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Holzfällen


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176 Antworten zu diesem Thema

#121
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
  • 6.338 Beiträge
  • Dabei seit 12.03.08

Ulf, mir hat Middlesex auch sehr gefallen, und ich wuerde mich freuen, wenn wir es im Anschluss an Holzfaellen diskutieren wuerden. Und von mir aus auch Vergleiche ziehen, warum nicht?

Gerne. Warum nicht?

Dass man bei einer Diskussion spezifischer werden sollte als nur "Gefällt mir oder nicht" zu äußern, ist schon klar. Ich glaube, ich habe schon einiges Spezifisches über "Holzfällen" hier geschrieben. Trotzdem sollte man aber auch nicht auslassen, welche Wirkung insgesamt ein Buch bei einem selbst auslöst. Es sollte nicht alles nur mit dem Kopf und der Analyse spezifischer Sätze auf irgendeiner Seite betrachtet werden. Beim Lesen erfahren und erleben wir Literatur auch auf einer emotionalen Ebene, sie löst Gefühle in uns aus. Und das will der Autor ja auch durchaus erreichen. Dass Literatur nicht bei jedem von uns gleich ankommt, ist zu erwarten. Und vielleicht sind diese Rezeptionsunterschiede auch nicht uninteressant zu beleuchten. :)

Ich finde eines auch wichtig. Man sollte sich beim Lesen nicht vom Ruf oder vom ehrwürdigen Sockel, auf dem ein Autor stehen mag, beeinflussen lassen. Keine Angst vor großen Namen, so hoffe ich. :)

Die Montalban-Reihe, Die Normannenserie, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, www.ulfschiewe.de


#122
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
  • 6.338 Beiträge
  • Dabei seit 12.03.08

Der Erzaehler hat ja die eigene kuenstlerische Kraft verloren bzw. drangegeben, er ist also beim Versuch, sie zu schuetzen (wie intensiv hat er das eigentlich versucht, frage ich mich), gescheitert.

Wo hast du das gelesen, Charlie? Das scheint bei mir nicht angekommen zu sein. Er redet doch gar nicht über sein eigenes künstlerisches Schaffen.

Alle anderen dagegen haben in seinen Augen kläglich versagt. Auch die Joana beschreibt er nicht als authentische Künstlerin. Da beschuldigt er nur Wien. Die Stadt hat sie kaputt gemacht. Auch so eine Aussage, die ich nicht nachvollziehen kann. Sie hat sich nicht durchsetzen können, aber daran ist bei ihm Wien schuld. Man hat den Eindruck, für ihn ist sie das Opfer der Verlogenheit der Wiener Gesellschaft. Fast, als hätten die Anwesenden des künstlerischen Abendessens sie auf dem Gewissen.

Aber auch das bleibt in dem Buch undeutlich, wie so vieles. Man erfährt nie genau, was er den Auerbergers eigentlich vorwirft. Was genau haben sie ihm getan, außer, dass sie mal verbreitet haben, er hätte sie ausgenutzt. Hat er ja wahrscheinlich auch. Mein Eindruck ist, er hat von allen profitiert. Überhaupt kommt der Erzähler für mich als Charakter ziemlich schlecht weg. Nach all seiner Hasstirade, die sich ja nur im Kopf abspielt, küsst er der Gastgeberin am Ende die Stirn und sagt, wie schön es doch war. Also sind alle Lügner und Heuchler. Ist das die Botschaft, die er verbreiten will? ;D

Die Montalban-Reihe, Die Normannenserie, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, www.ulfschiewe.de


#123
Charlie

Charlie
  • 13.209 Beiträge
  • Dabei seit 02.09.05

[Trotzdem sollte man aber auch nicht auslassen, welche Wirkung insgesamt ein Buch bei einem selbst auslöst. Es sollte nicht alles nur mit dem Kopf und der Analyse spezifischer Sätze auf irgendeiner Seite betrachtet werden. Beim Lesen erfahren und erleben wir Literatur auch auf einer emotionalen Ebene, sie löst Gefühle in uns aus.


Ulf, das wollte ich auch auf gar keinen Fall gesagt haben - das sehe ich nicht anders als du.
Gesagt haben wollte ich, dass mich das Warum AUCH interessieren wuerde.

Und eigentlich will ich euch ja nur alle nageln, damit wir hinterher weitermachen (und wie gesagt - mir hat Middlesex auch sehr gefallen). Ich kann dieses Gespraech gerade unheimlich gut gebrauchen, to say the least.

Herzlich, eilig,
Charlie (zu Deinem anderen Posting spaeter)

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 


#124
BarbaraS

BarbaraS
  • 2.828 Beiträge
  • Dabei seit 29.03.06

Zu Barbaras zweitem Zitat habe ich noch eine Frage. Der Erzaehler hat ja die eigene kuenstlerische Kraft verloren bzw. drangegeben, er ist also beim Versuch, sie zu schuetzen (wie intensiv hat er das eigentlich versucht, frage ich mich), gescheitert. Ich ueberlege, ob das mit Moral wirklich nur am Rand zu tun hat, oder ob es im Fall des Erzaehlers nicht mit dem Scheitern an der eigenen Moral einhergeht.

Das ist ein sehr interessanter Gedanke, Charlie. Und ja, in dieser Hinsicht sehe ich auch die Moral in der Geschichte. Den Imparativ, wie Angelika es nennt. (Danke für die Erklärung, liebe Angelika, jetzt habe ich kapiert, was du meinst.) "Man soll stets und immerdar die Wahrheit sagen."
Und um das mal wieder auf den Text zu beiziehen: ist es nicht klasse, auf wie vielen Ebenen dieses "die Wahrheit sagen" oder eben nicht-sagen auftaucht? Beim Ich-Erzähler, bei der gehässigen Jeannie; beim Burgschauspieler; in dem Ibsen-Stück; immer wieder anders beleuchtet und anders gewertet. Schon das beweist für mich übrigens, dass der ich-Erzähler nicht einfach Bernhard ist. Aber da renne ich hier offene Türen ein ...

Die eigene künstlerische Kraft zu schützen, zu wahren und zu nähren – das ist für mich dagegen keine Frage der Moral. da sehe ich keinen Imperativ sondern nur ein persönliches lebensziel. oder Arbeitsziel. Oder was auch immer.

#125
BarbaraS

BarbaraS
  • 2.828 Beiträge
  • Dabei seit 29.03.06
Noch zu Middlesex, Ulf: Den Roman mit "Holzfällen" zu vergleichen ist für mich so, als würde man jemand fragen, ob er lieber Linseneintopf oder Tiramisu isst. Die einzig vernünftige Antwort ist doch: Wieso darf ich nicht beides? ;-) Wobei ich ganz ganz ehrlich sagen muss, dass meine anfängliche Begeisterung über "Middlesex" ziemlich schnell in Langeweile umgeschlagen ist. Da wäre ich dann also nicht dabei.

#126
Charlie

Charlie
  • 13.209 Beiträge
  • Dabei seit 02.09.05

[: ist es nicht klasse, auf wie vielen Ebenen dieses "die Wahrheit sagen" oder eben nicht-sagen auftaucht? Beim Ich-Erzähler, bei der gehässigen Jeannie; beim Burgschauspieler; in dem Ibsen-Stück; immer wieder anders beleuchtet und anders gewertet.


Das mit dem Ibsen-Stueck fand ich besonders beachtlich. Und dieses ewige Herumgerede ueber "diese Wildente, diesen ganzen Ibsen", ohne das Thema des Stueckes mal anzufassen, das habe ich sehr fasziniert gelesen.

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."

Ararat - "Und sie sollen nicht vergessen sein" Knaur, 1. März 2016. www.charlotte-lyne.com

 


#127
jueb

jueb
  • 4.000 Beiträge
  • Dabei seit 01.01.06
... Ein kurzer Einwurf: dass unser Erzähler sehr wohl künstlerisch etwas "leistet" zeigt ja nicht zuletzt die Erzählung selbst, - was für ein schönes Paradox ! - und über deren. Form ich im übrigen gerne noch einmal sprechen wollte.... Denn das Ganze könnte man ja auch chronologisch linear und mit auktorialem Einschlag erzählen... Ja.. Er macht sein Scheitern zu Kunst. Lg Jueb
"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

#128
Charlie

Charlie
  • 13.209 Beiträge
  • Dabei seit 02.09.05

... Ein kurzer Einwurf: dass unser Erzähler sehr wohl künstlerisch etwas "leistet" zeigt ja nicht zuletzt die Erzählung selbst,


Solche aehnliche Antwort hatte ich schon mehrmals auf die Frage von Ulf getippt und wieder geloescht, weil's mir nicht ganz zu treffen schien. Und du hast ja auch "leistet" in Anfuehrungszeichen gesetzt.
Ich wurstele an einer Formulierung wie: "in der Art des Erzaehlens ist die kuenstlerische Kraft des Erzaehlers noch nachweisbar, sie wird aber nicht mehr genutzt" o.ae.

"Er macht sein Scheitern zur Kunst" gefaellt mir sehr, aber ein bisschen klingt es mir zu sehr nach Freiwilligkeit (und Kokettieren), die ich (beide) nur partiell fuer vorhanden halte.

Na ja, ich lass das jetzt mal lieber, man sieht, ich bin noch total unausgegoren.
Herzlich,
Charlie

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#129
BarbaraS

BarbaraS
  • 2.828 Beiträge
  • Dabei seit 29.03.06

... Ein kurzer Einwurf: dass unser Erzähler sehr wohl künstlerisch etwas "leistet" zeigt ja nicht zuletzt die Erzählung selbst, - was für ein schönes Paradox !


Ja, das ist schön paradox. Erst wollte ich einwenden: Die Erzählung zeigt, was Bernhard leistet, nicht was der Erzähler leistet. Andererseits ist natürlich jedes Wort vom (fiktiven) Erzähler aufgeschrieben ...

Über die Form sprechen: sehr gern, mir fehlt da aber im Moment ein Ansatzpunkt.

#130
Charlie

Charlie
  • 13.209 Beiträge
  • Dabei seit 02.09.05

[Die Erzählung zeigt, was Bernhard leistet, nicht was der Erzähler leistet.


Das wollte ich im ersten Augenblick auch antworten, aber ich finde schon, jueb hat recht. Die Erzaehlung ist absichtsvoll. Sie hat etwas - wie Angelika ganz am Anfang gesagt hat - Quasselndes, aber vor allem hat sie diesen Sound und die patterns, zu denen Claudia so viel Hervorragendes gesagt hat, die sind bewusst und kunstvoll und auch ein bisschen (!) kokett. Vom Erzaehler, nicht von Bernhard.
Finde ich.

Herzlich,
Charlie

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#131
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 3.315 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Ist es nicht Ausdruck der Tatsache, dass diese Kraft bereits verloren, der Kuenstler also gescheitert ist (bzw. sich in dieses Scheitern ergeben hat - trotz "Erregung" - und einen weiteren Versuch nicht unternehmen wird)?


Und wer so über sein klägliches Scheitern schreibt, der macht sich – nach seinen eigenen Kriterien zur Wahrhaftigkeit – doch wieder groß. Das bringt für mich das Spiralige hervor und auch die Doppelbödigkeit, die ich nicht mag.

Schade, Barbara, jetzt schreibst du, du hättest das mit meiner Moralkritik verstanden. Dabei wollte ich so gern den Brecht noch zitieren. Darf ich?

Also, der schreibt (in einem seiner Tagebücher), dass es Moral im Plural gibt. Nämlich einmal die allseits bekannte "Du-Schwein!"-Moral und dann noch eine "Du-Ochs!"-Moral. Bei der "Du-Ochs"-Moral muss man erklären: Pass auf, du Ochs, du machst doch dies und jenes kaputt, wenn du das und das tust. Besinn dich mal, sei nicht so ein Ochs. So viel Aufwand braucht eine "Du-Schwein"-Moral nicht. Die sagt einfach: Pfui! Schwein! Sie dokumentiert ihren eigenen Ekel (so wie gestern eine berühmte Dame aus der E-Szene) und das soll man dann als Argument für oder wider einen Gegenstand nehmen. Mir ist das allein vom Argumentieren her zu dürftig.

In "Holzfällen" verfährt der Erzähler – so sehe ich das – auch so. Das ganze Ensemble seiner Figuren einschließlich seiner selbst ekelt ihn an. Lauter Schweine im Brechtschen Sinn. Sie lügen, wenn sie sagen, dass sie Künstler sind. Was sind sie dann eigentlich? Ein paar Mal fällt dazu ein Wort: Kleinbürger. Spießbürger. ("Auch die Schriftstellerin Jeannie ist nichts als eine Kleinbürgerin ..." p. 56). Da möchte ich dann schon wieder fragen: Was ist eigentlich so schlimm am Kleinbürger? Dass er etwa kein Künstler ist? Weil der das Maß aller Dinge darstellt?

So, jetzt stelle ich aber mein Geschimpfe ein, ich versprechs. Denn die Zeichnung dieser Figuren mitsamt ihrer Heuchelei finde ich ja ganz großartig! Ja. Wem zur Erzählweise noch etwas einfällt – siehe juebs Verweis – bitte immer her damit.

Und was Claudia ins Spiel gebracht hat: dass man seine künstlerische Kraft verlieren kann, wenn man allzuoft auf eine Hostie spuckt, das stimmt auch. Darüber habe ich heute nochmal nachgedacht, das ist schon ein riesengroßes Thema.

Angelika

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#132
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 3.315 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Die eigene künstlerische Kraft zu schützen, zu wahren und zu nähren – das ist für mich dagegen keine Frage der Moral. da sehe ich keinen Imperativ sondern nur ein persönliches lebensziel. oder Arbeitsziel. Oder was auch immer.


Ja. Einverstanden.

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#133
BarbaraS

BarbaraS
  • 2.828 Beiträge
  • Dabei seit 29.03.06

Ein paar Mal fällt dazu ein Wort: Kleinbürger. Spießbürger. ("Auch die Schriftstellerin Jeannie ist nichts als eine Kleinbürgerin ..." p. 56). Da möchte ich dann schon wieder fragen: Was ist eigentlich so schlimm am Kleinbürger? Dass er etwa kein Künstler ist? Weil der das Maß aller Dinge darstellt?

Na ja, aber wenn die Kleinbürgerin zugleich Künstlerin ist und sich zur besseren Virginia Woolf erklärt – das fände ich auch ziemlich unerträglich, wenn's in meiner unmittelbaren Nachbarschaft stattfände.

Aber es ist doch unterhaltsam und anregend, wenn du schimpfst! Nicht nur wegen Ochs und Schwein, aber auch.

Liebe Grüße

Barbara

#134
ClaudiaB

ClaudiaB
  • 2.340 Beiträge
  • Dabei seit 11.12.09

Aber es ist doch unterhaltsam und anregend, wenn du schimpfst! Nicht nur wegen Ochs und Schwein, aber auch.


Ja, das finde ich auch. Es ist doch gut, dass wir nicht alle einer Meinung sind, so kann man den Text von vielen Seiten betrachten. Barbara, dann musst du uns aber auch deinen Eindruck von Middlesex schildern, das würde mich dann, falls wir darüber diskutieren, sehr interessieren ...

Was ist eigentlich so schlimm am Kleinbürger? Dass er etwa kein Künstler ist? Weil der das Maß aller Dinge darstellt?

Wenn Kunst mit kleinbürgerlichen Maßstäben gemessen/nach kleinbürgerlichen Maßstäben beurteilt, Kunstausübung von kleinbürgerlichen Ängsten begleitet wird, gegen die Idee des "Freigeistigen"? Ist das vielleicht das Schlimme? (Und hat Bernhard da vielleicht was vorweggenommen? Okay: Ich interpretiere zu viel hinein.)

Zu dem moralischen Anspruch, der im Text nirgends direkt benannt wird: Wollte nicht Platon die Künstler aus dem Staat verbannen, weil sie nichts als Lügner/Nachahmer seien, gemessen am Ideal, also der reinen Idee? Vielleicht steckt auch das hinter diesem Anspruch des Erzählers? Man müsste den Text fast noch mal danach durchsuchen ...
Liebe Grüße
Claudia

Neu: Cleo Leuchtenberg (Lisa Dickreiter & Claudia Brendler) I love you heißt noch lange nicht Ich liebe dich. Oetinger HC
http://www.claudiabrendler.de


#135
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 3.315 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07
Na schön, wenn ihr mich so lieb auffordert, dann –  :s12 – schimpf ich noch eine Runde:

Was ist eigentlich so schlimm am Kleinbürger? Dass er etwa kein Künstler ist? Weil der das Maß aller Dinge darstellt?

Wenn Kunst mit kleinbürgerlichen Maßstäben gemessen/nach kleinbürgerlichen Maßstäben beurteilt, Kunstausübung von kleinbürgerlichen Ängsten begleitet wird, gegen die Idee des "Freigeistigen"? Ist das vielleicht das Schlimme? (Und hat Bernhard da vielleicht was vorweggenommen? Okay: Ich interpretiere zu viel hinein.)


Nein, nein, du siehst wie immer klar. Ich jedenfalls erkenne auch so etwas wie eine "Idee des 'Freigeistigen'" im Text. Und gerade das, dies überaus Ideenhafte, dass er nie benennen will, was denn nun Künstler und was Kleinbürger ist, stört mich.

Stellt euch mal vor, jemand sagt über seinen Nachbarn: "Also für mich ist der ja gar kein Arkasachof, sondern nur ein Chrzlmphz!" Was lässt sich so einem Satz entnehmen? Einzig, dass das mit dem A besser sein muss als das mit dem C. Aber um zu prüfen, ob das stimmt, müsste man ja schon auch wissen, was den Arkasachof ausmacht und was den Chrzlmphz, oder nicht? Bernhard sagt einfach "Künstler" und "Kleinbürger". Und verlässt sich drauf, dass wir Leser mitgehen und beim Künstler "aaaah" sagen und beim Kleinbürger "wääää".

Das finde ich erstens faul.

Zweitens spüre ich da eine Wertschätzung der eigenen Profession und eine große Ignoranz gegenüber dem Rest der Welt, die ich, mit Verlaub, auch bei Thomas Mann schon recht haltlos gefunden habe. (Jedenfalls musste ich bei "Holzfällen" an vielen Stellen an "Tonio Kröger" denken, wo auch immer auseinander verhandelt wird: Hier die Literatur – da der Bürger; Tonio einerseits – andererseits Kröger).

Drittens sehe ich bei aller Kunstfertigkeit da so ein programmatisches Erblassen in der Kunst, wenn sie immer nur über sich und ihr Verhältnis zu einem ausgedachten Gegensatz räsonniert. Um es einmal positiv zu sagen: Kleinbürger und Künstler bilden keinen Gegensatz. Wenn man genau hinschaut, wurde die meiste Kunst in den letzten zwei Jahrhunderten von Kleinbürgern geschrieben, gemalt, komponiert. Oder sollten das alles Adlige gewesen sein oder großbourgeoise Pfeffersäcke?

Dass die Jeannie Billigroth mit ihrem "Ich bin besser als Virginia Woolf" ein unerträgliches Wesen ist und sich sehr zur Karikatur eignet, stimmt aber natürlich. An solchen Stellen gefällt mir das Buch ungemein, Barbara! Da ist es dann ja auch nicht blass, sondern glüht rot und gelb. Versteht ihr, was ich meine?

Angelika, die wirklich sehr gern noch über die formalen Aspekte weiter lesen und schreiben würde

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#136
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
  • 6.338 Beiträge
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Na schön, wenn ihr mich so lieb auffordert, dann –  :s12 – schimpf ich noch eine Runde:

Was ist eigentlich so schlimm am Kleinbürger? Dass er etwa kein Künstler ist? Weil der das Maß aller Dinge darstellt?

Wenn Kunst mit kleinbürgerlichen Maßstäben gemessen/nach kleinbürgerlichen Maßstäben beurteilt, Kunstausübung von kleinbürgerlichen Ängsten begleitet wird, gegen die Idee des "Freigeistigen"? Ist das vielleicht das Schlimme? (Und hat Bernhard da vielleicht was vorweggenommen? Okay: Ich interpretiere zu viel hinein.)


Nein, nein, du siehst wie immer klar. Ich jedenfalls erkenne auch so etwas wie eine "Idee des 'Freigeistigen'" im Text. Und gerade das, dies überaus Ideenhafte, dass er nie benennen will, was denn nun Künstler und was Kleinbürger ist, stört mich.


Da gebe ich dir recht.

Aber zur obigen Frage über das Wesen des Künstlerdaseins, Authentizität, usw., interpretiert ihr nicht überhaupt sehr viel in diesen Text hinein? Ich meine, wir haben hier sehr viele Posts zu diesem Thema, während es im Buch doch nur einen winzig kleinen Raum einnimmt. Ja, er sagt, das sind unaufrichtige Schaumschläger, aber nicht warum, er vertieft das Thema überhaupt nicht, er belässt es bei einigen wenigen, recht oberflächlichen Aussagen, eben wie auch die Bemerkung über Kleinbürger. Da wird wieder so etwas verächtlich hingeworfen, ohne es zu erklären.

Wundert es euch nicht, dass er dafür so wenige Zeilen verwendet, wohingegen er doch gebetsmühlenartig, seiten- und seitenweise seine Abneigung und allgemeine Verachtung gegenüber diesen Personen ausdrückt. Wenn diese ständigen Wiederholungen sein Stilmittel sind, um den Punkt rüberzubringen, warum hat er dann nicht mehr über die Themen gesagt, die euch hier umtreiben? Deshalb nochmal die Frage, versucht ihr nicht vielleicht, dem Text eure eigenen Belange überzustülpen? Dass den Bernhard (zumindest in diesem Werk) das nur am Rande interessiert hat.

Andererseits habt ihr aber nichts zu seinem Negativismus zu sagen, seinem endlosen Niedermachen von Weggefährten auf eine für mich hinterfotzige Art. Das ist doch 95% des Textes. Findet ihr das okay oder gar bewunderungswürdig? Oder keine Meinung dazu? :)

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#137
BarbaraS

BarbaraS
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Ich würde dir auch da widersprechen, Angelika, weil ich erstens finde, dass der Ich-Erzähler überhaupt nicht argumentiert, sondern schimpft; und weil Bernhard zweitens aus meiner Sicht überhaupt nicht daran appelliert, dass wir uns der Schwarz-weiß-Sicht des Erzählers anschließen, sondern ihm im Gegenteil sehr geschickt den Boden unter den Füßen wegzieht. Ganz unabhängig davon, dass "Kleinbürger" hier sicherlich nicht soziologisch verwendet wird, sondern im Sinn von "Spießer": Jemand, der es sich in seinem Winkelchen der Welt gemütlich gemacht hat und da um Himmels willen nie mehr raus will. Ob auch unter solchen Bedingungen Kunst entsteht? Da habe ich tatsächlich meine Zweifel. Ingesamt ist dieser Erzähler für mich aber eher einer, der an diesem Thomas Mann'schen Künstlerbild verzweifelt, weil es so wenig mit der Lebenswirklichkeit von Künstlern vereinbar ist, nämlich mit dem Kampf um Preise, Stipendien, Mäzene, öffentliche Anererkennung usw.

#138
BarbaraS

BarbaraS
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@Ulf: Aber er macht sie doch nieder, weil sie Kleinbürger sind, verlogen, in Lebenslügen gefangen, an ihren eigenen künstlerischen Ansprüchen gescheitert – seine Wut ist doch untrennbar mit seinem Leben als Künstler verknüpft, das zu trennen, fände ich sinnlos.

#139
Angelika Jo

Angelika Jo
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Aber zur obigen Frage über das Wesen des Künstlerdaseins, Authentizität, usw., interpretiert ihr nicht überhaupt sehr viel in diesen Text hinein? Ich meine, wir haben hier sehr viele Posts zu diesem Thema, während es im Buch doch nur einen winzig kleinen Raum einnimmt. Ja, er sagt, das sind unaufrichtige Schaumschläger, aber nicht warum, er vertieft das Thema überhaupt nicht, er belässt es bei einigen wenigen, recht oberflächlichen Aussagen, eben wie auch die Bemerkung über Kleinbürger ...


Nein, das finde ich nicht, Ulf. Diese wenigen Aussagen sind doch ein Teil dessen, was du weiter unten gebetsmühlenartiges Wiederholen nennst. Das IST sein Thema: Dass Künstler, anstatt sich ihren freien Geist zu bewahren (der in der Tat nicht von Übel wäre für Kunstschaffende sowie auch Bäcker oder U-Bahn-Schaffner oder Lehrer oder Journalisten ...) jedem die Fußsohlen schlecken, der sie anerkennt, bepreist und einkauft. Dass man sich über solches Fußsohlenschlecken kurz oder lang selber die Seele zerschrappt (und sich darüber, wie Claudia sagt, auch noch die eigene künstlerische Kraft zerschießt), das prangert er an und das bebildert er auch. Dafür stehen all die Szenen, in denen die lächerliche Selbstdarstellung der Schreiber und Schauspieler vorgeführt wird. Die ganze Zeit spricht er über nichts anderes als über ...

die Themen, die euch hier umtreiben ...


Zu deiner anderen Frage :

Andererseits habt ihr aber nichts zu seinem Negativismus zu sagen, seinem endlosen Niedermachen von Weggefährten auf eine für mich hinterfotzige Art. Das ist doch 95% des Textes. Findet ihr das okay oder gar bewunderungswürdig? Oder keine Meinung dazu?  :)


Ich hätte wohl eine Meinung, wenn ich irgendetwas mit der Person Thomas Bernhard zu tun hätte. Deine Frage zielt ja auf den Charakter des Autors, der seine Weggefährten runter putzt. Aber ich kenne den Herrn Bernhard nicht, ich weiß auch nicht, was in der Realität seinerzeit passiert ist zwischen ihm und den realen Modellen für die Figuren. Was ich aber durchaus kenne, das ist der Gestus eines Mäzens: Kuckuck, ich bins, dein Wohltäter! Dass man dazu irgendwann mal speiben möchte, kann ich mir auch vorstellen.  ;D

Angelika

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#140
jueb

jueb
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Andererseits habt ihr aber nichts zu seinem Negativismus zu sagen, seinem endlosen Niedermachen von Weggefährten auf eine für mich hinterfotzige Art. Das ist doch 95% des Textes. Findet ihr das okay oder gar bewunderungswürdig? Oder keine Meinung dazu?  :)


Ulf, das ist die völlig falsche Frage. Es geht hier um eine Figur in der Fiktion, die von einem Autor erfunden wurde. Diese Figur muss ich weder bewundern noch ok finden, ich muss sie interessant finden. Und das ist sie für mich. Für andere vielleicht nicht. Ob Figuren in einem Roman einem Negativismus, einem Optimismus oder sonst etwas frönen, kann nicht das Kriterium für die Güte von Literatur sein. Und ist es auch nicht.

Zum Verständnis und zur Interpretation eines Textes gehört auch das, was bewusst ausgespart wird oder scheinbar fehlt. Genau damit muss man sich dann als Leser auch beschäftigen, um den Text zu verstehen. Und das ist, so glaube ich, bei diesem Text ganz besonders der Fall. Wir haben hier nur eine einzige Perspektive, ja nur einen einzigen Monolog und den auch noch in Echtzeit. Das ist ein extrem subjektiver, verengter und fragwürdigen Blick. Wir als Leser stehen da vor der Aufgabe zu einem "objektiveren" Bild der beschriebenen Gesellschaft zu gelangen.
Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausgedrückt habe - ich fürchte fast nicht - vielleicht ist es so besser erklärt: In manchen literarischen Texten kann das Ausgesparte wichtiger sein, als das Ausformulierte. Und zwar etwa dann, wenn der Autor es schafft, den Blick des Lesers in raffinierter Weise auf diese Leerstelle zu lenken.

Herzlichst
jueb
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