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Der Protagonist als Täter


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81 Antworten zu diesem Thema

#61
Olivia Kleinknecht

Olivia Kleinknecht
  • 222 Beiträge
  • Dabei seit 31.10.15

Der Film Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger (Original: Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto von Elio Petri aus dem Jahr 1970 verarbeitet dieses Thema faszinierend. Der Protagonist, der seine Geliebte tötet, ist Polizist, und ermittelt dann auch noch ausgerechnet in dem Fall. 

https://de.wikipedia...rhabenen_Bürger



#62
Olga

Olga
  • 3.101 Beiträge
  • Dabei seit 01.05.06

Liebe Sabine,

 

ein spannendes Thema. 

Ich glaube, ich habe nur ein Buch gelesen, bei dem der Ich-Erzähler gleichzeitig der Täter war. Ich erinnere mich nicht mehr an den Titel, an den Autor, ich weiß gar nicht mehr, worum es da ging. Aber ich erinnere mich sehr gut an die maßlose Enttäuschung am Ende des Romans, weil ich mir damals echt verar*t vorkam. Vielleicht war das Buch einfach nur schlecht, wer weiß. Aber wenn ich die grundlegende Konstellation analysiere, so würde ich persönlich keinen unzuverlässigen Ich-Erzähler bei einem Krimi/Thriller nehmen. Als Leserin möchte ich bei dieser Art von Büchern gern miträtseln, den Fäden folgen, den Ermittler quasi selbst spielen. Und ich möchte eine faire Chance haben, Erfolg zu haben. Diese faire Chance bekomme ich bei einem unzuverlässigen Ich-Erzähler wohl eher nicht.

 

ABER: Ich habe nichts dagegen, wenn der Protagonist der Täter ist. Das ist wirklich eine tolle Wendung! Mein Vorschlag: personal schreiben. Dann war der Erzähler halt nicht dabei, wenn der Protagonist dies oder das getan hat. Vielleicht waren diese Momente aus einer anderen Sicht beschrieben - ich habe als Leser dann alle Informationen, aber ich komme eben nicht darauf, dass der Protagonist der Täter ist. Und ich fühle mich dann nicht verar*t - sonder denke mir WOW. Klar, dass der Protagonist das getan hat, da waren deutliche Hinweise im Text. Ich habe sie nur nicht gemerkt.

 

Ich hoffe, du weißt, was ich meine.

 

Liebe Grüße,

Olga



#63
Sabine

Sabine
  • 995 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14
Zwar ist der Beitrag schon etwas älter, aber das Thema ist für mich noch immer aktuell.

wenn ich die grundlegende Konstellation analysiere, so würde ich persönlich keinen unzuverlässigen Ich-Erzähler bei einem Krimi/Thriller nehmen. Als Leserin möchte ich bei dieser Art von Büchern gern miträtseln, den Fäden folgen, den Ermittler quasi selbst spielen. Und ich möchte eine faire Chance haben, Erfolg zu haben. Diese faire Chance bekomme ich bei einem unzuverlässigen Ich-Erzähler wohl eher nicht.

Das war bisher auch meine Befürchtung, ob sich der Leser dann nicht vergaukelt vorkommt. Doch heute habe ich das Buch "Ich bin böse" von Ali Land fertig gelesen und denke, dass es doch sehr gut funktionieren kann. Das Buch wurde in der Ich-Perspektive geschrieben. Man spürt, dass sie etwas verbirgt, aber man weiß nicht genau was. Das wiederum machte das Buch spannend und zum miträtseln. Hatte sie vielleicht doch ihre Finger mit im Spiel, was genau hat sie getan, was verbirgt sie, ...
Ich glaube sogar, ich wäre nicht einmal enttäuscht gewesen, wenn ich diese Vermutung nicht gespürt hätte, sondern wenn mich die Protagonistin am Ende des Romans damit überrascht hätte. Es wäre ein Schock und würde mir eine Weile zu denken geben, aber genau das ist es ja, was man damit beim Leser bewirken will.

Bearbeitet von Sabine, 10.03.2018 - 18:24,


#64
IlonaS

IlonaS
  • 1.348 Beiträge
  • Dabei seit 14.08.13

Ich habe ein solches Buch geschrieben,und bisher hat sich kein Leser beschwert.


Krimis, Liebe und Mehr.

 

www.ilonaschmidt.com


#65
Nathschläger

Nathschläger
  • 10 Beiträge
  • Dabei seit 11.04.19

Mir fällt gerade kein Roman ein, in dem der unzuverlässige Erzähler schlussendlich selbst der Täter war - aber ich kenne einen sehr guten Roman, in dem das gesamte Konzept der Erzählung darauf aufbaut, dass der Erzähler unzuverlässig ist. Und zwar in Peter Straubs Roman "Lost boy lost girl". Straub ist überhaupt sehr gut darin, mit der Erwartungshaltung des Lesers zu spielen und literarisch zu unterlaufen. 

Mich hat der Roman bis zum Schluss in die Irre geführt, bis zum letzten Wort. Erst, als ich nach der letzten Seite abkühlte und einzelne Informationen richtig einordnete, begann ich zu verstehen, was Straub wirklich erzählen wollte. Das Buch ist voller versteckter Hinweise, und erst, wenn man all das hat sacken lassen, legt sich die Konsequenz der Erzählweise wie eine eisige Hand ums Herz.

 

Der Vertrag zwischen Autor und Leser, der in diesem Thread öfters zitiert wurde, besteht meiner Meinung nach in erster Linie darin, die Geschichte bestmöglich zu erzählen. Und da kann man als Schriftsteller einfach alles nutzen, jeden Trick, jeden Kniff, jede literarische Methode, jede Stiltechnik. Am Ende muss ein Roman herauskommen, den man nur so, und nicht anders erzählen kann.

 

Oder, wie ein Kritiker in seiner Rezension zu Gabriel Garcia Marquez´ Buch "Chronik eines angekündigten Todes" anmerkte: Da steht jedes Wort mit voller Berechtigung an seinem Platz.

 

Liebe Grüße,

Peter



#66
MichaelT

MichaelT
  • 641 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

Ich finde schon, dass es wichtig ist, dass keine Gedanken oder Handlungen der Figur verfälscht werden, nur, um den Leser auf die falsche Fährte zu locken.

Wenn ich am Ende weiß, dass der Protagonist der Täter war, will ich das noch mal durchgehen können, ohne Stellen zu finden, wo ich denke: "Hä, das kann der doch so gar nicht gedacht haben" oder "Das Handeln ist doch jetzt völlig unlogisch."

Das ist nicht einfach, das so zu machen, dass das am Ende alles authentisch und stimmig ist und trotzdem der Leser vorher nicht drauf kommt.

 

Die Alternative wäre, das Anlügen und Täuschen mit in die Handlung einzubauen.

Also, dass z.B. im ersten Kapitel eine Figur ein Buch, ein Manusript, Briefe, E-Mails o.ä. bekommt und der Leser die dann praktisch mit der Figur liest.

Wenn man das dann gut einbaut (also so, dass das wirklich Sinn macht und in die Handlung passt), kann die Figur aus den Texten bewusst täuschen und lügen, weil sie dann nicht den Leser direkt anlügt, sondern die Figur, die die Texte bekommen hat.

Das hab ich schon in der Art gelesen und hat super funktioniert.



#67
Sabine

Sabine
  • 995 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14
Wenn man sowas schreibt, arbeitet man viel mit Aussparungen. Man erwähnt einfach gewisse Dinge nicht, dadurch hat man auch nicht gelogen.
Zudem lässt sich vieles mit Zweideutigkeiten lösen. Die Figur sagt es dem Leser immer wieder, nur münzt der es jedes Mal falsch. In Alibi hat Agatha Christie das bravourös gemacht.

#68
KerstinH

KerstinH
  • 19 Beiträge
  • Dabei seit 08.04.19

Für mich persönlich ist es spannender, wenn der Täter keine irgendwie geartete psychische Störung hat, die ihn die eigene Täterschaft vergessen/nicht bewusst werden lässt. Ich selbst würde beim Schreiben also folgendes beachten:

 

- man braucht einen zusätzlichen auktorialen Erzähler, der emotionslos beschreibt, was er sieht (wie eine Kamera, die alles aufnimmt, aber nichts interpretiert, dadurch "sieht" der Leser nicht alles)

- sobald man sich im Kopf des Täters befindet, ist das Wissen um die Täterschaft da, man muss sie also durch bewusste Zweideutigkeit verschleiern (wie in oben zitiertem Beispiel von Agatha Christie - "... ich tat, was getan werden musste.")

- wenn der Täter bewusst täuscht, dann immer eine Figur im Roman (niemals den Leser), z.B. durch Fehlaussagen, mündliches oder schriftliches Legen falscher Fährten usw.

- gleichzeitig muss der auktoriale Erzähler einen oder mehrere vermeintliche Täter aufbauen

- im Kopf des Täters kann man diese vermeintlichen Täter dann auf die Täterschaft hin prüfen, bis sich später glaubhaft herausstellt, dass es sich hier um Überlegungen gehandelt hat, wie am besten falsche Fährten zu legen wären ("... als Müller hereinkommt, scheint er mir tatsächlich etwas blass um die Nase, und ja, ist er nicht um die fragliche Zeit ebenfalls in der Nähe des Tatorts gesichtet worden? ...", d.h. der Täter könnte Müller nun in Interaktion mit einer anderen Romanfigur fröhlich weiter denunzieren: "... Hat er nicht erst letzte Woche einen heftigen Streit mit seiner Frau gehabt, frage ich in die Runde und ernte betretenes Schweigen ...")

- man darf den Täter nicht zu viel reflektieren, sondern die Situation nur analysieren lassen, das tut er in seinem eigenen Interesse, ohne dass der Leser diese Motivation erkennt (wenn also "Psycho", dann Psychopath - als solcher könnte er das ermordete Hascherl dann noch kräftig bedauern, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein)

 

Das wären so meine Überlegungen ...


Bearbeitet von KerstinH, 29.04.2019 - 23:52,


#69
Holger

Holger
  • 1.062 Beiträge
  • Dabei seit 15.05.10

Wenn man sowas schreibt, arbeitet man viel mit Aussparungen. Man erwähnt einfach gewisse Dinge nicht, dadurch hat man auch nicht gelogen.
 

 

Das finde ich sehr unelegant, um es höflich auszudrücken. 
Genau das kann der geneigte Leser - zu Recht - am Ende in einen Vorwurf packen: einfach Sachen weglassen, damit es am Ende aufgeht. 
Hier ragt die Konstruktion sichtbar wie ein Skelett aus dem Roman hervor. Auf den Effekt gebaut, nicht auf die Glaubwürdigkeit. Das Buch wäre von Beliebigkeit bestimmt. Nicht von erzählerischer Notwendigkeit.

Davon abgesehen gibt es auch noch den Protagonisten als Täter, den man offen führt, was auch einen großen Reiz entfaltet, u. a. da wir - wider Willen? - zu seinen "Komplizen" werden. Von "Nur die Sonne war Zeuge" bis hin zu "Breaking Bad". Wobei interessanterweise "Nur die Sonne war Zeuge" um ein Vielfaches gewagter war als "Breaking Bad".
Aber auch diese Erzählweise folgt durchaus bestimmten Regeln, damit die Nummer aufgeht.

Schöne Grüße,

Holger



#70
Sabine

Sabine
  • 995 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14


Wenn man sowas schreibt, arbeitet man viel mit Aussparungen. Man erwähnt einfach gewisse Dinge nicht, dadurch hat man auch nicht gelogen.

Das finde ich sehr unelegant, um es höflich auszudrücken.
Genau das kann der geneigte Leser - zu Recht - am Ende in einen Vorwurf packen: einfach Sachen weglassen, damit es am Ende aufgeht.
Hier ragt die Konstruktion sichtbar wie ein Skelett aus dem Roman hervor. Auf den Effekt gebaut, nicht auf die Glaubwürdigkeit. Das Buch wäre von Beliebigkeit bestimmt. Nicht von erzählerischer Notwendigkeit.

Vielleicht verstehst du unter Aussparungen was anderes wie ich. Du brauchst nur mal den Film Sixth Sense analysieren, dann siehst du, was da alles ausgespart wird.

#71
FlorianH

FlorianH
  • 157 Beiträge
  • Dabei seit 17.08.18
Total ueberschaetzter Film, der genau daran krankt. Fight Club hat das viel besser gemacht.

#72
Sabine

Sabine
  • 995 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14
Sixth Sense ist für mich der gelungenste Twistfilm. Ich fand ihn um Längen besser als Fight Club. Lag aber nicht unbedingt an der Wendung, sondern am ganzen Geschehen im Film, das hat mich ziemlich gelangweilt.
Aber auch Fight Club hat ausgespart.

#73
JenniferB

JenniferB
  • 2.652 Beiträge
  • Dabei seit 17.01.11

Fight Club und Sixth Sense machen das quasi auf dieselbe Art.

Nur das die Andeutungen bei Fight Club etwas offensiver sind. Mir war das recht schnell klar, daher war der Film für mich nach einer knappen dreiviertel Stunde "durch" und die Spannung weg.
Bei Sixth Sense hatte ich keinen Schimmer - der hat mich wirklich überrascht.

 

Wenn man den entsprechenden Hinweis übersieht, mag Fight Club handwerklich gelungener wirken - aber auch nur dann. Der geht halt ein einer Stelle ein großes Risiko ein.
Aber prinzipiell funktionieren die sehr ähnlich.



#74
Sabine

Sabine
  • 995 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14
Aussparung bedeutet ja nichts anderes, als dass man den Leser in eine Richtung schubst und der denkt sich den Rest dazu, ohne dass er sich etwas dabei denkt. In der Regel aus Gewohnheit. Nach dem Motto, vervollständige diesen Satz: Ach du heilige Sch...
Klar, wenn man die Absicht des Autors kennt, dann wird man den Satz bewusst nicht mit dem braunen Wort vervollständigen, aber wenn man nicht darum weiß, tut man es. Bei Sixth Sense fand so eine Vervollständigung direkt nach dem Prolog statt.
Für mich hat das nichts unelegantes, sondern man spielt bewusst mit den Gewohnheiten des Lesers bzw. Zuschauers.

#75
Holger

Holger
  • 1.062 Beiträge
  • Dabei seit 15.05.10

Liebe Sabine,

 

ich verstehe. Dann nehme ich mal das "unelegant" zurück, weil man das erst beurteilen kann, wenn der jeweilige Text vor einem liegt. Es hängt für mich tatsächlich davon ab, wie diese Aussparungen eingesetzt werden.

 

"The Sixth Sense" fand ich einen schönen Film. Aber die Prämisse war mir durch den Trailer klar: "Ich kann tote Menschen sehen". Also, nahm ich an, ist Bruce Willis tot. War dann ja auch so. Und dann kommt man zu Szenen, in denen Bruce Willis mit seiner Frau an einem Tisch sitzt, wenn ich mich richtig erinnere. Als Zuschauer merkt man, dass diese Szene "hölzern" ist oder "kalt". Man strauchelt, weil man merkt, dass die zwei sich merkwürdig verhalten oder zumindest die Frau. Denn sie reagiert nicht auf ihn.
Und hier wird es für mich "unelegant". Der Charakter von Bruce Willis müsste hier bemerken, dass etwas absolut nicht stimmt. Er kennt seine Frau. Der Film spielt uns aber vor, dass er es darauf beruhen lässt. Und das nehme ich ihm nicht ab.
Warum ist das so? Weil die Regie hier dem Bedürfnis des Effekts folgt und nicht dem Bedürfnis der Figur. 

Schöne Grüße,

Holger


Bearbeitet von Holger, 30.04.2019 - 09:21,


#76
Sabine

Sabine
  • 995 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

Liebe Sabine,

 

ich verstehe. Dann nehme ich mal das "unelegant" zurück, weil man das erst beurteilen kann, wenn der jeweilige Text vor einem liegt. Es hängt für mich tatsächlich davon ab, wie diese Aussparungen eingesetzt werden.

 

"The Sixth Sense" fand ich einen schönen Film. Aber die Prämisse war mir durch den Trailer klar: "Ich kann tote Menschen sehen". Also, nahm ich an, ist Bruce Willis tot. War dann ja auch so. Und dann kommt man zu Szenen, in denen Bruce Willis mit seiner Frau an einem Tisch sitzt, wenn ich mich richtig erinnere. Als Zuschauer merkt man, dass diese Szene "hölzern" ist oder "kalt". Man strauchelt, weil man merkt, dass die zwei sich merkwürdig verhalten oder zumindest die Frau. Denn sie reagiert nicht auf ihn.
Und hier wird es für mich "unelegant". Der Charakter von Bruce Willis müsste hier bemerken, dass etwas absolut nicht stimmt. Er kennt seine Frau. Der Film spielt uns aber vor, dass er es darauf beruhen lässt. Und das nehme ich ihm nicht ab.
Warum ist das so? Weil die Regie hier dem Bedürfnis des Effekts folgt und nicht dem Bedürfnis der Figur. 

Schöne Grüße,

Holger

 

Da hast du recht, die Figur hätte das merken müssen, wenn man es genau nimmt oder wenn man es rückblickend auseinandernimmt. Aber wenn man danach geht, wäre es gar nicht möglich, überhaupt einen Film über jemanden zu machen, der tot ist und es nicht merkt. Denn eine Situation wo man es merken würde, würde schon sehr früh eintreten (z.B. weil einen jeder ignoriert) – da könnte man immer was finden, auch wenn der Autor diese Situationen im Film gar nicht zeigt. Generell wären uns dann sehr viele Filme verwehrt geblieben.

Ich glaube, die Intension des Films war es nicht, die Realität abzubilden, sondern der Autor wollte dem Zuschauer ein emotionales Erlebnis schenken, ihn mit dem Gefühl nach Hause schicken: krass, ich bin total darauf reingefallen (auch wenn du ihm dabei entwischst bist). Für mich hat der Film funktioniert, ich finde ich nach wie vor genial. Ich verzeihe dem Autor diese Tricksereien. Denn für mich zählt nur, was ich fühle und mich hat der Film körperlich geflasht. Aber meine Prioritäten liegen da einfach wo anders als z. B. bei dir. Außerdem wusste ich die Auflösung nicht schon vorher, hätte ich es gewusst, hätte ich vermutlich auch alles infrage gestellt.


Bearbeitet von Sabine, 30.04.2019 - 09:57,


#77
KerstinH

KerstinH
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  • Dabei seit 08.04.19
....

"The Sixth Sense" fand ich einen schönen Film. Aber die Prämisse war mir durch den Trailer klar: "Ich kann tote Menschen sehen". Also, nahm ich an, ist Bruce Willis tot. War dann ja auch so. Und dann kommt man zu Szenen, in denen Bruce Willis mit seiner Frau an einem Tisch sitzt, wenn ich mich richtig erinnere. Als Zuschauer merkt man, dass diese Szene "hölzern" ist oder "kalt". Man strauchelt, weil man merkt, dass die zwei sich merkwürdig verhalten oder zumindest die Frau. Denn sie reagiert nicht auf ihn.
Und hier wird es für mich "unelegant". Der Charakter von Bruce Willis müsste hier bemerken, dass etwas absolut nicht stimmt. Er kennt seine Frau. Der Film spielt uns aber vor, dass er es darauf beruhen lässt. Und das nehme ich ihm nicht ab.
Warum ist das so? Weil die Regie hier dem Bedürfnis des Effekts folgt und nicht dem Bedürfnis der Figur. 
...

Stimmt, die Szene ist an sich etwas hölzern. Aber kriegt man das als "Toter" mit? Vom luziden Träumen her kenne ich verschiedene Methoden, sich im Traum bewusst machen, dass man träumt, um den Traum anschließend lenken zu können. Eine besteht darin, dass man sich im Traum fragt, wie man an den Ort gekommen ist, an dem man sich grade befindet, weil im Traum die Szenen immer ohne Übergänge wechseln (man hat quasi keine Wegezeit und also auch keine Erinnerung daran). Das bedingt, dass man sich die Frage auch am Tag oft stellt, damit man eine Gewohnheit etabliert. Im Reich des "kleinen Todes" scheinen die Gesetzmäßigkeiten eher denen des "großen Todes" als denen des Alltagsbewusstseins zu ähneln, also kurze, jähe Wechsel und kein Infragestellen von Merkwürdigkeiten. Ich habe Bruce Willis die Steifheit in der Szene abgenommen, da sie recht kurz war, hatte beim ersten Schauen des Films aber noch keinen Verdacht. Kennt ihr den Film "Stay"? Der spielt damit noch extremer, für mich genial, aber um nicht zu spoilern, schreibe ich hier jetzt lieber nicht weiter ... :-)


Bearbeitet von KerstinH, 30.04.2019 - 11:17,


#78
FlorianH

FlorianH
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Fight Club und Sixth Sense machen das quasi auf dieselbe Art.
Nur das die Andeutungen bei Fight Club etwas offensiver sind. Mir war das recht schnell klar, daher war der Film für mich nach einer knappen dreiviertel Stunde "durch" und die Spannung weg.
Bei Sixth Sense hatte ich keinen Schimmer - der hat mich wirklich überrascht.

Wenn man den entsprechenden Hinweis übersieht, mag Fight Club handwerklich gelungener wirken - aber auch nur dann. Der geht halt ein einer Stelle ein großes Risiko ein.
Aber prinzipiell funktionieren die sehr ähnlich.

Fight Club hat mehr relevante Themen. Der Twist mit der gespaltenen Persoenlichkeit ist eigentlich nur ein Sahnehaubchen, das der Film nicht einmal zwingend braeuchte.
Beide funktionieren eigentlich nur an der Oberflaeche aehnlich.
Bei Fight Club glaube ich dem Protagonisten, dass er keine Ahnung hatte, beim andern nicht.
Und ueberschaetzt finde ich The Sixth Sense, weil er ohne den Aufhaenger nicht funktioniert haette. Aber das ist Ansichtssache.

Bearbeitet von FlorianH, 30.04.2019 - 11:20,


#79
Sabine

Sabine
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....

"The Sixth Sense" fand ich einen schönen Film. Aber die Prämisse war mir durch den Trailer klar: "Ich kann tote Menschen sehen". Also, nahm ich an, ist Bruce Willis tot. War dann ja auch so. Und dann kommt man zu Szenen, in denen Bruce Willis mit seiner Frau an einem Tisch sitzt, wenn ich mich richtig erinnere. Als Zuschauer merkt man, dass diese Szene "hölzern" ist oder "kalt". Man strauchelt, weil man merkt, dass die zwei sich merkwürdig verhalten oder zumindest die Frau. Denn sie reagiert nicht auf ihn.
Und hier wird es für mich "unelegant". Der Charakter von Bruce Willis müsste hier bemerken, dass etwas absolut nicht stimmt. Er kennt seine Frau. Der Film spielt uns aber vor, dass er es darauf beruhen lässt. Und das nehme ich ihm nicht ab.
Warum ist das so? Weil die Regie hier dem Bedürfnis des Effekts folgt und nicht dem Bedürfnis der Figur. 
...

Stimmt, die Szene ist an sich etwas hölzern. Aber kriegt man das als "Toter" mit? Vom luziden Träumen her kenne ich verschiedene Methoden, sich im Traum bewusst machen, dass man träumt, um den Traum anschließend lenken zu können. Eine besteht darin, dass man sich im Traum fragt, wie man an den Ort gekommen ist, an dem man sich grade befindet, weil im Traum die Szenen immer ohne Übergänge wechseln (man hat quasi keine Wegezeit und also auch keine Erinnerung daran). Das bedingt, dass man sich die Frage auch am Tag oft stellt, damit man eine Gewohnheit etabliert. Im Reich des "kleinen Todes" scheinen die Gesetzmäßigkeiten eher denen des "richtigen Todes" als denen des Alltagsbewusstseins zu ähneln, also kurze, jähe Wechsel. Deswegen hab ich Bruce Willis die Steifheit in der Szene abgenommen (hatte allerdings beim ersten Schauen des Films noch keinen Verdacht). Kennt ihr den Film "Stay"? Der spielt damit noch extremer, für mich genial, aber um nicht zu spoilern, schreibe ich hier jetzt lieber nicht weiter ... :-)

 

Stimmt, beim Träumen ist es ja genauso. Man stellt die Dinge nicht infrage, auch wenn sie noch so absurd sind, man lebt einfach mit ihnen. Sogar wenn man luzid ist, stellt man sie nicht infrage, vielmehr nutzt man die Umstände oder spielt mit ihnen. 

 

Stay steht auf meiner Wunschliste und ich warte schon ewig drauf, dass er endlich mal bei prime kommt  ;D. Jetzt bin ich natürlich erst recht neugierig drauf, vielleicht leihe ich ihn mir ja doch schon aus.



#80
Holger

Holger
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Ich glaube, die Intension des Films war es nicht, die Realität abzubilden, sondern der Autor wollte dem Zuschauer ein emotionales Erlebnis schenken, ihn mit dem Gefühl nach Hause schicken: krass, ich bin total darauf reingefallen.

 

Also, ich mochte den Film auch sehr, schon weil ich Bruce Willis gerne bei allem zuschaue, was er so macht, meist jedenfalls.
Ich konnte ihn anders genießen, weil ich den Twist richtig vermutet hatte.

Und ich bin ganz bei Dir: ja, dem Regisseur ging es primär um den Effekt. Und der ist ja auch toll. Um das zu ermöglichen, "schummelt" er bei seiner Figurenführung. Das ist für mich nicht "sauber". Es ist "unelegant".
Für mich wäre Effekt plus saubere Figurenführung die Kür. Ist "The Sixth Sense" für mich aus diesen Gründen nicht.

Ich meine übrigens auch nicht "Realität", wenn ich von der Szene zwischen Willis und seiner Frau schreibe, sondern es geht mir um die innere Glaubwürdigkeit der Geschichte. Das kennen wir alle aus unseren eigenen Geschichten.
Shyamalan vernachlässigt z. B. in dieser Szene die Glaubwürdigkeit der Figur zugunsten des Effekts. Das ist ihm nicht unterlaufen, das Opfer musste er bringen - oder auf die Szene verzichten, was er offensichtlich nicht wollte.

Schönen Grüße,

Holger