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Dialekt(e)


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48 Antworten zu diesem Thema

#41
AngelikaD

AngelikaD
  • 1.370 Beiträge
  • Dabei seit 21.04.09

Ich komme aus Vorarlberg.

Hier hat jede Talschaft ihren eigenen Dialekt.

Ich spreche keinen davon exakt, weil ich im Laufe meiner Kindheit von A nach B gezogen bin. Ich bin eine Mischung. Verstehen tu ich auch nicht alle. Es gibt Wörter, die so gut wie ausgestorben sind und nur noch die alten Leute kennen.

Wir Vorarlberger sind sehr stolz auf unsere Dialekte. Wir ehren Mundartddichter, Mundartlieder (auch moderne, nicht nur Volkslieder) unsere Faschingszeitung ist im jeweiligen Dialekt und wir sind stolz darauf, dass wir den Rest von Österreich verstehen, die Ostösterreicher uns aber nicht.

Vorarlbergerisch ist fast sowas wie eine Geheimsprache. Es ist dem Schwäbischen ähnlich und daher verstehen wir das auch mehr recht als schlecht. Schwitzerdütsch klingt drollig und wir mögen es.

Wienerisch klingt hingegen so, als würden die nicht richtig Deutsch können und es widert mich an, wenn ich es in Schulbüchern finde. Schulbücher sollen in Hochdeutsch sein, nicht im Dialekt einer Region,nur weil die mehr Einwohner hat.

Kinder aus Flüchtlingsfamilien können schneller Dialekt als die Hochsprache, weil das hier jeder spricht. Auch die Verkäuferin im Supermarkt.

Für mich hat die Hochsprache großen Wert als Verständigungsmittel über die Ortsgrenze hinaus. Wie würden sich sonst die Montafoner mit den Bregenzerwäldern unterhalten können.

Und dann gibt es noch das Ganahldütsch (gern Ganahl mit einer anderen großen Firma austauschen), eine Mischung aus Dialaket und Hochsprache, oder wie es eben klingt, wenn man versucht, als Vorarlberger mit Touristen zu reden ohne richtig gut Hochdeutsch zu können.

Wir haben auch den Spitznamen Gsiberger, weil wir das Wort "gewesen" durch die Kurzform "gsi" ersetzen. (Wo bischt gsi?)

 

In Büchern ist Dialekt passend, wenn es Romane sind, in denen die Hauptfigur eben damit zu kämpfen hat, dass sie sich irgendwo nicht zurechtfindet. Wäre es Norddeutsch, müsste ich eine Übersetzung dabei haben, um es zu verstehen.



#42
ChristineN

ChristineN
  • 1.206 Beiträge
  • Dabei seit 04.12.06

Hallo Angelika,

von Haus aus spreche ich gemäßigten Wiener Dialekt, der sich ein wenig mit dem Niederösterreichischen mischt. Aber so exakt ist mein Dialekt wohl nicht zuzuordnen. Jeder längere Aufenthalt in anderer Umgebung prägt die Sprache. In meinem Brotberuf an der Unviersität Wien habe ich viel mit deutschen KollegInnenen zu tun. So rede ich mittlerweile meist nicht mehr so, wie ich es in meinem Elternhaus gewohnt war (ich könnte es jedoch wenn ich wollte). Ich mag Dialekt, lese ihn gerne in Büchern, höre ihn gerne in Verfilmungen, denn er zeigt Vielfalt. Allerdings bitte nur in der direkten Rede. Der erzählende Text sollte hochdeutsch sein. Das jüngere Leute weniger Dialekt sprechen, hat sicher viele Ursachen (Fernsehen, Austausch mit anderen). Es stört mich aber nicht.

lg

Christine


Bearbeitet von ChristineN, 09.02.2018 - 14:01,


#43
Christa

Christa
  • 7.585 Beiträge
  • Dabei seit 18.11.05

Kleine Zwischenbemerkung: Ich finde diesen Satz von AngelikaD bemerkenswert:

 

Für mich hat die Hochsprache großen Wert als Verständigungsmittel über die Ortsgrenze hinaus. Wie würden sich sonst die Montafoner mit den Bregenzerwäldern unterhalten können?

 

Angelika Jodl hatte ja gefragt, ​ob das Hochdeutsche an sich für "wertvoller" empfunden wird. Und was Dialekt leisten kann und was nicht. Hochdeutsch wird von allen verstanden, aus allen Regionen und von allen, die Dialekt sprechen. Ist vielleicht der Dialekt das Herz der Sprache, das Hochdeutsche der Kopf dazu? ;)  :-? 


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#44
hpr

hpr
  • 7.206 Beiträge
  • Dabei seit 14.03.06

Ich bin aufgewachsen, als Dialekt absolut Pfui war und den Kindern ausgetrieben wurden. Obwohl in Aachen aufgewachsen, verstehe ich Oecher nicht, nur ein paar Worte, die meine Großeltern noch verwendet haben. Wobei die sich heftigst dagegen gewehrt hätten, dass das Dialekt gewesen wäre, das waren gebildete Worte wie dr Plafong oder das Assietchen. DIe hatten die Bedeutung, die heute Anglizismen haben.
Ich habe dreizehn Jahre in München gelebt und dreißig in Freiburg, aber die Leute nicht verstanden, wenn die Hardcore Dialekt sprachen. Hier in Potsdam geht mir das nie so. Und viele sprechen mich als Süddeutschen an, seltsam.
Neben den anderen Worten und dem Akzent gibt es noch anderes, das für Dialekt typisch ist. In Freiburg "wegen des" zu sagen, würde als arrogant angesehen, in Norddeutschland gilt für viele "wegen dem" als Zeichen für ungebildet (erinnerst du dich, Angelika?). Viele Höflichkeitsformeln der Süddeutschen klingen für Berliner umständlich und gespreizt.
Und das mit dem Duzen und Siezen ist auch unterschiedlich.

 

Herzliche Grüße, Hans Peter



#45
BarbaraMM

BarbaraMM
  • 1.425 Beiträge
  • Dabei seit 17.01.11

Gerade habe ich etwas über Dialekte im Rundbrief meines Heimatdorfes gefunden. Vielleicht interessiert's ja wen. Siehe angehängte Datei.

Angehängte Bilder


Bearbeitet von BarbaraMM, 15.02.2018 - 12:54,

Jedenfalls bleibt die Tatsache, dass es im Leben nicht darum geht, Menschen richtig zu verstehen. Leben heißt, die anderen misszuverstehen ... Daran merken wir, dass wir am Leben sind: wir irren uns. (Philip Roth)

#46
Christa

Christa
  • 7.585 Beiträge
  • Dabei seit 18.11.05

Ja, entspricht genau dem, was wir besprochen haben, Barbara. Kopf und Gefühl. Dass allerdings die Bürokraten das Hochdeutsche als Amtssprache eingeführt haben, um andere Sprachformen abzuwerten, war mir neu.


Bearbeitet von Christa, 15.02.2018 - 15:26,

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#47
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 3.034 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Grob zusammenfassend würde ich als Ergebnis der Debatte Christas Wort vom "Dialekt als Herz der Sprache, Hochdeutsch als ihr Kopf" zitieren. Der Dialekt als Ausdruck von Heimat und zugleich Provinzialität. Was ja kein Widerspruch sein muss, der "Weltbürger" dürfte doch eine eher seltene und auch sehr moderne Sache sein. Und "heim", wie daraus abgeleitet die "Heimat" geht auf – gerade nachgeschlagen – ein gotisches Wort [haims] zurück, das "Dorf" bedeutete.

 

Die Geschichte mit den Bürokraten, die das Hochdeutsche hochgepumpt hätten, finde ich auch merkwürdig. Soweit ich weiß, ist Sprachpolitik kein Ding für ein paar Bürohengste, sondern eine staatliche Angelegenheit. Wenn sich aus Preußen und Bayern und Hessen und Schwaben etc. ein Staat bilden soll, dann wachen doch die Amtsinhaber darüber, dass ab jetzt sich auf allen möglichen Ebenen so eine Einheit ausbildet: eine Hymne, eine Flagge, eine Sprache. Je einheitlicher, desto kontrollierbarer und eine gewisse staatsbürgerliche corporate identity kann aus diesem Blickwinkel ja auch nicht schaden – schließlich haben sich einzelne Volksstämme vielleicht noch vor wenigen Generationen wechselseitig bekriegt und jetzt sollen sie sich als ein Volk verstehen und gemeinsam der Neujahrsansprache des Bundespräsidenten lauschen. (Unter besonderen Umständen kann dieser Zwang zur Gemeinsamkeit auch exotisch oder brutal aussehen, man denke an den Umgang der Türkei mit der kurdischen Sprache auf ihrem Territorium.)

 

An das, Hans-Peter, erinnere ich mich jetzt leider nicht mehr:

 

 

In Freiburg "wegen des" zu sagen, würde als arrogant angesehen, in Norddeutschland gilt für viele "wegen dem" als Zeichen für ungebildet (erinnerst du dich, Angelika?)

 

Worum gings uns da?

 

Grüße in die Runde

Angelika


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#48
Christa

Christa
  • 7.585 Beiträge
  • Dabei seit 18.11.05

Vorgestern habe ich in ZDF Neo eine Sendung über "Das, was die Deutschen antreibt" gesehen. Da wurde die These aufgestellt,

Luther hätte mit seiner Bibelübersetzung die deutsche Hochsprache in die Welt gesetzt und damit die Dialekte geeint.

 

Das mit dem Dorf und der Heimat finde ich sehr aufschlussreich!

Und das mit dem "wegen des" und "wegen dem" hatte ich auch nicht ganz verstanden. Ich weiß nur noch, dass ich mir "wegen dem" irgendwann abgewöhnt hatte, nachdem ich vom Norden in den Süden gezogen war.


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#49
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 3.034 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Vorgestern habe ich in ZDF Neo eine Sendung über "Das, was die Deutschen antreibt" gesehen. Da wurde die These aufgestellt,

Luther hätte mit seiner Bibelübersetzung die deutsche Hochsprache in die Welt gesetzt und damit die Dialekte geeint.

 

Als "Einigung der Dialekte" würde ich das nicht sehen, Christa. Die zwei großen Sprachtypen im Deutschen waren seinerzeit das Hoch- und das Niederdeutsche. Diese Benamsung soll keine Wertung ausdrücken, sondern bezieht sich auf die Landschaft: flach, platt im Norden (deshalb auch Plattdeutsch und die Niederlande) und hohe Berge im Süden. Luther hat sich für die südliche Variante entschieden, da er selber aus dem Süden stammte. Weil die Bibel eben die Bibel ist, fast zur selben Zeit der Buchdruck erfunden und die Bibel auf diese Weise weit verbreitet wurde, war damit der Fall entschieden: Jeder babbelt weiter in seinem Dialekt, aber die Schriftsprache (Heilige Schrift!) ist die Bibelsprache. So verkam das Plattdeutsche zum Dialekt.


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