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Rhythmus im Text


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30 Antworten zu diesem Thema

#1
MartinaA

MartinaA
  • 98 Beiträge
  • Dabei seit 21.02.17
Liebe Montis,

ich habe in letzter Zeit viel an meiner Sprache an sich gearbeitet und bin dabei im Speziellen immer wieder auf das Thema Rhythmus gekommen. Bisher war das für mich in erster Linie eine Frage der Satzlänge und der Wortstellung, die einigermaßen abwechslungsreich und inhaltlich passend sein sollten. Weiter habe ich darauf nicht geachtet, sondern nur nach Gefühl gearbeitet.
Das möchte ich ändern.
Ich habe in letzter Zeit oft Poetry Slams oder deutschsprachige Musik vor dem Schreiben gehört und im Anschluss immer eine (kurzfristige) enorme Änderung meines Stils festgestellt – die sich hauptsächlich im Rhythmus manifestiert. Allerdings bin ich schnell an meine Grenzen gestoßen. Ich weiß nämlich überhaupt nichts zu diesem Thema und habe bisher (in meinen vorhandenen Schreibratgebern) auch nirgends etwas dazu gefunden.
Ich will mich unbedingt tiefer in die Materie einarbeiten, weil ich das Gefühl habe, auf ein Thema gestoßen zu sein, das meinem Stil gut tut.
Mir ist klar, dass es keine zehn Gebote zum perfekten Schreibrhythmus geben wird. Aber vielleicht hat ja jemand von euch Literaturtipps oder auch einfach ein paar Hinweise allgemein zu dem Thema.

Bearbeitet von MartinaA, 01.03.2018 - 19:00,


#2
FranziskaF

FranziskaF
  • 38 Beiträge
  • Dabei seit 11.05.17

Leider weiß ich darüber auch recht wenig, aber das Thema finde ich ebenfalls interessant. Ich kenne das auch, dass durch ein Lied, eine Erzählerstimme in einem Film oder Ähnliches eine gewisse Veränderung im eigenen Schreiben eintritt, ohne dass ich diese Veränderung greifen kann.



#3
MartinC

MartinC
  • 811 Beiträge
  • Dabei seit 10.06.13

Vielleicht ein nützlicher Tipp: Lies den Text laut. Dann findest du meistens die Stellen, die nicht schön klingen.

 

Grundsätzlich würde ich bei Prosa mit zu viel Rhythmus aufpassen, sonst kippt der Text ins Lyrische. 

 

 

LG

Martin


_______________________________________________________

www.martinconrath.de

Jede Art des Schreibens ist erlaubt - nur nicht die langweilige (Voltaire)


#4
Frau Klein

Frau Klein
  • 354 Beiträge
  • Dabei seit 08.02.13

Vielleicht ein nützlicher Tipp: Lies den Text laut. Dann findest du meistens die Stellen, die nicht schön klingen.

 

 

Ergänzend dazu: 

Stell Dich beim Lesen hin. Schultern zurück, Füße in Schulterhöhe stellen, dann hast du einen festen Stand ... 

Den Text, den Du lesen willst ... auf Brusthöhe, Arme leicht angewinkelt ... 

 

Dann findest Du die Melodie beim Atmen ... und störende Faktoren kannst Du ausmerzen. 

Ist ein Tipp einer Opernsängerin :-) (also nicht von mir :-)



#5
Hanna Aden

Hanna Aden
  • 369 Beiträge
  • Dabei seit 03.12.15

An erster Stelle empfehle ich hier das Buch von Roy Peter Clark: 50 Werkzeuge für gutes Schreiben. Habe ich in meinem Blog mal vorgestellt. https://sternstoryst...utes-schreiben/

Hier die Zusammenfassung des Buchinhalts:

 

Die Kapitel wurden entlang von vier Oberkategorien zusammengesetzt:


Das A und O

Bei diesen Grundlagen geht es um scheinbare Selbstverständlichkeiten wie Satzaufbauten, die Wahl der richtigen Verben, Satzlängen und die richtigen Methoden zum Kürzen und Schleifen von Textdiamentan.
 

Spezialeffekte

In diesen Kapiteln verrät Clark Tricks, deren Eleganz mir teilweise den Atem stocken ließ. Wie mache ich meinen Text unverwechselbar? Vor diesem Buch wusste ich zum Beispiel nicht, dass ich mit der Anzahl von Elementen in einem Absatz oder beim Aufbau von Texten spielen und so einen raffinierten Subtext entwickeln kann, der auch ohne bewusste Wahrnehmung wirkt.

Eine andere spannede Frage: Hat man den Mut, mit ganz großen Gedanken und ganz kleinen konkreten Elementen zu spielen, oder verharrt man im Mittelmaß?
 

Planen

Wie baut man eine Szene oder einen Text so auf, dass es einen Storymotor gibt? Plotfragen werden auch in anderen Ratgebern beantwortet, trotzdem ermöglicht Clarks Blick auf das journalistische Schreiben hier auch für Prosa-Autoren eine Fülle von spannenden Impulsen für die Beantwortung dieser Frage.
 

Nützliche Gewohnheiten

Die in den ersten beiden Teilen genannten Tricks und Herangehensweisen habe ich in dieser Form noch nie irgendwo anders gelesen. Der dritte Teil bringt teilweise ganz Neues, teilweise auch Dinge, die von anderen Autoren gesagt wurden (und deswegen nicht weniger richtig werden).

Im vierten Teil geht Clark ganz konkret auf den Alltag des Schreibenden ein, die Sorgen und Nöte, Zeitdruck und Perfektionismus. Nichts davon ist wirklich neu. Alles ist jedoch in der gleichen warmherzigen, intelligenten und schmissigen Form geschrieben wie die vorigen Kapitel, sodass ich sie in ähnlicher Weise verschlungen habe. Ebenfalls sehr hilfreich.
 

Stil des Buches

Man merkt dem Stil der knappen, handlichen, perfekt lesbaren Kapitel an, dass Clark aus dem Journalismus stammt und sich viel mit Textdrive, Stil, Dynamik etcetera beschäftigt hat. Er kommt weit besser zum Punkt, als ich das in dieser Rezension tue, vermute ich.

Besonders gut gefiel mir beim Lesen und Arbeiten, dass Clark oft schreibt, wie er mit bestimmten Konzepten vertraut gemacht wurde, wie er mit anderen darüber diskutierte oder welche Schlussfolgerungen er im Lauf der Zeit daraus gezogen hat. Das motiviert ungeheuer, selbst ebenfalls über das nachzudenken und zu diskutieren, was er schreibt, statt es einfach nur zu pauken und anzuwenden.
 

Fazit

Unbedingtes Must-Read für jeden, der Prosa oder Sachtexte schreibt. Von allen Schreibratgebern, die ich bisher gelesen habe, neben McKee das zweite Buch, das im Regal stehen sollte. Wenn man als ehrgeiziger Jungschreiberling ein halbes Jahr nach Zypern fährt und nicht viel Platz im Koffer hat, sollte man sich für diesen Schatz und Geheimtipp entscheiden.


Bearbeitet von Hanna Aden, 02.03.2018 - 07:58,

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#6
Michael Beisteiner

Michael Beisteiner
  • 153 Beiträge
  • Dabei seit 03.12.15

Liebe Martina,

 

ich verstehe Dich da ganz gut, Texte ohne Rhythmus wirken schnell kühl und zu nüchtern, fade irgendwie. Andererseits, finde ich, hat auch Martin recht, wenn er sagt, Prosa sollte nicht ins Lyrische kippen. Der einzige Tipp, den ich Dir geben kann: hab Selbstvertrauen! Den geb ich mir selber auch immer. Hör in Dich hinein, Du findest Deinen eigenen Rhythums, nachahmen lässt sich das nicht. Ich glaube da hilft nur das Experimentieren und Entdecken.

 

LG Michael


Ich würde nicht sagen, dass Musik die Welt verzaubert. Ich würde eher sagen, sie enthüllt den Zauber dieser Welt.

 

 


#7
Olga

Olga
  • 3.076 Beiträge
  • Dabei seit 01.05.06

Liebe Martina,

 

ich beschäftige mich mit dem Thema auch sehr gern.

Als ich damit angefangen habe, kam mir natürlich zuerst die Abwechslung in den Sinn, die du ebenfalls angesprochen hast. Dann natürlich die offensichtlichen Sachen wie "Längere Sätze, wenn die Figur ihren Blick in Ruhe schweifen lässt" oder "Kurze Sätze bei einer Verfolgungsjagd". Aber all das empfinde ich als ein Kratzen an der Oberfläche. Ich glaube, das Ganze geht viel, viel tiefer. Zum Beispiel mit der Wahl des Erzählers: Wer ist diese Instanz? Welche Haltung hat sie zur Geschichte und zu den Figuren? Welche Haltung hat sie zum Leser? Wie und warum will sie die Geschichte erzählen?

Oder die Wahl der Zeitform: Warum Präsens? Was wird diese Zeitform transportieren, wie verändert sich dadurch der Ton des Romans?

usw. usf.

 

Liebe Grüße,

Olga



#8
Hanna Aden

Hanna Aden
  • 369 Beiträge
  • Dabei seit 03.12.15

(Sorry, dass die Schrift in meinem Post davor so groß ist, ich hab das i-wie nicht anders eingefügt gekriegt)

Zweiter Punkt, dieses Mal konkreter zur Frage und ohne dass man dafür gleich ein Buch kaufen muss. Ich habe gestern Abend im Bett noch länger über diese Frage nachgedacht und bin heute morgen früh wachgeworden, weil ich schon wieder darüber (und all den Kram, den wir gestern beim Monti-Treffen Rhein-Ruhr bequatscht haben, muss man fairerweise ergänzen) nachgedacht habe. Mir sind drei Varianten von Rhythmus eingefallen, die Sprache und Texte beeinflussen können. Obwohl ich eine Nacht darüber gegrübelt habe, erhebt meine Antwort allerdings keinen Anspruch auf Umfassendheit oder Vollständigkeit - vielleicht können andere noch mehr ergänzen. Wäre wünschenswert.

 

Sprachrhythmus.

a.) Satzlängen.

Viele Sätze mit 5 - 8 Wörtern aneinandergereiht sind weit langweiliger als Sätze mit einem Wort, die mit Fünf-Wort-Sätzen und langen Satzungetümen abwechseln. Je kürzer die Sätze, desto mehr Dynamik, je länger die Sätze, desto mehr Nachdenklichkeit. Auf diese Weise trägt die Länge der Sätze mit dazu bei, die (idealerweise) wechselnden Tempi der Gedanken und Erzählung mitzustrukturieren. Das muss also an den Inhalt angepasst werden, damit es ein rundes Ganzes ergibt. Lieber hin und wieder mit Extremen spielen als gleichbleibend im Mittelmaß verweilen.

 

b.) Absatzlängen.

Im Grunde ganz ähnlich wie bei Satzlängen. Variationen sind besser, als ständig die gleiche Länge zu verwenden. Sollte ebenfalls zum Inhalt passen, und der sollte ebenfalls Variationen aufweisen.

 

c.) Die Magie der Zahlen.

Wirkt unterbewusst. Kein Leser, der nicht ganz bewusst gelernt hat, auf so was zu achten, wird so was realisieren. Trotzdem wirkt es. Eins bedeutet Klarheit, Subjekt, Fokussierung. Zwei bedeutet Partnerschaft, Verbindung, Zusammenfügen, Verbundenheit. Drei bedeutet Gemeinschaft, eine runde Sache, so wie jetzt stimmt es. Vier und mehr bedeutet viele, also geht es mehr um eine Gesamtstimmung als die Details.

Die Magie der Zahlen wirkt ...

... in der Anzahl der Satzelemente ("Ich gehe." --> Fokussierung auf das Subjekt. / "Du und ich gehen." --> Fokussierung auf das Partnerschaftliche, Verbindende. / "Martin, Susanne und ich gehen." --> Fokussierung auf Gemeinschaft, runde Sache. / "Martin, Susanne, der kleine Michael, seine genauso kleine Freundin Natascha und ich gehen" --> Offenbar gehen hier gerade eine ganze Menge Leute.)

... im Aufbau der Sätze ("Ich gehe auf sie zu. Sie schaut mich skeptisch an." --> Zwei Sätze mit gleicher Wortzahl, identisch aufgebaut, Subjekt am Anfang. Trotz ihrer "Skepsis" vermittelt dieses Sprachmittel unterbewusst bereits, dass hier etwas zusammengehört - oder der Ich-Erzähler zumindest einen entsprechenden Wunsch hegt.)

... garantiert auch noch an anderen Stellen.

 

d.) Geschickter Einsatz von Verben

Über die Freuden des Einsatzes von aktiven Verben könnte ich ganze Romane schreiben. Weil ich dazu schon so oft mündlich irgendwem irgendwas erzählt habe, kopiere ich hier mal von anderer Stelle was hin:
 

Die Profiklasse: Bewusster Einsatz von Verben

Verben entscheiden darüber, ob ein Text auf der Stelle verharrt oder dynamisch voranprescht. Dieses Stilmittel nimmt beim Lesen fast niemand bewusst wahr. Aktive Verben ziehen besonders in den Bann. (ziehen, laufen, überwinden, erklimmen, drängen, entscheiden, voranpreschen …)

 

„Der Saal war groß. Die Bühne war höher als der Rest des Raumes und neben der Treppe war ein Geländer. Es gab ein Rednerpult, eine Flagge der Vereinigten Staaten und ein Banner der NASA. Überall waren Stühle.“ (Fiktives, übertriebenes Beispiel)

 

„Der Senator erklomm das Podest unter der überdimensionalen Leinwand und positionierte sich am Rednerpult zwischen der Flagge der Vereinigten Staaten und dem Banner der NASA.“

(Der letzte Tag der Schöpfung, Wolfgang Jeschke, Heyne, 1992)

 

Ein Raum, zwei Beschreibungen. Wie lange der Autor wohl brauchte, um diese Verben zu finden? Wie oft er die Beschreibung des Raums umgearbeitet hat, um so prägnant zu werden?

(Die erste ist übrigens mein Versuch, die schicke Beschreibung von Jeschke auf langweilige Verben umzuschreiben. Zu dem Zeitpunkt hatte ich aber schon was über das Spiel mit der Satzlänge und den Elementen darin gelernt und es unbewusst angewendet, weswegen mir an anderer Stelle gesagt wurde, dass es sich nicht ganz so langweilig wirkt, wie sie sollte.)

An diese Stelle gehört auch einer meiner Lieblingssätze von Banana Yoshimoto (aus dem Gedächtnis zititert): "Ihre Augen hatten dieselbe Farbe wie ein perfekt gemixter Martini Dry, der Licht ins Cocktailglas zwingt."

 

e.) Garantiert noch viel mehr.

 

Emotionsrhythmus.

f.) Das Thema hat weniger mit dem Rhythmus von Sprache und mehr mit dem Rhythmus von Storys zu tun, weswegen ich es hier nur kurz streife. Ein intensives emotionales Auf und Ab ist jedoch meist fesselnder als gleichbleibendes Verharren in der Mitte, wenn es um Emotionen geht. Außerdem ist es gut, wenn es irgendetwas gibt, was in einer Szene von Positiv auf Negativ oder umgekehrt wechselt. Wenn sich in einer Szene nix verändert, was wichtig für die Figur ist, kann die Szene gestrichen werden.

Wie gesagt, das ist eine sehr kurze Zusammenfassung, zu dem Thema kann man sehr, sehr lange Abhandlungen verfassen oder stundenlang diskutieren.

 

Gedankenrhythmus.

g.) Große Gedanken und wichtige Details

Auch diesen Punkt habe ich von Clark und streife ihn hier nur kurz - es ist dennoch sehr zu empfehlen, es noch mal gründlich auch bei ihm zu lesen. Er beschreibt eine "Abstraktionsleiter" in unserem Denken.

Ganz oben stehen die wirklich großen Dinge, die man nicht greifen kann: Liebe, Freiheit, Mut, Kosmisches Einssein, vollkommen entfesselte und destruktive Wut, Verzweiflung uvm. Ganz unten auf der Abstraktionsleiter stehen winzige, prägnante, konkrete Details. Eine Schramme im Ehering, schiefe Zähne, Katzenkotze auf dem Boden (auf der ich heute morgen ausgerutscht bin, aber das nur am Rande). Viele Schreibende machen am Anfang den Fehler, dass sie sich vor diesen Extremen fürchten. Da ist jemand "sauer", anstatt "so wütend, dass er die Welt in Brand setzen will, und als er mit diesem Gedanken durch die Straßen marschiert, rutscht er auf einer weggeworfenen Hubba-Bubba-Packung aus, knallt hin und zieht sich eine grüne Scherbe ins Knie, die sich beim Rausziehen als nahezu vollständig dreieckig entpuppt und deren Form im richtigen Winkel ein wenig an eine Flamme erinnert". 

Schönes aus dem Gedächtnis zitiertes Beispiel von Ingrid Noll, dass wir im Deutschkurs in der Oberstufe hatten (die Protagonistin leidet unter ihrer lieblosen Familie und träumt von einer besseren Zukunft): "Wenn ich einmal ein Kind hätte, sollte es ihm an nichts mangeln. Weder an Liebe noch an Zopfspangen." (Ganz groß und ganz klein - viel besser als "ich wollte meinem Kind eine glückliche Kindheit bieten")

 

h.) Große Gedanken in kleinere einbetten.

Vor drei Wochen habe ich mich mit einem früheren Kursteilnehmer von mir getroffen. Wir haben intensiv über schöne Sprache diskutiert. Er erzählte von einer schönen, zehnseitigen Passage von Dostojewski, die die Gedanken eines Menschen während einer Wirtshausschlägerei beschreibt und in dem für ihn und mich genialen Satz gipfelt: "Ich wünschte, jemand würde mich aus dem Fenster werfen." Ein Satz voller Kraft, der die Sehnsucht danach ausdrückt, etwas/mehr/richtig zu fühlen. Mein Gesprächspartner war der Meinung, im Grunde hätte dieser Satz gereicht und die restlichen zehn Seiten seien überflüssig. Ich bin nach wie vor der Meinung: Dieser Satz kann seine Kraft erst wirklich entfalten, weil die Seiten davor zu ihm hinführen. Es ist ein großer Gedanke. Aber das Leben besteht nicht nur aus großen Gedanken, und Sprache sollte das spiegeln.

 

i.) "Kameraführung" und räumliche Fokussierung.

Auch hier geht es wieder um den Wechsel zwischen dem Großen und dem Kleinen. Eine Szene wirkt anders, wenn man sie in der Totalen betrachtet oder wenn man ein winziges Detail rausgreift. Es macht einen Unterschied, ob man die Beschreibung eines Zimmers mit dem Grundriss oder einem Apfelkerngehäuse auf einer bestimmten CD-Hülle auf dem Boden neben dem hellgrauen Stuhlbein eröffnet.

 

...

 

Lässt sich garantiert fortsetzen, ich freu mich, wenn anderen noch mehr dazu einfällt! Olgas Hinweis auf die Persönlichkeit der Erzählfigur bringt mich gerade an einer ganz anderen Stelle weiter, danke dafür.


Bearbeitet von Hanna Aden, 02.03.2018 - 08:45,

Homepage: SternStoryStunden - Leidenschaft und Handwerk

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#9
Luise

Luise
  • 1.979 Beiträge
  • Dabei seit 09.11.05
Hanna, deine Beispiele sind gerade eine richtige Fundgrube und Inspiration für mich. Danke!
Luise

#10
MartinaA

MartinaA
  • 98 Beiträge
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Wow, vielen Dank euch allen für die vielfältigen Hinweise. Meine Lust zu experimentieren habt ihr damit geweckt!

#11
SebastianN

SebastianN
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Hier der simpelste aller Ratschläge, allerdings auf Englisch:

 

This sentence has five words. Here are five more words. Five-word sentences are fine. But several together become monotonous. Listen to what is happening. The writing is getting boring. The sound of it drones. It’s like a stuck record. The ear demands some variety.
 
Now listen. I vary the sentence length, and I create music. Music. The writing sings. It has a pleasant rhythm, a lilt, a harmony. I use short sentences. And I use sentences of medium length. And sometimes, when I am certain the reader is rested, I will engage him with a sentence of considerable length, a sentence that burns with energy and builds with all the impetus of a crescendo, the roll of the drums, the crash of the cymbals–sounds that say listen to this, it is important.
 
 
Gary Provost


#12
SabineB

SabineB
  • 1.522 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

Gary Provost bringt es wirklich auf den Punkt, danke Sebastian.

 

Sabine



#13
AnnaW

AnnaW
  • 796 Beiträge
  • Dabei seit 10.08.15

Klasse. Mehr braucht man eigentlich nicht.


Bearbeitet von AnnaW, 02.03.2018 - 21:30,


#14
Margot

Margot
  • 2.070 Beiträge
  • Dabei seit 10.09.10

Ich denke, dass man Rhythmus in einem Text zuerst genauer definieren sollte. Ein geübter Vorleser kann mE jeden Text rhythmisch widergeben; ein ungeübter jeden Rhythmus schreddern.

 

Wenn ich zum Beispiel ein klassisches Gedicht (mit Metrum) lese (ich muss es nicht mal laut lesen), sagen wir mal eins, das im Jambus geschrieben ist, dann falle ich automatisch in diesen "Singsang", weil ich das Versmaß erkenne. (Jambus = Wechsel von einer unbetonten auf eine betonte Silbe).

 

Würde jetzt ein ganzer Roman in dieser Art geschrieben, wäre das meiner Meinung nach eine Mordsleistung, aber gefallen würde er vermutlich niemandem. Rhythmische Prosa ist eine eigene (altertümliche) Gattung. Für die heutigen Leser ist sie eher nicht geeignet.

 

Bei Poetry Slams geht es ja meist um kurze Texte und viele lehnen sich dabei an die klassische Lyrik an, ähnlich wie es zum Beispiel Rapp-Texte tun. Für Lieder und vorgetragene Kurztexte finde ich das okay, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass dies für längere Passagen wirklich taugt.

 

Von daher bin ich bezüglich Rhythmus in Texten ganz bei Herrn Provost.



#15
BirgitJ

BirgitJ
  • 354 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

Ein Ausflug in die Linguistik, speziell in die Phonetik oder die Syntax kann auch interessant sein, um dem Rhythmus der Sprache auf die Spur zu kommen.

 

Und wenn es dazu führt, dass Dinge, die man schon immer unbewusst getan hat, nun einen Namen bekommen, ist das ein schöner Gewinn, weil man sie bewusster einsetzen kann.

 

Besten Gruß von BirgitJ


"Das Geheimnis der Zuckerbäckerin", Aufbau 2018; "Das Geheimnis der Porzellanmalerin" Aufbau 2017; "Der Duft des Teufels" Aufbau 2017; "Luther und der Pesttote" Aufbau 2016; "Die Tochter von Rungholt" Aufbau 2014
http://www.bjasmund.de


#16
MartinaA

MartinaA
  • 98 Beiträge
  • Dabei seit 21.02.17
Birgit, das ist eine gute Idee. Ich glaube, ich besorge mir diese Woche ein Buch zur Einführung in die Linguistik.

#17
ChristineN

ChristineN
  • 1.202 Beiträge
  • Dabei seit 04.12.06

Die Tipps von Hanna finde ich gut. Auch das laute Vorlesen hilft. Zum Thema Kameraführung und räumliche Fokussierung fällt mir noch der "Tunnelblick" ein. Wenn etwas geschieht, dass meine volle Konzentration erfordert, sehe ich eingeschränkt und nehme das Drumherum nicht mehr wahr. Die Wahrnehmung ist knapp und präzise. Das gibt Spannung, HIngegen lehne ich mich bei langen Beschreibungen zurück und entspanne.

lg

Christine


Bearbeitet von ChristineN, 16.03.2018 - 13:30,


#18
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 2.977 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Einen ersten Einblick in die Syntax kriegst du auf meiner HP, Martina, speziell zum Rhythmus darin unter Grammatik-Kmpendium Kapitel 6. 

Hier ein Link zum letzten Kapitel daraus:

 

http://angelika-jodl...paare-und-nicht

 

Herzlich

Angelika


Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018

Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#19
SabineB

SabineB
  • 1.522 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

Einen ersten Einblick in die Syntax kriegst du auf meiner HP, Martina, speziell zum Rhythmus darin unter Grammatik-Kmpendium Kapitel 6. 
Hier ein Link zum letzten Kapitel daraus:
 
http://angelika-jodl...paare-und-nicht
 
Herzlich
Angelika


Liebe Angelika, warum erfahre ich erst jetzt von Deinem Blog? Du bist einfach zu bescheiden.

Ich freue mich aufs Schmökern.

#20
Thomas R.

Thomas R.
  • 2.602 Beiträge
  • Dabei seit 07.04.05

Hallo zusammen,

 

neben den bereits erwähnten Dingen: bestimmte rhetorische Figuren, die Auswahl bestimmter Vokale, die Verwendungvon Konjunktionen bei Hauptsätzen, eingeschobene Nebensätze, die Verwendung bestimmter Satzstellungen (z.B. Verben zu sperren), SoC, Einsetzung von Beschreibungen aus dem musischen Bereich bzw. akkustischen Bereich...

 

Gruss

 

Thomas 


"Als meine Augen alles // gesehen hatten // kehrten sie zurück // zur weißen Chrysantheme". Matsuo Basho