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Meg Wolitzer "Die Ehefrau"


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8 Antworten zu diesem Thema

#1
SabineB

SabineB
  • 1.988 Beiträge
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Meg Wolitzer: "Die Ehefrau"

 

Meg Wolitzer erzählt die Geschichte einer hochtalentierten Frau, die im Amerika der fünfziger und sechziger Jahre ihre eigene Schriftstellerei der literarischen Karriere ihres Mannes opfert.

Jahrzehnte erträgt sie es, die „Frau an seiner Seite“ zu sein, bis es bei der Verleihung eines wichtigen Literaturpreises zum Eklat zwischen den beiden Eheleuten kommt.

 

Wolitzer skizziert ihre Figuren messerscharf, überrascht mit einem außergewöhnlich klugen Plot und viel Wortwitz. Die Sprachgewalt dieses Romans ist einfach zum Niederknien, jeder Satz ein kleines Meisterwerk.

 

Einer meiner Lieblingssätze:

 

„Lass mich jetzt gehen, damit ich nicht noch ein weiteres Jahrzehnt neben deinem zufriedenen Gesicht und deinem gut gefüllten Bauch aufwachen muss, der dich des Blickes auf deinen eigenen, wartend daliegenden Penis beraubt.“

 

Die Autorin entführt uns in die fiktive Welt eines New Yorker Literaturzirkels der sechziger Jahre, dessen offener Chauvinismus durchaus Parallelen zum heutigen Literaturbetrieb besitzt.

 

Das Buch wurde unter dem Titel „Die Frau des Nobelpreisträgers“ verfilmt.



#2
Wolf

Wolf
  • 633 Beiträge
  • Dabei seit 21.10.08

Ich sehe schon, ich muss mir das Buch zulegen.

 

Liebe Grüße

Wolf



#3
Dietmar

Dietmar
  • 777 Beiträge
  • Dabei seit 21.08.05

Einer meiner Lieblingssätze:

 

„Lass mich jetzt gehen, damit ich nicht noch ein weiteres Jahrzehnt neben deinem zufriedenen Gesicht und deinem gut gefüllten Bauch aufwachen muss, der dich des Blickes auf deinen eigenen, wartend daliegenden Penis beraubt.“

 

Die Autorin entführt uns in die fiktive Welt eines New Yorker Literaturzirkels der sechziger Jahre, dessen offener Chauvinismus durchaus Parallelen zum heutigen Literaturbetrieb besitzt.

 

Das Buch wurde unter dem Titel „Die Frau des Nobelpreisträgers“ verfilmt.

 

Was macht diesen Satz zu deinem Lieblingssatz? Grammatikalisch ist er übersichtlich konstruiert und sollte jeder Abiturient hinkriegen. Inhaltlich schildert er die traurige Erkenntnis einer Frau, ihr Leben für einen Mann, wahrscheinlich ausschließlich auf das Sexuelle, warum versieht sie sonst den Penis, der angriffsbereit in sie eindringen will, mit vier Attributen, fixiert, geopfert zu haben und, als es eigentlich schon zu spät ist, versucht auszubrechen. Sorry, (für den Schachtelsatz) die Frau tut mir leid, mehr aber auch nicht. Sie entspricht nicht meinem Frauenbild. In meiner Freundes- und Bekanntenblase gibt es keine Frau, die so ist. Ich würde das Buch aus einer retrospektiven Sicht auf die 60iger lesen, aber nicht ins Heute transformieren.

Ob der deutsche Literaturbetrieb heute chauvinistisch ist, kann ich nicht einschätzen, da hast du mehr Erfahrung.


Bearbeitet von Dietmar, 10.03.2019 - 01:20,


#4
MartinC

MartinC
  • 982 Beiträge
  • Dabei seit 10.06.13

So unterschiedlich sind die Geschmäcker.  Dieser Satz bringt mich dazu, das Buch eher nicht lesen zu wollen.

 

LG

Martin


_______________________________________________________

www.martinconrath.de

Jede Art des Schreibens ist erlaubt - nur nicht die langweilige (Voltaire)


#5
Wolf

Wolf
  • 633 Beiträge
  • Dabei seit 21.10.08

Nun, Sabines Lieblingssatz halte ich auch für wenig glücklich formuliert, aber wir haben diesen Roman ja schon einmal unter Anfängen(?) diskutiert, und da gibt es von Seiten der Ehefrau überrschend wenig Herumgeeiere und auch einen guten Schuss Brutalität, den man so selten findet.

 

Liebe Grüße

Wolf



#6
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 3.111 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Ich habe es inzwischen auch gelesen.

 

Kritikabel hinsichtlich "übersichtlich konstruierter Grammatik" (Was soll das sein?) oder nicht zeitgemäßem Frauenbild finde ich es gar nicht. (Überhaupt irritieren mich Buchkritiken, in  denen die Lebensumstände des Kritikers – "in meinem Bekanntenkreis gibt es das nicht" – den Maßstab der Kritik bilden sollen). Der erfolgreiche Mann, hinter dem die diskret tüchtige und alles verzeihende Frau steht, ist eine Figur, die garantiert nicht mit den 60ern ausgestorben ist. Im Literaturbetrieb mag mit dem Erfolg noch ein besonderer Glanz und eine sehr oft vollkommen unzutreffende Charakterisierung des schreibenden Mannes (als sanft, sensibel und empathiebegabt) dazu treten – Eigenschaften, die viele Frauen attraktiv finden – dies ist es übrigens auch, was die junge Creative Writing Studentin in Liebe und Verehrung entflammen lässt. Um zu spät zu entdecken, dass sie sich auf einen egozentrischen, eitlen und eher unfähigen Gockel eingelassen hat, der sie bei jeder Gelegenheit mit jedem Groupy betrügt.

 

Schreiben kann Meg Wollitzer zweifellos und zwar in der Oberklasse. Bilderreich, schlagfertig, elegant, witzig. Ein – willkürlich herausgegriffener Satz (die Protagonistin hat sich in den verheirateten Literaten verliebt, sieht ihn erstmalig mit seiner Frau und stellt Vergleiche zu anderen Ehepaaren an):

 

Ich dachte an meine eigenen Eltern, die nebeneinander her lebten wie zwei Seite an Seite in einer Höhle hängende Stalaktiten, sich niemals in der Öffentlichkeit berührten, mein Vater in seinen dunklen, nach Laub und Männlichkeit riechenden Anzügen, meine Mutter in ihren gemusterten Kleidern, die wie Tischtücher aussahen.

 

Trotzdem ist dies kein Buch, das ich mit reiner Freude gelesen habe, was am Aufbau der Geschichte und der Zeichnung der Figuren, namentlich der Perspektivträgerin liegt.

 

Geschichten, wo die Frau den falschen Mann heiratet und das erst versteht, als es zu spät ist, gibt es viele. Das Interessante daran, der Wendepunkt, ist ja die Szene, in der ihr die bittere Erkenntnis kommt. Schon früh, wenn der Mann plötzlich eine Maske fallen lässt? Oder schleichend, wenn sie sich widerstrebend selbst ihre rosa Brille absetzt?

 

Bei Wollitzer wird die Heldin über den mediokren Charakter ihres Helden schon vor der Hochzeit in Kenntnis gesetzt, vor der gemeinsamen Flucht in ein vorerst unstetes Leben. Sie wird sogar regelrecht abgestoßen von ihrem Geliebten, dessen Haut sich bei der ersten Berührung "kalt wie die einer Robbe anfühlt". Von Anfang an ist sie gleichzeitig verführtes Opfer und eloquent Plaudernde, die alles durchschaut, den Geliebten gleichzeitig verehrt und verachtet. Wie soll da denn noch Spannung aufkommen? Eine ewige Besserwisserin denunziert ihren erfolgreichen Gatten. Das hat was unangenehm Hämisches und ist für die Geschichte insgesamt schädlich, finde ich.

 

 

Aber dennoch danke für den Tipp!

Angelika


Bearbeitet von Angelika Jo, 10.03.2019 - 10:49,

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018

Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

www.angelika-jodl.de


#7
UlrikeS

UlrikeS
  • 2.820 Beiträge
  • Dabei seit 15.06.10

(Achtung, in meiner Antwort verrate ich den Schluss des Buches)

 

Was mich dazu gereizt hatte, dieses Buch zu lesen, war die sehr detaillierte und offene Sprache, die auch den von Sabine zitierten Satz auszeichnet. Der Blick der Frau auf den nackten, alten Mann, den sie nicht mehr erträgt. Sie sieht dabei, was er nicht mehr sehen kann: den Störenfried dieser Ehe: seinen Sexualtrieb.

Was mir aber diese Lektüre so verleidet hat, ist der Zeitpunkt, zu dem sie geht. Und der offenbar, dass ihre Ehrlichkeit nur gegenüber ihrem Mann, aber nicht gegenüber sich selber besteht.

Sie schreibt also seine Bücher. Das wird als Plottwist ganz am Schluss verraten, zeichnet sich aber ab. Sie hat in der Ehe viel ertragen, seine Untreue, seine Unfähigkeit. Die verheimlichte Arbeit, den Verlust von Anerkennung. Und das alles auf dem Rücken ihrer Kinder.

Aber sie will erst dann alles öffentlich machen und ihn deswegen verlassen, als sie/er den zweitwichtigsten Literaturpreis gewonnen hat.  Sie opfert ihr Leben dem Ruhm, nicht ihm. Wenn sie ehrlich wäre. Aber sie stellt sich die ganze Zeit als scharfzüngiges und intelligentes Opfer dar. Sie unternimmt nichts, es zu ändern. Am Anfang ist sie überzeugt, Frauen würden als Autorinnen nicht ernst genommen werden, und das war bestimmt auch so. Aber die Zeiten ändern sich. Nur sie, die Ehefrau, nicht. Bis sie völlig anachronistisch wird. 

Eigentlich ist es kein Buch, dass die Männer kritisiert, die ihre Frauen ausnutzen. Sondern sie schildert eine Frau, die sich gerne ausnutzen ließ, um am Ende, als der Preis gewonnen und der Mann tot ist, noch immer über die Wahrheit schweit und denkt, dass sie eine gute Ehefrau war.

 

Wenn man es so rum liest, gefällt es mir sogar wieder. Für mich ist sie Opfer, sondern Täterin.


Bearbeitet von UlrikeS, 10.03.2019 - 11:07,


#8
SabineB

SabineB
  • 1.988 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

 


Was mich dazu gereizt hatte, dieses Buch zu lesen, war die sehr detaillierte und offene Sprache, die auch den von Sabine zitierten Satz auszeichnet. Der Blick der Frau auf den nackten, alten Mann, den sie nicht mehr erträgt. Sie sieht dabei, was er nicht mehr sehen kann: den Störenfried dieser Ehe: seinen Sexualtrieb.

 

 

Sehr schön erklärt. Ich sehe aber jetzt, dass man das nur versteht, wenn man das Buch gelesen hat.

 

Faszinierend finde ich, dass Ihr - Angelika und Ulrike - das Buch anders interpretiert als ich.

Das mag daran liegen, dass ich zuerst den Film gesehen habe und dann das Buch unbedingt lesen musste. Der Film hat einen leicht anderen Fokus.

 

Für mich ist die Frau kein Opfer, aber auch keine Täterin. Sie flüchtet sich mehr und mehr in eine mütterlich-kopfschüttelnde Attitüde ihrem Mann gegenüber und erträgt zunehmend nur noch ihr Dasein, das sie zunächst durchaus spannend fand.

 

Ich habe es auch nicht so interpretiert, dass sie ihn des Ruhmes wegen verlassen will, sondern weil sie die vielen Lügen nicht mehr erträgt. Und ob sie ihn wirklich verlassen hätte, bleibt ja offen.

 

Ich fand an der Figur vor allem spannend, dass sie nicht sympathisch ist, jedenfalls nicht durchgängig.

 

Sabine



#9
DorisC

DorisC
  • 1.551 Beiträge
  • Dabei seit 25.07.11

@Ulrike:

So ähnlich sieht auch mein Fazit dieses Buches aus, Ulrike.

Nur, dass sie meiner Meinung nach beides ist: Opfer und Täterin. Das liegt wesentlich in der Zeit begründet (50-er bis 80-er Jahre), aber auch an ihrer inneren Statur. Wolitzer (als überzeugte Feministin!) zeigt hier den krummen Weg einer dienenden, zögerlichen, allmählich erwachenden, dabei zugleich manipulativen Frau. Erst spät bringt sie den - zu diesem Zeitpunkt längst schal gewordenen - Mut auf, zu sich selbst zu stehen. Eine im Grunde traurige Geschichte ... Aber lohnend allemal!


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