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Leserunde: Die Vermessung der Welt


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58 Antworten zu diesem Thema

#41
(Jonathan)

(Jonathan)
Hallo Marco! Ah! Mein Posting bezog sich auf Peters Posting, leider hatte ich nicht geschrieben: „Hallo Peter, diese ist meine Meinung …“ Aber: In meinen Posting stand eben auch nicht, dass es sich auf Dein Posting bezieht. Wenn ich sage: Ein „a priori“ wie von Peter ist in diesem Kontext subjektiv und deswegen „a posteriori“. Also aus der Erfahrung gewonnen, nicht aus der reinen Vernunft, sonst wären die positiven Kommentare von uns „unvernünftig“. Jede Debatte ist durch Subjektivität geprägt. Dies zu erwähnen, empfinde ich nicht als schädlich. Leider bemerke ich, lieber Marco, dass du Dich seit dem „Hülsi“-Thread auf mich eingeschossen hast. Dies bedauere ich zutiefst und empfehle, etwaige Probleme per „PN“ zu lösen. Dir stehe ich gerne zur Verfügung. PS: Tut mir leid, Jan. Ich meine keineswegs Marco. Übrigens habe ich die SZ-Kritik noch gar nicht gelesen. PN wäre besser.

#42
(Peter_Dobrovka)

(Peter_Dobrovka)
Auch unter dem Gesichtspunkt, daß du mich gemeint hast und nicht den SZ-Artikel, bleibt das meiste von dem, was Marco geantwortet hat, gültig. Klar ist es meine Meinung und mein Geschmack. Aber das kann man doch irgendwo mal vertiefen, oder? In der Tat würde mich interessieren, warum du das Buch gut findest, Jonathan. Und bei Marco würde mich überhaupt erst mal interessieren, wie er es findet. Mit dem Artikel kann ich nicht diskutieren. Peter

#43
(Huutini)

(Huutini)

Hallo Marco!

Ah! Mein Posting bezog sich auf Peters Posting, leider hatte ich nicht geschrieben: „Hallo Peter, diese ist meine Meinung …“


:-[

Da sieht man wieder, was passiert, wenn man die Leute nicht persönlich anspricht!

In dem Falle sei Punkt eins für unnötig erklärt, sorry!

Punkt zwei halte ich weiterhin für wichtig, und nicht nur für dich, sondern auch für andere...
Das Argument höre ich hier in letzter Zeit öfter. Von Einschießen ist also keine Rede, es war nur dein zweiter Post mit dem Argument, den ich in zehn Minuten gelsen hab, und vieleicht dein Fünfter in zwei Tagen. Fällt mir auf!

Ich fahr tatsächlich keine Vendetta gegen Dich!

Und das sei, öffentlich, als Entschuldigung und Friedensschluß zu verstehen!

Ich gehe hier NIEMANDEN persönlich an, selbst wenn ich mal grob werde, oder jemanden nicht verstehe!! :s04
Eine Klage oder Ruppigkeit von mir also bitte nicht persönlich, sondern aufs Forum und sachlich bezogen verstehen.

Und damit genug davon!

@Peter

Mich würde meine Meinung auch interessieren. Bin leider immer noch erst auf Seite 30 oder so, finde den Artikel aber schon zutreffend!
oder IST das schon eine Meinung? :s09
Es wirkt mir gut geschrieben, lustig, aber überwiegend belanglos...


Liebe, friedfertige Grüße, (Auch an Quiddy, falls der schon in den Textkritiken war!)
Marco!
*eigentlich ein ganz kuscheliger*Eingefügtes Bild

#44
(Jonathan)

(Jonathan)
Hallo Peter, das Buch habe ich zwar noch nicht zu Ende gelesen - liegt schon im Umzugskarton. Es würde vermutlich auch nicht meine Meinung ändern. Wieso ich es gut fand? Eigentlich ganz einfach: Ich konnte lachen. Wenn nicht lachen, dann grinsen und schmunzeln. Unterhaltungstechnisch war das Buch sehr gut. Es hat mich amüsiert und bei Laune gehalten. Zwar ist es für mich kein Buch, das ich innerhalb von ein paar Tagen durchlesen kann. Ich brauchte immer mal wieder Pausen bzw. hat es nie geschadet, wenn ich es mal beiseite gelegt habe. Schnell fand ich immer wieder ins Buch rein. Für mich bestand das Buch aus vielen lustigen Glossen, ich brauchte nicht wissen, was zehn Seiten vorher passierte. Die Sprache, der Wortwitz und die vielen Pointen – klasse. Aber: Ich denke nicht, dass ich mich in ein paar Jahren noch an dieses Buch erinnern werde. Dieses Buch hat keine Tiefe, keine tiefere Botschaft, keine Kernaussage. Eben – böse gesagt – ein aus Glossen zusammengeschustertes Buch. Deswegen ist für mich das Buch auch reine Unterhaltung, der einzige Anspruch an den Leser ist: versteht er den Witz? Die Biografie dieser honorigen Persönlichkeiten hat mich fasziniert. Die Marotten, ihr starker Wille, ihre Prinzipien. Wobei ich davon ausgehe, dass einiges hinzugesponnen wurde. Aber darum ging es mir auch nicht. Ausgesprochen gut hat mir die indirekte Rede gefallen. In meinen Augen eine Kunst, die nicht jeder beherrscht. Nochmals: Lustig. Wie ich in einem anderen Posting schon schrieb: „Er interessiere sich mehr fürs Lateinische, sagte Gauß heiser. Auch könne er Dutzende Balladen. Der Herzog fragte, ob da jemand geredet habe.“ Es kommt selbstverständlich noch besser. „Dort auf der Brücke, sagte Bonpland, habe er auf einmal bedauert, als zweiter gehen zu müssen. Das sei nur menschlich, sagte Humboldt. Aber nicht bloß, weil der erste früher in Sicherheit sei. Ihm seien seltsame Vorstellungen gekommen. Wäre er der erste gewesen, etwas in ihm hätte gerne der Brücke, sobald er hinüber gewesen wäre, einen Tritt versetzt. Der Wunsch sei stark gewesen. Humboldt antwortete nicht …) „Humboldt hielt sich an sein Versprechen und mischte sich nicht in die Navigation. Wäre nicht ein Affe ausgebrochen, der ganz alleine den halben Proviant verzehrte, zwei Taranteln befreite und in der Kapitänskajüte alles in Fetzen riß, wäre die Reise ohne Störungen vorbeigegangen.“ Das macht einfach Spaß zu lesen! Mehr kann ich im Moment nicht sagen, davon abgesehen: Für mich war dass das Wichtigste. Liebe Grüße, Jonathan

#45
(Andre)

(Andre)
Ja, also, ich bin sehr zwiegespalten, was dieses Buch angeht ... Ich fand es anfangs nervig, wegen des Konjunktivs. Dann interessant, als mir auffiel, dass mich der Konjunktiv plötzlich gar nicht mehr stört. Dann lustig. Dann langweilig, da mich die vielen Urwald-Epsioden so an T.C. Boyle erinnerten. Dann wieder lustig. Zwischendurch rührend. Aber ganz am Ende leider unbefriedigend. Die beiden Handlungsfäden wurden zwar hübsch verquirlt, aber schlussendlich landet man bei Gaußens Sohn, und das Buch hört einfach auf, und ich fragte mich: Und jetzt? Was sagt mir das nun? Was soll das alles? Mir fehlten vor allem zwei Dinge: 1. Eine richtige Mitte. Denn die große Begegnung zwischen Humbold und Gauß, die in meinen Augen der Höhepunkt hätte sein sollen/können/müssen wurde seltsam glanzlos abgefeiert. 2. Ein richtiger Schluss. Etwas Abrundendes. Das gab's nicht. Mein Fazit: Ohne Zweifel gut geschrieben, lustig, bisweilen etwas angestrengt, unterm Strich aber überbewertet.

#46
(Peter_Dobrovka)

(Peter_Dobrovka)

"Die Vermessung der Welt": Was schildert dann Kehlmann sonst, wenn nciht die Entwicklung dieser Wissenschaften? Ueberall wird er doch genau deswegen gelobt?

Wird er das?
Er beschreibt zwei Biographien, das ist alles.

Gauß ist ein Schnelldenker, das wird dadurch versinnbildlicht, daß alle Menschen ihm so vorkommen, als würden sie eine Pause machen, bevor sie antworten. Im Alter kommt ihm diese Pause dann immer kürzer vor. Er löst Rätsel, erfindet diese und jene Berechnungsmethode, vermißt als Beamter preußisches Staatsgebiet, das wird immer mal wieder erwähnt, aber auf die Wissenschaften selbst wird nicht einmal ansatzweise eingegangen.
Und ich glaube auch nicht, daß Kehlmann dafür gelobt worden wäre, wenn er uns diese wissenschaftlichen Methoden so genau und plastisch vorgestellt hätte, daß wir sie nachvollziehen können. :s22

Daß Humboldt überhaupt so etwas wie Wissenschaft betreibt, wird nicht mal klar. Kehlmann beschreibt ihn als hyperaktiven Besessenen, der im Urwald herumläuft, in Höhlen kriecht, Berge überquert und Grabstätten entweiht und dabei alles einsammelt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Ich war regelrecht überrascht, als beiläufig erwähnt wurde, daß soundsoviele Quadratkilometer von Südamerika von ihm vermessen worden sind.

Das Buch ist für mich auch in erzählerischer Hinsicht sehr sehr schwach, es sollte dir um Gottes Willen nicht als Vorbild dienen.

Peter

#47
Martina

Martina
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  • Dabei seit 10.02.05


es sollte dir um Gottes Willen nicht als Vorbild dienen.

Peter


Dem möchte ich widersprechen. Man hält es aus, von Peter D. verrissen zu werden ;-)

LG,

Tin

#48
hpr

hpr
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  • Dabei seit 14.03.06

Es sollte dir um Gottes Willen nicht als Vorbild dienen.


Dem möchte ich widersprechen. Man hält es aus, von Peter D. verrissen zu werden ;-)

Tin, danke fuer deinen Zuspruch ;-).
Peter, wenn ich mir deine Kritik und die der anderen ansehe, vermute ich schon, dass die Wissenschaft selbst, das, was beide machen, im Roman selbst eher eine kleine Rolle spielen.
Aber wie schreibt man eine Geschichte, in dem es dem Protagonisten um eine Theorie, eine Wissenschaft, eine Philosophie geht, so sehr, dass er diesem Motiv alles andere unterordnet? Da muss dieses Gedankengebaeude doch zumindest in Grundzuegen klargelegt werden. Und Kehlmann stellt das ja offenbar zurueck zugunsten von Anekdoten, wenn ich die Meinungen hier mir durchlese, die meisten haben es gut gefunden, Peter, du eher nicht.

Trotzdem bleibt fuer mich die Geschichte einer Theorie ein Raetsel, denn auch Theorien haben ihre Geschichte, koennen zum alles bestimmenden Motiv von Menschen werden. Ich weiss, wenn du das in einem Roman verwurstet, wird es eher ein Nischenprodukt werden, dennoch beschaeftigt es mich. Weil es die ersten Kapitel dieses Romanprojektes von mir bestimmt.

Hans Peter

#49
Judith Wilms

Judith Wilms
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Liebe Leserunde, jetzt hatte auch ich Zeit für die Vermessung der Welt. Ich war auf den ersten Seiten ganz überrascht. Ich hatte außer Kehlmanns Erfolg und Allgegenwärtigkeit seiner immer traurig aussehenden Fotos wenig mitbekommen. Dann las ich das erste Kapitel. Und siehe da: Das erste Kapitel ist ein "Bauernstadel"! Da folgt ein Witz dem anderen. Ich hatte irgendwie etwas Ernst-Intellektuell-Schwieriges erwartet. Vorischtig las ich weiter, und war freudig überrascht, dass nach dem Spaßfeuerwerk im ersten Kapitel sehr viel Witz und Ironie die Geschichte bestimmt. Meine Lieblingsstelle war die, an der Humboldt das "schönste deutsche Gedicht, frei ins Spanische übersetzt" vorträgt, da habe ich wirklich laut gelacht. Überrascht war ich auch von der Schwerelosigkeit des Buches. Gerade die indirekte Rede, die beiden Herren im 18. Jahrhundert, die persönlichen Aufgaben – das alles hätte man auch schwer verstaubt erzählen können. Unglaublich, wie es Herrn Kehlmann gelungen ist, das Ganze so leicht und lesbar zu verpacken. Ich legte keinen Wert auf wissenschaftliche Genauigkeit (sonst greife ich zum Sachbuch), und wurde ganz wunderbar unterhalten. Im Gegenteil: Ich musste gerade an den Stellen schmunzeln, an denen Humboldt angeblich seine Eintragungen fälscht. Ich stellte mir nämlich vor, dass Kehlmann die Aufzeichnungen genau recherchiert hat – und finde es sehr witzig, da augenzwinkernd zu sagen: Die Wirklichkeit sah womöglich ganz anders aus. Ich bin auch beeindruckt, dass der Stil durchgehalten wird. Kehlmann vorzuwerfen, er berausche sich letztendlich an seinem eigenen Stil, ist ungefähr so, wie eine Frau, die immer auf der Suche nach dem Richtigen ist, und wenn sie ihn dann gefunden hat, ihm vorwirft, dass er "zu gut" ist. Der Schluss, an dem sich die beiden Hauptpersonen so nahe sind, dass die Wirklichkeiten und Ebenen verschwimmen, ist tatsächlich ein Bruch mit dem abwechselnden Erzähstrang vorher. Es geht auch viel mystischer, nicht mehr so wissenschaftlich zu. Vielleicht eine Reflektion dessen, dass die Männer im Alter nicht mehr so "buchstabentreu" sind, merken, dass es etwas neben dem zu Vermessenden gibt. So genau will ich es gar nicht analysieren: Das Buch hat mich wunderbar, auf hohem Niveau, unterhalten. Danke, Herr Kehlmann. Liebe Grüße, Judith PS: Wie sind die anderen Romane von ihm zu empfehlen? Warum, Quidam, soll "Ich & Kaminski" nicht so gut sein?

"Felix", Frankfurter Verlagsanstalt 2015

Neuer Roman, Penguin Verlag 2020

www.judithwilms.com


#50
Andreas

Andreas
  • 3.499 Beiträge
  • Dabei seit 10.02.05
Mit fast einem Jahr Abstand zu den meisten anderen in dieser Runde habe ich das Buch jetzt endlich auch durch. Und lese nun diesen Thread nach und stelle fest, dass ich weitestgehend André und PeterD zustimmen muss.

Ich lege es weg und denke "Hm ... ok. Muss man nicht gelesen haben".

Das ist sehr schade, denn die Sprachbeherrschung ist gandios, es ist blitzblank poliert, und der Autor hat offenbar verdammt viel recherchiert, um eine so große Menge an Details dieser Zeit im dem Roman zu verquirlen - nicht nur die Personen, sondern auch die Politik, das Weltgeschehen und das Empfinden der Zeit. Mein allergrößter Respekt; dies ist ein ungeheuer intelligenter Roman.
Ich bin allerdings auch niemand, der recherchiert, wieviel davon tatsächlich stimmt - im Zweifelsfalle nichts, schließlich ist es bloß ein Roman; es ist mir zu mühselig, alles zu prüfen, wenn ich diese Daten nicht konkret benötige. Aber es wirkt jedenfalls "voll" und "rund" und nicht nach bloßer Staffage.

Denoch: Es ist keine interessante Geschichte in meinen Augen. Auch mir fehlen Mittelteil und Ende. Schon früh beginnt alles zu verpuffen, in Fatalismus, sich steigernder Senilität, dem Gefühl der Unbedeutendheit, zu wenig geschafft zu haben, zu früh geboren zu sein ("was nur später einmal alles möglich sein wird!"), von der Zukunft überholt zu werden.

Die indirekte Rede ... Also eine Kunst sehe ich darin nicht. Auf mich wirkt es nachhaltig wie eine Marotte. "Wie mache ich meinen Roman künstlerisch? Distanziert, alterümlich, mit trockenem Humor?" Die indirekte Rede bewirkt natürlich den lakonischen Humor. In direkter Rede wären viele der Szenen kein bisschen komisch. Somit ist sie ein - mir eher pretentiös erscheinendes - Mittel zum Zweck.
Das ist eine Weile lang lustig, nach 50 oder 100 Seiten konnte ich darüber aber immer weniger schmunzeln, weil es mir einfach zu gewollt aufgetragen war. Das ist, wie wenn man den 17. Roman von Terry Pratchett oder Douglas Adams liest - irgendwann ist es nicht mehr komisch, weil man die Mechanik nun kennt, die immer wieder die selbe ist. Jedenfalls geht mir das hier so.

Darüberhinaus hat mich ungeheuerlich gestört, wie Gauss und Humboldt neben all ihrer als im Grunde autistisch beschrieben Genialität ganz offenbar in mehr als einer Hinsicht völlig lebensuntauglich sind. In den Episoden, die hier von vielen als skurril beschrieben werden, wirken sie auf mich sogar größtenteils wie alberne Schießbudenfiguren, und ich habe keinen der Protagonisten im Buch jemals ernst nehmen können. Und aus diesem Grund tat mir Humbold auf seiner letzten Reise auch nicht leid - wo er in seinem Drang, wenigstens hier und dort einmal selbst einen Stein zu sammeln oder eine Magnetfeldmessung vorzunehmen, beschrieben wird wie ein dickköpfiges Kind, das heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke liest.

Die kurzen philosophischen Exkurse, die aufblitzenden tieferen Weisheiten, Belehrungen und philosophischen Gedanken sind mir insgesamt zu beiläufig und zu albern verpackt. Es bleibt mir nichts haften.

Gerade zum Ende hin hat das Buch für mich mehr und mehr seines Charmes verloren, der Witz hatte sich abgenutzt - und leider war nicht viel mehr da, als dieser Witz. Die verbleibende Handlung, deren Konsequenzen und die Altherrengedanken über ihre Leben und die Welt waren mir insgesamt zu dünn. Der Ringschluss mit Eugen war zwar gut gemeint, hat es aber für mich nicht mehr gerettet.

Tja, soviel zu meinen Eindrücken: Ein hochintelligenter Autor mit einer hervorragenden Sprache - aber für mich ein leider eher uninteressantes Buch.

Andreas

#51
(TT)

(TT)
Lieber Andreas, genau so ging es mir auch. Zunächst fasziniert von der Sprache, dem Witz und der Intelligenz las ich die ersten 50 Seiten in einem Rutsch durch, teilweise sogar meiner Frau laut vor. Höchst unterhaltsam, ja - bis sich dann langsam Ernüchterung einstellte. Irgendwann wurde mir klar, dass Kehlmann keine Geschichte zu erzählen hat. Die Beschreibung zweier weltfremder Intellektueller, deren einziger Zweck zu sein scheint, Bonmonts vorzutragen und sich irgendwann zu begegnen - das ist in meinen Augen einfach zu wenig. Die Ermüdung trat etwa nach der Hälfte des Buches ein. Ich bin noch ein kleines Stück weiter gekommen, dann habe ich es weggelegt. Meine Frau, die in dieser Hinsicht mehr Durchhaltevermögen hat, schaffte den Roman bis zum Ende - mit Mühe. Aber auch sie wusste nicht wirklich viel neues zu berichten. Kehlmann macht in meinen Augen den Versuch, brillieren zu wollen, ohne wirklich etwas zu erzählen zu haben. Es ist eine dieser Geschichten, die, um es mal mit den Worten meines geschätzten Kollegen Andreas Eschbach zu formulieren, "so vor sich hin handeln". Sie könnte hier aufhören, oder dort, sie könnte aber auch noch hundert Seiten so weitergehen - es wäre egal. Und damit wird ein Roman in meinen Augen belanglos. Wie formulierte es Denis Scheck in seiner Sendung "Druckfrisch" so treffend: "Ich vermag jenseits der Unterhaltsamkeit keinen zwingenden Grund anzugeben, warum man unbedingt einen Blick in dieses wundersam bunte historische Kaleidoskop werfen müsste." Gruß, Thomas

#52
(Jan)

(Jan)
Liebe Leute,

ich grabe diesen alten thread noch mal aus (es kann auch gern noch mal ein neuer gestartet werden), weil ich denke, hier paßt dieser interessante Artikel (Link ungültig) (Link ungültig), den ich vorhin entdeckt habe, gut hin.

Gruß
Jan

#53
(PeterN)

(PeterN)
Hallo Jan, ich gestehe, ich habe bisher um das Buch einen großen Bogen gemacht, aber der Artikel hat mich jetzt fast so weit getrieben, es doch zu kaufen und zu lesen. Ich glaube, was der Artikel auch anspricht, ist ein generelles Problem der Deutschen, die "Lockerheit" immer gleich mit Unseriösität verwechseln. Mir ist das neulich klar geworden, als ich Sigmar Gabriel in einer Talkshow gesehen habe, in der er richtig gelöst wirkte. Ein solches Verhalten wäre bei einem Politiker, zumal einem in Verantwortung, noch vor fünfzehn Jahren ziemlich undenkbar gewesen, glaube ich. Auf der einen Seite haben die Deutschen eine unglaubliche Schwäche für "Spitzbübigkeit", auf der anderen Seite wünscht man sich aber die tadellosen, steifen, irgendwie hanseatischen Technokraten, glaube ich. Ganz seltsamer Kontrast, den ich beim Taz-Artikel nun auch irgendwie angesprochen sehe. Na ja, lange Rede, kurzer Sinn: Danke für den Link, der hat wirklich Appetit auf das Buch gemacht. Gruß Peter

#54
(Ida)

(Ida)
"Die Vermessung der WElt", welch ein Titel,welch eine Geschichte! Ich finde das Buch genial und rate allen , auch so einen Wurf zu machen! Dazu allerdings muss man eine herausragende Idee haben und außerdem die Gabe,es in Worte zu fassen. Wer das kann, fange doch gleich mal an.. I ch freu mich drauf ! Ida

#55
(Jan)

(Jan)

Ich glaube, was der Artikel auch anspricht, ist ein generelles Problem der Deutschen, die "Lockerheit" immer gleich mit Unseriösität verwechseln.


Das ist ein spannender Punkt, Peter - vielleicht ist es kein Zufall, daß dieses Buch ein Österreicher geschrieben hat?!

Ich gestehe, ich hab's bisher auch noch nicht gelesen, aber das mache ich jetzt!

Gruß
Jan

#56
Imre

Imre
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Weil ich erst seit vorgestern Mitglied bin, meine späte kleine Anmerkung. Wunderbar die Begegnung mit dem Jaguar (S. 107f) und wie das Thema später als Steingesicht aufgegriffen wird (S. 203) "Etwas hatte ihn gesehen, das spürte er, und würde ihn nicht mehr vergessen." Nicht mehr vergessen (!) - die Augen eines lebendigen Tieres, aber auch die Augen aus dem uralten Stein. Das Spiel mit Welten und Realitäten hat mich besonders beeindruckt. Und zu der Frage, wie viel ist (historisch) real, gibt es eine köstliche Anmerkung, womit der Autor sich selber durch den Kakao zieht. Er läßt Humboldt Künstler und Schriftsteller kritisieren (S. 221): "... Romane, die sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfassen seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde. Abscheulich, sagte Gauß." LG, Imre
Gib, gib auch nach, aber gib nicht auf.&&www.imre-toeroek.de

#57
Saskia

Saskia
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Hallo, das finde ich ja alles sehr interessant! Ich fand das Buch auch sehr, sehr gut geschrieben und war eine Zeit lang richtig fasziniert von der Sprache - aber dann bin ich irgendwo steckengeblieben und habe es nie fertig gelesen ... Da bin ich anscheinend nicht die einzige! Vielleicht lag es auch daran, dass die beiden als Menschen immer lächerlicher wirken - da fehlt dann wohl die Sympathie, die einen dazu treibt, weiterzulesen. Liebe Grüße, Saskia
Schreiben ist einfach. Man muss nur die richtigen Wörter weglassen.&&www.saskia-hula.at

#58
Imre

Imre
  • 848 Beiträge
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Liebe Saskia, kurze Zeit ist es mir auch so gegangen, ich bin beinahe steckengeblieben, ca. nach dem ersten Viertel. Ich hatte mich überschüttet gefühlt mit Informationen, die mich wenig angingen. Aber vielleicht war ich deswegen nicht bei der Sache, weil mein Kopf mit zu vielen anderen Themen beladen war. Die haben nicht zu den Themen im Buch gepasst. Es ist ja manchmal so, dass ich zu einem Buch keinen Zugang finde. Und ein Jahr später oder so wundere ich mich, wieso das Buch mich damals nicht angesprochen hat. In dem Fall waren es wohl nur ein paar Wochen, die ich "überbrücken" musste. Dann entflammte Begeisterung. Und die hielt bis zum Ende durch. Liebe Grüße Imre
Gib, gib auch nach, aber gib nicht auf.&&www.imre-toeroek.de

#59
Daniela

Daniela
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  • Dabei seit 29.08.06

Es ist ja manchmal so, dass ich zu einem Buch keinen Zugang finde. Und ein Jahr später oder so wundere ich mich, wieso das Buch mich damals nicht angesprochen hat.


Ich finde, dass dies ein ganz wichtiger Punkt ist, der viel zu oft übersehen wird! Mir geht es auch manchmal so. Und auch aus so mancher Rezension kann man herauslesen, dass das betreffende Buch qualitativ gar nicht schlecht war, sondern der Leser in diesem Fall einfach nicht mit dem Thema warm wurde. Das liegt viel mehr in den eigenen inneren Prozessen begründet (wo stehe ich gerade in meinem Leben? was beschäftigt mich? welche Themen erzeugen deshalb zu diesem Zeitpunkt eine Resonanz?) als im Roman.

Liebe Grüße
Daniela