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Individualität vs. Handwerk


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32 Antworten zu diesem Thema

#21
Sabine

Sabine
  • 516 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

 
Ich glaube, in dieser Richtung ist die Antwort zu finden. Wenn ich z.B. an die Romane von Wolfgang Schorlau denke: An denen ließe sich handwerklich so einiges aussetzen, trotzdem lesen sie sich mitreißend. Warum? Weil man bei diesen Geschichten spürt, dass der Autor mit Leidenschaft bei der Sache ist, dass er, wie man so sagt, "brennt". Man spürt seine Wut auf die Verhältnisse, die er schildert, nein, anklagt. Da ist Herzblut in jeder Zeile, und was sind verglichen damit schon ein paar zweifelhafte Konditionalkonstruktionen?
 
Seltsam, wenn man es recht bedenkt. Denn das heißt ja: Wenn man alles richtig machen will, macht man was falsch …  :-/


Genau das ist es, was ich denke.
Das ist das Geheimnis eines richtig guten Romans. Aber es ist so schwer das zu schaffen, weil man erst von einem Stoff gefunden werden muss, für den man brennt.
Nackte Angst, zieh dich an, wir gehen spazieren.

#22
AndreasG

AndreasG
  • 1.168 Beiträge
  • Dabei seit 16.09.07

Vieles von dem, was schon gesagt wurde, unterstütze ich auch ausdrücklich.

 

Grundsätzlich halte ich es aber für einen fragwürdigen Ansatz, Handwerk gegen Individualität auszuspielen. Wenn Autoren sich an durchschnittlichen Modellen festhalten, statt Regeln virtuous zu interpretieren und, wenn nötig, zu durchbrechen, liegt es eben daran, dass sie nur durchschnittliche Autoren sind. Was auch völlig  in Ordnung ist, denn nichts ist schlimmer als Bücher und Autoren, die mehr sein wollen als sie sind. Die besonderen Individuen mit eigenem Ausdruck, eigenem Temperament und eigenem Blick auf die Welt sind eben rar gesät, das waren sie aber schon zu allen Zeiten. Schon immer gab es viel zu viele Salieris und nur wenig Mozart. Aber man braucht trotzdem auch die Salieris, sie erhalten den Betrieb aufrecht. Individualität einzufordern, bedeutet im Übrigen, schon wieder etwas Vermarktbares daraus machen zu wollen. Das Problem sehe ich eher auf der Abnehmerseite: Leider wird Individuelles zu schnell von Verlagen abgebügelt, weil Leser das angeblich nicht goutieren (z. B. unsympathische Helden). Daher möchte ich jedem Lektor, der die Klage führt, es gebe nicht genügend eigenwillige Texte, entgegenrufen: Wer im Glashaus sitzt, sollte lieber nicht mit Steinen werfen.


"Stirb leise, mein Engel", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Hörst du den Tod?", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Denn morgen sind wir tot", Jugendbuch, Oetinger Verlag 2015, "Bad Boys & Little Bitches", Jugendbuch Oetinger Verlag 2017 und 2018


#23
Sabine

Sabine
  • 516 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14
Aber das eine schließt doch das andere nicht aus. Wenn ich das Rüstzeug der Dramaturgie und des guten Stils drauf habe, weiß ich doch, was ich tue, wenn ich einen Roman schreibe, der dennoch individuell ist. Und solange ich mir darüber bewusst bin, was ich tue, darf ich die Regeln brechen. Das ist bei jeder Art von Kunst so.
Ich finde, Handwerk lernen und sich einen guten Stil aneigenen ist nicht schwer. Aber dann auch noch etwas Schreiben, was Ausdruck hat, was ein Statement in sich birgt, dass vielen aus dem Herzen spricht. Das ist die Kunst.

Was Titus Beitrag, denke ich mal, aussagen will ist eher: Wenn ich die Wahl habe zwischen einem Roman, der leidenschaftlich ist und einem, der handwerklich perfekt ist. Wofür entscheide ich mich?
Aber das schließt nicht aus, dass auch beides möglich ist.

Bearbeitet von Sabine, 08.05.2017 - 13:06,

Nackte Angst, zieh dich an, wir gehen spazieren.

#24
Holger

Holger
  • 930 Beiträge
  • Dabei seit 15.05.10

Ich habe bei diesen Diskussionen und dem konstruktiven Austausch darüber manchmal das Gefühl, der „Plot“, den der Autor selbst (!) entwirft, mache ihn irgendwie zum Gefangenen und beschneide ihn in der Freiheit der Gestaltung und der Freiheit und seinem Denken. So, als würde man sich aus seinem eigenen Haus ausschließen.

 

Das kommt mir vor wie ein Missverständnis.

Es gibt dramaturgische Gesetzmäßigkeiten, und um dem mal die Starrheit und Bedrohlichkeit zu nehmen, spreche ich von „Kniffen“ oder „Handwerkszeug“. Dieses leitet sich komplett aus unserem Alltag ab bzw. daraus, wie wir selbst Geschichten konsumieren.

Das oben erwähnte Drei-Akt-Schema etwa ist keineswegs etwas, in das man etwas pressen muss, und dann wird es automatisch ein Bestseller (mir ist schon klar, dass Andreas und seine Mitstreiter sich das ach nicht versprochen haben). Das 3-Akt-Schema ist ein Hilfsmittel, wie ein Zollstock, mit dem ich Maß nehme. Maß für etwas Vorhandenes.

Wenn man das Gefühl hat, die Story läuft nicht so gut, wie sie könnte, dann ist das 3–Akt-Schema eines von vielen Hilfsmitteln, mit denen ich meine Figuren und meine Story abklopfen kann.

Ich würde die 3-Akt-Struktur auch nur bedingt für einen Roman als tauglich einstufen. Bei einem 400-Seiten-Roman wäre der erste Akt 100 Seiten lang, bis ein auslösendes Moment stattfindet. Zu lange Exposition, meines Erachtens.

 

Man kann sich auch fragen, ob der Verrat durch die beste Freundin emotionaler ist als durch den Erzfeind. Aus unserem Alltag wissen wir, dass die Verletzungen aus nächster Nähe die schmerzlicheren sind als die von einer Person, von der man ohnehin nichts Gutes erwartet.

Niemand zwingt einen jetzt dazu, den Verrat trotzdem durch den Erzfeind begehen zu lassen. Aber die größere emotionale Wucht generiert der andere Verrat.

Das sind ganz simple Kniffe. Die kann man anwenden oder auch nicht. Damit ist keinerlei Zwang verbunden.

 

Es macht vielleicht auch hinsichtlich einer Figurenentwicklung Sinn sich zu überlegen, wo unsere Hauptfigur am Ende steht. Wenn sie am Anfang nämlich genau so ist wie am Ende, ist sie statisch.

So eine Betrachtung oder so ein Kniff lässt den Autoren ja stets die Wahl, ob sie ihn beherzigen oder sich z. B. auch mal ganz bewusst dagegen entscheiden. Man kann auch auf halber Strecke durchaus bemerken, dass die Entwicklung zwar stattfinden aber in eine andere Richtung gehen soll, weil man beim Schreiben merkt, dass das mehr dem Bedürfnis der Figur entspricht o. ä.

Niemand zwingt einen, gegen unseren Willen, Kurs auf ein Ende zu halten, das wir nicht wollen.

 

Genug der Beispiele. Es gibt Kollegen, die schreiben drauflos und erschaffen wunderbare Geschichten und Figuren. Prima. Ich kann das leider nicht, ich brauche ein grobes Gerüst, das genügen Elastizität und Flexibilität aufweist, um stets den Bedürfnissen meiner Figuren folgen zu können und sich also im Bedarfsfall anpasst. 

 

Ich bin ebenfalls der Meinung, man solle immer mit Leidenschaft schreiben.

Bloß müssen sich dramaturgisches Handwerkszeug und Leidenschaft nicht ausschließen, im vielleicht besten Fall ergänzen sie sich perfekt.

 

Vielleicht lese ich ja Dinge zwischen den Zeilen raus, die da gar nicht sind, Dann vergesst meinen Post bitte.

 

Schöne Grüße,

 

Holger



#25
AndreasG

AndreasG
  • 1.168 Beiträge
  • Dabei seit 16.09.07

Aber das eine schließt doch das andere nicht aus. Wenn ich das Rüstzeug der Dramaturgie und des guten Stils drauf habe, weiß ich doch, was ich tue, wenn ich einen Roman schreibe, der dennoch individuell ist. Und solange ich mir darüber bewusst bin, was ich tue, darf ich die Regeln brechen. Das ist bei jeder Art von Kunst so.
Ich finde, Handwerk lernen und sich einen guten Stil aneigenen ist nicht schwer. Aber dann auch noch etwas Schreiben, was Ausdruck hat, was ein Statement in sich birgt, dass vielen aus dem Herzen spricht. Das ist die Kunst.

Was Titus Beitrag, denke ich mal, aussagen will ist eher: Wenn ich die Wahl habe zwischen einem Roman, der leidenschaftlich ist und einem, der handwerklich perfekt ist. Wofür entscheide ich mich?
Aber das schließt nicht aus, dass auch beides möglich ist.

 

Weitgehend einig mit dir, Sabine. Ich würde nur nicht sagen, dass die Kunst ist, etwas zu erschaffen, das vielen aus dem Herzen spricht, sondern vor allem einem: dem Autor. Das ist ja Individualität. Oft bleibt der Autor mit seiner Individualität eher allein. Wenn nicht, hat er Glück gehabt. Aber das sollte nicht die Erwägung seines Denkens und Schreibens sein.

 

Die Frage ist nicht, ob ich etwas handwerklich perfekt oder leidenschaftlich mache, denn das würde bedeuten, das leidenschaftlich ein Widerspruch zu handwerklich perfekt ist. Für mich ist dieser Gegensatz künstlich aufgebaut. Gutes Handwerk macht einen Text immer besser. Immer! Aber was ist gutes Handwerk? Die bestmögliche Lösung für das zu finden, was ich ausdrücken will. Anders gesagt: den Regeln des Stoffes zu folgen. Das kann intuitiv passieren oder mit Überlegung. Diese Regeln überhaupt zu erkennen und dann umzusetzen, macht den Unterschied aus. Die Kunst ist, das angemessene Verhältnis der Form zum Inhalt zu finden, um es mal theoretisch zu sagen. Hinzu kommt noch - entscheidend! - der besondere Blick auf die Welt, die feine Wahrnehmung, die Schlüsse, die daraus gezogen werden. Das Weltbild, das dahinter steht. Darin liegt die Individualität.

 

Was beklagt der Lektor also, wenn er sagt, heute gebe es mehr gut gemachte, aber weniger originelle, individuelle Texte? Ich spitze mal zu und sage böse: Die meisten Leute haben heute nicht mehr zu sagen oder zu erzählen als früher, aber sie sagen und erzählen es besser. Was ich für eine positive Entwicklung halte. Wenn Autoren in vorauseilendem Gehorsam sich individuelles Schreiben (d. h. Denken und Erfinden) verbieten, ernten die Verlage nur, was sie selbst gesät haben. Ich mag es jedenfalls gar nicht, wenn Lektoren, die den Autoren erst das Individuelle austreiben, sich hinterher beklagen, dass es an Individualität mangle.


"Stirb leise, mein Engel", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Hörst du den Tod?", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Denn morgen sind wir tot", Jugendbuch, Oetinger Verlag 2015, "Bad Boys & Little Bitches", Jugendbuch Oetinger Verlag 2017 und 2018


#26
AndreasE

AndreasE
  • 1.889 Beiträge
  • Dabei seit 01.04.07

Individualität einzufordern, bedeutet im Übrigen, schon wieder etwas Vermarktbares daraus machen zu wollen. 

 

Das ist ein ganz wichtiger Satz, den wir festhalten sollten! <festhalt>

 

Das Problem sehe ich eher auf der Abnehmerseite: Leider wird Individuelles zu schnell von Verlagen abgebügelt, weil Leser das angeblich nicht goutieren (z. B. unsympathische Helden). Daher möchte ich jedem Lektor, der die Klage führt, es gebe nicht genügend eigenwillige Texte, entgegenrufen: Wer im Glashaus sitzt, sollte lieber nicht mit Steinen werfen.

 

Ganz arg in Kinder- und Jugendbuchverlagen. 



#27
MariaP

MariaP
  • 371 Beiträge
  • Dabei seit 15.10.15

 


Seltsam, wenn man es recht bedenkt. Denn das heißt ja: Wenn man alles richtig machen will, macht man was falsch …  :-/

 

 

Oder anders gesagt: Wenn man alles richtig machen will, muss man etwas falsch machen. ;-)

 

 

Ein interessanter Gedanke, der in anderen Bereichen gar nicht so abwegig ist. In der Musik zum Beispiel. Da ist es ja heute möglich, auf digitalem Weg Musikstücke zu erzeugen, die absolut perfekt sind, bei denen jeder Ton hundertprozentig stimmt. Und was ist? Die hören sich irgendwie komisch an (habe ich mir sagen lassen. Ich selbst habe von Musik nicht sehr viel Ahnung). "Perfekt" für menschliche Ohren ist ein Musikstück, wenn die Töne ganz leicht daneben liegen - auch oder gerade von Spitzenmusikern.

 

Dazu fällt mir noch ein Beispiel aus dem Bilderdruck ein: Um ein Foto drucken zu können, muss man es rastern. Früher hatte man dafür Rasterfolien, mit denen ein Bild dann vier mal "aufgenommen" werden musste, wobei darauf zu achten war, dass die Winkel der einzelnen Rasterfolien zueinander richtig ausgerichtet waren. Per Hand, an einer großen Kamera. Dadurch war das Ergebnis immer un-perfekt.

Dann kam das digitale Rastern. Super! Endlich kann man hundertprozentig den richtigen Winkel hinbekommen! Und was ist? Das Foto sieht dann gedruckt irgendwie merkwürdig aus. Zu perfekt. Die Lösung war, dass man vom Computer eine Prise Nicht-Perfektion hat einbauen lassen.

 

Aber ist es beim Schreiben auch das Nicht-Perfekte, also das eigentlich Falsche, was aus einem guten Handwerksstück Kunst macht? Wenn ich "falsch" definiere als nicht ganz exaktes Einhalten der Regeln, dann kommt es hin. Beim Schreiben geht es nicht darum, eine exakte Luftschwingung oder einen exakten Winkel zu treffen. Solche messbaren Kriterien gibt es bei uns nicht. Aber wir haben (inzwischen) ebenfalls Regeln, die wir möglichst gut beherrschen sollten - und die wir dann bewusst oder unbewusst brechen können. Oder müssen?

 

Was beim Schreiben vielleicht noch anders ist als bei der Musik oder der Rasterfotografie: Ist es nicht eine noch recht neue Erkenntnis (zumindest im deutschen Sprachraum), dass Schreiben erlernbar ist, dass es überhaupt Tricks und Kniffe gibt, die gewissen Regeln folgen? Ganz lange ging man doch immer davon aus, dass man entweder von der Muse geküsst wird oder eben Pech hat. Deswegen herrscht vielleicht noch eine größere Unsicherheit darüber, wie man mit den Regeln unserer Kunst umzugehen hat. Die anderen Künste haben da schon ein paar Jahrhunderte Vorsprung.

 

lg

Maria

 

70 Prozent ist Perfektion


Komm wir essen Opa.
SATZZEICHEN können Leben retten.
www.mcpoets.de

#28
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
  • 5.526 Beiträge
  • Dabei seit 12.03.08

Ich habe da so meine Zweifel mit der Leidenschaft, mit dem für ein Thema brennen. Und dass dieses Brennen nun so durch den Text leuchtet, dass der Leser auch brennt. Man sollte das Schreiben nicht so romantisieren.  :)  Es gibt Schriftsteller, die 20 Bestseller produziert haben. Haben die für jedes einzelne Thema gebrannt? Nein, aber sie können gut schreiben.

 

Wenn schon Leidenschaft, dann sollte man für das Schreiben an sich brennen und fürs gute Erzählen. Und dazu gehört eine gute Erzählstruktur, die den Spannungsbogen aufrecht hält. Und natürlich die Tricks und Kniffe, wie Holger erwähnt, die funktionieren. Das ist eben Handwerk. Ohne wird es nicht gehen, egal, wie sehr der Autor für sein Thema brennt.

 

Die Leidenschaft ist eine Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen. Sich die Zeit nehmen, sich in seine Figuren intensiv hineinzufühlen, Situationen so beschreiben, dass sie plastisch werden. Mehr aus einer Szene machen, als nur den Ablauf berichten, Einzelheiten einbringen, die das Geschehen authentisch, anfassbar machen. Das ist Schreiben an sich mit einem leidenschaftlichem Engagement betreiben. Wer das kann, wird jedes Thema hervorragend darstellen. Das ist Professionalität und noch ein bisschen mehr. 


Der Bastard von Tolosa, Die Comtessa, Die Hure Babylon, Das Schwert des Normannen, Die Rache des Normannen, Der Schwur des Normannen, Der Sturm der Normannen, Bucht der Schmuggler, www.ulfschiewe.de


#29
Sabine

Sabine
  • 516 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

Ich würde nur nicht sagen, dass die Kunst ist, etwas zu erschaffen, das vielen aus dem Herzen spricht, sondern vor allem einem: dem Autor. Das ist ja Individualität. Oft bleibt der Autor mit seiner Individualität eher allein. Wenn nicht, hat er Glück gehabt. Aber das sollte nicht die Erwägung seines Denkens und Schreibens sein.

Da gebe ich dir recht. Dass sich der Autor selbst aus dem Herzen spricht bedeutet in meinen Augen Leidenschaft. Wie heißt es so schön: Nur wer selbst Begeisterung verspürt, kann andere begeistern.

Wenn schon Leidenschaft, dann sollte man für das Schreiben an sich brennen und fürs gute Erzählen.

Wobei diese Leidenschaft ja automatisch da ist, wenn man eine Geschichte hat, die man unbedingt erzählen will. Aber ich gebe dir recht, die Leidenschaft fürs Schreiben führt auch dazu, dass man sich der Dinge annimmt, über die man schreibt. Insofern kommt es aufs selbe drauf hinaus.

Die Leidenschaft ist eine Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen. Sich die Zeit nehmen, sich in seine Figuren intensiv hineinzufühlen, Situationen so beschreiben, dass sie plastisch werden. Mehr aus einer Szene machen, als nur den Ablauf berichten, Einzelheiten einbringen, die das Geschehen authentisch, anfassbar machen. Das ist Schreiben an sich mit einem leidenschaftlichem Engagement betreiben. Wer das kann, wird jedes Thema hervorragend darstellen. Das ist Professionalität und noch ein bisschen mehr.

Genau, fühle ich das, was ich schreibe. Das ist etwas, was auch in meinen Augen Professionalität ausmacht. Aber ich denke, das betrifft nur die Mikrostruktur einer Geschichte. Das ist etwas, was Lektoren nur sehen, wenn sie den Text lesen. Ich bin sowieso der Meinung, dass auch ein mittelmäßiger Plot mitreißend und emotional geschrieben werden kann. Weil es einfach auf das Wie ankommt.
Aber was ich als individuell ansehe ist die Makrostruktur einer Geschichte. Der eigentliche Kern, der Geschichte. Der Zauber den eine Geschichte bewirkt. Das was die Leser an der Geschichte bewegt und nicht nur an den einzelnen Szenen.
Nackte Angst, zieh dich an, wir gehen spazieren.

#30
Bea

Bea
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  • Dabei seit 27.12.06

Hallo Titus,

möchte hier nochmals einsteigen, habe es heute erst entdeckt (da ich in Urlaub bin :-) )

 

Jetzt freue ich mich gleich doppelt auf das Seminar in Brixen. Dieses Zitat von Edgar Bracht spricht einiges an, woran ich an meinem aktuellen Projekt nage und womit ich mich grundsätzlich beschäftige. Auch seiner  früher-heute-Aussage bin ich durchaus nicht abgeneigt.

 

 

Die Individualität eines Autors kann nur in dem Überschüssigen bestehen, in dem, was nicht den handwerklichen Regeln entspricht. Um jenes von Forster so bezeichnete sumpfige Romangelände zu kreieren und zu durchmessen, braucht es eine Erzählenergie, einen Willen, beim Erzählen immer Neues zu entdecken und nicht nur starr eine Route zu verfolgen. Abschweifungen, Erfindungen, Ausschmückungen können den Roman verwässern, aber ohne sie wirkt er unbelebt trocken, vorhersehbar.

Ich brauche bzw. suche mir eine Geschichte, ein Thema, einen Prota, der meine Leidenschaft entfacht, dieser Figur eine Erzählstimme zu geben. Und ich ändere meinen Plot, wenn auch nicht grundsätzlich, aber die Geschichte lebt beim Schreiben. Oft fügen sich Ausschmückungen und Beiwerk ein, die ursprünglich nicht so geplant waren, doch innerhalb des Schreibprozesses, dem Werden des Romans ihren Sinn ergeben. (späteres Abklopfen auf seinen tatsächlichen Gehalt und Wert für die Story nicht ausgeschlossen)

Die Gegenüberstellung  Handwerk vs. Leidenschaft ist natürlich - wie ja hier bereits mehrfach ausgeführt - nicht wirklich so konträr zu sehen, ich jedenfalls sehe hier auch keinen Widerspruch. Ein grobes Gerüst muss her, der Konflikt, das was den Prota auf seine Erzählreise schickt und das, wo die Figur am Ende stehen soll.

 

Für mich macht dieses Drumherum sehr viel aus, gerade und auch als Leser.

Um ein bekanntes Beispiel zu nennen: ich denke, wenn es nach Gradlinigkeit und Konzept eines Plots ginge, wäre in "Meister und Margarita" einiges schiefgelaufen. Ebenso wenn ich dabei an Konsequenz einer Erzählperspektive denke.

Aber das liebe ich an osteuropäischer Erzählweise. Die Fabulierlust, das Gebinde von Anekdoten u.s.w. aus denen die Geschichten sich zusammenweben. Ähnlich finde ich das bei spanisch/südam. Autoren.

 

Jedenfalls finde ich spannend, was wir dann auch in Brixen dazu erarbeiten. Für "das gewisse Etwas" gibt es ja vieles, denke ich mir.

Bea


Bearbeitet von Bea, 14.05.2017 - 18:52,

"Büchners Braut" Aufbau Juli 2013,  "Tumult der Seele - Lichtenberg und Maria Dorothea Stechard" SalonLiteraturVerlag, 2015

"Wer nicht weiß, in welchen Hafen er will, für den ist kein Wind der richtige." Seneca


#31
Wolf

Wolf
  • 143 Beiträge
  • Dabei seit 21.10.08

Ich kann mit diesem Thema, jedenfalls in dieser Formulierung, nicht so richtig etwas anfangen, weil ich wie viele andere nicht verstehe, was da miteinander verglichen wird. Äpfel und Birnen?

Es gibt Schwächen und handwerkliche Fehler, die mich als Leser ein Buch beiseite legen lassen, und es gibt Highlights in Form ganzer Szenen und oder mehr, die mich selbst gröbste Strukturschwächen verzeihen lassen. Am Ende ist es immer ein Abwägungsprozess der Dinge, die für mich persönlich wichtig sind. Wenn beispielsweise ein Pferd vor Wut schäumt, dann es das.

Und das erklärt auch, wenn trotz fehlerfreiem Handwerk kein Funke überspringt, denn Erzählkunst ist mehr als Handwerk. Dieses "Mehr" ist auch nicht ein gewisses Etwas, sondern lässt sich zumindest teilweise benennen. Dazu gehört ganz bestimmt die Anzahl und die Art von Ideen, die der Autor, aber nicht der Leser hat. Und es gehört auch Wahl und Entscheidung eines Autors dazu, was er für wichtig genug hält, es zu erwähnen, und was er weglässt, weil es eh jeder weiß. Und so kann ein Autor bei der Beschreibung einer Landschaft oder eines Verhaltens eine Wunderwelt aufspannen, die einem die Augen für etwas Neues noch nie so Gesehenes öffnet, oder auch etwas, das man schon zigfach erzählt bekommen hat Und das fallt für mich nicht unter Handwerk, wohl aber unter Individualität.

 

Liebe Grüße

Wolf



#32
IlonaS

IlonaS
  • 795 Beiträge
  • Dabei seit 14.08.13

Jede Kunst setzt doch das Beherrschen des Handwerks voraus, egal wie es erlernt wurde. Ist es erlernt, bleiben die meisten auf dieser Stufe stehen und nur wenigen gelingt der Sprung in die Kunst. Kunst ohne Handwerk sieht dilettantisch und fragwürdig aus, Handwerk ohne Kunst bleibt eben nur Handwerk. 

 

Beim Malen wie bei der Musik wie beim Schreiben. 


Krimis, Liebe und Mehr: http://www.ilonaschmidt.com


#33
(Ioana Orleanu)

(Ioana Orleanu)

Ich warte auf die Plotstruktur, bei der man lediglich nach mutiple-choice-Art Details ankreuzt, dann Namen der Orte, der Figuren und freilich auch des Autors einfügt und - simsalabim, fertig ist die perfekte Story. Lichte, lichte Zukunft: Alle schreiben. Gleich.

Ich bin zuversichtlich. :D