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Zeitformen


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7 Antworten zu diesem Thema

#1
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
  • 6.289 Beiträge
  • Dabei seit 12.03.08

Ich bin etwas unsicher, was die Zeitform bei Rückblenden betrifft.

 

Normal ist, im Präteritum zu erzählen. Das kennen wir alle gut. Bei einer Rückblende wird dann meist das Plusquamperfekt verwendet. Ein Beispiel:

 

Auf den Nachhauseweg dachte er über die Begegnung mit Else nach. Sie hatte ihn ganz schön zusammengestaucht. Ihre Kritik war so unerwartet auf ihn eingeprasselt, dass es ihm im ersten Moment die Sprache verschlagen hatte. Nachher hatten sie sich zum Glück aussprechen können.

 

So weit nichts Besonderes. Was aber, wenn die Handlung in der Gegenwart abläuft? Ich hätte die Rückblende ebenfalls im Plusquamperfekt geschrieben: "Auf den Nachhauseweg denkt er über die Begegnung mit Else nach. Sie hatte ihn ganz schön zusammengestaucht."

 

Aber nun wurde ich belehrt, das ginge gar nicht, in diesem Fall müsse die Rückblende im Perfekt geschrieben werden, also wie folgt:

 

Auf den Nachhauseweg denkt er über die Begegnung mit Else nach. Sie hat ihn ganz schön zusammengestaucht. Ihre Kritik ist so unerwartet auf ihn eingeprasselt, dass es ihm im ersten Moment die Sprache verschlagen hat. Nachher haben sie sich zum Glück aussprechen können.

 

Theoretisch leuchtet das ein, aber es klingt für mich komisch. Ich kann mich nicht so recht damit anfreunden. Aber vielleicht kommt das nur daher, weil ich ans Präteritum gewöhnt bin.

 

Wie seht ihr das? Angelika, hilfst du mir?

 


Die Montalban-Reihe, Die Normannenserie, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, www.ulfschiewe.de


#2
DirkH

DirkH
  • 885 Beiträge
  • Dabei seit 29.04.15

Ich bin zwar nicht Angelika, aber vielleicht hilft das hier ja auch schon ein wenig.

 

In der Vorvergangenheit beschreibst Du ein Ereignis, das vor der Vergangenheit geschehen ist. Es muss also erst ein Ereignis in der Vergangenheit vorliegen. 

Wenn Du das Präsens verwendest und von dort direkt in die Vorvergangenheit wechselst, überspringst Du eine Zeitstufe, nämlich die Vergangenheit. 

 

Vorvergangenheit -> Vergangenheit -> Präsens

Du kannst immer nur von einem zum nächsten wechseln. 


Sagt Abraham zu Bebraham: Kann ich mal dein Cebraham?


#3
Sabine

Sabine
  • 997 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

Aber ist es nicht so, dass das Zusammenstauchen noch vor dem "Sprache verschlagen" bzw. dem Aussprechen passiert? Dann ist es ja eigentlich die Vorvorvergangenheit. Dann wäre die Zeitformabfolge doch so:

 

Auf den Nachhauseweg denkt er über die Begegnung mit Else nach. Sie hatte ihn ganz schön zusammengestaucht. Ihre Kritik war so unerwartet auf ihn eingeprasselt, dass es ihm im ersten Moment die Sprache verschlagen hat. Nachher haben sie sich zum Glück aussprechen können.

 

Aber ich bin da kein Fachmann.



#4
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 3.157 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

 

So weit nichts Besonderes. Was aber, wenn die Handlung in der Gegenwart abläuft? Ich hätte die Rückblende ebenfalls im Plusquamperfekt geschrieben: "Auf den Nachhauseweg denkt er über die Begegnung mit Else nach. Sie hatte ihn ganz schön zusammengestaucht."

 

Aber nun wurde ich belehrt, das ginge gar nicht, in diesem Fall müsse die Rückblende im Perfekt geschrieben werden, also wie folgt:

 

Auf den Nachhauseweg denkt er über die Begegnung mit Else nach. Sie hat ihn ganz schön zusammengestaucht. Ihre Kritik ist so unerwartet auf ihn eingeprasselt, dass es ihm im ersten Moment die Sprache verschlagen hat. Nachher haben sie sich zum Glück aussprechen können.

 

Theoretisch leuchtet das ein, aber es klingt für mich komisch. Ich kann mich nicht so recht damit anfreunden. Aber vielleicht kommt das nur daher, weil ich ans Präteritum gewöhnt bin.

 

Wie seht ihr das? Angelika, hilfst du mir?

 

Klar helf ich dir. Folgende Überlegungen gibt es für deine Frage:

 

1. Der, der dich da belehrt hat, hat im Prinzip Recht. Folgende Tempora passen sozusagen paarweise gut zusammen:

 

Präteritum + Plusquamperfetkt

Präsens + Perfekt

 

Dass die jeweils gut zusammen passen, sieht man schon an der Form, die Hilfsverben haben und sein, die man für Perfekt und Plusquamperfekt braucht, befinden sich nämlich schon immer in der passenden Form zum temporalen Gegenstück:

 

Er  hat = Präsens,        er hat gemacht = Perfekt                        Er ist = Präsens,       er ist gegangen = Perfekt

Er hatte = Präteritum, er hatte gemacht = Plusquamperfekt      Er war = Präteritum, er war gegangen = Plusquamperfekt

 

2. spielt hier aber noch viel mehr als die Form die Funktion der verschiedenen Tempora herein. Präteritum etwa ist eindeutig ein Erzähltempus. Ein im Präteritum vorgetragener Text lädt sozusagen dazu ein, dass man sich im Sessel zurücklehnt, weil man weiß: Jetzt kommt eine Geschichte. Das Perfekt dagegen ist dialogischer Natur, es erzeugt wesentlich mehr Spannung beim Zuhörer, weil der darauf rechnet, vielleicht jeden Moment antworten zu müssen. Beim Perfekt als für eine Geschichte gebrauchtes Tempus "hört" man den Erzähler. Das Präsens ist ein überaus schillernder Bursche mit etlichen Funktionen – hier ist es das passende Gegenstück zum Perfekt. 

 

3. Hast du aber in deinem letzten Satz ein Modalverb (können) Modalverben mögen die zusammengesetzten Zeiten (also Perfekt und Plusquamperfekt) nicht so gern, weil sich dann insgesamt drei Verben im Satz befinden, wobei zwei nicht gerade viel Bedeutung tragen. Anders gesagt: Modalverben lieben als Vergangenheitsform das Präteritum.

 

Ich weiß ja nicht, warum du das Präsens als Erzählform gewählt hast. Wenn man den Erzähler durchgehend hören soll, würde ich in der Rückblende beim Perfekt bleiben, auch im dritten Satz. Sollte in der Rückblende der Erzähler sozusagen diskret zurücktreten und einfach die Geschichte machen lassen, würde ich das Modalverb als Brückenkopf nutzen, um darüber schön leise ins Präteritum zu gleiten. Also so : 

 

Auf den Nachhauseweg denkt er über die Begegnung mit Else nach. Sie hat ihn ganz schön zusammengestaucht. Ihre Kritik ist so unerwartet auf ihn eingeprasselt, dass es ihm im ersten Moment die Sprache verschlagen hat. Nachher konnten sie sich zum Glück aussprechen und dabei kam es urplötzlich sogar zu einem heißen Kuss, ganz benommen sprach er von ewiger Liebe und mein Gott, jetzt wird es ihm erst bewusst, dass er ihr gestern gar die Ehe versprochen hat ....

 

Also weiter dann wieder in der Szene mit Präsens und gegebenenfalls Perfekt.

 

Zufrieden?

Angelika


Bearbeitet von Angelika Jo, 08.03.2019 - 09:13,

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018

Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#5
Sabine

Sabine
  • 997 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14
Wieder was gelernt :-)

#6
Ulf Schiewe

Ulf Schiewe
  • 6.289 Beiträge
  • Dabei seit 12.03.08

 

 

So weit nichts Besonderes. Was aber, wenn die Handlung in der Gegenwart abläuft? Ich hätte die Rückblende ebenfalls im Plusquamperfekt geschrieben: "Auf den Nachhauseweg denkt er über die Begegnung mit Else nach. Sie hatte ihn ganz schön zusammengestaucht."

 

Aber nun wurde ich belehrt, das ginge gar nicht, in diesem Fall müsse die Rückblende im Perfekt geschrieben werden, also wie folgt:

 

Auf den Nachhauseweg denkt er über die Begegnung mit Else nach. Sie hat ihn ganz schön zusammengestaucht. Ihre Kritik ist so unerwartet auf ihn eingeprasselt, dass es ihm im ersten Moment die Sprache verschlagen hat. Nachher haben sie sich zum Glück aussprechen können.

 

Theoretisch leuchtet das ein, aber es klingt für mich komisch. Ich kann mich nicht so recht damit anfreunden. Aber vielleicht kommt das nur daher, weil ich ans Präteritum gewöhnt bin.

 

Wie seht ihr das? Angelika, hilfst du mir?

 

Klar helf ich dir. Folgende Überlegungen gibt es für deine Frage:

 

1. Der, der dich da belehrt hat, hat im Prinzip Recht. Folgende Tempora passen sozusagen paarweise gut zusammen:

 

Präteritum + Plusquamperfetkt

Präsens + Perfekt

 

Dass die jeweils gut zusammen passen, sieht man schon an der Form, die Hilfsverben haben und sein, die man für Perfekt und Plusquamperfekt braucht, befinden sich nämlich schon immer in der passenden Form zum temporalen Gegenstück:

 

Er  hat = Präsens,        er hat gemacht = Perfekt                        Er ist = Präsens,       er ist gegangen = Perfekt

Er hatte = Präteritum, er hatte gemacht = Plusquamperfekt      Er war = Präteritum, er war gegangen = Plusquamperfekt

 

2. spielt hier aber noch viel mehr als die Form die Funktion der verschiedenen Tempora herein. Präteritum etwa ist eindeutig ein Erzähltempus. Ein im Präteritum vorgetragener Text lädt sozusagen dazu ein, dass man sich im Sessel zurücklehnt, weil man weiß: Jetzt kommt eine Geschichte. Das Perfekt dagegen ist dialogischer Natur, es erzeugt wesentlich mehr Spannung beim Zuhörer, weil der darauf rechnet, vielleicht jeden Moment antworten zu müssen. Beim Perfekt als für eine Geschichte gebrauchtes Tempus "hört" man den Erzähler. Das Präsens ist ein überaus schillernder Bursche mit etlichen Funktionen – hier ist es das passende Gegenstück zum Perfekt. 

 

3. Hast du aber in deinem letzten Satz ein Modalverb (können) Modalverben mögen die zusammengesetzten Zeiten (also Perfekt und Plusquamperfekt) nicht so gern, weil sich dann insgesamt drei Verben im Satz befinden, wobei zwei nicht gerade viel Bedeutung tragen. Anders gesagt: Modalverben lieben als Vergangenheitsform das Präteritum.

 

Ich weiß ja nicht, warum du das Präsens als Erzählform gewählt hast. Wenn man den Erzähler durchgehend hören soll, würde ich in der Rückblende beim Perfekt bleiben, auch im dritten Satz. Sollte in der Rückblende der Erzähler sozusagen diskret zurücktreten und einfach die Geschichte machen lassen, würde ich das Modalverb als Brückenkopf nutzen, um darüber schön leise ins Präteritum zu gleiten. Also so : 

 

Auf den Nachhauseweg denkt er über die Begegnung mit Else nach. Sie hat ihn ganz schön zusammengestaucht. Ihre Kritik ist so unerwartet auf ihn eingeprasselt, dass es ihm im ersten Moment die Sprache verschlagen hat. Nachher konnten sie sich zum Glück aussprechen und dabei kam es urplötzlich sogar zu einem heißen Kuss, ganz benommen sprach er von ewiger Liebe und mein Gott, jetzt wird es ihm erst bewusst, dass er ihr gestern gar die Ehe versprochen hat ....

 

Also weiter dann wieder in der Szene mit Präsens und gegebenenfalls Perfekt.

 

Zufrieden?

Angelika

 

 

 

Vielen Dank, Angelika. 

 

Die Belehrung war natürlich von meiner Lektorin gekommen. Ich wollte nur noch einmal unabhängig nachfragen, weil es mir ungewohnt vorkam. Aber sie hatte recht und danke für deinen Erläuterungen. Das Buch ist im Präsens geschrieben, weil a) ich das mag, und b) weil es ein Thriller ist und es wirklich gut passt. Trotzdem hört man da keinen Erzähler, es ist auch nicht un der Ich-Form geschrieben. Und wir haben es durchgängig so gemacht, wie du es hier empfohlen hast, auch das das weiterführende Präteritum nach dem Perfekt. Ich werde es aber noch einmal prüfen, besonders, was diese Modalverben angeht.

 

Nochmals vielen Dank!


Die Montalban-Reihe, Die Normannenserie, Die Wikinger-Trilogie, Bucht der Schmuggler, Land im Sturm, www.ulfschiewe.de


#7
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 3.157 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Diese Modalverben – ts, ts, ts!

 

Für einen hörbaren Erzähler brauchst du keine Ich-Form. Es genügt das Präsens + Perfekt. Am bekanntesten ist der Erzähler vom Haas geworden, denke ich, der hat auch noch Elemente der gesprochenen Sprache mit drin, ein unverkennbarer Ton.

 

Herzlich

Angelika


Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018

Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#8
(Mascha)

(Mascha)

Angelika, du kannst Sprache so wunderbar erklären!