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Was kann, darf und soll der Unterhaltungsroman?


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26 Antworten zu diesem Thema

#21
DorisC

DorisC
  • 1.335 Beiträge
  • Dabei seit 25.07.11

Meine Erfahrungen hierzu sind jedenfalls eher positiv.

Nach meiner historischen Marokko-Trilogie bringt mein Verlag jetzt einen Roman mit den Themen WK2-Traumata und Westsahara-Konflikt im Jahr 1988 heraus, noch dazu im HC! Ein bisschen „Familiengeheimnis“ und „Love-Story“ sind zwar auch dabei, doch die politischen Aspekte überwiegen.

 

Bei der Vorstellung dieses für den Verlag eher unüblichen Projekts – persönlich und direkt, die Agentin übernahm erst danach alles Vertragliche – war ich einerseits wohl ziemlich überzeugend, andererseits hatte ich damals durchaus den Eindruck, im Verlag sei man nicht nur offen für Neues, sondern geradezu auf der Suche danach.

 

Vielleicht ist die gegenwärtige Zeit ohne klare Trends also sogar eine Chance, solange man fest zu seinem Projekt steht.


MAROKKO-SAGA bei Blanvalet: Das Leuchten der Purpurinseln,  Die Perlen der Wüste,  Das Lied der Dünen.

Neu Dez. 2017: DIE WOLKENFRAUEN


#22
DJPusch

DJPusch
  • 12 Beiträge
  • Dabei seit 21.02.17

Unterhaltungsliteratur befriedigt ja ein Bedürfnis, und dieses ist je nach Genre sehr unterschiedlich: Die Spannungsromane (wie Krimi/Thriller) liefern Nervenkitzel und fordern auch manchmal den Intellekt heraus (Rätselraten), dabei darf es selbstverständlich blutig und sogar grausam werden, wie im Horrorroman, der ja auch ein Bedürfnis nach extremen Nervenkitzel befriedigt. Liebesromane befriedigen natürlich die Sehnsucht nach Romantik, aber auch nach Melodramatik, Herzschmerz und erotischem Kitzel.

 

Jeder Leser sucht etwas anderes (und dass was er sucht kann sich ändern), manche wollen seichte Unterhaltung und sich nur berieseln lassen, andere suchen Tiefe und wollen emotional neue Erfahrungen machen, also auch mit Krankheit und Tod konfrontiert werden. Daher glaube ich, dass man am besten damit fährt, wenn man als "Autorenmarke" für eine bestimmte Stilrichtung innerhalb seines Genres steht, sprich wenn die Leser wissen, dass dieser oder jener Autor immer heitere, lockere Romantik verspricht, während jener andere eher für dramatische, tiefgründige Konflikte bekannt ist. Aber erlaubt ist alles, bestimmte Bereiche verkaufen sich nur besser als andere (die seichten Sachen gehen anscheinend besser weg als man glaubt). Deswegen drängen Verlage einen oft in die Richtung, was ihrer Meinung nach besser läuft, aber das schadet der "Autorenmarke" wenn man da inhaltlich schwankend ist und die Leser nicht sicher, ob sie mit schweren Themen konfrontiert werden oder auf der heiteren Seite sind.

 

Das Cover sollte transportieren, was für eine Stimmung man mit dem Buch bekommt und die Autorenmarke unterstützen, was die Verlage (in Deutschland?) wohl leider oft versauen.


Bearbeitet von DJPusch, 04.07.2017 - 09:21,


#23
AnnaW

AnnaW
  • 501 Beiträge
  • Dabei seit 10.08.15

@ Daniela, diese Ansicht würde ich als Unterhaltungsromanautorin unterstützen.

 

Ich glaube auch, dass die Abstufungen innerhalb ein Genres ganz vielfältig sind und dass ganz unterschiedliche Leser finden, was sie suchen - und manchmal auch etwas finden, was sie nicht gesucht haben, das gibt es, glaube ich, nämlich auch, das Suchen nach Neuem, Unvorhergesehenem, den Wunsch, überrascht zu werden mit neuen Einsichten, Erfahrungen, Erkenntnissen. Und das auch in der Unterhaltungsliteratur.

 

Die Ähnlichkeit von Covern und Klappentexten halte ich hier allerdings auch für ein Problem - Unterscheidung ist für die Buchkäuferin kaum möglich, Enttäuschung vorprogrammiert. Natürlich sind auch Überraschungen möglich, finden neue Autorennamen neue Anhänger - aber viele potentielle Leser werden mit diesem Vereinheitlichungsprinzip auch nicht erreicht.

 

Auf Binnendifferenzierung innerhalb eines Genres - denn die Unterscheidung nach Unterhaltungs- und Liebesroman greift meines Erachtens viel zu kurz, die Unterscheidung geht noch viel weiter - wird "von außen" tendentiell verzichtet, so mein Eindruck, und das macht es für Autoren schwer, die Zielgruppe für das eigene Schreiben zu erreichen, und für Leser, genau das zu finden, was ihrem Lesegeschmack entspricht.

 

Auf der anderen Seite ist es natürlich der Name, der am Ende für Wiedererkennung sorgt und dafür, dass Leser die Autoren finden, die sie mögen und weiterverfolgen wollen.


Bearbeitet von AnnaW, 04.07.2017 - 10:32,


#24
Christa

Christa
  • 6.114 Beiträge
  • Dabei seit 18.11.05

Deswegen drängen Verlage einen oft in die Richtung, was ihrer Meinung nach besser läuft, aber das schadet der "Autorenmarke" wenn man da inhaltlich schwankend ist und die Leser nicht sicher, ob sie mit schweren Themen konfrontiert werden oder auf der heiteren Seite sind.

 

Das Cover sollte transportieren, was für eine Stimmung man mit dem Buch bekommt und die Autorenmarke unterstützen, was die Verlage (in Deutschland?) wohl leider oft versauen.

 

Die Beispiele von Ulf und Doris zeigen ja eigentlich, dass eine Wende, ein Umdenken möglich sein könnten. Ich selbst habe es noch erlebt, dass dieses und jenes "nicht ginge" im Unterhaltungsroman - wie männlicher Protagonist bei einer Autorin, Beschädigung der Hauptfigur, französische Revolution im historischen Roman oder Themen, die das dritte Reich betreffen. Auch bestimmte Länder wie Ostasien oder Südamerika waren verpönt.

 

Selbst bei den Covern könnte sich allmählich etwas ändern. Während die angloamerikanische Kriminalliteratur in den Buchhandlungen noch sehr gleichförmig aussieht, bemerke ich bei den deutschen Krimis einen Umschwung. Kürzlich habe ich den Krimi eines bekannten deutschen Spannungsautors gekauft, der mir ausnehmend gut gefällt. Dunkle Farbe, ein Auto aus dem frühen 20. Jahrhundert - das ist für mich ein Wiedererkennungeffekt. (Leider ist es mir bis jetzt nicht gelungen, das Pseudonym des Autors zu lüften. Das Buch heißt "Heldenflucht")


Bearbeitet von Christa, 05.07.2017 - 23:07,


#25
BrigitteM

BrigitteM
  • 789 Beiträge
  • Dabei seit 03.12.07

Ich finde auch, dass ein Unterhaltungsromanalles darf - egal ob dramatisch, locker flockig oder eine Mischung. Das ist doch der Grund, warum überhaupt individuelle Geschichten entstehen.

 

Allerdings finde ich wichtig, dass die Bücher dann auch passende Cover und Klappentexte bekommen, damit ein Leser, der wirklich nur fluffig abgelenkt werden will, nicht plötzlich wegen einer falschen Einordnung - wie Ulf (oder war es Melanie?) ja schon als Beispiel gebracht hat - über einen schwer Pflegebedürftigen liest, obwohl er dem eigenen pflegebedürftigen Vater o.ä. durch die Lektüre entkommen will.

 

Vielleicht besteht die Gefahr, ein interessantes Thema (z.B. Alzheimer, Behinderungen o.ä.) zu verschenken, wenn man das in einem Unterhaltungsroman mehr oder weniger "nebenher" laufen lässt, ohne dass der Fokus darauf liegt. Aber das ist natürlich immer die Frage, was ich selbst mit meiner Geschichte erzählen will. Manche Themen brauchen vielleicht mehr Raum als andere. Aber das wird uns unsere Geschichte dann schon klar machen, wenn wir sie ausarbeiten.


Dämonenblut - Wesen der Nacht Band 2 - Urban Fantasy - cbt März 2014
 

www.brigitte-melzer.de


#26
AngelikaD

AngelikaD
  • 1.194 Beiträge
  • Dabei seit 21.04.09

Also ich mache um alles einen Bogen, was Demenz, lange Krankheit, Alzheimer und so weiter in sogenannter Unterhaltungsliteratur einbaut.

Meine Großmutter leidet an Parkinson und sie verhungert gerade ganz langsam, weil sie kaum noch schlucken kann.

Meine Tante leidet an Alzheimer und erkennt nicht mal mehr ihre Schwester, meine Mutter.

 

Bücher, die sich nicht ernsthaft mit diesen Themen auseinandersetzen, indem sie aus "Unterhaltungsgründen", diese Dinge am Rande nur mitlaufen lassen, ohne mediznisch und psychologisch korrekt damit umzugehen (weil es dann "zu schwer" werden würde) und mit dem echten Schmerz, der Sorge und dem Kummer der Angehörigen (der freilich weniger lustig ist als die Lovestory, die man als Hauptplot einbauen muss) sind echt nicht meins.



#27
hpr

hpr
  • 7.188 Beiträge
  • Dabei seit 14.03.06

Ich glaube, nicht Unterhaltung oder Tiefe ist das Problem. Sondern Nähe und Distanz. Meine Mutter konnte keine Filme mit Bomben ansehen. Als die Republikaner aufkamen, war sie sehr betroffen (obwohl konservative CDU Wählerin), die erinnerten sie in ihrer Arroganz an die SA.

Bestimmte Dinge konnte sie sich nicht ansehen / lesen. Thomas Mann ging, der war weiter weg. Bücher über die Zeit des dritten Reiches auch unter bestimmten Bedingungen.

Als meine Mutter im Sterben lag, habe ich Western Hefte gelesen. Die lagen in dem Seniorenheim herum. Aber eine Geschichte über den Tod hätte ich in der Zeit nicht lesen können.

Und dass die Fünfziger Jahre die Hochzeit des Heile-Welt-Kitschs waren, hängt glaube ich auch damit zusammen, dass die Menschen damals genügend nicht heile Welt erlebt haben.

Kürzlich gab es eine Diskussion in einer anderen Gruppe. Was kann man im Seniorenheim vorlesen? Die Antwort von Leuten, die damit Erfahrung hatten: Vieles geht, Witz immer. Tod meist nicht. Der ist zu nahe.
Angeblich gehen im Theater vor allem Stücke gut, die sich mit Dingen beschäftigen, die zwanzig Jahre zurückliegen. Aktuelles wird schwierig. Wurde behauptet.

 

Herzliche Grüße, Hans Peter