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Ist Quote die neue Zensur?

Zensur Quote Lisa

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80 Antworten zu diesem Thema

#41
KerstinH

KerstinH
  • 1.129 Beiträge
  • Dabei seit 08.04.19

Ich glaube nicht, dass es das Ziel der Subvention ist, ein Angebot für die Massen attraktiv zu machen. Vielmehr soll eine Vielfalt erhalten bleiben, indem gerade nicht massentaugliche Angebote mit Zuschüssen unterstützt werden. 

 

Ich glaube, beide Seiten stimmen. Einerseits sollen mit Subventionen Angebote für die Massen nicht attraktiv, sondern überhaupt zugänglich gemacht werden, so zum Beispiel bei Bibliotheken, städtischen Schwimmbädern, Museen u.v.a.m.

Andererseits sollen Künstler und ihre Werke sowie kulturelle Einrichtungen unterstützt werden, die ohne Subvention keine Chance hätten, weil ihre Kunst sich in einem marktwirtschaftlich orientierten, neoliberalen System nicht "rechnet".


Bearbeitet von KerstinH, 05.11.2019 - 18:46,


#42
SabineB

SabineB
  • 2.524 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

Sehr interessante Diskussion, finde ich. Wie gerne würde ich jetzt mit Euch an einem Tisch sitzen und diskutieren, bis die Köpfe rauchen.

 

Zunächst halte ich den Ausdruck "Subvention" bei der Förderung von Kultur für falsch, auch wenn ich ihn selber verwendet habe (ich tappe auch immer mal wieder in die Falle). Kein Mensch würde sagen, dass "der Staat" Schulen subventioniert, oder Straßen, oder Brücken, oder Schwimmbäder ...

 

Wenn man in Deutschland eine vielschichtige Kultur will - und davon gehe ich aus - dann gehört die gefördert. Und zum Glück wird seitens der öffentlichen Geldgeber (noch) nicht danach geschaut, welche Auslastung (Quote?) z.B. Bühnen oder Museen haben (natürlich kennen alle KulturpolitikerInnen mehr oder weniger die Zahlen. Jeder Opernsitzplatz wird mit 150 € "subventiontioniert" etc.)

Und das gilt auch für die Literatur. Dazu sind Stipendien da. Deshalb konnte Lutz Seiler (ich erwähne ihn, weil ich ihn vorher schon erwähnt habe), der bis zu dem Zeitpunkt ausschließlich Lyrik geschrieben hatte, mit dem Stipendium "Villa Massimo" seinen Roman "Kruso" (Deutscher Buchpreis!) ohne finanzielle Not schreiben (so mein Wissensstand).

 

Also, entweder wollen wir ein Land, in dem kulturelle Experimente entstehen, Blüten tragen oder auch scheitern - dazu bedarf es einer vernünftigen Förderung! - oder wir wollen das nicht.

 

Wer Letzteres bevorzugt, sollte AFD wählen. (Diese Aussage ist bitte als Gegenteil einer Wahlempfehlung für die AFD zu verstehen. Das nur zur Sicherheit!)

 

Sabine

 

 



#43
Olaf

Olaf
  • 714 Beiträge
  • Dabei seit 19.07.16

Also, entweder wollen wir ein Land, in dem kulturelle Experimente entstehen, Blüten tragen oder auch scheitern - dazu bedarf es einer vernünftigen Förderung! 

 

Das wirft dann die Frage auf, wer nach welchen Kriterien entscheidet, wem eine Förderung zukommt.

 

In meiner Kindheit waren Comichefte nur etwas für Kinder, heute sind sie eine weit verbreitete Kunstform. Hätte man sie früher fördern müssen? Was ist mit Literatur, die aus dem Computer kommt? Kann ein Buch mit leeren Seiten als Kunst gefördert werden?

 

Einfach anhand der Quote und Verkaufszahlen zu bestimmen, ist so viel leichter … 


Olaf Fritsche 

www.seitenrascheln.de


#44
KerstinH

KerstinH
  • 1.129 Beiträge
  • Dabei seit 08.04.19

Uoops! Sabine, ich hoffe, ich verstehe dich hier falsch. Rückst du mich gerade in die Nähe der AfD, weil ich es richtig finde, dass einerseits Einrichtungen gefördert werden, damit alle Menschen - auch die sog. Geringverdiener (in meinen Augen: unfair Bezahlten) - diese Einrichtungen nutzen können, und andererseits alle Künster in den Genuss von Förderungen kommen (ich bin gern bereit, dass Wort "Subventionen" ersatzlos zu streichen und durch "Förderung" zu ersetzen), deren Kunst in diesem Wirtschaftssystem sonst nicht bestehen könnte?

Ich sage an keiner Stelle, dass ich das neoliberale Wirtschaftsystem gut finde - im Gegenteil, ich bin da völlig anderer Meinung als Dietmar. Ich dachte, meine Anführungsstriche bei "rechnet" würden das klar zeigen. Die sind sarkastisch gemeint. Offensichtlich kommt das aber nicht rüber.

Ich bin ganz und gar nicht der Meinung, dass sich Kunst "rechnen" sollte. In diesem unserem Wirtschaftssystem ist sie aber leider voll und ganz vom Geld abhängig, siehe die gesamte obere Diskussion.

Dass seitens der öffentlichen Geldgeber (noch) nicht danach geschaut würde, welche Auslastung bestimmte Bühnen und Museen haben, halte ich übrigens für eine Fehlinformation. Hier in Göttingen wird im Bereich Kultur zusammengestrichen, was nur geht.


Bearbeitet von KerstinH, 06.11.2019 - 18:01,


#45
SabineB

SabineB
  • 2.524 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14


Also, entweder wollen wir ein Land, in dem kulturelle Experimente entstehen, Blüten tragen oder auch scheitern - dazu bedarf es einer vernünftigen Förderung!


Das wirft dann die Frage auf, wer nach welchen Kriterien entscheidet, wem eine Förderung zukommt.

In meiner Kindheit waren Comichefte nur etwas für Kinder, heute sind sie eine weit verbreitete Kunstform. Hätte man sie früher fördern müssen? Was ist mit Literatur, die aus dem Computer kommt? Kann ein Buch mit leeren Seiten als Kunst gefördert werden?

Einfach anhand der Quote und Verkaufszahlen zu bestimmen, ist so viel leichter …

Da muss man aus meiner Sicht unterscheiden, ob Instiutionen, wie etwa Büchereien, gefördert werden, oder Einzelpersonen oder einzelne Projekte.

Büchereien: Ein Gemeinderat findet, dass der Ort eine braucht und entscheidet, den Bau und die Ausstattung zu fördern. Bestenfalls, ohne inhaltliche Eingriffe. Die Bücherei bekommt Personal und das entscheidet die Marschrichtung, natürlich immer dem Gemeinderat Rechenschaftspflichtig. Aber der Geldgeber - in diesem Fall der Gemeinderat - mischt sich nicht ins Konzept ein.

Einzelförderung: Ein Autor oder eine Autorin bewirbt sich für ein Stipendium. Darüber entscheidet in aller Regel ein Gremium, das bestenfalls mit Fachleuten besetzt ist. Der Autor/die Autorin bekommt Geld und/oder eine Wohnung und darf dann losschreiben. Natürlich kann das Stipendium nicht an den Erfolg des Buches gekoppelt sein. Es darf aus meiner Sicht nicht einmal daran gekoppelt sein, ob überhaupt ein Werk entsteht.

Wenn wir nach Quote gehen würden, dann bekämen zukünftig nur noch "Popcorn-Liebesroman-Roland-Kaiser-Fan-Schreiberinnen" die wichtigen Stipendien. Das Gegenteil ist zum Glück der Fall :-)

Bearbeitet von SabineB, 06.11.2019 - 20:28,


#46
SabineB

SabineB
  • 2.524 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

Uoops! Sabine, ich hoffe, ich verstehe dich hier falsch. Rückst du mich gerade in die Nähe der AfD, weil ich es richtig finde, dass einerseits Einrichtungen gefördert werden, damit alle Menschen - auch die sog. Geringverdiener (in meinen Augen: unfair Bezahlten) - diese Einrichtungen nutzen können, und andererseits alle Künster in den Genuss von Förderungen kommen (ich bin gern bereit, dass Wort "Subventionen" ersatzlos zu streichen und durch "Förderung" zu ersetzen), deren Kunst in diesem Wirtschaftssystem sonst nicht bestehen könnte?
Ich sage an keiner Stelle, dass ich das neoliberale Wirtschaftsystem gut finde - im Gegenteil, ich bin da völlig anderer Meinung als Dietmar. Ich dachte, meine Anführungsstriche bei "rechnet" würden das klar zeigen. Die sind sarkastisch gemeint. Offensichtlich kommt das aber nicht rüber.
Ich bin ganz und gar nicht der Meinung, dass sich Kunst "rechnen" sollte. In diesem unserem Wirtschaftssystem ist sie aber leider voll und ganz vom Geld abhängig, siehe die gesamte obere Diskussion.
Dass seitens der öffentlichen Geldgeber (noch) nicht danach geschaut würde, welche Auslastung bestimmte Bühnen und Museen haben, halte ich übrigens für eine Fehlinformation. Hier in Göttingen wird im Bereich Kultur zusammengestrichen, was nur geht.

Oh je, natürlich nicht, Kerstin!

Ich wollte ein Statement für die Kultur und gegen den neoliberalen Blick darauf abgeben (wir sollten wirklich am Tisch sitzen und diskutieren :-)
Ich gehe völlig mit Dir konform.

Und dass in Städten bei der Kultur gestrichen wird, weiß ich natürlich. Allerdings ist mir nicht bekannt, dass - zumindest öffentlich verlautet - Gelder gestrichen wurden mit der Begründung auf die künstlerische Qualität oder die Besucherzahlen. Da verstecken sich Politiker gerne hinter fehlendem Geld.

Wenn dieser unsägliche AFD-Mann, dessen Namen ich sofort wieder vergessen habe, wirklich den Posten als Staatssekretär für Kultur bekommen hätte (was unter anderem der Deutsche Kulturrat verhindert hat), dann sähe es anders aus im Land.

Edit: Der "unsägliche AFD-Mann, dessen Namen ich sofort wieder vergessen habe" bewarb sich nicht um den Posten des Staatssekretärs für Kultur, sondern für den Vorsitz im Auswärtigen Kulturausschuss.

Bearbeitet von SabineB, 06.11.2019 - 20:36,


#47
Ramona

Ramona
  • 3.999 Beiträge
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Ich glaube, beide Seiten stimmen. Einerseits sollen mit Subventionen Angebote für die Massen nicht attraktiv, sondern überhaupt zugänglich gemacht werden, so zum Beispiel bei Bibliotheken, städtischen Schwimmbädern, Museen u.v.a.m.

 

Andererseits sollen Künstler und ihre Werke sowie kulturelle Einrichtungen unterstützt werden, die ohne Subvention keine Chance hätten, weil ihre Kunst sich in einem marktwirtschaftlich orientierten, neoliberalen System nicht "rechnet".

 

Sehr schön auf den Punkt gebracht, Kerstin. 

 

Liebe Grüße
Ramona


Inspiration exists, but it has to find us working! (Pablo Picasso)


#48
AndreasE

AndreasE
  • 2.386 Beiträge
  • Dabei seit 01.04.07

Künstler und Künste zu fördern, die sich nicht selber tragen, ist ein Luxus.

 

Eine Gesellschaft ist dann reich, wenn sie sich Luxus leisten kann.



#49
Dietmar

Dietmar
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  • Dabei seit 21.08.05

 

Einzelförderung: Ein Autor oder eine Autorin bewirbt sich für ein Stipendium. Darüber entscheidet in aller Regel ein Gremium, das bestenfalls mit Fachleuten besetzt ist. Der Autor/die Autorin bekommt Geld und/oder eine Wohnung und darf dann losschreiben. Natürlich kann das Stipendium nicht an den Erfolg des Buches gekoppelt sein. Es darf aus meiner Sicht nicht einmal daran gekoppelt sein, ob überhaupt ein Werk entsteht.

 

Kein Erfolg unterschreibe ich, kein Ergebnis nicht. Warum kein Ergebnis als Option?

 

Neoliberal - da haben wohl einige Geschichte abgewählt. Der Neoliberalismus war der Gegenentwurf zum Liberalismus der 19. Jh, welcher tatsächlich zur ökonomischen und egoistischen Raffgier geworden war. Neoliberalismus heißt, der Staat zieht sich nicht völlig aus der Wirtschaft zurück und überlässt alles dem Markt, sondern gibt Spielregeln vor. Er war die Grundlage der sozialen Marktwirtschaft, ohne die jede Förderung von Kultur und Kunst unmöglich wäre.

Dass der Mainstream Neoliberalismus  heute negativ bewertet, heißt nicht, dass man auf dieser mitschwimmen sollte (das ist Popkornkultur); heute haben wir ökonomisch eher wieder den Liberalismus des 19. Jahrhunderts.


Bearbeitet von Dietmar, 06.11.2019 - 22:19,


#50
KerstinH

KerstinH
  • 1.129 Beiträge
  • Dabei seit 08.04.19
Nun ja, Wörter unterliegen manchmal einem Bedeutungswandel. Seit fast fünfzig Jahren wird der Begriff negativ verwendet, und zwar im Sinne von Marktfundamentalismus, ausgehend von der Pinochet-Ära (habe ich aus Wikipedia, Asche auf mein Haupt).
Insofern hat es, erstens, nicht unbedingt mit Mainstream zu tun, wenn man das Wort jetzt so wie oben benutzt - sondern eher mit dem Bedürfnis, noch die gleiche Sprache zu sprechen, wenn man sich über ein bestimmtes gesellschaftliches Phänomen verständigen will. Beispielsweise kann ich heute auch nicht mehr neutral über Weiber reden, nur weil das Wort bis ins Frühneuhochdeutsche hinein nicht negativ besetzt war. Ich muss mich dem anpassen, was das Wort heutzutage impliziert.
Zweitens scheint der Neoliberalismus genau jene unselige Richtung einzuschlagen, die damals auch der Liberalismus nahm. Der war ja anscheinend auch mal anders gedacht. Insofern liegt hier nicht einfach eine negative Bewertung des Neoliberalismus vor, sondern eine reale negative Entwicklung, bei der der Staat fleißig mitmischt - siehe Agenda 2010, genehmigte Waffenexporte, CumEx & Co.
Geschichte abwählen konnten übrigens nicht alle ;-)

Edit: Aber vielleicht rühren aus der unterschiedlichen Benutzung von Begriffen einige Missverständnisse hier im Forum her ... Das Wort Subventionen wurde ja offensichtlich auch auf verschiedene Weise verstanden. Und ich habe Sabines Post anders interpretiert, als er gemeint war. Sowas kann passieren.

Bearbeitet von KerstinH, 07.11.2019 - 02:10,


#51
Olaf

Olaf
  • 714 Beiträge
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Künstler und Künste zu fördern, die sich nicht selber tragen, ist ein Luxus.

 

Eine Gesellschaft ist dann reich, wenn sie sich Luxus leisten kann.

 

Das klingt gut, und im ersten Moment dachte ich, es würde die Diskussion genau auf den Punkt bringen. 

 

Nach einigem Grübeln bin ich aber der Ansicht, dass Kunst kein Luxus ist, sondern eine Notwendigkeit. 

 

Kunst ist das Experimentallabor des Geistes und der Gesellschaft. Bleiben wir mal bei der Literatur. Beim Schreiben und Lesen begeben wir uns in nicht reale Welten. Egal, ob es sich um politische Visionen wie Orwells 1984 handelt oder um banale Fantasien wie Landarztromane. Wir spielen immer mit dem Gedanken Was-wäre-wenn – und überprüfen damit Szenarien aus einer geschützten Situation heraus. 

 

Diese Geistesexperimente erlauben es uns festzulegen, wie wir leben wollen und welche Gesellschaft und Entwicklungen wir wünschen. Ich selbst lese gerne Thriller, bin mir aber sicher, dass ich keinesfalls solch einen selbst erleben möchte, eben weil ich aus den Büchern weiß, wie stressig und gefährlich das für die Figuren ist. 

 

Wer selbst über hinreichend Fantasie verfügt, kann derartige Gedankenspielchen teilweise alleine durchführen. Aber erstens ist die kollektive Fantasie zwangsläufig größer als die individuelle (denn die geht ja in die Gesamtheit ein), und zweitens wissen wir von den Fragen unserer Leser, wie wir denn immer auf die Ideen kämen, dass leider nicht jeder das gleiche Maß an Vorstellungskraft besitzt. 

 

Kunst bietet also jedem, der sich darauf einlässt, die Möglichkeit, andere Welten, andere Lebensweisen und andere Strukturen zu erfahren. Und das halte ich für ein wichtiges Fundament einer funktionierenden, gesunden Gesellschaft. So gesehen ist Kunst kein Luxus, sondern Notwendigkeit.


Olaf Fritsche 

www.seitenrascheln.de


#52
AndreasE

AndreasE
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Ich habe auch nicht gesagt, dass Kunst ein Luxus ist, sondern, Kunst zu fördern, die sich nicht selber trägt.

 

Derlei zu machen, während Leute verhungern, wäre unmoralisch. Man muss es sich leisten können als Gesellschaft.

 

Aber man kann es umdrehen: Jemand, der in einem Land wie Deutschland sagt, "Kunst zu fördern können wir uns nicht leisten", erklärt damit: "Wir sind arm."

 

Die schwierige Frage ist eher die konkrete: Welche Kunst soll man fördern? Und wie fördert man, ohne die Kunstfreiheit einzuschränken? (Würde es noch Kritik an der Regierung geben, wenn alle Schriftsteller subventioniert = existenziell vom Staat abhängig wären?)



#53
Olaf

Olaf
  • 714 Beiträge
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Ich habe auch nicht gesagt, dass Kunst ein Luxus ist, sondern, Kunst zu fördern, die sich nicht selber trägt.

 

Ah, da habe ich nicht richtig gelesen. 

 

Mir hat mein Missverständnis trotzdem etwas gebracht, weil ich darüber nachgedacht habe. 

 

Wie heißt es doch so schön? Wenn das Schicksal dir Zitronen gibt, pflanze ein Apfelbäumchen!  ::)


Olaf Fritsche 

www.seitenrascheln.de


#54
SabineB

SabineB
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Andreas schrieb:
 
"Die schwierige Frage ist eher die konkrete: Welche Kunst soll man fördern? Und wie fördert man, ohne die Kunstfreiheit einzuschränken? (Würde es noch Kritik an der Regierung geben, wenn alle Schriftsteller subventioniert = existenziell vom Staat abhängig wären?)"

Nicht, dass ich die generelle Förderung von Autoren für gut befände, aber ich glaube schon, dass es trotzdem Kritik an der Regierung gäbe. Theater, die öffentlich gefördert werden, behandeln ja durchaus auch kritische Themen, die nicht jedem gefallen. Zum Glück ist die Kunst in unserem Land frei.

#55
Daniela

Daniela
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Die schwierige Frage ist eher die konkrete: Welche Kunst soll man fördern? Und wie fördert man, ohne die Kunstfreiheit einzuschränken? (Würde es noch Kritik an der Regierung geben, wenn alle Schriftsteller subventioniert = existenziell vom Staat abhängig wären?)

 

Das würde ja im Umkehrschluss bedeuten, dass die Gesellschaft ihre Künstler hungern lassen sollte, damit sie hübsch kritisch bleiben. Damit unterstellt man, dass alle Menschen käuflich sind. Natürlich gibt es Leute, die dann ihre Klappe halten würden, aber wie ernst konnte man ihre Kritik dann vorher nehmen?

Jedenfalls teile ich da Sabines Menschenbild, dass es immer kritische Geister und unbestechliche Verfechter der Gerechtigkeit geben wird. Historisch betrachtet waren es jedenfalls erstaunlich oft Denker aus gutem Hause (die also der vom jeweiligen System profitierenden Klasse angehörten), die ihren Staat, ihren Herrscher oder die allgemeinen Verhältnisse kritisiert und Gegenentwürfe entwickelt haben. Wer damit beschäftigt ist, um sein Überleben zu kämpfen, hat dafür viel zu oft weder die Kraft noch die Muße.



#56
(MelanieL)

(MelanieL)

 

Dietmar schrieb:

"Das ist Subvention. Man kann Kunst subventionieren, aber damit verfälscht man Angebot und Nachfrage. Wir leben in einer Marktwirtschaft, alles andere ist gescheitert."

Das ist doch Quatsch. Jedes Theater, jedes Museum, jede Bücherei ist subventioniert. Sonst gäbe es sie nicht. Der großartige Roman "Kruso" von Lutz Seiler wäre vermutlich nicht entstanden, wenn er nicht das 'Villa Massimo Stipendium' erhalten hätte. Ebenfalls Subvention, genau wie jedes andere Autorenstipendium, von denen es viele gibt in Deutschland.

Sabine

 

Es gibt Theater, die kommen ohne staatliche Unterstützung aus (z.B. Dresden Boulevardtheater). Warum wäre "Kruso" ohne staatliches Stipendium nicht entstanden? Wenn ich es schaffe, meinen Debütroman zu veröffentlichen, will ich es, weil ich eine Agentur (respektive Verlag) von meiner Leistung, die ich ohne staatliche Unterstützung erbracht habe, überzeugt habe! Alles andere lehne ich ab!

Wenn ich die Chance habe, um es bildhaft zu sagen, und Backstage hinter der Videowand stehe, dann soll die sich nur auftun, um mir den Weg auf die Bühne zu ermöglichen, wenn die, die dafür bezahlt haben, es ohne einen Cent Subvention getan haben. Anderenfalls bleibe ich Backstage hinter der Videowand stehen! Sorry, ein Teil meiner Überzeugung ist neoliberal.

 

"Kruso" ist mir bekannt, habe es noch nicht gelesen, wird auf meinem Buchstapel liegen. Aber der Autor hat es schwer, Hiddensee ist literarisch durch ein Buch aus meiner Jugendzeit besetzt

 

 

Sorry, aber hier muss ich mal einhaken.

Du redest von völlig verschiedenen Dingen, Dietmar.

 

Und ja, ich fühle mich auch angesprochen, weil ich zu den von dir offensichtlich so verachteten subventionierten Künstlern gehöre.

So ein Stipendium ist eine Auszeichnung, die vom Markt und von finanziellen Interessen abgekoppelt ist. Die "Leistung" (dein Begriff) besteht eben nicht darin, möglichst marktkonform zu schreiben, sondern es geht um das, was sich vermutlich viele Autorinnen und Autoren wünschen: Anerkennung für das Besondere der eigenen Arbeit.

Und das ist eben nicht immer massenkompatibel, sondern manchmal auch nur für kleinere Gruppen zugänglich. Aber das macht es nicht wertlos.

 

(Damit meine ich nicht, dass sich Bücher, die sich gut verkaufen und einer großen Menge Menschen gefallen, irgendwie schlechter sind. Nur, damit mich niemand falsch versteht. Mir geht es hier um die Abwertung von "subventionierter Kunst", was ich als ziemlich anmaßend empfinde.)


Bearbeitet von MelanieL, 07.11.2019 - 11:12,


#57
Christa

Christa
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@Melanie: Ich finde es absolut wichtig, dass Literatur und Kunst abseits vom Mainstream gefördert werden. Und dass es eine Auszeichnung und Anerkennung der eigenen Arbeit ist. In einem Punkt habe ich Bedenken, nämlich in der Dauer dieser Förderung.

 

Andreas schrieb:
 
"Die schwierige Frage ist eher die konkrete: Welche Kunst soll man fördern? Und wie fördert man, ohne die Kunstfreiheit einzuschränken? (Würde es noch Kritik an der Regierung geben, wenn alle Schriftsteller subventioniert = existenziell vom Staat abhängig wären?)"

Nicht, dass ich die generelle Förderung von Autoren für gut befände, aber ich glaube schon, dass es trotzdem Kritik an der Regierung gäbe. Theater, die öffentlich gefördert werden, behandeln ja durchaus auch kritische Themen, die nicht jedem gefallen. Zum Glück ist die Kunst in unserem Land frei.

 

 

Was wäre, wenn alle Autoren staatlich gefördert werden würden? (Was undenkbar ist!). Dann würde der Staat darüber entscheiden, was förderungswürdig ist, was er ja jetzt schon tut. Die Ministerin für Kultur und Medien schreibt auf der Homepage "Literaturförderung", Deutschland habe eine der vielfältigsten und lebendigsten Literaturlandschaften der Welt. Die Förderung diene zum Einen der Bewahrung des literarischen Erbes, zum anderen der Förderung zeitgenössischer Literatur. Für Letzteres werden Stipendien ausgeschrieben, zum Beispiel durch den Deutschen Literaturfond. Da bekommt ein Autor, wenn er für förderungswürdig befunden wird, monatlich ein Jahr lang 3000 Euro. Stadtschreiber werden wahrscheinlich durch die Städte oder Länder finanziert. Sie müssen sich verpflichten, die ganze Zeit in dieser Stadt zu bleiben.

 

Mir stellt sich die Frage: Was ist dann nach diesem Jahr? Muss es der Schreiber, die Schreiberin dann geschafft haben, sich selbst von seiner/ihrer Arbeit zu ernähren? Kürzlich sah ich einen Beitrag im Fernsehen.Da hatte eine Autorin einen wichtigen Buchpreis erhalten und musste dann umsatteln auf Pediküre, weil sie vom Schreiben nicht leben konnte. Über die Erlebnisse bei der Arbeit hat sie dann wieder geschrieben und kam so wieder rein. Der Name der Autorin ist mir leider entfallen.


Bearbeitet von Christa, 07.11.2019 - 11:15,

Schwarzwaldkrimis Tod am schwarzen Fluss. Taschenbuch und E-Book:https://t1p.de/2mhn


Martinsmorde:- https://www.thalia.d...pe=suchhistorie Blog:http://schreibteufel...a.blogspot.com/


#58
(MelanieL)

(MelanieL)

Ich verstehe die Frage nicht ganz.

Wenn man einen Buchvertrag unterschreibt, muss man doch auch sehen, wie es danach weitergeht. So ein Vertrag alleine ernährt niemanden, normalerweise fließt das Geld da auch nur für eine gewisse Zeit.

 

Es ist eine Möglichkeit, für eine gewisse Zeit ohne materiellen Druck schreiben zu können.



#59
Christa

Christa
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Es ist eine Möglichkeit, für eine gewisse Zeit ohne materiellen Druck schreiben zu können.

 

Das ist eine klare Aussage, die meine Frage beantwortet hat. 


Schwarzwaldkrimis Tod am schwarzen Fluss. Taschenbuch und E-Book:https://t1p.de/2mhn


Martinsmorde:- https://www.thalia.d...pe=suchhistorie Blog:http://schreibteufel...a.blogspot.com/


#60
Sebastian Niedlich

Sebastian Niedlich
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Monatlich ein Jahr lang 3000 Euro ... da hätte ich auch eine MENGE Sorgen weniger.