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Konjunktiv in direkter Rede


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15 Antworten zu diesem Thema

#1
JoergA

JoergA
  • 46 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

Moin, moin,

der Konjunktiv kommt im alltäglichen Sprachgebrauch kaum vor. Wie korrekt sollte sich dann eine Figur ausdrücken?

Konkretes Beispiel: Protagonist hält eine Rede. Darin der Satz: "Man hat mich gelehrt, dass Gott nur in den Vorstellungen der Menschen existiere und dass Religion gefährlich sei."

Grammatikalisch korrekt - aber das würde doch so kein Mensch sagen, oder?

Umgangssprachlich würde man meiner Meinung nach eher den Indikativ wählen:

"Man hat mich gelehrt, dass Gott nur in den Vorstellungen der Menschen existiert und dass Religion gefährlich ist."

Müsste man das dann nicht auch so schreiben?

Oder wie seht ihr das?


herzliche Grüße aus Deutschlands Norden! <><

http://www.joergarndt.wordpress.com


#2
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 3.031 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Kommt darauf an, wie die Figur, die das sagt, angelegt ist. Ich kenne schon Leute, die auch beim Sprechen den Konjunktiv I benützen.So wie ich Leute  kenne, die beim Teetrinken den kleinen Finger abspreizen.

 

Der "normale" Gestus ist: Finger entspannt, Indikativ bei indirekter Rede (gesprochener Sprache).

 

Angelika


Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018

Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#3
Olaf

Olaf
  • 487 Beiträge
  • Dabei seit 19.07.16

Das kommt auf deine Figur an. Würde sie den Konjunktiv oder den Indikativ benutzen? Die Sprache der Figuren trägt ja mit dazu bei, deren Charaktere zu übermitteln. Ein Germanist darf dann auch im Konjunktiv sprechen, ein Punker nicht - es sei denn, du willst dem Leser damit etwas Speziellen zeigen (etwa, dass dieser Punker eine gute Bildung hat und sie ab und zu gerne raushängen lässt).


Olaf Fritsche 

www.seitenrascheln.de


#4
AlfL

AlfL
  • 1.346 Beiträge
  • Dabei seit 08.01.08

Hallo Joerg!

 

Meine beiden Vorredner haben recht, allerdings bin ich ein echter Fan des Konjunktiv und setze ihn ein, wann immer es meine Figuren zulassen. Und Du hast ja schon ganz richtig genannt: "umgangssprachlich". Das stimmt leider nicht mehr nur ganz, denn wer den Nachrichten – welchem Kanal auch immer – zuhört, muss erkennen, dass so gut wie niemand mehr den Konjunktiv verwendet und wenn, dann bloß mit einer Hilfsverb-Konstruktion. Er ist eine aussterbende Art, und wir als Schriftsteller haben doch (auch) die Aufgabe, die Sprache weiterzuentwickeln und zu bewahren, und nicht nur der "Umgang", oder? Also: Nur Mut mit dem Konjunktiv!

 

Viele Grüße, Alf.


Bearbeitet von AlfL, 11.12.2017 - 09:58,

"Man muss noch Chaos in sich haben,

um einen tanzenden Stern zu gebären."

Friedrich Nietzsche


#5
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
  • 5.977 Beiträge
  • Dabei seit 12.03.08

In der wörtlichen Rede würde ich niemand im Konjunktiv sprechen lassen. Aber in der indirekten durchaus.

 

Er sagte, dies sei jetzt Mode.

Es wurde verkündet, der König ließe es nicht länger zu ...

Die Schöffen waren einhellig der Überzeugung, der Angeklagte habe den Mord begangen.

 

Was soll daran altmodisch oder überholt sein?


Die Montalban-Reihe, Die Normannenserie, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, www.ulfschiewe.de


#6
JoergA

JoergA
  • 46 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

Danke, das passt zu dem, wie ich es mir auch gedacht hatte: Figurenstimmigkeit über Grammatik.

Und einen lesenswerten Blog habe ich auf diese Weise auch gleich entdeckt :-)


herzliche Grüße aus Deutschlands Norden! <><

http://www.joergarndt.wordpress.com


#7
KatjaK

KatjaK
  • 56 Beiträge
  • Dabei seit 09.10.17

Unabhängig davon, dass ich auch ein Fan des korrekten Konjunktivgebrauchs bin, ist es in deinem Beispiel ist es ja so, dass die Figur eine Rede hält, es ist also keine Alltagssituation. Da liegt es schon nahe, dass ihr daran gelegen ist, sich etwas förmlicher/korrekter auszudrücken, finde ich.



#8
MartinC

MartinC
  • 880 Beiträge
  • Dabei seit 10.06.13

 Er ist eine aussterbende Art, und wir als Schriftsteller haben doch (auch) die Aufgabe, die Sprache weiterzuentwickeln und zu bewahren, und nicht nur der "Umgang", oder? Also: Nur Mut mit dem Konjunktiv!

 

Viele Grüße, Alf.

 Vielleicht OT: Meine Aufgabe als Schriftsteller ist das nicht. 

 

LG

Martin


_______________________________________________________

www.martinconrath.de

Jede Art des Schreibens ist erlaubt - nur nicht die langweilige (Voltaire)


#9
DirkH

DirkH
  • 774 Beiträge
  • Dabei seit 29.04.15

Ich würde das nicht nur von der Figur abhängig machen, sondern auch vom Duktus des Gesamttextes. Einem Text, der durchweg hohe sprachliche Qualität hat, steht der oben verwendete Konjunktiv gut zu Gesicht. Wenn Sprache aber nur als Mittel zum Zweck eingesetzt wird, würde die Konjunktivkonstruktion stören – korrekt oder nicht. 


Sagt Abraham zu Bebraham: Kann ich mal dein Cebraham?


#10
AndreasH

AndreasH
  • 413 Beiträge
  • Dabei seit 18.07.10

Das Problem habe ich regelmäßig mit korrekter Verwendung des Gentivs. "Hat jemand von euch die Jacke des Lehrers gesehen?" Halte ich, außer an einem altsprachlichen Gymnasium für sehr unwahrscheinlich.

 

Off topic: Gilt das Abspreizen des kleinen Fingers beim Teetrinken nicht als unfein?

 

Gruß

 

A


www.klippenschreiber.de

#11
Ramona

Ramona
  • 3.212 Beiträge
  • Dabei seit 17.03.11

In der wörtlichen Rede würde ich niemand im Konjunktiv sprechen lassen. Aber in der indirekten durchaus.

 

Er sagte, dies sei jetzt Mode.

Es wurde verkündet, der König ließe es nicht länger zu ...

Die Schöffen waren einhellig der Überzeugung, der Angeklagte habe den Mord begangen.

 

Was soll daran altmodisch oder überholt sein?

Handhabe ich ebenso.


Inspiration exists, but it has to find us working! (Pablo Picasso)


#12
InezCo

InezCo
  • 752 Beiträge
  • Dabei seit 23.10.07

Off topic: Gilt das Abspreizen des kleinen Fingers beim Teetrinken nicht als unfein?

OT: Doch, inzwischen schon. War mal ein Zeichen für gutes Benehmen, inzwischen macht man das nicht mehr. Herkunft angeblich daher:

"Im Mittelalter hingegen hatte das Fingerspreizen noch einen guten Grund, da damals der kleine Finger das Toilettenpapier ersetzte." (So genau wollte ich das eigentlich gar nicht wissen ... :o) Quelle: http://www.klartexts...benehmen_05.htm

 

LG

Inez



#13
IlonaS

IlonaS
  • 1.189 Beiträge
  • Dabei seit 14.08.13

Wobei der Bayer und der Franke auch in der wörtlichen Rede gern den Konjunktiv II benutzt, und zwar die bayrische Variante. "Des möchad I a."

 

Nur mal so g’sacht. 

 

https://bar.wikipedi...wiki/Konjunktiv

oder noch schöner: 

http://www.bayrisch-.../grammatik.html

 

 

(Viel Spaß beim Lesn)


Bearbeitet von IlonaS, 13.12.2017 - 15:18,

Krimis, Liebe und Mehr.

 

www.ilonaschmidt.com


#14
JoergA

JoergA
  • 46 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

Mal abgesehen vom Kontext - je länger ich über den zitierten Satz  nachdenke, desto mehr scheint es mir, dass hier auch hochsprachlich der Indikativ korrekt ist.

Man hat mich gelehrt, dass (und ich war von der Wahrheit des Gelernten überzeugt) Religion gefährlich ist.

Oder mache ich einen Denkfehler?


herzliche Grüße aus Deutschlands Norden! <><

http://www.joergarndt.wordpress.com


#15
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
  • 5.977 Beiträge
  • Dabei seit 12.03.08

Mal abgesehen vom Kontext - je länger ich über den zitierten Satz  nachdenke, desto mehr scheint es mir, dass hier auch hochsprachlich der Indikativ korrekt ist.

Man hat mich gelehrt, dass (und ich war von der Wahrheit des Gelernten überzeugt) Religion gefährlich ist.

Oder mache ich einen Denkfehler?

 

In diesem Beispiel drückt der Sprecher aus, dass die Gefährlichkeit von Religion eine Tatsache ist. Zumindest in seinem Verständnis, und diese Tatsache hat man ihm beigebracht. Religion ist gefährlich. Und das hat man mich gelehrt.

 

Anders, wenn es sich um eine unbewiesene Behauptung oder Annahme handelt. Man lehrte mich, dass Religion gefährlich sei. Ob sie wirklich gefährlich ist, weiß der Sprecher nicht, aber wer auch immer ihm da etwas beibringt, behauptet es.

 

Je nachdem, ob Konjunktiv oder nicht, zeigt, wie der Sprecher zu der Sache steht.

 

Ich blickte auf die Uhr und sah, dass es Mitternacht war. (Tatsache)

Als er nach der Uhrzeit fragte, hieß es, es sei Mitternacht. (Behauptung)


Bearbeitet von Ulf Schiewe, 15.12.2017 - 07:39,

Die Montalban-Reihe, Die Normannenserie, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, www.ulfschiewe.de


#16
hpr

hpr
  • 7.206 Beiträge
  • Dabei seit 14.03.06

 

Mal abgesehen vom Kontext - je länger ich über den zitierten Satz  nachdenke, desto mehr scheint es mir, dass hier auch hochsprachlich der Indikativ korrekt ist.

Man hat mich gelehrt, dass (und ich war von der Wahrheit des Gelernten überzeugt) Religion gefährlich ist.

Oder mache ich einen Denkfehler?

 

In diesem Beispiel drückt der Sprecher aus, dass die Gefährlichkeit von Religion eine Tatsache ist. Zumindest in seinem Verständnis, und diese Tatsache hat man ihm beigebracht. Religion ist gefährlich. Und das hat man mich gelehrt.

 

Würde ich auch so sehen. Aus dem Kontext entnehme ich, dass der Sprecher davon überzeugt ist. Dann verwendet er garantiert nicht den Konjunktiv. weil das ja ausdrücken könnte, dass seine Äußerung nicht stimmen könnte. Weil das ausdrückt, dass seine Äußerung stimmt!