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Tempo, Tempus, Zeiten und Zeit


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88 Antworten zu diesem Thema

#21
ClaudiaB

ClaudiaB
  • 2.162 Beiträge
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Beim trapassato prossimo, Claudia, handelt es sich um so was wie das deutsche Plusquamperfekt. "So was wie" schreibe ich, weil sie das ja nochmal absetzen vom remoto. Ich weiß ungefähr, was das theoretisch ist – mein Italienisch-Professore hat immer gesagt: "Was war (=das Normale) und was geschah (=remoto). Praktisch habe ich kaum Übung und mache es bestimmt immer verkehrt.

Tja, wenn man halt trapassato promissio liest und auch zitiert ...  (wo ist der Smiley, der sich wegschmeißt!!) dann ist klar, dass man als italo-romantisierte Kuh alle möglichen Assoziationen dazu hat. Und dann: nix promissio, schnödes Plusquamperfekt!
Wobei Martins Zeitform auch sehr ansprechend ist ... :)

 

Imperfekt/Präteritum: Find ich auch sehr interessant. In der Schule haben wir noch gelernt: Präsens, Perfekt, Imperfekt - und das war dann, das, was wir als "Vergangenheit" übersetzten - und Pluquamperfekt. Das mit dem unabgeschlossenen oder abgeschlossenen Vorgang wusste ich gar nicht. Später hab ich mich gewundert, warum das jetzt Präteritum heißen soll.

Das Beispiel "Es hat geschneit" auf die Kuh übertragen: Man steht vor der gemeuchelten, vielleicht ausgeweidet hängenden Kuh. (Nicht schön, aber für die Grammatik tu ich alles!) "Ah, die Kuh wurde also geschlachtet!" Völlig korrekt, oder? Obwohl der Beweis da hängt. Man könnte auch sagen: "Ah, die Kuh ist also geschlachtet worden." Kein großer Unterschied.

 

Wenn nun die Kuh geschlachtet worden ist und es auch noch geschneit haben sollte ... dann: Oh, es hat geschneit und die Kuh wurde geschlachtet. Was für ein Tag!

Aber nicht: Oh, es schneite und die Kuh ist geschlachtet worden.

Seltsam oder?

(Und was würden erst die Asiaten dazu sagen, Ulf!!) (Baby).

 

Bin für die kühliche Wiederauferstehung und promissio.

Claudia


Bearbeitet von ClaudiaB, 03.11.2017 - 23:40,


#22
Manfred

Manfred
  • 237 Beiträge
  • Dabei seit 20.03.14

Danke für den neuen Faden, Angelika. Hier ist ja ganz schön was los. Und aus gutem Grund. Zeit und Tempus. Das geht direkt auf die Kernfragen von Sprache und Geist zu.

 

Vielleicht habt Ihr Lust, für einen Augenblick etwas zurückzutreten von Präteritum, Imperfekt und Co und euch anzuschauen, was da im menschlichen Geist passiert, wenn wir über Zeitpunkte, Zeiträume über das Früher und Später sprechen und schreiben.

 

Zeit ist ja zuerst mal etwas Physikalisches. Ewas bewegt sich in X Minuten von A nach B. Das passiert ganz ohne Menschen. Aber wenn wir solche Dinge beschreiben, verwenden wir Konstrukte des menschlichen Geistes, z.B. die natürlichen Zahlen und Minuten. Physiker versuchen, die Zeit als Naturphänomen zu verstehen.

 

Kognitionswissenschaftler dagegen untersuchen, wie Menschen Zeit WAHRNEHMEN. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Wir kennen das aus optischen Täuschungen: nur weil uns etwas größer erscheint als ein Vergleichsobjekt, muss es nicht wirklich größer sein. Genauso ist es bei der Zeit. Als Kind dauerten die Minuten vor Weihnachten gefühlte Ewigkeiten.

 

Wir können überhaupt erst über Zeit sprechen/ denken/ schreiben, wenn wir einen bestimmten Grad von Bewusstsein von uns selbst haben. Für das Kind bis zum Alter von etwa zwei Jahren passiert alles im „Ich-Hier-Jetzt“. Es kann sich schon an Oma erinnern, kann aber nicht sagen und denken, was gestern bei Oma los war oder was morgen passieren wird. Es kann diese Zeitpunkte nicht ausdrücken. Erst wenn ich mich erkenne, kann ich die Perspektive anderer Personen einnehmen, mir andere Orte vorstellen – und andere Zeitpunkte. Die Entwicklung von Denken und Sprache sind hier eng verzahnt. Sprechen über Zeit und der Bezug auf Zeit erfordert also eine bestimmte geistige Entwicklungsstufe.

 

Das ist aber nicht die einzige Voraussetzung für die Verarbeitung und Wahrnehmung von Zeit. Rein sensorisch wird Zeit von den Sinnen, also den Augen, Ohren, der Haut usw. in ganz unterschiedlichen Rhythmen verarbeitet, und im Geist müssen diese Eindrücke zu einem einheitlichen Fluss von Erfahrungen verarbeitet werden – wie in einem sauber abgespielten Film. Dabei ist die menschliche „Auflösung“ von Zeit rein sensorisch durchaus anders als bei anderen Tieren. Nur kommt bei uns das Bewusstsein unseres Sein dazu. Das ist die Basis für eine bewusste Wahrnehmung von Zeit. Und dies ist die Voraussetzung dafür, dass wir in menschlichen Sprachen überhaupt auf Zeit Bezug nehmen können.

 

Die rund 6000 Sprachen unseres Planeten haben ganz unterschiedliche Methoden entwickelt, um diesen Bezug auf Zeit herzustellen. Angelika hat da schon sehr einleuchtende Beispiele gegeben. Ich könnte noch etwas mehr davon erzählen, was alle Sprachen dabei gemeinsam haben und wo sie extrem unterschiedlich sind – und wie sich das alles zur Kultur verhält. Aber ich glaube für heute (eigentlich „gestern“ – oder „morgen“?) ist es schon spät geworden (0.30 Uhr).



#23
MariaP

MariaP
  • 411 Beiträge
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Ich könnte noch etwas mehr davon erzählen, was alle Sprachen dabei gemeinsam haben und wo sie extrem unterschiedlich sind – und wie sich das alles zur Kultur verhält. Aber ich glaube für heute (eigentlich „gestern“ – oder „morgen“?) ist es schon spät geworden (0.30 Uhr).

Na super. EIn Cliffhanger ...
:-)

Bearbeitet von MariaP, 04.11.2017 - 01:18,

Komm wir essen Opa.
SATZZEICHEN können Leben retten.
www.mcpoets.de

#24
Olaf

Olaf
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Noch hierzu was. Ich kenne – als Autorität in Stilfragen, den auch so genannten Stilpapst Wolf Schneider.

 Vielen Dank für die Erklärungen, Angelika!

 

Nun bin ich erleichtert, dass die Kopfschmerzen, die mir einige von Schneiders Regeln bereitet haben, nicht unbedingt immer auf mein eigenes Unvermögen zurückzuführen waren. :s01  Außerdem hätte er sich in seinen eigenen Büchern durchaus auch selbst mal an die darin beschriebenen Regeln halten sollen. Dann wären seine Ausführungen leichter zu lesen gewesen.


Olaf Fritsche 

www.seitenrascheln.de


#25
Olaf

Olaf
  • 333 Beiträge
  • Dabei seit 19.07.16

Physiker versuchen, die Zeit als Naturphänomen zu verstehen.

 

"Versuchen" trifft es voll. Denn irgendwie versteht die Physik noch immer nicht, was Zeit ist. Fest steht aber, dass es kein universelles Jetzt gibt - das hat uns Albert Einstein mit seiner speziellen Relativitätstheorie kaputtgemacht. Und weil die allerallermeisten physikalischen Gesetze in der Zeit vorwärts wie rückwärts gelten, ächzen Physiker im Schweiße ihres theoretischen Angesichts ob des Problems, überhaupt eine Richtung in die Zeit zu bringen. Klingt total wirr? Jipp! Das denken Physiker bei der Frage nach der Zeit auch. ;D

 

Apropos Zeit: Was treibt ihr euch eigentlich mitten in der Nacht im Forum herum? Ist das nicht die beste Zeit für kreative Schaffensphasen? ;)


Olaf Fritsche 

www.seitenrascheln.de


#26
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
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Wenn nun die Kuh geschlachtet worden ist und es auch noch geschneit haben sollte ... dann: Oh, es hat geschneit und die Kuh wurde geschlachtet. Was für ein Tag!

Aber nicht: Oh, es schneite und die Kuh ist geschlachtet worden.

Seltsam oder?

(Und was würden erst die Asiaten dazu sagen, Ulf!!) (Baby).

 

Bin für die kühliche Wiederauferstehung und promissio.

Claudia

 

 

Die Asiaten? Die sagen: "Kuh geschlachtet geschneit wurde!! Domo Arrrigatou! (Tiefe Verbeugung) 

 

Trapassato promissio finde ich auch sexy! (Baby)  ;D


Der Bastard von Tolosa, Die Comtessa, Die Hure Babylon, Das Schwert des Normannen, Die Rache des Normannen, Der Schwur des Normannen, Der Sturm der Normannen, Bucht der Schmuggler, www.ulfschiewe.de


#27
Helene

Helene
  • 1.651 Beiträge
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Ich könnt' euch alle knuddeln! Weiter so! ;D

 

LG

Helene


Helene Luise Köppel LESEN hält wach - garantiert! Aktuelle Romane: "Die Sache des Fuchses"; "Blut.Rote.Rosen", "Talmi", "Salamandra", NEU Juli 2017: "Béatris"

                                         

                                 


#28
BarbaraMM

BarbaraMM
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Ich möchte ganz bescheiden anmerken, dass es im Portugiesischen noch das Konjunktiv Futur gibt und den persönlichen Infinitiv - man muss schon sehr tief ins Sprachverstehen gehen, um zum begreifen, wann diese Tempi richtig eingesetzt werden. Mit Interesse lesend und bestens grüßend, auch an alle noch zu schlachtenden oder bereits vollendet geschlachteten Kühe, ähh, oder so, Barbara


Jedenfalls bleibt die Tatsache, dass es im Leben nicht darum geht, Menschen richtig zu verstehen. Leben heißt, die anderen misszuverstehen ... Daran merken wir, dass wir am Leben sind: wir irren uns. (Philip Roth)

#29
ClaudiaB

ClaudiaB
  • 2.162 Beiträge
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Huhu, Barbara!!!!

(Dois galoes escuros).

:)



#30
BarbaraMM

BarbaraMM
  • 1.416 Beiträge
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Das merktest du dir sehr gut, Claudia, oder aber hast du es dir gemerkt und wirst es nicht vergessen, und auch nicht vergessen haben, wenn du wieder mal kommst, aber auf das O von den galoes muss eine Tilde, gell: galões - und dann schön durch die Nase sprechen. Huhu zurück, Reisenudel!


Jedenfalls bleibt die Tatsache, dass es im Leben nicht darum geht, Menschen richtig zu verstehen. Leben heißt, die anderen misszuverstehen ... Daran merken wir, dass wir am Leben sind: wir irren uns. (Philip Roth)

#31
ClaudiaB

ClaudiaB
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Wenn ich mit dem Fahrrad gekommen sein werde, dann werde ich unterwegs soviele galoes bestellt haben, dass mir eine Tilde auf dem O gewachsen sein wird.:) Einige Panaches werden auch dabei gewesen sein. Und der persönliche Infitiv wird eines Nachts am Zelt gestanden und mir mit der portugiesischen Laute einen Fado dargebracht haben ...
(Übrigens hab ich mich gerade intensiv mit Fado beschäftigt. Aber das gehört nicht zum Thema. Werde auch gleich wieder ganz offiziell und frage Manfred aus. Aber trotzdem wink ich mal rüber aus dem gelbbeblätterten Herbstlaubland)
 



#32
Manfred

Manfred
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Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob gestern Abend zuerst die Augen oder die Finger müde wurden oder ob ich eine Wahrnehmung von Zeitdehnung hatte. Der Cliffhanger war nicht beabsichtigt. Wenn ihr Lust habt, geht's hier weiter. 

 

Wenn wir das Gemeinsame und das Unterschiedliche der menschlichen Sprachen in Bezug auf Zeit suchen, dann ist man schnell wieder beim Verhältnis von Sprache und Geist. Wir wissen, dass die physische Welt nicht dasselbe ist wie ihre Abbildung im Geist, und auf diese Abbildungen bezieht sich Sprache. Also:

-       Zeit in der realen Welt,

-       Wahrnehmung von Zeit im Geist,

-       Ausdruck der Wahrnehmung von Zeit durch Sprache. 

 

Daraus ergeben sich zwei Fragen:

 

(1) Ist die Wahrnehmung von Zeit bei allen Menschen gleich?

(2) Hat der Ausdruck von Zeit in verschiedenen Sprachen dieselbe Basis?

 

Die Wahrnehmung von Zeit ist zuerst mal eine neurophysiologische Sache. Dabei geht es darum, sensorische Informationen aus verschiedenen Sinnesorganen zu einem einheitlichen Strom zusammenzuführen. Allerdings verarbeitet das Ohr Sinneseindrücke wesentlich schneller (2 bis 5 Millisekunden (msec)) als der Tastsinn (10 msec) und das Auge (20-30 msec). Im Gehirn werden diese unterschiedlich getakteten Informationen zu einem einheitlichen Paket verarbeitet. Das geschieht beim Menschen im Takt von 20-40 msec. Dadurch wird der Eindruck erweckt, dass die Zeit geschmeidig „fließt“ und nicht durch die verschiedenartigen Quellen „ruckelt“. Und diese Informationspakete wiederum werden alle drei Sekunden zu einer Gesamtinformation über die äußere Welt zusammen gefügt. Dies nehmen wir als Gegenwart wahr, wenn wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten.

 

Mit anderen Worten, wir können das Zeitfenster der Sekunden bewusst wahrnehmen, nicht aber das der sensorischen Informationspakete im Millisekundenbereich. Und diese bewusste Wahrnehmung gibt uns das Gefühl von Zeit. Die Erfahrungen der Gegenwart werden im „episodischen Gedächtnis“ gespeichert und bilden die Grundlage für das Empfinden von Vergangenheit. Ein Individuum, das sich seiner selbst bewusst ist, kann beabsichtigte Handlungen des Gegenübers erraten und sich damit auch zukünftige Handlungen vorstellen. Mehr noch. Es kann sich den eigenen Tod und seine eigene Sterblichkeit vorstellen.

 

Bis zu diesem Punkt handelt es sich um Vorgänge, die im Gehirn und im Geist angelegt sind und daher für alle Menschen auf denselben Grundlagen basieren. Daraus folgt unter anderem, dass für alle Menschen die Zeit als grundlegende Wahrnehmung „fließt“. Daher betrachten übrigens Kognitionsforscher es als eine besonders eindrucksvolle geistige Leistung, wie in Höhlenmalereien vor 40.000 Jahren die Bewegung von Tieren auf statischen Bildern dargestellt wurde. Der angreifende Löwe wird vom Gehirn/Geist in einer Fließbewegung wahrgenommen. Es erfordert eine Abstraktion, diese Fließbewegung in einem „stehenden“ Bild darzustellen. Das aber hier nur am Rande.

 

Das ist aber noch nicht die ganze Geschichte. Die Grundlagen der bewussten Wahrnehmung von Zeit lässt noch viel Raum für den Einfluss kultureller Faktoren. Zum Beispiel  versteht man den „Fluss der Zeit“ in westlichen Kulturen als einen Strahl, der unumkehrbar in eine Richtung verläuft. Bei vielen indigenen Völkern dagegen versteht man den Fluss des Zeit als etwas, das im Kreis verläuft, wo bestimmte Ereignisse (der Natur und des Geistes) immer wieder kehren. Mit der Industrialisierung kam in den westlichen Kulturen noch die Verknüpfung von Zeit mit Geld und Arbeit („time is money“) und damit einer ganz speziellen Wertschätzung (der Verknappung), die natürlich völlig anders ist, wenn alles wieder kehrt.

 

Aber auch innerhalb der Industrienationen gibt es markante Unterschiede in der Bewertung der Zeit. Für manche Kulturen ist die Pünktlichkeit höherrangig als die persönliche Beziehung zu dem Gesprächspartner. Daher wird jemand in dieser Kultur den ersten Termin rechtzeitig beenden, um pünktlich beim nächsten zu erscheinen. (Das sagt man z.B. den Schweizern nach.) In anderen Kulturen wird man beim ersten Termin länger verweilen, wenn man den Gesprächspartner gut kennt und er/ sie besondere Probleme hat. (Das sagt man z.B. den Italienern nach.) Beide Verhaltensweisen beziehen sich auf kulturell geprägte Bewertungen von Zeit.

 

Und was hat das alles mit Grammatik und Tempus zu tun? Die Wahrnehmung von Zeit bildet die Grundlage dafür, welche Aspekte von Zeit wir sprachlich ausdrücken können. Wir müssen Zeit aber nicht unbedingt grammatisch ausdrücken. Im Finnischen gibt es zum Beispiel kein Futur. Das heißt nicht, dass die Finnen nicht in die Zukunft denken können. Zukünftige Handlungen/ Ereignisse stehen im Präsens. Der Bezug auf die Zukunft wird lexikalisch (mit Worten) ausgedrückt:

 

menen huomenna „ich gehe morgen“, „ich werde morgen gehen“

 

Der Bezug zur Zukunft steckt hier im Wort „morgen“. Dadurch wird das Finnische aber nicht primitiv.

 

Das Deutsche kennt ja auch keinen Partitiv. Das ist eine Endung im Finnischen, die bei Mengenbegriffen wie Wasser, Milch oder Wein die Teilmenge bezeichnet, wenn man sich also nur auf einen Teil des Ganzen bezieht. Um diesen Sachverhalt auszudrücken, müssen wir im Deutschen andere sprachliche Mittel verwenden. ABER: auch wir können den Sachverhalt ausdrücken.

 

Wenn man sich nun die verschiedenen Tempora einzelner Sprachen anschaut, muss man unterscheiden zwischen den zeitlichen Konzepten, auf die sie sich beziehen und die grammatischen Formen, die dazu verwendet werden. Das ist ähnlich wie bei der Farbskala. Das Lichtspektrum wird in verschiedenen Sprachen unterschiedlich aufgeteilt. Daher kann derselbe Farbkleks in einer Sprache als „gelb“ und in einer anderen als „orange“ bezeichnet werden. Auch können bestimmte Abschnitte des Spektrums von Sprache zu Sprache unterschiedlich aufgefächert werden. Aber es kommt nicht vor, dass Sprecher einer Sprache bestimmte Ausschnitte des Spektrums nicht wahrnehmen. Wenn eine Differenzierung fehlt, kann sie problemlos ergänzt werden.

 

Ähnliche Beobachtungen hat man auch bei der (erzwungenen) Beschulung von indigenen Kindern in Australien Anfang des 20. Jahrhunderts beim Matheunterricht gemacht. Die Kinder kannten bei der Einschulung aus ihrer Kultur keine Zahlen. Sie lernten aber genau so schnell Rechnen wie Kinder aus einer „zählenden“ Kultur. Das heißt, diese Kategorien sind in uns angelegt.

 

Trotzdem beobachtet man beim Sprachenlernen, dass Deutsche mit dem Aspektsystem des Englischen (he is going/ he goes), Finnen mit dem Artikelsystem des Deutschen usw. Probleme haben. Dass bedeutet aber nicht, dass Deutsche nicht zwischen vollendeten und unvollendeten Handlungen unterscheiden können, sondern dass sie nicht gewohnt sind, diesen Unterschied wirklich IMMER grammatisch auszudrücken – genauso wie die Finnen ganz penetrant bei absolut jeder Teilmenge den Partitiv setzen.

 

Ohje, das ist ja ganz schön lang geworden. Da mache ich besser Schluss an dieser Stelle.



#33
BarbaraMM

BarbaraMM
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Ich preise mich glücklich, gestern Abend das Vergnügen gehabt zu haben, mir Videos von Queens of Spleens auf YouTube anzuschauen. Und ich wünke züruck mit einem lachenden und einem weinenden Auge und tropfenbehangen gewesenen Blättern.


Jedenfalls bleibt die Tatsache, dass es im Leben nicht darum geht, Menschen richtig zu verstehen. Leben heißt, die anderen misszuverstehen ... Daran merken wir, dass wir am Leben sind: wir irren uns. (Philip Roth)

#34
ClaudiaB

ClaudiaB
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DANKE, Manfred. Ich hab es jetzt sorgfältig gelesen, werde es aber nochmal lesen, wenn ich ein bisschen wacher bin. Aber genau das wollte ich wissen (im anderen Thread). Je mehr man über die Konstruktion von Realität erfährt, desto mehr bezweifelt man, dass es überhaupt etwas gibt da draußen.

 

Toll, dass ihr uns so von eurem Wissen gebt.
Ich wünschte, ich könnte euch was zurückgeben.
Kleinen Fado spielen vielleicht?



#35
ClaudiaB

ClaudiaB
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... Und Angeliki: Warum ist das so: Ah, es hat geschneit und die Kuh wurde geschlachtet? Was für ein Tag! Und nicht Ah, es schneite und die Kuh ist geschlachtet worden? In beiden Fällen, Schnee und Kuh, liegt doch ein sichtbares Ergebnis vor ...
In einer altertümlich-gehobenen Sprache könnte man sagen: Oh, es schneite und wir schlachteten die Kuh! Sehet euch das an. (Irgendwie geht aber da das Kuh-Passiv nicht.)
Ich will lieber nicht wissen, wie das auf finnisch hieße (Teilmengen!!! :p ). Und, Ulf-Baby, "asiatisch" klingt es schön und überzeugend.

Liebe Grüße

Claudia



#36
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
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Sehr interessant, lieber Manfred. In Ergänzung zu deinem Kommentar über das fehlende Futur im Finnischen. Das ist ja im Deuten ähnlich. In der Umgangssprache drücken wir ja ganz Zukünftige ganz ähnlich durch den Präsens aus. "Ich gehe morgen zum Arzt." "Nächstes Jahr machen wir Urlaub in Italien." "Ich bin ab 17:00 zu Hause." "Meine Operation ist in drei Tagen."


Der Bastard von Tolosa, Die Comtessa, Die Hure Babylon, Das Schwert des Normannen, Die Rache des Normannen, Der Schwur des Normannen, Der Sturm der Normannen, Bucht der Schmuggler, www.ulfschiewe.de


#37
ClaudiaB

ClaudiaB
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Ja, Ulf sowas hab ich auch gedacht, als ich das las. Fühlen wir uns dadurch weniger zukünftig? Beziehungsweise: Drückt das ein größeres Vertrauen oder eine größere Hoffnung aus, dass das Ereignis - über das wir letztendlich keine Kontrolle haben - stattfinden wird?



#38
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
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Ja, Ulf sowas hab ich auch gedacht, als ich das las. Fühlen wir uns dadurch weniger zukünftig? Beziehungsweise: Drückt das ein größeres Vertrauen oder eine größere Hoffnung aus, dass das Ereignis - über das wir letztendlich keine Kontrolle haben - stattfinden wird?

 

Vielleicht ist es auch einfach nur Faulheit. Der Präsens kommt leichter. Wenn wir etwas besonders betonen wollen, dann benutzen wir schon den Futuro. "Ich sag, doch, ich werde zum Arzt gehen." "Egal, wie schlecht es jetzt steht, wir werden gewinnen!"


Der Bastard von Tolosa, Die Comtessa, Die Hure Babylon, Das Schwert des Normannen, Die Rache des Normannen, Der Schwur des Normannen, Der Sturm der Normannen, Bucht der Schmuggler, www.ulfschiewe.de


#39
Angelika Jo

Angelika Jo
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Buon giorno und der Reihe nach.

 

Erst mal großen Dank an Manfred für die faszinierenden Einblicke in die kulturelle Vielfalt beim Erleben von Zeit.

 

Besonders interessant fand ich diesen Satz:

 

Trotzdem beobachtet man beim Sprachenlernen, dass Deutsche mit dem Aspektsystem des Englischen (he is going/ he goes), Finnen mit dem Artikelsystem des Deutschen usw. Probleme haben. Dass bedeutet aber nicht, dass Deutsche nicht zwischen vollendeten und unvollendeten Handlungen unterscheiden können, sondern dass sie nicht gewohnt sind, diesen Unterschied wirklich IMMER grammatisch auszudrücken – genauso wie die Finnen ganz penetrant bei absolut jeder Teilmenge den Partitiv setzen.

 

 

Das klingt so beruhigend und ich würde es so gerne glauben, weil es die Möglichkeit auftut, dass wirklich alle sich mit allen über alles verständigen könnten – was immer ein großes Herzensanliegen von mir war. Aber widersprechen dem nicht etliche Untersuchungen (und auch die eigenen Beobachtungen), wonach sich über die kulturellen Verschiedenheiten auch verschiedene Maßstäbe herstellen, Entscheidungen verschieden bis zur Unverständlichkeit ausfallen, sich teils sogar von verschiedenen Sprachcharakteren sprechen lässt? Wenn ich vom Deutschen in eine andere Sprache wechsle (eine, die ich einigermaßen gut kann), dann ändern sich bei mir – wurde mir schon bestätigt – Stimme, Gestik und sogar die Mimik. Und ich glaube, ich kann mich in der einen Sprache über Dinge aufregen oder amüsieren, die mich in der anderen eher kalt lassen. Auf FB gab es mal eine Diskussion, in der etliche Teilnehmer das über sich auch sagen konnten.

 

 

Noch eine kleine Anmerkung zum Zeitempfunden:

Das ist doch neben aller kulturellen Prägung auch schon in jedem einzelnen Individuum angelegt, dass es Zeit auf verschiedene Weise wahrnimmt, würde ich sagen - oder wie sonst kommt es zur Empfindung von Langeweile? Ich meine, das mal bei Herrn Hegel gelesen zu haben, der Zeit als das "Nacheinander der Dinge" bestimmt. Sollten die Dinge altbekannt, nichtssagend, abgedroschen sein, dann empfindet man die Zeit, die man mit ihnen verbringt als lang. Anderes erscheint als kurzweilig, weil es neu, frisch, unverbraucht ist.

 

Im Bayerischen sagen wir übrigens, wenn wir Heimweh oder Sehnsucht spüren: "I hob Zeitlang."

 

Angelika 


Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018

Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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#40
Angelika Jo

Angelika Jo
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Ja, Ulf sowas hab ich auch gedacht, als ich das las. Fühlen wir uns dadurch weniger zukünftig? Beziehungsweise: Drückt das ein größeres Vertrauen oder eine größere Hoffnung aus, dass das Ereignis - über das wir letztendlich keine Kontrolle haben - stattfinden wird?

 

Vielleicht ist es auch einfach nur Faulheit. Der Präsens kommt leichter. Wenn wir etwas besonders betonen wollen, dann benutzen wir schon den Futuro. "Ich sag, doch, ich werde zum Arzt gehen." "Egal, wie schlecht es jetzt steht, wir werden gewinnen!"

 

 

Dann als nächstes Ulf und Claudia zum Futur. Ich glaube, du hast es gepackt, Claudia. Jedenfalls sieht Harald Weinrich (der mal mein Lehrer war und dessen Textgrammatik ich über alle anderen Grammatiken stelle) das auch so ähnlich.

 

Das Präsens ist fast der schillerndste aller Gesellen unter den Zeitformen, mit ihm lässt sich unglaublich vieles ausdrücken: Immergültiges, Spannendes und eben auch Zukünftiges. Es genügt vollkommen, wie Ulf sagt, noch ein kurzes Wörtchen wie heute Abend oder morgen oder nächstes Jahr springen zu lassen – schon steht die Zukunft im Raum. Und zwar gewisser, als wenn wir das eigentliche Futur benutzen. Das Präsens sagt: Das ist so. Und die temporale Angabe fügt ein Wann dazu.

 

Das Futur dagegen macht durch seine Form darauf aufmerksam, dass etwas noch nicht passiert ist, dass es auf uns zukommt, wir also mit letztlicher Sicherheit nichts darüber wissen, ob sich tatsächlich zutragen wird, was da gelobt, geraunt, versprochen oder gedroht wird. Denn das sind die Hauptfelder, auf denen sich das grammatikalische Futur herumtreibt:

 

- die Prognose: "Du wirst eine wunderschöne, doch bedenklich eifersüchtige Frau kennen lernen."

- der feierliche Schwur: "Ich werde dich auf immer lieben, dich täglich anbeten und nie, nie eine andere auch nur ansehen!"

- die drohende Prognose: "O mein Gott, sie ist mir auf die Schliche gekommen – ob sie mir jemals verzeihen wird?"

- die ausgesprochene Drohung: "Du wirst das Haus verlassen und nie mehr zurückkommen oder ich vergifte dein Essen!"

- die Vermutung: "Warum sitzt er denn jeden Abend in der Kneipe herum?" – "Na, seine Alte wird ihn wohl rausgeworfen haben."

 

Und bei jeder einzelnen Funktion sehen wir den Zweifel im Gesicht des Sprechers, die bange Hoffnung, die Ungewissheit oder die hinter dem Rücken zum Gegenschwur gen Boden gestreckten Finger.

 

Angelika


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