eigene Sicht auf die Welt im allgemeinen und die Romanwelt sowie deren Figuren im spezifischen außen vor lässt, sich nur auf Struktur und Planung verlässt, der läuft Gefahr, einen korrekt geschriebenen Roman zu schreiben. Dem der Funke und das Funkeln fehlt. Das wäre dann tatsächlich gutes Handwerk auf Kosten der Individualität. Gut finde ich hingegen Individualität PLUS Handwerk, nicht versus.

 

Ich lese eure Beiträge fasziniert mit und kann eigentlich nichts Neues hinzufügen. Aber ich denke an die vielen Bücher, die ich schon gelesen habe. Oft habe ich schon auf den ersten Seiten gemerkt, dass dem Roman etwas Wesentliches fehlt. Und habe ihn dann zur Seite gelegt. Oder nach Beendigung eines Romans bald zum nächsten gegriffen, ohne besonders beeindruckt zu sein. Im besten Fall gibt es dieses Aha-Erlebnis am Schluss, irgendwie "wie vom Donner gerührt". Dann rufe ich auch schon mal laut: WOW! An diese Bücher erinnere ich mich noch jahrelang und gebe ihnen einen Extraplatz in meinem Bücherregal. Es ist dieser Funke, vielleicht kann man es auch "Seele" oder "Feuer" nennen, der mich bei der Stange hält. Damit meine ich nicht Ausschmückungen oder Abschweifungen (dabei bin ich schon buchstäblich eingeschlafen), sondern Bücher, die aus diesem Autorenanteil an Erfahrung, Weltsicht, Bildern, sinnlichen Eindrücken und Haltungen bestehen und handwerklich gut gemacht sind.



#14
Margot

Margot
  • 1.851 Beiträge
  • Dabei seit 10.09.10

Vielleicht muss man ab und zu, wenn man wie ich so stark in Richtung Handwerk geht, an das Spielerische, Freie und Individuelle erinnert werden.

 

Dazu braucht es aber gleich mehrere "Mitwirkende": Zuerst natürlich den Autor, dann ein "wohlwollender" Lektor und, was nicht zu vergessen ist, ein Verlag, der das alles mitmacht und nicht jede Individualität glattbügelt, damit die Geschichte auch ja dem heutigen Lesergeschmack entspricht ... was immer das auch heisst.



#15
Ramona

Ramona
  • 2.241 Beiträge
  • Dabei seit 17.03.11

Wer käme auf die Idee, einem Architekten zu sagen: Babe, mach dir keine Sorgen und die Beschaffenheit der Materialien, um die Statik, ist doch egal, wenn später alles zusammenstürzt, mach einfach dein ganz eigenes Ding! Wieso kann ein Archtiekt, der sein Handwerk beherrscht, nicht sein ganz eigenes Ding mit diesem Hintergrundwissen erschaffen? Übersetzt: Wer behauptet, dass die ordnende Hand des Autors (also die Struktur) keinen Platz für das eigene, individuelle Erschaffen lässt?

 

1 ) Der Fotograf Elliott Erwitt sagte einmal " Photography is a craft. Anyone can learn a craft of normal intelligence and application. To take it beyond the craft is something else. That's when magic comes in. And I don't know that there's any explanation for that."

Ich denke auch, das gilt für Architektur oder Fotografie ebenso wie fürs Schreiben u. v. m. (Im Ausgangspost ist Elliott Erwitts Gedanke lediglich etwas umständlicher formuliert.)

2 ) Im Ausgangspost steht des Weiteren (sinngemäß), dass Verlage früher sehr viele dilettantische ... autobiographische Texte erhalten hätten … und heute viele solide erzählte Manuskripte erhielten, die jedoch nicht mitreißend seien …

Tja, woran könnte das wohl liegen?

- Zum einen sicher daran, dass heutzutage Literaturagenturen vorab die Manuskriptauswahl treffen und natürlich Dilettantisches aussortieren.
- Zum anderen, dass wir heutzutage zig mal mehr Autoren und Autorinnen haben, die ihr Handwerk beherrschen, routiniert schreiben und mit ihren Manuskripten "auf den Markt drängen" (wie oben geäußert).

Im Kern hat sich daher wohl vor allem eines geändert: Das gigantische Manuskriptangebot liefert/e den Verlagen seit Jahren die Munition für einen gigantischen Verdrängungswettbewerb. Der Markt ist hart umkämpft.

 

Liebe Grüße
Ramona


Bearbeitet von Ramona, 06.05.2017 - 17:50,

“Your intuition knows what to write, so get out of the way.” (Ray Bradbury)

#16
Sabine

Sabine
  • 479 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14
Darüber habe ich mir auch schon sehr oft Gedanken gemacht. Mein Gefühl sagt, dass, wenn man eine Geschichte mit Leidenschaft erzählt, nimmt sie den Leser besonders mit. Wenn das Herzblut des Autors drin steckt, wenn er etwas zu erzählen hat, das er unbedingt erzählen will.
Ich glaube, dass viele Romane das nicht haben, weil der Autor alles richtig machen will. Er will eine durchdachte Story erzählen, die keine Logiklücken aufweist und handwerklich nahezu perfekt ist. Dazu kommt bei vielen, dass sie vom Schreiben leben müssen, dass der Verlag oder die Leser bereits auf Nachschub warten, und der Autor somit unter Zugzwang steht und einfach nur liefert, ohne selbst seine "konstruierte" Geschichte zu leben.
Ich finde man merkt das oft bei Debütromanen, dass sie gelebt wurden. Der Autor hatte keinen Druck, sondern konnte schreiben, was ihm auf dem Herzen lag und was einfach aus ihm herauswollte. Und wenn dieser Roman dann beim Verlag landet, hat er bessere Chancen, als ein Roman, der handwerklich und sprachlich zwar sehr gut ist, aber eben nicht diesen Zauber hat.

Ich selbst liebe das Schreibhandwerk, habe schon etliche Schreibratgeber verschlungen. Mir ist es wichtig, einen handwerklich guten Plot zu entwerfen, und die Geschichte in einer guten Sprache zu erzählen, die auch melodisch, interessant und einfach ist. Aber ich muss mich immer wieder dazu zwingen, mich in eine Art Trance zu versetzen, um die Szenen auch zu er"leben". Denn das fällt mir von Roman zu Roman schwerer.

Bearbeitet von Sabine, 06.05.2017 - 16:51,

www.saskia-calden.de
Nackte Angst, zieh dich an, wir gehen spazieren.

#17
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
  • 5.394 Beiträge
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Ich denke, Struktur sollte ein Roman, besonders ein Genre-Roman, immer haben. Und man sollte auch nur schreiben, was die Geschichte vorantreibt. Aber dazu gehören selbstverständlich auch die nötige Figurentiefe, die Plastizität und Authentizität komplexer Figuren und ihrer Überzeugungen und Motivationen, dazu gehören auch die nötigen Beschreibungen, damit vor dem Auge des Lesers die richtigen Bilder ablaufen. Dazu gehört auch, gewisse Einzelheiten zu erläutern, die für die Geschichte von Bedeutung sind. Und ja, es gehören auch gelegentliche Abstecher dazu, wenn sie helfen, Zeitalter, Situation oder die Figur näherzubringen. Manchmal sieht etwas wie ein unbedeutender Abstecher aus, nur um sich hinterher als wichtiges Detail der Handlung zu entpuppen.

 

Und natürlich eine gute Sprache.

 

Wenn ein Roman trotz gut gefertigtem Plot nicht greift, dann fehlt irgendetwas, wie oben beschrieben. 


Der Bastard von Tolosa, Die Comtessa, Die Hure Babylon, Das Schwert des Normannen, Die Rache des Normannen, Der Schwur des Normannen, Der Sturm der Normannen, Bucht der Schmuggler, www.ulfschiewe.de


#18
DirkH

DirkH
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  • Dabei seit 29.04.15

Ob man Film, Architektur und Musik mit Literatur vergleich kann, zweifle ich an. Insbesondere der Roman bietet doch wesentlich größere Räume für Spiel und Experiment – das macht ihn ja so wunderbar: Nirgendwo kann man mit so vielen Überraschungen rechnen.

 

Welches Gewicht Struktur und Planung gegenüber spontan Innovativem haben sollten, hängt meiner Meinung nach vom Autor ab. Manch eine® fühlt sich vielleicht wohler, wenn er sich an einem Plot orientieren kann, andere zwängt das zu sehr ein. Die Fasson eines jeden ist da wohl sehr wichtig. 

 

Mir persönlich haben zu starre Plots bislang nur Steine in den Weg gelegt. Ich schreibe mindestens ein Jahr lang an einem Roman. Ein Jahr ist eine lange Zeit, in der ich recht viel erlebe. Vieles davon schreibe ich auf und verwende es in meinen Geschichten. Das mag ein Gesicht sein, das ich auf der Straße gesehen habe, und das wunderbar für eine Figur passt. Manchmal ist es eine Geste, ein Dialog. Dann wieder eine ganze Geschichte, die in abgewandelter Form meine Handlung vorantreiben kann. Die Welt ist eine Schatzkiste für Schriftsteller. In dem Moment, in dem ich in recht kurzer Zeit einen kompletten Roman durchplotte, lasse ich zu viele Möglichkeiten ungenutzt. Wie gesagt, ist das nur meine Arbeits- und Lebensweise. 

 

Denn das Schöne ist: Es gibt keine Gesetzmäßigkeit. Und dabei wird es ja hoffentlich auch bleiben.


Sagt Abraham zu Bebraham: Kann ich mal dein Cebraham?


#19
AndreasE

AndreasE
  • 1.845 Beiträge
  • Dabei seit 01.04.07

Darüber habe ich mir auch schon sehr oft Gedanken gemacht. Mein Gefühl sagt, dass, wenn man eine Geschichte mit Leidenschaft erzählt, nimmt sie den Leser besonders mit. Wenn das Herzblut des Autors drin steckt, wenn er etwas zu erzählen hat, das er unbedingt erzählen will.
Ich glaube, dass viele Romane das nicht haben, weil der Autor alles richtig machen will. 

 

Ich glaube, in dieser Richtung ist die Antwort zu finden. Wenn ich z.B. an die Romane von Wolfgang Schorlau denke: An denen ließe sich handwerklich so einiges aussetzen, trotzdem lesen sie sich mitreißend. Warum? Weil man bei diesen Geschichten spürt, dass der Autor mit Leidenschaft bei der Sache ist, dass er, wie man so sagt, "brennt". Man spürt seine Wut auf die Verhältnisse, die er schildert, nein, anklagt. Da ist Herzblut in jeder Zeile, und was sind verglichen damit schon ein paar zweifelhafte Konditionalkonstruktionen?

 

Seltsam, wenn man es recht bedenkt. Denn das heißt ja: Wenn man alles richtig machen will, macht man was falsch …  :-/



#20
Margot

Margot
  • 1.851 Beiträge
  • Dabei seit 10.09.10

Seltsam, wenn man es recht bedenkt. Denn das heißt ja: Wenn man alles richtig machen will, macht man was falsch …  :-/

 

 

Oder anders gesagt: Wenn man alles richtig machen will, muss man etwas falsch machen. ;-)


Bearbeitet von Margot, 08.05.2017 - 12:27,