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Handke? Kann das sein?


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99 Antworten zu diesem Thema

#1
Michael Beisteiner

Michael Beisteiner
  • 286 Beiträge
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Kann das sein? Haben wir hier überhaupt keine Debatte zum Nobelpreis für Literatur – und seinem Träger?

 

Ehrlich gesagt, möchte ich das Thema auch nicht groß ausdiskutieren, mir fehlt dazu ein umfangreiches Wissen über ihn und auch die Zeit. 

 

Aber Eure Meinungen würden mich schon interessieren! Gibt es ev. sogar Kenner unter uns?

 

 


Zuletzt erschienen: zwischenlandungen (Arovell, 2018)

Neu im Frühjahr 2020: Der Tomatenrebell (Kinderbuch, ab 6 Jahre) erscheint bei wortweit.


#2
BeateB

BeateB
  • 122 Beiträge
  • Dabei seit 11.05.17

Ich habe Handke früher sehr geliebt, an der Uni über ihn gearbeitet und schätze ihn bis heute als sehr, sehr großen Literaten. Der sich einmal verrannt hat. Wozu es vielleicht aber auch damals nur gekommen ist, weil niemand sonst damals überhaupt mehr das Bombardement in Frage gestellt hat. Habe heute morgen in einem Radio-Feuilleton ein Zitat von Bodo Kirchhoff zu dem Thema gehört; weiß leider nicht mehr aus welcher Zeitung zitiert, aber es ging in die gleiche Richtung.


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#3
Angelika Jo

Angelika Jo
  • 3.298 Beiträge
  • Dabei seit 03.07.07

Thomas Melle, den ich vor ein paar Jahren persönlich kennen lernen durfte, hat in der FAZ.NET unter dem Titel Clowns auf Hexenjagd. Twitter-Schauprozess gegen Peter Handke dazu schon einen sehr gerechten Kommentar geschrieben.

 

In Kürze zusammengefasst: Handke hat – wie es ihm jetzt vorgeworfen und immer wieder falsch zitiert wird – in all seinen Aussagen zu den Kriegen in Jugoslawien kein einziges Mal den Genozid an den Bosniern geleugnet. Er hat auch nicht, wie behauptet wird, Partei für Serbien und Milosevic ergriffen, seine Kolumne (die ich seinerzeit in der SZ gelesen habe und die online immer noch abrufbar ist), lautete "Gerechtigkeit für Serbien". Darin hat er Serbien nicht freigesprochen, das war gar nicht sein Anliegen. Was er vielmehr angeprangert hat, waren die sofort fertigen Urteile aus der deutschen/westlichen Presse,  denen zufolge Belgrad die Alleinschuld an den kriegerischen Auseinandersetzungen treffen sollte. Es waren allerdings die Bundesstaaten Slowenien und Kroatien, die sich damals abspalten wollten. Serbien – so kann man durchaus argumentieren – vertrat den Standpunkt des alten Jugoslawien  – immerhin ein bestehender Staat mit föderativem System analog zur BRD – der Standpunkt Serbiens hieß also Zusammenbleiben. Das mag man hegemonial nennen. (Man kann sich aber auch vorstellen, wie wohl ein US-amerikanischer Präsident auf eine angestrebte Sezession von Georgia und Kentucky reagieren würde – was ja mal der Fall war und ebenfalls zu einem blutigen Bürgerkrieg geführt hat.)

 

Mir ging es in der Angelegenheit genau anders herum als dir, Beate: Von Handke habe ich relativ wenig gelesen, die "Publikumsbeschimpfung" fand ich lustig und sein Interview mit Patricia Highsmith interessant, ebenso die Kolumne zu Serbien. Der Rest war mir eher zu verkopft. Stanisic dagegen fand (und finde) ich großartig, ihr habt ja mitgekriegt, wie ich ihm hier die Daumen gedrückt habe. Dass er schon die ganze Zeit auf Twitter gegen Handke schoss, war an mir vorbeigegangen (wie alles auf Twitter). Als ich seine Rede zum Buchpreis gehört habe, konnte ich es kaum glauben: Wieso macht der so einen Hassaufruf gegen den Kollegen? Auch noch mit falschen Behauptungen?! 

 

Nee, da lasse ich momentan auf den Handke gar nichts kommen. So muss er sich nicht abwatschen lassen.


Bearbeitet von Angelika Jo, 23.10.2019 - 14:21,

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#4
JenniferB

JenniferB
  • 2.779 Beiträge
  • Dabei seit 17.01.11

Ich habe vor Sasas Rede auf der Buchpreisverleihung von Peter Handke noch nie etwas gelesen oder gehört (oder erinnere mich nicht mehr). Ich kann Sasa da einerseits gut verstehen - ich empfand die daraufhin nachgelesenen Handke-Texte über den Jogoslawienkrieg auch wertend und die Opfer nicht ernst nehmend. Gleichzeitig aber als Text, wie es zu der Zeit etliche gab, das öffentliche Bewusstsein hat sich da mMn gewandelt, ist ja auch Jahre her.

Wirklich irritierend fand ich aber die Reaktion, als er Tage später - also nach einer Zeit, in der er sich wohl hätte auf die Vorwürfe vorbereiten können - im Interview austickte. "Ich bin nicht hier, um auf diesen Scheißdreck zu antworten. Und jetzt verschwinden Sie!"

 

Das finde ich dann schon extrem schwach.

Wobei schwach sicher das falsche Wort ist, denn er wird damit ja durchaus etwas bezwecken - das Skandälchen am Laufen halten wollen. Sonst hätte er es ja locker aufklären können, kein Hahn hätte nach einem "da wurde ich falsch zitiert" oder "das würde ich heute so nicht mehr schreiben" noch danach krähen. Aber Hähne sollen nun mal krähen.

Auf mich wirkt es allerdings billig.



#5
Michael Beisteiner

Michael Beisteiner
  • 286 Beiträge
  • Dabei seit 03.12.15

Ich habe von Handke zwei Bücher gelesen. Das sind zu wenige, um ihn literarisch seriös zu beurteilen.

 

Was die Serbien-Debatte betrifft: Ich habe recherchiert, Artikel gelesen, Interviews verfolgt, etc., die Vorwürfe gegen ihn aber nirgends dokumentiert gefunden. (Verharmlosung, oder gar eine Verherrlichung von Kriegsverbrechen z. B.) Eher noch hatte ich erstaunlich oft den Eindruck, er würde falsch zitiert und seine Aussagen verstümmelt und verdreht, um eigene Meinungen bestätigt zu sehen. Oft steht da wörtlich ganz was anderes, als so mancher in seinen Aussagen zu lesen meint. Auch Germanisten und Literaturwissenschaftler sprechen nirgends von solchen Behauptungen seitens Handke. Vielleicht gibt es diese Texte oder Aussagen, in denen er Srebrenica verleugnet, oder Serbien von Schuld freispricht, aber irgendwo? Ich finde halt nur die, in denen er darzustellen versucht, dass Serbien nicht die Alleinschuld tragen kann und es auch auf Seiten der Kroaten Kriegsverbrechen gab.  

 

Ich bin selbst oft und viel unterwegs am Balkan, über die Jahre erhält man ein komplexes Bild von diesem Krieg. Auch Wissenschaftlerinnen in meinem Bekanntenkreis fördern etliches Interessantes dazu zu Tage.    

 

Dass er nach Jahrzehnten Journalisten verjagt und damit in Ruhe gelassen werden will, kann ich alles in allem gut verstehen.  


Zuletzt erschienen: zwischenlandungen (Arovell, 2018)

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#6
ClaudiaB

ClaudiaB
  • 2.331 Beiträge
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Ich halte mich auch zurück, weil ich glaube, nicht genug zu wissen. Den Artikel von Melle fand ich erhellend und richtig. Von Handke habe ich das ein oder andere gelesen und auch gemocht/seine Sprache und Sicht bewundert. Dass Stanisic den deutschen Buchpreis bekommt, finde ich wunderbar, ich bin begeistert von "Herkunft." (Was mit meiner Meinung zu Handke nichts weiter zu tun hat). Das, was auf Twitter passiert und mir komplett entgangen ist, finde ich nur gruselig, und die Falsch-Zitate, die jetzt ans Licht kommen, ebenso. Handke wollte nichts weiter, als darauf aufmerksam machen, dass die scheinbar neutrale Berichterstattung schon Meinung war, und er war selbst der Ansicht, dass sich der Westen zu früh in den Konflikt eingemischt hat. Und mit dieser Ansicht steht er nicht allein. Abgesehen davon sieht Stanisic sich ja auch als "Jugoslawen". In dieser Hinsicht sind sie sich ja fast einig.

Ich misstraue Handke dennoch in einigen Fragen ... und auch mir fällt es schwer, zwischen Person/meiner Interpretation oder meinem bisherigen Eindruck von ihm und Werk zu trennen. Außerdem gilt:

 

 

 

Ich bin selbst oft und viel unterwegs am Balkan, über die Jahre erhält man ein komplexes Bild von diesem Krieg. Auch Wissenschaftlerinnen in meinem Bekanntenkreis fördern etliches Interessantes dazu zu Tage. 

 

Wir, also diejenigen, die keinen Zugang haben und nicht dort unterwegs sind/uns eingelesen haben ( Karl Markus Gauss zb) haben wenig Ahnung ... bzw eben kein komplexes Bild von diesem Krieg. Aber rausposaunt und getwittert wird was das Zeug hält. (Ist ja überall am Stammtisch oder im vertrauten Kreis so - es ist einfach ein allgemeines menschliches Bedürfnis, die eigene Meinung von sich zu geben, egal wie mangelhaft wir über den Gegenstand der Diskussion informiert sind. Wir können uns nicht von allem, was geschieht und was wir zwangsläufig mitbekommen ein komplexes Bild machen, dennoch wird drüber geredet - im Privaten/Peergroup/der Blase. Dummerweise ist das Private nun öffentlich und anything goes).


Bearbeitet von ClaudiaB, 23.10.2019 - 22:09,

Neu: Cleo Leuchtenberg (Lisa Dickreiter & Claudia Brendler) I love you heißt noch lange nicht Ich liebe dich. Oetinger HC
http://www.claudiabrendler.de


#7
Angelika Jo

Angelika Jo
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  • Dabei seit 03.07.07

Jennifer,

 

das war nun mal nicht das erste Mal, dass man Handke politisch auf den Leib gerückt ist. Das ganze 1996 durch tobte um ihn schon der ziemlich widerliche Vorwurf, er würde am Ende mit seinem Bericht aus Serbien noch die schönen Frieden bringenden Nato-Bomben in Verruf bringen. Der Mann ist sehr angeekelt von der spürbaren Doppelmoral in Kriegsfragen – kann man alles nachgoogeln.

 

Und austicken tut er niemals, der Mann überlegt sich jedes Wort. Wenn er meint, dass dieses Wort "Arschloch" lauten soll, dann sagt er es – langsam, wohlbedacht und sehr pronounciert.  

 

Man muss ihm nicht im Einzelnen und schon gar nicht immer Recht geben – aber sollte es wirklich stimmen, dass es auf dieser Welt  und zu diesen Zeiten und in dieser Debatte keine A... er gibt?

 

P.S. Ich habs jetzt 13 mal umformatiert, das Format war schrecklich, jetzt geht es, aber der Link zu youtube ist raus, ich versuche es im nächsten Post noch mal damit.


Bearbeitet von Angelika Jo, 24.10.2019 - 08:39,

Alicia jagt eine Mandarinente. dtv premium März 2018

Die Grammatik der Rennpferde. dtv premium Mai 2016

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#8
Angelika Jo

Angelika Jo
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[https://www.youtube.com/watch?v=hyrmL74IKHg]

 

Wenn man die [ ] weg lässt, das Innere kopiert und im Netz aufruft, müsste es klappen.

 

Ein Wort noch zu Jennis 

 

... denn er wird damit ja durchaus etwas bezwecken - das Skandälchen am Laufen halten wollen...

 

 

Hier gehts um kein "Skandälchen", sondern um einen grausigen Krieg mit entsetzlich vielen Toten, mit Grausamkeiten, Vergewaltigungen, Vertreibungen auf beiden Seiten. Beurteilt von einem heuchlerischen Europa (allen voran Deutschland), das sich überparteilich gab und in wirklich jeder Hinsicht Partei war  – als Interessent an einer Auflösung des einzigen blockfreien Staats in Europa, als Schutzpatron der beiden in Richtung EU strebenden Bundesstaaten Slowenien und Kroatien und schon allein deshalb Partei gegen die Serben. Die darüber hinaus noch schön als Stellvertreter in einer ersten Auseinandersetzung mit ihrer Schutzmacht Russland benutzt werden konnten, wieder mit einem Deutschland, das zum ersten Mal seit 45 wieder Krieg spielen durfte.

 

Über diesen Krieg und die bodenlose Heuchelei dazu war und ist Handke entrüstet. Auf die Behandlung, die ihm seinerzeit widerfuhr, hat er schon reagiert. Jetzt das Ganze noch einmal inclusive Lügen, unwahren Behauptungen, Verleumdungen. Soll er sich hinsetzen und all die üble Nachrede klein-klein auseinandernehmen? Soll er sich einen Anwalt nehmen? Macht er nicht. Er sagt "Arschlöcher". Das finde ich nicht billig, das ist stolz. 

 

Im übrigen ist er der deutsche Schriftsteller schlechthin – weltbekannt, bepreist, Unterrichtsgegenstand an den Schulen, fast überallhin übersetzt. Und er ist ein Intellektueller, der sich selbstverständlich zum Zeitgeschehen äußert. Dass dieser Mann ein "Skandälchen" für seine Publicity braucht, um eventuell ein paar mehr seiner Bücher zu verkaufen oder berühmt zu werden, ist – Entschuldigung – lächerlich.


Bearbeitet von Angelika Jo, 24.10.2019 - 09:22,

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#9
KerstinH

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Edit: Der Link, den ich einstellen wollte, funktioniert leider nicht ...


Bearbeitet von KerstinH, 24.10.2019 - 09:19,


#10
Angelika Jo

Angelika Jo
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Ich habe von Handke zwei Bücher gelesen. Das sind zu wenige, um ihn literarisch seriös zu beurteilen.

 

Was die Serbien-Debatte betrifft: Ich habe recherchiert, Artikel gelesen, Interviews verfolgt, etc., die Vorwürfe gegen ihn aber nirgends dokumentiert gefunden. (Verharmlosung, oder gar eine Verherrlichung von Kriegsverbrechen z. B.) Eher noch hatte ich erstaunlich oft den Eindruck, er würde falsch zitiert und seine Aussagen verstümmelt und verdreht, um eigene Meinungen bestätigt zu sehen. Oft steht da wörtlich ganz was anderes, als so mancher in seinen Aussagen zu lesen meint. Auch Germanisten und Literaturwissenschaftler sprechen nirgends von solchen Behauptungen seitens Handke. Vielleicht gibt es diese Texte oder Aussagen, in denen er Srebrenica verleugnet, oder Serbien von Schuld freispricht, aber irgendwo? Ich finde halt nur die, in denen er darzustellen versucht, dass Serbien nicht die Alleinschuld tragen kann und es auch auf Seiten der Kroaten Kriegsverbrechen gab.  

 

Ich bin selbst oft und viel unterwegs am Balkan, über die Jahre erhält man ein komplexes Bild von diesem Krieg. Auch Wissenschaftlerinnen in meinem Bekanntenkreis fördern etliches Interessantes dazu zu Tage.    

 

Dass er nach Jahrzehnten Journalisten verjagt und damit in Ruhe gelassen werden will, kann ich alles in allem gut verstehen.  

 

Zustimmung in allen Punkten, Michael. Nur noch zwei Sätze zur "seriösen literarischen Beurteilung" Handkes:

 

Man muss von Handke keine Zeile seines literarischen Werks gelesen haben, um in dieser Auseinandersetzung zu einem Urteil zu kommen.

Man kann auch Stanisic als Schriftsteller wunderbar finden und trotzdem sein Handke-Bashing kritisch sehen. 

 

Angelika


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#11
BeateB

BeateB
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[https://www.youtube.com/watch?v=hyrmL74IKHg]

 

 

Wenn man die [ ] weg lässt, das Innere kopiert und im Netz aufruft, müsste es klappen.

 

Ein Wort noch zu Jennis 

 

... denn er wird damit ja durchaus etwas bezwecken - das Skandälchen am Laufen halten wollen...

 

 

Hier gehts um kein "Skandälchen", sondern um einen grausigen Krieg mit entsetzlich vielen Toten, mit Grausamkeiten, Vergewaltigungen, Vertreibungen auf beiden Seiten. Beurteilt von einem heuchlerischen Europa (allen voran Deutschland), das sich überparteilich gab und in wirklich jeder Hinsicht Partei war  – als Interessent an einer Auflösung des einzigen blockfreien Staats in Europa, als Schutzpatron der beiden in Richtung EU strebenden Bundesstaaten Slowenien und Kroatien und schon allein deshalb Partei gegen die Serben. Die darüber hinaus noch schön als Stellvertreter in einer ersten Auseinandersetzung mit ihrer Schutzmacht Russland benutzt werden konnten, wieder mit einem Deutschland, das zum ersten Mal seit 45 wieder Krieg spielen durfte.

 

Über diesen Krieg und die bodenlose Heuchelei dazu war und ist Handke entrüstet. Auf die Behandlung, die ihm seinerzeit widerfuhr, hat er schon reagiert. Jetzt das Ganze noch einmal inclusive Lügen, unwahren Behauptungen, Verleumdungen. Soll er sich hinsetzen und all die üble Nachrede klein-klein auseinandernehmen? Soll er sich einen Anwalt nehmen? Macht er nicht. Er sagt "Arschlöcher". Das finde ich nicht billig, das ist stolz. 

 

Im übrigen ist er der deutsche Schriftsteller schlechthin – weltbekannt, bepreist, Unterrichtsgegenstand an den Schulen, fast überallhin übersetzt. Und er ist ein Intellektueller, der sich selbstverständlich zum Zeitgeschehen äußert. Dass dieser Mann ein "Skandälchen" für seine Publicity braucht, um eventuell ein paar mehr seiner Bücher zu verkaufen oder berühmt zu werden, ist – Entschuldigung – lächerlich.

Genau, Handke ist bestimmt niemand, der ein Interesse daran hat, ein "Skandälchen" am Laufen zu halten (eher das Gegenteil), oder mit dem man das Wort billig überhaupt nur in Verbindung bringen kann. Er ist ein Schriftsteller, wie es sie heute leider nur noch sehr, sehr selten gibt.


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#12
Angelika Jo

Angelika Jo
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Edit: Der Link, den ich einstellen wollte, funktioniert leider nicht ...

 

Funktioniert das?

 

Wenn nicht, kurz der Inhalt:

Katja Gasser (österreichische Literaturkritikerin) interviewt Handke zur Frage der "europäischen Werte",die es "zu verteidigen" gelte. Er äußerst sich – im übrigen sehr literarisch auf der Suche nach Details – ablehnend. Wer von "europäischen Werten" spricht, meint ein Ausschlussverfahren: Europa gegen andere. Wer "europäische Werte" sagt, weiß gar nicht, was Werte an sich sind. "Werte" gehören wenn, dann allen. Wer "europäische Werte" sagt, ist Propagandist einer Partei im – immer wieder recht blutigen – Weltgeschehen. "Arschlöcher", sagt er am Schluss, "neues Gesindel".

 

Das ist Handke 2016. Dezidiert wie je. Dazu brauchts keine neue Schmährede von der diesjährigen Buchmesse.


Bearbeitet von Angelika Jo, 24.10.2019 - 09:55,

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#13
KerstinH

KerstinH
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Danke, Angelika, aber es ging um einen Link, den ich selbst einstellen wollte. Da geht ein ehemaliger Oberstleutnant der Bundeswehr und geopolitischer Analyst auf die sehr unrühmliche Rolle unserer Medien in dieser Angelegenheit ein, die genau das nicht an die Bevölkerung weitergaben, was ihm an Berichten und Analysen aus den entsprechenden Gebieten vorlag. Der hat sich sogar an verschiedene Zeitungen mit der Bitte um Richtigstellung gewandt: keine Chance. Dieser Krieg war gewollt, und dazu brauchte man "die Guten" und "die Bösen", wie in jedem Krieg.

 

Aber das hat nichts mit Literatur oder den entsprechenden Preisen zu tun, deshalb hätte es vielleicht hier auch nicht gepasst. Es ist eben nur so, dass Deutschland sich damals zum ersten Mal wieder in einen Krieg hat ziehen lassen, und das unter falsch dargestellten Prämissen. Es wäre schön gewesen, wenn sich Deutschland damals auf seine "hart erarbeitete" Erkenntnis besonnen hätte: Nie wieder Krieg , in wessen Interessen auch immer.


Bearbeitet von KerstinH, 24.10.2019 - 11:01,


#14
Christa

Christa
  • 8.922 Beiträge
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Bei mir hat schon der Link weiter oben funktioniert, ohne die [ ]. Das zweite Interview habe ich mir auch gleich angesehen. Da geht es unter anderem auch ums Schreiben, dass man nicht nach Rezepten schreiben solle, um "Glück" und "Freude" und "Bewunderung-Begeisterung" und einiges mehr.

 

Bei der Nachricht, dass Peter Handke den Literaturnobelpreis bekommt, habe ich erst mal innerlich genickt und an die "Publikumsbeschimpfung" "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" und ein weiteres Buch gedacht, dessen Titel mir jetzt entfallen ist. Ich wusste immer, dass er ein großer Schriftsteller ist. Aber weitere Werke habe ich nicht gelesen und kann deswegen nur ganz subjektiv darüber urteilen. Aber als ich die Worte von Stanisic im Fernsehen während der Buchmesse hörte, war ich etwas erschrocken. Zumindest den Rahmen fand ich recht unpassend. 

 

Angelika:

 

Man muss von Handke keine Zeile seines literarischen Werks gelesen haben, um in dieser Auseinandersetzung zu einem Urteil zu kommen.

Man kann auch Stanisic als Schriftsteller wunderbar finden und trotzdem sein Handke-Bashing kritisch sehen. 

 

Dabei schließe ich mich den Worten von Michael an. Dieser Krieg in den neunziger Jahren hat die Welt gespalten, ich weiß noch, dass es Austritte hier bei den ortsansässigen Grünen gab. In dem zweiten Interview habe ich von Handke gehört, dass man immer irgend jemandem auf die Füße treten könnte, und das kommt mir nur allzu bekannt vor! (Ich war übrigens, auch wenn ganz anders gelagert, auch nicht dafür, dass Günter Grass seinen Nobelpreis hätte zurückgeben müssen.)


Bearbeitet von Christa, 24.10.2019 - 10:17,

Schwarzwaldkrimis Tod am schwarzen Fluss. Taschenbuch und E-Book:https://t1p.de/2mhn

Martinsmorde:- https://www.thalia.d...pe=suchhistorie Blog:http://schreibteufel...a.blogspot.com/


#15
JenniferB

JenniferB
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Entschuldigt, aber ich sehe das anders.

Wer auf eine Frage, die nach Stanisic' Rede zu erwarten war, dementsprechend mit "Scheiße und Interviewabbruch" antwortet, statt sich um eine gewisse Neutralität zu bemühen ("Ich habe mich dazu oft genug geäußert, es ist alles gesagt", der bezweckt doch etwas damit.

Ein Peter Handke wird doch nicht ungewollt laut, sondern um Wind ins Segel zu geben. Sonst würde er es ja lassen. Er ist damit ja nun nicht überrascht worden.

 

Und mit dem Skandälchen meine ich keineswegs den Krieg - soweit kann mich niemand ernsthaft missverstanden haben -, sondern den aktuellen Konflikt mit Stanisic.



#16
Angelika Jo

Angelika Jo
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Entschuldigt, aber ich sehe das anders.

Wer auf eine Frage, die nach Stanisic' Rede zu erwarten war, dementsprechend mit "Scheiße und Interviewabbruch" antwortet, statt sich um eine gewisse Neutralität zu bemühen ("Ich habe mich dazu oft genug geäußert, es ist alles gesagt", der bezweckt doch etwas damit.

Ein Peter Handke wird doch nicht ungewollt laut, sondern um Wind ins Segel zu geben. Sonst würde er es ja lassen. Er ist damit ja nun nicht überrascht worden.

 

Ungewollt gewiss nicht. Er hat seiner Verachtung Ausdruck gegeben. 

Das, Jenni: 

 

Und mit dem Skandälchen meine ich keineswegs den Krieg - soweit kann mich niemand ernsthaft missverstanden haben -, sondern den aktuellen Konflikt mit Stanisic.

 

habe ich schon so verstanden, dass es dir um den Vorfall auf der Buchmesse ging und du keinen Krieg klein reden wolltest. Nur ist die – im übrigen sehr wohlkalkuliert zu dieser Gelegenheit – sämtliche Medien inclusive öffentlich-rechtliche Fernsehsender vor Ort – abgelassene Schmährede von Stanisic untrennbar mit dem Krieg und mit der damals stattgehabten deutschen Meinungsmache verbunden. Falschmeldungen gibt es dauernd und zu allen Themen, darüber regt sich doch keiner auf, der halbwegs richtig tickt. Ein ungeheures Umschwenken der deutschen Öffentlichkeit in Sachen Krieg und Frieden ist was anderes – und das hat damals stattgefunden. Zu einem nicht geringen Teil übrigens unter der Führung des Grünen-Außenministers Joschka Fischer, der seine bis dato 100 % pazifistische Partei auf diesen Krieg eingeschworen hat – das waren wirkliche Verwerfungen!

 

Wer gegen diese Meinungsmache etwas gesagt hat, das war Peter Handke.

Wer ihm darüber Leugnung von Genozid und Parteinahme für die Serben vorwirft, das ist Sascha  Stanisic.

Ein Skandälchen?

 

Und zu diesem Satz von dir:

Ich kann Sasa da einerseits gut verstehen - ich empfand die daraufhin nachgelesenen Handke-Texte über den Jogoslawienkrieg auch wertend und die Opfer nicht ernst nehmend.

 

würden mich – ganz im Ernst – die entsprechenden Textstellen interessieren.

 

Angelika


Bearbeitet von Angelika Jo, 24.10.2019 - 11:28,

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#17
Michael Beisteiner

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Danke, Angelika, aber es ging um einen Link, den ich selbst einstellen wollte. Da geht ein ehemaliger Oberstleutnant der Bundeswehr und geopolitischer Analyst auf die sehr unrühmliche Rolle unserer Medien in dieser Angelegenheit ein, die genau das nicht an die Bevölkerung weitergaben, was ihm an Berichten und Analysen aus den entsprechenden Gebieten vorlag. Der hat sich sogar an verschiedene Zeitungen mit der Bitte um Richtigstellung gewandt: keine Chance. Dieser Krieg war gewollt, und dazu brauchte man "die Guten" und "die Bösen", wie in jedem Krieg.

Kerstin, könntest Du mir diesen Link zukommen lassen, per PN oder Mail?


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#18
AndreasS

AndreasS
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Buchpreis 2019: Stanisic wettert gegen einen Kollegen, weil der gerade den Nobelpreis bekommen hat.

 

Buchpreis 2008: Handke verzichtet auf seinen Platz auf der Longlist zugunsten der anderen Kollegen, vor allem der jüngeren.

 

Muss ich jetzt eigentlich nicht lange überlegen, wer da mehr Größe hat.


Bearbeitet von AndreasS, 24.10.2019 - 11:51,


#19
Christa

Christa
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Der Vollständigkeit halber die gesamte Reaktion von Handke gegenüber den Journalisten (aus den Euronews 16.10. 19):

 

 

"Ich bin nicht hier für diesen Scheiß, um auf diesen Scheißdreck zu antworten. Und jetzt verschwinden Sie sofort, bitte!" Harsche Worte eines Mannes, der sich sichtlich in die Ecke gedrängt fühlt.

"Ich steh vor meinem Gartentor und da sind 50 Journalisten - und alle fragen nur wie Sie, und von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendetwas von mir gelesen hat, dass er weiß, was ich geschrieben hab, es sind nur die Fragen: Wie reagiert die Welt, Reaktion auf Reaktion."

"Ich bin ein Schriftsteller, komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen."

 

Auf mich wirkt das nur genervt, nicht um irgendeinen Wind in die Segel zu blasen.


Schwarzwaldkrimis Tod am schwarzen Fluss. Taschenbuch und E-Book:https://t1p.de/2mhn

Martinsmorde:- https://www.thalia.d...pe=suchhistorie Blog:http://schreibteufel...a.blogspot.com/


#20
Christa

Christa
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Buchpreis 2019: Stanisic wettert gegen einen Kollegen, weil der gerade den Nobelpreis bekommen hat.

 

Buchpreis 2008: Handke verzichtet auf seinen Platz auf der Longlist zugunsten der anderen Gelisteten, vor allem der jüngeren.

 

Muss ich jetzt eigentlich nicht lange überlegen, wer da mehr Größe hat.

 

Wenn ein Gewinner des deutschen Buchpreises den Literaturnobelpreisträger derart öffentlich angreift, könnte man sich schon was dabei denken. ;)  8-) In dieser Form habe ich das wirklich noch nie erlebt.


Schwarzwaldkrimis Tod am schwarzen Fluss. Taschenbuch und E-Book:https://t1p.de/2mhn

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