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Das Mädchen - Teil 1: Dramaturgie, Setting


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47 Antworten zu diesem Thema

#41
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 3.262 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Das extreme Schicksal des Mädchens – das haben alle hier ja betont – kann vor jeder Kulisse stattfinden. Gerade als extremes ist es halt auch die Ausnahme. Zumindest dürfte die Mutter bei Klüssendorf keine typische DDR-Mutter sein, das wäre ja wohl doch etwas arg.

 

Das Setting ist dennoch wichtig, würde ich sagen. Weil im Hintergrund der Geschichte eine Moral herumschlurft, die den grimmigen Humor im Leser anregt. Dafür passt Moral ja immer gut, egal welche Werte jeweils angebetet werden. Aber die Würze schmeckt anders, wenn Kinder im Schatten der Altöttinger Gnadenkapelle verprügelt werden oder wenn in einem Heim die schwer Erziehbaren dazu aufgefordert werden, ihre "ganze Kraft und Fähigkeit für die Verteidigung der Arbeiter-und-Bauern-Macht einzusetzen" oder zu helfen, "die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beseitigen".

 

Der Widerspruch ist – für mich – nicht ganz so schreiend wie Kinderprügeln und Rosenkranz. Aber lächerlich ist das schon auf seine Weise. Weil man sich doch gleich fragen muss, ob ein Staat, der sich selber zum "Arbeiter- und Bauernstaat" erklärt, also zumindest im Selbstbild deren Macht ist – ob der wirklich die vergleichsweise schwachen Schultern von Heimzöglingen nötig hat.


Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018

Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#42
jueb

jueb
  • 4.000 Beiträge
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Bemerkenswert finde ich allerdings, dass weder Thema noch Handlung extrem oder genauer: richtig spektakulär sind. Unter richtig spektakulär empfände ich Mord/Totschlag, Vergewaltigung etc. Eben so wie etwa in "Scherbenpark" - darauf wurde ja schon verwiesen.  Wir sind ja in der Literatur - zumindest ich finde das so - aufs Spektakuläre geeicht. Je unspektakulärer, desto schwieriger... offenbar für den Leser, aber vielleicht auch für den Autor. Selbst wenn das Mädchen vielleicht kleine Entwicklungsschritte nach vorne macht, empfinde ich den Roman eher als Schilderung und Beschreibung eines Zustandes und von zwischenmenschlichen Verhältnissen und wiederkehrenden Verhaltensmustern. Von Handlungstreibenden Elementen kann nur bedingt gesprochen werden, oder? Es sind eher Stationen, die die Figur durchläuft, und mit denen sie sich auseinandersetzen muss. Und diese (Leidens)Stationen sind quasi biografisch vorgegeben, sie ergeben sich aus der Unterschichtsfamilie der Figur, den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, den beschränkten Entfaltungsmöglichkeiten. Vielleicht ist das auch ein Punkt, warum ich mich nicht so sehr für dieses Buch begeistern kann.

Form und Ablauf des Erzählten finde ich sehr absehbar.

 

LG

jueb


Bearbeitet von jueb, 23.04.2015 - 10:45,

"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

#43
jueb

jueb
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  • Dabei seit 01.01.06

--


Bearbeitet von jueb, 23.04.2015 - 10:43,

"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

#44
UlrikeS

UlrikeS
  • 3.049 Beiträge
  • Dabei seit 15.06.10

Auch möchte ich die Jüngeren hier an die Pille erinnern, die 1961 in der BRD auf den Markt kam und alles veränderte. Wenig später ging es auch schon los mit den 68ern. Ebenso an die Stern-Aktion von 1971 "Wir haben abgetrieben". Ich bin eine Jugendliche dieser Zeit, habe an feministischer Front mitgekämpt und ein eigenständiges Leben geführt - trotz damaligem Ehemann. Die benannten Einschränkungen haben in unserem damaligen Frauenleben keine Rolle gespielt. Den Mief verorte ich eher in den 50igern und in der ersten Hälfte der 60iger Jahre.

 

Den Mief kann man aber auch einfach in der Provinz verorten. Oder in sehr katholischen Gegenden. Die Frauenbewegung, das betraf ja nicht gleich weite Teile der Bevölkerung. Und auch nicht jedes Alter. Auch in den Familien, die aus dem katholischen Südeuropa stammten. Ich erinnere mich, was für Probleme es gab, wenn ein deutscher Junge sich in ein portugiesisches Mädchen verliebte - und das war 1980. Diese Freundschaft wurde von den Eltern verboten, weil das Mädchen erst 15 war.

 

Es wird sie gegeben haben, diese starken, autarken Alleinerziehenden. Aber eben wesentlich seltener, als wir es heute kennen oder uns vorstellen können.

 

Jedenfalls, abschließend: diese dargestellten Lebensverhältnisse in "Das Mädchen" halte ich nicht für DDR-spezifisch, auch wenn das Leben in der DDR kurz und prägnant dargestellt wird, so, wie es ein heranwachsendes Mädchen erleben konnte.

 

Das Setting ist wichtig für die Entwicklung der Person und ganz hervorragend (nicht belehrend, nicht erklärend) und aus der Person heraus geschildert. Und das beeindruckt mich wirklich sehr.

 

LG Ulrike



#45
UlrikeS

UlrikeS
  • 3.049 Beiträge
  • Dabei seit 15.06.10

Das extreme Schicksal des Mädchens – das haben alle hier ja betont – kann vor jeder Kulisse stattfinden. Gerade als extremes ist es halt auch die Ausnahme. Zumindest dürfte die Mutter bei Klüssendorf keine typische DDR-Mutter sein, das wäre ja wohl doch etwas arg.

 

Das Setting ist dennoch wichtig, würde ich sagen. Weil im Hintergrund der Geschichte eine Moral herumschlurft, die den grimmigen Humor im Leser anregt. Dafür passt Moral ja immer gut, egal welche Werte jeweils angebetet werden. Aber die Würze schmeckt anders, wenn Kinder im Schatten der Altöttinger Gnadenkapelle verprügelt werden oder wenn in einem Heim die schwer Erziehbaren dazu aufgefordert werden, ihre "ganze Kraft und Fähigkeit für die Verteidigung der Arbeiter-und-Bauern-Macht einzusetzen" oder zu helfen, "die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beseitigen".

 

Der Widerspruch ist – für mich – nicht ganz so schreiend wie Kinderprügeln und Rosenkranz. Aber lächerlich ist das schon auf seine Weise. Weil man sich doch gleich fragen muss, ob ein Staat, der sich selber zum "Arbeiter- und Bauernstaat" erklärt, also zumindest im Selbstbild deren Macht ist – ob der wirklich die vergleichsweise schwachen Schultern von Heimzöglingen nötig hat.

 

 

Sehe ich genauso, nur hätte ich es nie so schön auf den Punkt bringen können  :-)

 

LG Ulrike



#46
ClaudiaB

ClaudiaB
  • 2.327 Beiträge
  • Dabei seit 11.12.09

Ja, ich würde auch gleich bei Angelika unterschreiben.

Wobei DDR und Freiheit/Entkommen halt immer wieder zusammentreffen. Sicher aus Altötting zu entkommen, ist vermutlich ebenso schwer. Aber nicht unmöglich ...

Ich finde das Setting, wie andere schon geschrieben haben, eben unglaublich gut eingebaut, um das dahinterliegende oder übergeordnete Thema oder den Begriff "Freiheit" zu illustrieren.

 

Beispiel (S. 86/87): Andererseits hätte sie hier eine Chance, sich neu zu erfinden; niemand kennt sie, sie hat neue Kleider, einen neuen Haarschnitt, eine neue Schultasche, warum sollte nicht auch sie selbst völlig neu sein können? Sie könnte sich als tolle Sportlerin zeigen, als vorbildliche Schülerin. Doch noch während die Lehrerin sie begrüßt und ihr den Platz zuweist, weiß sie, dass es sinnlos wäre, sich anzustrengen; sie wird neben ein Pummelchen gesetzt, das sie auf den ersten Blick als Außenseiterin erkennt, die anderen Mädchen stecken die Köpfe zusammen und kichern.

 

Sie ist also gefangen, auch hier kein Entkommen aus ihrer Außenseiterrolle.

 

Wenig später, noch im gleichen "Bericht" -ich finde nämlich nicht, dass man hier von Szenen sprechen könnte - finden sich folgende Sätze:
 ... ein Farbenmeer bis zum Horizont, dahinter das richtige Meer, und noch weiter dahinter soll der Westen sein. Der Westen steht für alles, was für sie niemals erreichbar sein wird. Manchmal versucht sie, sich vorzustellen, wie der Westen aussieht, ihre Fantasie reicht von einer Kraterlandschaft bis zum Schlaraffenland, eigentlich aber beunruhigt er sie in seiner Unwirklichkeit. Lieber bleibt sie bei dem, was ihr vertraut ist; sie denkt an ihren Bruder, auch an ihre Mutter, sie vermisst ihre Puppen, doch sie beschließt, dass sie sie nicht mehr braucht.

 

Hier finde ich Thema und das, was die Figur ausmacht, ganz großartig im Setting gespiegelt. Rippchen ist gerade an einem Ort relativer Freiheit angekommen (mit dem Vater an der Ostsee), merkt einerseits, dass sie noch gefangen ist (Schule), merkt andererseits, dass Freiheit ihr große Angst macht. Es wird deutlich, dass sie nicht damit umgehen kann, was sie ja bis zum Schluss nicht wirklich fertigbringt. Das zeigt sich auch darin, dass sie diesen Westen - den man in der DDR dieser Zeit schon "kannte", zumindest die bunten Fernsehbilder und seine Waren etc, auch sie wird durch die Schule und Fernsehen etwas mitbekommen haben - zu etwas Unwirklichem, so fern wie der Mond. (Kurz darauf bringt sie sich selbst in große Schwierigkeiten, eben weil sie diese "Freiheit" nicht aushält.)

 

Jueb, ich finde dieses Buch unglaublich spannend. Auch beim zweiten Lesen, es hat für mich einen Sog. Extreme brauch ich nicht, aber auch andere Bücher, die wir schon zusammen gelesen haben, spielen doch nicht mit Extremen.
Ich würde ja gern rauskriegen, warum dich das Ganze eher kaltlässt im Sinne von Langeweile oder Vorhersehbarkeit, und mich quasi zum "Nägelkauen" bringt, was man den Thrillern ja immer nachsagt. (Würde allerdings niemals Nägel kauen, egal wie spannend ein Buch ist! :))

Liebe Grüße

Claudia


Neu: Cleo Leuchtenberg (Lisa Dickreiter & Claudia Brendler) I love you heißt noch lange nicht Ich liebe dich. Oetinger HC
http://www.claudiabrendler.de


#47
jueb

jueb
  • 4.000 Beiträge
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Hallo Claudia,

 

das war natürlich ein Missverständnis. Ich fordere nicht ein, dass das Buch oder überhaupt ein Buch sein Thema spektakulär aufbereiten soll - ich befand mich bei meinen Äußerungen im Beschreibungsmodus :-) Ich weiß auch nicht, was mich an diesem Roman so verhalten macht. Vielleicht das falsche Buch zur falschen Zeit? Ich merke auch, dass ich eine Abwehr dagegen habe, wenn Literatur bzw. literarische Figuren so stark psychologisch interpretiert werden. Aber wie gesagt, ich bin da selber gerade nicht mit mir im Reinen...

 

LG

jueb


"Dem von zwei Künstlern geschaffenen Werk wohnt ein Prinzip der Täuschung und Simulation inne."&&&&Projekt MD&&"Erdbeeren & Bananen"

#48
AndreasG

AndreasG
  • 1.482 Beiträge
  • Dabei seit 16.09.07

Ich finde, dass das Buch sehr wohl spektakuläre Dinge erzählt. Es geht um Verwahrlosung und die Misshandlung von Kindern, also nicht der normale, langweilige Alltag in einer deutschen Familie, egal, ob im Osten oder im Westen. Aus diesem Stoff ließe sich ein sozialkritisches Melodram stricken oder eine Doku-Soap auf RTL2 ;) .  Das Besondere ist, dass dieses Spektakuläre auf höchst unspektakuläre Weise erzählt wird. Aber gerade dadurch wird es umso eindringlicher.

 

Andreas


"Stirb leise, mein Engel", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Hörst du den Tod?", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Denn morgen sind wir tot", Jugendbuch, Oetinger Verlag 2015, "Bad Boys & Little Bitches", Jugendbuch Oetinger Verlag 2017 und 2018

"Die im Dunkeln sieht man nicht", Roman, FISCHER Scherz 2019 (ab 28.8.)