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Leserunde: Die Vermessung der Welt


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58 Antworten zu diesem Thema

#21
Fabrizius

Fabrizius
  • 635 Beiträge
  • Dabei seit 15.08.05

Hallo,

natürlich gibt es was zu bemängeln: Es ist viel zu kurz! Hört einfach auf und lässt einen mit der brennenden Frage zurück, wie es Gauß' Sohn in der neuen Welt ergeht. Ich hätte noch stundenlang weiterlesen können!

LG,
eva v.


Hallo Eva,
dem wäre abzuhelfen ...
ist ja bei einigen Autoren üblich
da kommt ein Folgeroman.

grüsse
Fabrizius
Fabrizius&&Alle sagten das geht nicht, dann kam einer, der wusste das nicht und hats gemacht

#22
eva v.

eva v.
  • 3.669 Beiträge
  • Dabei seit 26.10.05
Hallo Fabrizius, du wirst lachen, genau das war mein Gedanke am Ende des Romans  :) Ich hätte jedenfalls nichts dagegen. Wahrscheinlich liegen dem Autor bereits entsprechende Angebote vor  ;) Aber ich fürchte, es entspricht nicht seinem Stil, sie anzunehmen, denn trotz seines für einen gestandenen Autor erstaunlich jugendlichen Alters (er legte mit gerade mal 22 schon seinen ersten Roman vor) scheint er sich nicht den Regeln des Kommerzes unterzuordnen - er schreibt nämlich auch solche exotischen Sachen wie Erzählbände und Essays. Letztere werde ich mir noch bestellen. Beim Anblick seines Konterfeis in der Klappe fragt man sich übrigens, wo dieser traurig dreinblickende Poet seinen köstlichen Humor versteckt hat  :) LG, eva v.

#23
Quidam

Quidam
  • 3.774 Beiträge
  • Dabei seit 07.04.05
Ich kenne Kehlmann schon länger. Und seine Romane sind - mit Ausnahme von Ich & Kaminski - wahre Perlen. Grüße Quidam

#24
(Editha)

(Editha)
Also, was den Humor und die Lacher betrifft, kann ich von mir nur sagen, dass sie (die Lacher) mir des Öfteren im Halse stecken geblieben sind. Das kann natürlich daran liegen, dass Westfalen keinen Humor haben, wie mein Mann immer sagt. (Mein Mann ist Österreicher.) Es könnte aber auch sein, dass auch Kehlmann beim Schreiben gar nicht bewusst war, dass er offensichtlich bei vielen Lesern Lacher provoziert. (Vielleicht ist damit der traurige Blick erklärt. :s01)   Da ich mich beim Lesen sehr in die Menschen hineinversetzt fühlte, empfand ich an besagten Stellen eher die traurige Wahrheit. Und nun noch etwas zu den letzten Kapiteln. Aus meiner Sicht ist Kehlmann die Zusammenführung der Stränge leicht entglitten. Ich denke, dass er nach dem furiosen Anfang für den Schluss nach einer Steigerung suchte, die ihm m.E. nicht so ganz gelungen ist. Die durcheinander gehenden Gedanken und Träume von Humboldt und Gauß und ihre telepathische Kommunikation empfinde ich eher als Notlösung. Erst beim letzten Kapitel mit Eugen erreicht er sein Niveau wieder. Unterm Strich: lesenswert. Und auch ich würde gerne wissen, wie es mit Eugen weiter geht. Doch das ist hier nicht wichtig. Wichtig ist, dass Eugen sich, wenn auch unfreiwillig, freigeschwommen hat von der Übermacht seines Vaters. Und plötzlich geht bei ihm der Knopf auf. Verzeiht mir den Wermutstropfen, Editha

#25
(Peter_Dobrovka)

(Peter_Dobrovka)

Verzeiht mir den Wermutstropfen,

Wieso? Ist doch okay.

Peter

#26
Christa

Christa
  • 9.730 Beiträge
  • Dabei seit 18.11.05
Hallo, liebe Kehlmann-Leser, nachdem das Buch per Post bei mir eingetroffen war, habe ich es innerhalb von zwei Tagen gelesen, Tag und Nacht. Es war das Beste, was mir in der letzten Zeit untergekommen ist! Mir hat die Gegenüberstellung dieser beiden Charaktere, ihre Lebenswege, ihre Forschungen, ihre Einstellung zu Frauen und vor allem die Art, das zu schildern, außerordentlich gut gefallen. Für mich persönlich einziger Schwachpunkt: die indirekte Rede, daran konnte ich mich bis zum Schluss nicht wirklich gewöhnen, weil sie mich von den Figuren distanzierte. Wiewohl ich sie als sprachliches Stilmittel auch schön fand. Die Spannung wurde m.E. einfach durch den Stoff und wie er erzählt wurde, ständig aufrecht erhalten. Den Humor sah ich fast immer hervorblitzen, auf eine lakonische Art, die manche Stellen unvergesslich macht. Es ist schon wieder ein paar Tage her, dass ich es gelesen habe, aber ich sehe noch Humboldt und Bonpland bei der Besteigung des Chimborazo, in allerhöchste Not und Lebensgefahr geraten, und dabei so ulkig miteinander umgehen, dass mir allein das den Glauben an die Welt gerettet hat. Auch die Zeit auf den Flüssen im Urwald, die Beschreibung der Natur und das Fangen und Präparieren von Tieren hat mir sehr imponiert. Dabei wurde einmal sehr schön beschrieben, wie Humboldt nicht weiß, wo er hingucken soll, als die beiden nackten Eingeborenenfrauen vor ihm stehen-das zeigt seine Einstellung zur Sexualität sehr eindrücklich. Später erfahren wir ja, dass er eigentlich immer Knaben geliebt habe. Dem Leben Humboldts und seiner Person wurde insgesamt größere Aufmerksamkeit gewidmet als der des Mathematikers Gauß, und das war mir auch ganz recht so. Dabei war mir Gauß zwar neu, aber nicht weniger interessant als Alexander. Als jemand, der daheim blieb und die Welt sozusagen in ihrem Kern vermisst, erscheint er am Schluss fast als „Sieger“gegenüber einem Forschungsreisenden voller Drang und Abenteuerlust, der im Gegensatz zu Gauß mit der Liebe nicht viel am Hut hat. Da fügen sich für mich die Handlungsstränge auch wieder zusammen, ebenso in der Passage, als in einem Brief klar wird, dass Humboldt das alles nur getan hat, um seinem Bruder etwas zu beweisen (er hat es nur für ihn getan). Das ist für mich eine zentrale Aussage des Romans, ebenso der Satz: „Das Romanschreiben, sagte Humboldt, erscheine ihm als Königsweg, um das Flüchtige der Gegenwart für die Zukunft festzuhalten.“Er hat es umgekehrt gemacht: er hat die Gesetze der Natur studiert, die nicht flüchtig sind und sie für die Nachwelt bewahrt. An keiner Stelle habe ich nachgeschaut, ob die Recherchen Kehlmanns stimmen. Einmal, weil ich ihm blind vertraut habe, dann, weil ich vor langen Jahren selber ein Buch von Humboldt über seine Südamerika-Expedition gelesen habe. Das war allerdings ein wenig zäher als das von Kehlmann. Die Bilder von damals stiegen wieder in mir auf, und als ich 1993 in Venezuela war, habe ich einige Spuren von ihm gefunden, zum Beispiel in der Höhle mit den Fettvögeln. Wenn Humboldt so einen Roman über sich selbst geschrieben hätte, wäre er auch als Literat unsterblich geworden. Aber so ist das mit den Wissenschaftlern: sie sind nun mal ein bisschen trocken. Umgekehrt hätte Goethe mit seiner „Italienischen Reise“ auch keine Furore gemacht, hätte er in Belletristik, Lyrik und Dramatik nicht Außergewöhnliches hevorgebracht. Wirklich sehr gelangweilt habe ich das seiner Zeit aus der Hand gelegt. Besonders ergreifend fand ich, dass der alternde Humboldt erfahren musste, dass es höhere Berge im Himalaya gibt. Und richtig bedauert habe ich ihn, als er bei der Russlandexpedition so viele Hände schütteln, so viele Empfänge über sich ergehen lassen musste, dass er gar nicht mehr zu seiner Lieblingsbeschäftigung, der Vermessung der Welt, kam. Und in dem Aufbruch von Eugen nach Amerika ist der Aufbruch einer ganzen Forschergeneration fortgesetzt: genial gemacht! Fazit: ein wunderbares Buch, das mir eine schon bekannte Welt neu vor Augen geführt hat, mich gepackt und nicht wieder losgelassen hat. Ich bin froh, dass wir es miteinander gelesen haben, und es wird sicher nicht das letzte Buch sein, dass ich von diesem erstaunlichen jungen Autor lesen werde. Kehlmann ist es gelungen, nicht nur ein stimmiges Bild der Zeit zu malen, einschließlich des Aufbruchsgedankens der Französischen Revolution und des Napoleon-Zeitalters, sondern er schildert alles so lebendig, farbig und sinnlich, dass man mitten im Geschehen ist und unbedingt wissen möchte, wie es weiter geht. Fünf Sterne Immer noch begeisterte Grüße Christa

Schwarzwaldkrimis Tod am schwarzen Fluss. Taschenbuch und E-Book:https://t1p.de/2mhn


Martinsmorde:- https://www.thalia.d...pe=suchhistorie Blog:http://schreibteufel...a.blogspot.com/


#27
(Peter_Dobrovka)

(Peter_Dobrovka)
Goldene Regel: In einem Autorenforum wie diesem werden keine schlechten Bücher gelesen. ;-) Peter

#28
Eva

Eva
  • 2.775 Beiträge
  • Dabei seit 22.09.05
Für mich ist dieses Buch ein Leckerbissen. Ich geniesse jede Seite, bin etwa auf der Hälfte angelangt und bedaure, dass ich nicht mehr Zeit zum Lesen finde. Kehlmanns feinsinniger Humor hat es mir absolut angetan. Grandios finde ich die (teilweise nur winzigen) Details, mit denen er historische Persönlichkeiten und Begebenheiten zum Leben erweckt. Allerdings: Wie geht es Euch damit auf der Seite 135? Hab´ich mich verguckt oder sind ihm da die Gäule durchgegangen?  :s01 Amüsierte Grüße von Eva, die jetzt schnell weiterliest :s13

#29
Dietmar

Dietmar
  • 1.031 Beiträge
  • Dabei seit 21.08.05
Hallo, fertig, den Kehlmann geschafft oder hat er mich geschafft? Leider kann ich nicht in den Jubelgesang einstimmen. Weder in dem auf der Buchrückseite, noch hier im Forum. Nun ja, ursächlich liegt es daran, dass ich ein Buch, in dem zwei Wissenschaftler, die für mich mehr sind, als zwei irgendwo gehörte Namen, etwas anders erwartet habe. Ich habe das Buch aus der Sicht eines Wissenschaftlers, aus diesem Bereich komme ich, gelesen. Das war schon ein Kardinalfehler. Zusätzlich bin ich ein Freund von Biografien; ich bin neugierig auf andere Menschen, deren Ansichten und Meinungen. Aus dieser Sicht hat mir Kehlmanns Buch nichts Neues vermittelt. Das begnadete Wissenschaftler oft ein eigenwilliges Liebesleben haben, ist allgemein bekannt; er hätte da ebenso Albert Einstein nehmen können. Das geniale Wissenschaftler Angst davor haben, "die Welt vermessen zu haben", sprich alles erkannt, und aus diesem Grund immer wieder in Todessehnsucht verfallen, weil sie danach keinen Lebenssinn mehr sehen; Kehlmann erwähnt das kurz beim jungen Gauß, ist auch allgemein bekannt. Ich habe immer das Gefühl, Kehlmann sitzt mir heute, im Januar 2006, gegenüber und erzählt mir aus dieser Zeitposition die Geschichte. Ich habe nie empfunden, im Jahrhundert von Gauß und Humboldt zu sein. Daher wirken manche Erzählpassagen eigentümlich unwissend auf mich. Besonders ist mir das bei der Erklärung der Höhenkrankheit aufgefallen. Humboldt konnte nur die Wirkungen sehen und nicht wissen, was ihm widerfährt, dass ist korrekt. Aber die für mich empfundene Zeitposition des Erzählers ist die Gegenwart. Verstärkt wird das noch durch die indirekte Rede. Dadurch habe ich nie das Gefühl, die Geschichte direkt zu erleben, sondern sie erzählt zu bekommen. An manchen Sätzen bin ich kurz hängengeblieben; sie stehen im Widerspruch zu meinem Wissen und Lebenserfahrungen. Das Oval Office im Weißen Haus; wie sieht es denn nun aus oval oder elliptisch? Humboldt wird an einem Seil in den Krater eines Vulkanes hinabgelassen - naja, so wie es beschrieben wird, glaube ich das nicht ganz. Ich bin der Meinung, auch damals verstandt man schon etwas von bergsteigerischen Sicherungstechniken. Humboldt will am Orinoko seine Expeditionstagebücher fälschen, wirklich? Nun aber weg von der nörgeligen Sichtweise eines Wissenschaftlers und hin zu der Sicht eines Lesers. Humboldt und Gauß sind für mich in ihrer Gegensätzlichkeit wunderbar dargestellt. Es wundert mich, dass sie bei diesem gegensätzlichen, schon antipodenhaften Charakter überhaupt ein Wort miteinander wechseln konnten. Beide stehen für die gegensätzlichen Methoden der Erkenntnisgewinnung. Gauß - der Mathematiker von der Theorie zur Praxis und Humboldt - der Naturwissenschaftler genau umgekehrt. Neben den beiden Wissenschaftlern entstehen für mich auch die Menschen Gauß und Humboldt. Gauß mit seinem gespaltenen Verhältnis zu Frauen; hat eine und schaut den anderen hinterher und hat in der Hochzeitsnacht nichts wichtigeres zu tun, als eine Konstante zu ändern, damit die Theorie wieder stimmt. Auf die Idee sollte ein Mann heute mal kommen! Ist soviel Skurrilität Fiktion oder Recherche Kehlmanns? Humboldt - Frauen, was ist das? Gauß - Heulsuse, nur weil er die Summenformel als Kind findet und auch sonst recht maulfaul. Humboldt - jedem seine Erkenntnisse aufdrängend, auch wenn es niemanden interessiert. Besser kann man Introvertiertheit und Extroviertiertheit nicht darstrellen. Das Verhältnis zwischen Gauß und seinem Sohn bleibt für mich ein eigenartiges Vater-Sohn-Verhältnis. Ich habe es bis zum Schluß nicht ganz verstanden. Gauß scheint davon beseelt zu sein, dass sein Sohn eine Kopie von ihm werden soll und ist bitter enttäuscht, als das nicht eintritt, ohne zu erkennen, warum das so ist; da hätte ich von Gauß mehr erwartet. Sein Sohn hat für mich etwas von Humboldt in sich, als er sich auf den Weg nach Amerika macht. Stilistisch stört mich das viele 'möge', 'könne' usw. Das klingt für mich recht unentschlossen; eigentlich will ein Wissenschaftler etwas erreichen, dazu gehört Entschlossenheit. Die indirekte Rede ohne Interpunktion - der blanke Stress, zumindest auf den ersten zwanzig Seiten. Irgendwann habe ich mich daran gewöhnt und mein Lesetempo verlangsamt, aber viel mehr Seiten, als das Buch, hätte dieses Experiment nicht haben dürfen. Zusammenfassend - es hat sich gelohnt, das Buch zu lesen. Ich habe etwas anderes erwartet, konnte aber Kehlmann folgen. Ich kann es mit gutem Gewissen und dem Attribut 'gelesen' ins Bücherregal stellen - aber auch nicht mehr. Viele Grüße Dietmar

#30
(Editha)

(Editha)

Das Verhältnis zwischen Gauß und seinem Sohn bleibt für mich ein eigenartiges Vater-Sohn-Verhältnis. Ich habe es bis zum Schluß nicht ganz verstanden.

Hallo Dietmar,

ich versuche mal mein Verständnis für Gauß darzulegen, obwohl ich als Mutter seinen Sohn bedaure.

Gauß war hochbegabt, wie man heute sagen würde. Diese Menschen haben kein Verständnis für die langsamere Denkart ihrer Mitmenschen. Und da ihm der Sohn nicht zum Partner im Geiste wird, lässt er ihn fallen.
Etwas mehr emotionale Intelligenz, das gebe ich zu, hätte Gauß nicht schaden können.
Aber da stehe auch ich wieder vor der Frage: erdacht oder recherchiert. Letztendlich sehe ich Kehlmanns Buch als Roman, so, wie es wohl auch gedacht war.

Bei mehr Interesse und Zeit halte ich es mit Charlie und lese eine Biografie oder zwei. ;)

Liebe Grüße,
Editha

#31
Martina

Martina
  • 4.722 Beiträge
  • Dabei seit 10.02.05
Hallo, Dietmar, obwohl mich das Buch begeistert hat, finde ich deine Sichtweise sehr spannend; deine Rezension habe ich mit großem Interesse gelesen. Danke dafür, Tin

#32
Dietmar

Dietmar
  • 1.031 Beiträge
  • Dabei seit 21.08.05
Hallo Editha,

Gauß war hochbegabt, wie man heute sagen würde. Diese Menschen haben kein Verständnis für die langsamere Denkart ihrer Mitmenschen. Und da ihm der Sohn nicht zum Partner im Geiste wird, lässt er ihn fallen.
Etwas mehr emotionale Intelligenz, das gebe ich zu, hätte Gauß nicht schaden können.

Genauso sehe ich das auch und daraus geschlossen, dass Gauß keine soziale Komponente in seinem Charakter hat. Ich habe das bis zum Schluß nicht ganz glauben wollen, bzw. eine Erklärung dafür erwartet.

@Tin: Dank für's Lob; ich habe übrigens mehrere Tage überlegt, ob ich eine aus der Reihe fallende Kritik ins Forum stellen soll.

Viele Grüße Dietmar

#33
Christa

Christa
  • 9.730 Beiträge
  • Dabei seit 18.11.05
Hallo Dietman, ich habe deine etwas "abweichende" Kritik ebenfalls gelesen und sie hat mir den Blick dafür erweitert, auf was man sonst noch achten könnte in so einem Buch. Als Wissenschaftler sind dir Recherchen (Bergsteigen), die Vermittlung des Jahrhundets, in dem das Ganze spielt und die Beziehungen der Menschen untereinander wichtig. Ich als Pädagogin/ Therapeutin, Biografie-, Historien- und Naturliebhaberin habe natürlich erstmal auf anderes geachtet. Aber es stimmt, das Ganze wirkt ein bisschen wie durchs Okular betrachtet, nicht so, als sei man selbst dabei gewesen. Dass dir die Figuren durch die indirekte Rede fern geblieben sind, haben wir gemeinsam. Solidargrüße Christa

Schwarzwaldkrimis Tod am schwarzen Fluss. Taschenbuch und E-Book:https://t1p.de/2mhn


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#34
Siegfried

Siegfried
  • 825 Beiträge
  • Dabei seit 10.02.05
So, nun bin auch ich mit dem Roman durch und habe auch sämtliche obigen Beiträge durchgelesen, was ich mir bisher wohlweislich verkniffen hatte. Eine richtiger Disput ist ja nicht entstanden aus unserer Leserunde. Die Meinungen zum Roman sind überwiegend positiv. Und ich schließe mich da ebenfalls an. Die indirekte Rede war am Beginn sehr gewöhnungsbedürftig, hat mich aber bereits nach wenigen Seiten überhaupt nicht mehr gestört. Dass der Roman solch herrlich humoristische Szenen hatte, hat mich positiv überrascht und ich musste erneut schmunzeln, als ich zahlreiche lustige Stellen kompakt hier im Thread wiederfand. Der Roman war an keiner Stelle langweilig, die Protagonisten trotz ihrer Skurrilität glaubhaft und interessant. Sprachlich ist der Roman sicher ein großes Vorbild. Dramaturgisch hat er mich nicht hundertprozentig zufrieden gestellt. Mir geht es da wie Editha (Antwort #23). Die ersten zwei Drittel hat Kehlmann durchgehalten, kapitelweise zwischen Gauß und Humboldt zu wechseln. Im letzten Drittel verwischt dies zum einen - Gauß' und Humboldts Erlebnisse vermischen sich, obwohl sie sich in unterschiedlichen Siituationen befinden - und zum anderen wird plötzlich Gauß Junior zum Protagonisten in zwei Kapiteln, obwohl er bislang eher Randfigur war. Beides fand ich nicht sonderlich glücklich gelöst und empfand es als dramaturgischen Bruch. Aber diese 'kleine' Kritik schmälert nicht meine Freude über das Buch, das ich ohne Montségur eventuell gar nicht gelesen hätte. Liebe Grüße Roy

#35
(Peter_Dobrovka)

(Peter_Dobrovka)
Ich bin leider immer noch nicht ganz durch, werde mich dazu aber noch äußern, wenn.

#36
(Peter_Dobrovka)

(Peter_Dobrovka)
So, liebe Leute, es ist Zeit, Farbe zu bekennen: Ich hab es immer noch nicht zu Ende gelesen, aber ich habe dafür andere Sachen zu lesen angefangen. Ich denke nicht, daß es realistisch ist, daß ich damit jemals fertig werde. Also kommt hier mein Fazit. Das Buch behandelt interessante Themen und es ist auch stilistisch nicht zu beanstanden. Dennoch ist meine Motivation, sich weiter damit zu beschäftigen, auf dem Nullpunkt angelangt, und ihr könnt euch sicher sein, daß ich mich ganz nachdrücklich selbst frage: Warum? Warum konnte es mich nicht packen? Ein Buch ist offenbar doch mehr als die Summe seiner Teile, das wird mir hieran mehr als deutlich. Ich kann nirgends den Finger auf eine konkrete Wunde legen, das Ergebnis ist trotzdem sehr schwach. Mir liegen so seltsame Formulierungen auf der Zunge wie: Mir fehlt die Seele des Buches. Mir fehlen Protagonisten mit Zielen, bei denen ich mitfiebern kann, mir fehlt der Konflikt, die Spannung. Die Handlung plätschert distanziert-ironisch vor sich hin, unterhält mich anfangs sogar noch, aber ich habe nach 100 Seiten das unbewußte Gefühl, daß mich das alles gar nicht interessiert. Nach 200 Seiten dann ist es bewußt, und irgendwann bei nächster Gelegenheit greife ich nach dem Buch - und lege es wieder weg, zugunsten eines anderen Buches aus meinem ungelesenen Stapel, das mich mehr interessiert. Da ist der Humboldt, der im Dschungel umhertappt. Er ist ein Genie, und doch ist er auch zugleich völlig chaotisch. Der Autor verwehrt mir jeglichen Einblick in seine Psyche: Was ist sein Ziel? Warum macht er mal dies mal jenes, und wann wäre er fertig? Sein Begleiter Bonpland ist mir da viel näher und menschlicher, doch er ist dazu verurteilt, im Schatten von Humbold diesem hinterherzutappen und scheinbar keinen eigenen Willen zu haben. Immer mal wieder begegnet man Kuriositäten, die mit einer ungeheuer nervigen Beiläufigkeit erzählt werden, wie zum Beispiel dem Deutschen, der auch im Dschungel umhertappt. Meine Kritik geht aber noch tiefer: Ich bitte untertänigst um Entschuldigung, wenn ich da was mißverstanden habe, aber das ist a priori kein Stoff für einen Roman. Die Dschungelforschung ist ein guter Unterbau, eine gute Kulisse, aber es fehlt die Geschichte an sich. Kein Konflikt, keine Schwierigkeiten, die es zu überwinden gilt. Gar nichts. Bei Gauß ist es ähnlich: Seine Kindheit war faszinierend, sein Aufstieg und alles. Aber dann, auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Die Schilderung des Nichts; und das reichlich ausführlich. Na, hab ich am Ende doch noch einen Zipfel der Ursache zu fassen bekommen, warum ich das Interesse verloren habe. Danke für die Aufmerksamkeit. Peter

#37
(Huutini)

(Huutini)
Schön, schön, schön: Das SZ-Magazin hat eine hinreißende Kolumne mit Namen "Das Prinzip", in welcher jede Woche eine bestimmte Person, ein Sachverhalt, oder ähnliches, beleuchtet wird. gestern erschienen: Das Prinzip Daniel Kehlmann! Gruß, Marco! :s17 --------------------------------------------------------------------------------------------- SZ-Magazin #12 2006 DANIEL KEHLMANN Die Euphorie, die Daniel Kehlmanns Buch Die Vermessung der Welt bei Kritik und Publikum ausgelöst hat, ist nicht zuletzt ein Effekt der jüngsten deutschen Gegenwartsliteratur. Der Roman des 31-Jährigen, der die Biografien Alexander von Humboldts und Carl Friedrich Gauß’ ineinander verzahnt, nimmt den größtmöglichen Abstand ein zu den vorhersehbaren Büchern der meisten jungen Autoren, ihren immergleichen Abbildungen der unmittelbaren Lebenswelt. Dass das Personal einmal nicht um 1970, sondern um 1770 geboren ist; dass es nicht an Identitäts-, sondern an Berechnungskrisen leidet, wird als befreiend empfunden und bürgt beinahe schon für ein Mehr an literarischer Qualität. Endlich, so der Tenor der Leser und Kritiker, sei hier wieder einmal ein junger Schriftsteller am Werk, der sich zu anderem als dem Protokollieren der eigenen provinziellen Befindlichkeit imstande fühlt, der über eine selten gewordene Bandbreite des Interesses und Wissens verfügt. Die Lobeshymnen auf das seit Wochen die Bestsellerliste anführende Buch blenden jedoch einige Schwierigkeiten aus. Zuallererst die Frage nach der Darstellung von Wissenschaftsgeschichte. Der Roman inszeniert den altbekannten Widerstreit zwischen empirischer und theoretischer Erkenntnismethode als Gegenüberstellung zweier skurriler Forscherpersönlichkeiten; in zahlreichen Passagen besteht das Buch aus nichts anderem als einer Aneinanderreihung von biografischen Anekdoten. Man fragt sich bei der Lektüre immer wieder, was mit diesem Verfahren – jenseits der viel beschworenen »Komik« – eigentlich gewonnen ist. Wozu diese Umwandlung von Wissenschaftsgeschichte in Belletristik? Ein zweiter Einwand beträfe die Sprache Daniel Kehlmanns, die wiederkehrende Rede von der »Virtuosität« seines Stils. Ohne Zweifel durchzieht den Roman ein Sinn für lakonische Pointen. Aber das Prekäre der Sprache Kehlmanns besteht darin, dass sie diese Meisterschaft unaufhörlich ausstellt. Der Wille zum »gut Schreiben« ist dem Roman überdeutlich anzumerken. Kehlmann erliegt der Versuchung, sich wie der von ihm bewunderte Thomas Mann an seinem eigenen Tonfall zu berauschen. Es stellt sich die Frage, welcher Anteil an dem ungeheuren Erfolg des Romans tatsächlich seiner spezifischen literarischen Qualität zukommt und welcher der Position, die er in der aktuellen deutschsprachigen Literatur einnimmt. Kehlmanns Buch erschien auf dem Höhepunkt des Überdrusses an den kümmerlichen Ausläufern der Pop-Literatur, den auf Romanformat gedehnten Büchern der Zeit- schriftenkolumnisten oder der schematisch konstruierten Alltagsprosa der Literaturinstituts-Absolventen. Nur vor diesem Hintergrund kann ein gut gemachter Unterhaltungsroman wie Die Vermessung der Welt plötzlich als ein Epoche machendes Werk erscheinen, das die Erzählkunst auf lange Zeit unerreichte Höhen zurückführt. Daniel Kehlmann ist ein Platzhalter, der eine zunehmend als schmerzhaft empfundene Lücke innerhalb der deutschen Literatur zu füllen vermag: die Figur des literaturhistorisch gebildeten, handwerklich tadellosen jungen Schriftstellers, die man sämtlichen Bastarden der Zunft entgegenhalten kann. Kehlmann erzählt seine Geschichten in einer mit allen Wassern des Kanons gewaschenen Sprache – doch vielleicht markiert gerade diese Versiertheit ein Problem. Ist nicht ein Rest an Unverputztheit, an Risiko, an womöglich sogar provinzieller Subjektivität notwendig, um wahrhaft berührende und relevante Romane hervorzubringen? Wenn literarisch Schreiben heißt, immer wieder neue, noch unbekannte Kreuzungspunkte zu finden zwischen Eigenem und Überliefertem, zwischen Erfahrungen, Wahrnehmungen, Anschauungen und der literarischen Tradition, in die man sich als Schriftsteller einreiht: Dann ist das notorische Geschwätz der Alltagsprosa genauso weit entfernt von dem, worum es geht, wie die Souveränitätsgeste Daniel Kehlmanns. ANDREAS BERNARD

#38
(Jonathan)

(Jonathan)
Hallo Peter! (eben geändert) A priori ist es sicherlich nicht, denn viele andere, die das Buch gelesen haben, sehen das anders. Vielmehr ist es a posteriori, da du es aus der Erfahrung gewonnen hast. Und zwar Deine ganz eigene Erfahrung, die Du mit dem Buch gemacht hast. Eine Kritik ist subjektiv. Viele Leser brauchen nicht immer ein Problem, das es zu überwinden gilt. Anscheinend fanden einige dieses Konzept „vernünftig“ und konnten schmunzeln, fühlten sich unterhalten – dies unterstreichen die vielen anderen Postings. Letztlich ist das eine Geschmacksfrage, da kann die Vernunft nicht mitreden. Grüße, Jonathan

#39
(Huutini)

(Huutini)

Vielmehr ist es a posteriori, da du es aus der Erfahrung gewonnen hast. Und zwar Deine ganz eigene Erfahrung, die Du mit dem Buch gemacht hast. Eine Kritik ist subjektiv.


Hey Johnny!

zwei Dinge:

1) ICH habe die Kolumne nicht geschrieben! Sie stammt aus einer Zeitschrift. Ich finde sie passend, aber auch diskutabel. Wenn du meine Einleitung gelesen hättest, wäre dir das aufgefallen. Deine Antwort also bitte an Herrn Bernard, nicht an mich!

2) Ich will mich nicht unbeliebt machen, finde aber manchmal, dass du in deinen Posts moftmals ziemlich - flau bist.
90 Prozent deiner Posts lesen sich etwa so: "Das ist nur deine Meinung." "Das ist subjektiv" "Das kann man nicht verallgemeinern" "Das ist Geschmacksfrage"

Denke deine Posts mal zu ihrem bitteren Ende, Johnny: Wenn jeder hier deine Einstellung hätte, wäre der Sinn dieses Forums obsolet, es würde sich in ein, um Douglas Adams zu zitieren, Logikwölckchen auflösen!

Es ist ein DISKUSSIONSforum, etwas zum AUSTAUSCHEN!!!
Jeglichen Meinungsaustausch mit einem "Das ist Geschmacksfrage" oder einem "Das ist Subjektiv" zu enthebeln, empfinde ich als Kontraproduktiv und nicht dem Sinn des Forums entsprechend.
Anstatt uns unsere Meinungen und Posts also ewig mit einem 'Die Geschmäcker sind verschieden' oder einem 'Das sehen andere Leute anders' um die Ohren zu hauen: Gib lieber mal DEINE Meinung zum besten!

Du magst das Buch. Warum? Was ist gut daran? Was gefällt dir? Weshalb ist der oben zitierte Artikel falsch? MEINUNGEN, GESCHMÄCKER, ANSICHTEN, die wären hier interessant gewesen.

Das würde ich als viel interessanter empfinden als dein Lieblingsargument, dass eine Meinung hier "Geschmacksfrage" ist! ;)

NATÜRLICH ist es Geschmacksfrage! Da oben steht der Geschmack einer Zeitschrift! Welchen Geschmack hast DU, Johnny? DAS ist es doch, was hier gepostet werden soll: Die eigene Meinung, und nicht die Feststellung, dass es Geschmacksfrage ist, ob man ein Buch mag oder nicht...

Und das meine ich nicht böse, nicht polemisch, sondern ganz sachlich und konstruktiv, weil man deinen Posts sonst nur ein Achselzucken und ein weiterblättern schenken kann, denn klar hast du Recht, das es Geschmacksfrage ist. Niemand hat etwas anderes behauptet...

Lieben Gruß,
Marco! :s17

#40
(Jan)

(Jan)
1. Vielen Dank für die Mühe, Marco - interessanter Artikel. 2. Fangt Ihr beiden schon wieder an?  :s16    Wie wär's mal mit einem Zwiegespräch per PN? Gruß Jan