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Ich-Erzähler verschweigt Wissen


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56 Antworten zu diesem Thema

#21
Lisa

Lisa
  • 1.605 Beiträge
  • Dabei seit 14.11.06

Liebe Sabine,

das Buch "Am Tag davor" von Sorj Chalandon (ein aktueller Bestseller) hat einen Icherzähler, der genau einen entscheidenden Punkt verschweigt. Ist ganz toll gemacht und ein sehr spannendes Buch. Vielleicht auch was für dich?

 

Liebe Grüße

Lisa



#22
Sebastian Niedlich

Sebastian Niedlich
  • 616 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

Ich hatte das am Anfang so verstanden, dass der Leser überrascht werden soll von der Aktion der Protagonistin, weil er erst gedacht hat, sie geht dem Bösen in die Falle.

Wenn da aber so ein Cliffhanger ist, erwarte ich als Leser schon, dass da jetzt eine ganz raffinierte Aktion kommt.

Die Überraschung funktioniert m.E. am besten ohne den Cliffhanger, sondern wenn der Leser wirklich zusammen mit dem Antagonisten überrascht wird.

 

Ja, im Endeffekt muss natürlich etwas kommen, was den Leser dann auch überzeugt, aber ohne Cliffhänger oder vage Andeutungen würde ich nicht arbeiten, weil sich dann der Leser verarscht vorkommt.

 

"Die üblichen Verdächtigen" wurde hier schon angesprochen, aber ich denke, dass für Sabine vielleicht eher die "Ocean's 11"-Filmreihe als Orientierung passt. Dort sehen wir z.B. wie die Gruppe den Überfall plant und z.T. sehen wir Dinge, von denen wir nicht genau wissen, wie sie eigentlich dazu passen. Am Ende, wenn der "Heist" stattfindet, sehen wir eine Version der Geschichte, wohingegen ganz am Ende der Story herauskommt, was wirklich geschah und dabei dann auch klar wird, was die ganzen kleinen Dinge, die wir nicht richtig einordnen konnten, zu bedeuten hatten. Es wurde im Grunde nichts verheimlicht oder nur vage angedeutet, aber der Leser bzw. Zuschauer wird nicht in jedes Detail eingeweiht. Das ist es, um was es Sabine geht, denke ich.



#23
Sabine

Sabine
  • 1.120 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

Ablenkung finde ich auch sehr wichtig und ja, stimmt schon, im Grunde brauche ich nur die Wahrnehmung der Prota beschreiben, statt sie an das denken zu lassen, was sein könnte oder noch kommen wird. Ich möchte den Leser auf jeden Fall im Glauben lassen, er wüsste, was der Plan meiner Prota ist. Das gelingt am Besten, wenn ich ihn in dieser Annahme lasse, indem ich nur das beschreibe, was meine Prota gerade tut.

 

Wie genau ich alles machen werde, weiß ich noch nicht, aber mir ging es erstmal darum, ob meine Prota den Leser überraschen darf, ohne dass der ihr sauer ist, weil sie ihm nicht Bescheid gegeben hat. Hierfür habt ihr mir sehr viele wichtige Anhaltspunkte gegeben, die ich auf jeden Fall beachten werde.



#24
Sabine

Sabine
  • 1.120 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

"Die üblichen Verdächtigen" wurde hier schon angesprochen, aber ich denke, dass für Sabine vielleicht eher die "Ocean's 11"-Filmreihe als Orientierung passt. Dort sehen wir z.B. wie die Gruppe den Überfall plant und z.T. sehen wir Dinge, von denen wir nicht genau wissen, wie sie eigentlich dazu passen. Am Ende, wenn der "Heist" stattfindet, sehen wir eine Version der Geschichte, wohingegen ganz am Ende der Story herauskommt, was wirklich geschah und dabei dann auch klar wird, was die ganzen kleinen Dinge, die wir nicht richtig einordnen konnten, zu bedeuten hatten. Es wurde im Grunde nichts verheimlicht oder nur vage angedeutet, aber der Leser bzw. Zuschauer wird nicht in jedes Detail eingeweiht. Das ist es, um was es Sabine geht, denke ich.

 

 

Stimmt, Ocean's eleven arbeitet auch mit diesem Kniff. Vielleicht sollte ich mir den Film nochmal ansehen.



#25
Sabine

Sabine
  • 1.120 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

Liebe Sabine,

das Buch "Am Tag davor" von Sorj Chalandon (ein aktueller Bestseller) hat einen Icherzähler, der genau einen entscheidenden Punkt verschweigt. Ist ganz toll gemacht und ein sehr spannendes Buch. Vielleicht auch was für dich?

 

Liebe Grüße

Lisa

Das schaue ich mir auch gleich mal an. Danke!



#26
MichaelT

MichaelT
  • 709 Beiträge
  • Dabei seit 03.02.15

Das ist ein interessanter Gedanke, Angelika. Als ich überlegt hatte, den Roman diesmal im Präteritum zu schreiben, kam mir kurzzeitig tatsächlich in den Sinn, dass meine Prota die Geschichte jemandem erzählen könnte. Ich dachte dabei an den Film „Der unsichtbare Gast“, der mich dahingehend sehr fasziniert hat.

 

Der Film ist übrigens ein super Beispiel für den Perspektivwechsel, den ich meinte (mir fiel der gerade als Beispiel nicht ein).

 

Am Anfang sehen und hören wir das Ganze durch die Augen und Ohren der "Anwältin".

Wir gehen mit ihr ins Gebäude, fahren Aufzug, gehen zum Zimmer, lernen den Mandanten kennen, hören uns seine Geschichte an und haben genau die Zweifel, die auch sie hat.

Und so kriegen wir Stück für Stück raus, dass er gelogen hat.

 

Am Ende wechselt dann die Perspektive! Die Anwältin geht raus - und jetzt sehen wir das Ganze durch die Augen des Mandanten.

Wir sehen jetzt aus der Perspektive des Bösen, dass nicht er die Gute ausgetrickst hat, sondern umgekehrt: Sie hat ihn ausgetrickst.

 

Der Kniff daran ist der Perspektivwechsel.

Der Film ist so genial, weil wir die ganze Zeit über belogen und ausgetrickst werden - und zwar von mehreren Seiten.

Das funktioniert aber nur, weil wir das Ganze immer zusammen mit der Person wahrnehmen, die gerade belogen/ausgetrickst wird!


Bearbeitet von MichaelT, 11.11.2019 - 12:26,


#27
Sabine

Sabine
  • 1.120 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14

 

Das ist ein interessanter Gedanke, Angelika. Als ich überlegt hatte, den Roman diesmal im Präteritum zu schreiben, kam mir kurzzeitig tatsächlich in den Sinn, dass meine Prota die Geschichte jemandem erzählen könnte. Ich dachte dabei an den Film „Der unsichtbare Gast“, der mich dahingehend sehr fasziniert hat.

 

Der Film ist übrigens ein super Beispiel für den Perspektivwechsel, den ich meinte (mir fiel der gerade als Beispiel nicht ein).

 

Am Anfang sehen und hören wir das Ganze durch die Augen und Ohren der "Anwältin".

Wir gehen mit ihr ins Gebäude, fahren Aufzug, gehen zum Zimmer, lernen den Mandanten kennen, hören uns seine Geschichte an und haben genau die Zweifel, die auch sie hat.

Und so kriegen wir Stück für Stück raus, dass er gelogen hat.

 

Am Ende wechselt dann die Perspektive! Die Anwältin geht raus - und jetzt sehen wir das Ganze durch die Augen des Mandanten.

Wir sehen jetzt aus der Perspektive des Bösen, dass nicht er die Gute ausgetrickst hat, sondern umgekehrt: Sie hat ihn ausgetrickst.

 

Der Kniff daran ist der Perspektivwechsel.

Der Film ist so genial, weil wir die ganze Zeit über belogen und ausgetrickst werden.

Das funktioniert aber nur, weil wir das Ganze immer zusammen mit der Person wahrnehmen, die gerade belogen/ausgetrickst wird!

 

 

Genau. Das meinte ich damit, als ich sagte, dann müsste die Prota dem Leser von Anfang an etwas verschweigen, und zwar das ganze Buch hindurch. Oder zumindest bis zum Midpoint, so wie es bei "Während du stirbst" von Tammy Cohen der Fall ist.

Aber in meinem Fall kann man nicht von einer unzuverlässigen Erzählerin sprechen – bis auf diese eine winzige Stelle. Aber nur wegen dieser einen Stelle einen Perspektivwechsel zu machen, fände ich künstlich.


Bearbeitet von Sabine, 11.11.2019 - 12:30,


#28
Thomas R.

Thomas R.
  • 2.631 Beiträge
  • Dabei seit 07.04.05

Hallo zusammen,

 

bei unzuverlässigen Erzählern gibt es drei Alternativen:

 

1. a)Die Verwendung einer Erzählfigur, die absichtlich unzuerlässig erzählt: Unzuverlässig bedeutet, dass die Erzählerfigur aus bestimmten  Gründen (er war nicht dabei, er dramatisiert, er schönt für sich oder jemand anderen die Geschichte, ...) erzählt er nicht "zuverlässig", sondern entscheidet als Figur, was er erzählt. Die Figur kann Teil der Geschichte sein oder nur eine Figur, die z.B. in einer Nebenhandlung/ Rahmenhandlung vorkommt. Der unzuverlässige Erzähler bringt sozusagen eine weitere Ebene in die Geschichte. Besonders schillernde Erzählfiguren bieten dem Autor die Möglichkeit noch weitere Ebenen in eine Geschichte einzuziehen, indem der Leser überlegt, ob die Figur ihr die Wahrheit erzählt.

 

1.b) Die Verwendung mehrerer Erzählfiguren, die personal (aus ihrer Sichtweise) erzählen:George R.R.Martin lässt die Geschichte von mehreren Figuren erzählen. Die Figuren erzählen aus ihrer Perspektive, sie sind nicht allwissend, daher schildern sie gerade zentrale Ereignisse aus unterschiedlichen Sichtweisen und Perspektiven. Sie sind also nur "unzuverlässig", da sie nicht allwissend sind und als Handelnde selber erzählen. Besondere Beispiele sind die Narrengeschichten, in der ein Narr offensichtlich übertreibt.

 

1.c) Es gibt auch einen allwissenden Erzähler, der absichtlich Dinge verschweigt, ohne dies einer Erzählfigurzu zuordnen. Viele Leser betrachten dies als "Verrat am Vertrag Autor/ Leser", weil der Erzähler Wissen nachschiebt (erklärende Rückblende), wenn er es braucht, statt die Geschichte anders aufzubauen. Das Beispiel ist "Der Mann ging zu Tasche, in der er die Waffen aus seiner Navyzeit aufbewahrte, und die er gestern aus dem Schließfach geholt hatte,...." oder "Er erinnert sich an den Beisatz, der ihm vorher nicht wichtig erschienen war, als der Mann gesagt hatte, dass ..." Die etwas weniger "verräterische Variante" ist der Cliffhanger.

 

Gruß

 

Thomas


"Als meine Augen alles // gesehen hatten // kehrten sie zurück // zur weißen Chrysantheme". Matsuo Basho

#29
Ulrike

Ulrike
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Sabine, auf Amazon Prime läuft gerade "The Whole Truth" mit Keanu Reeves, der mit einem unzuverlässigen Erzähler arbeitet. Nur als Hinweis.


Bearbeitet von Ulrike, 11.11.2019 - 20:47,

 

 

LIEBE GEHT DURCH DEN GARTEN, Roman, Diana Verlag

 

 


#30
JenniferB

JenniferB
  • 2.778 Beiträge
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Was Sabine beschreibt, hat mit einem unzuverlässigen Erzähler gar nichts zu tun, das ist etwas anderes.

Es hat mit den Szenen zu tun, die wir erzählen - wir erzählen ja nie das gesamte Leben der Figur, sondern immer nur Szenen daraus. Die Frage ist nur, welche wir weglassen.



#31
Sabine

Sabine
  • 1.120 Beiträge
  • Dabei seit 01.08.14
Es ist so wie Jenny sagt.
Meine Protagonistin teilt ihren Kenntnisstand von Anfang an mit dem Leser. Alles was sie zu wissen glaubt, weiß auch er. Nur an einer Stelle spare ich ihren Kenntnisstand aus, und zwar einzig und allein aus dramaturgischen Gründen und nicht, weil die Prota etwas verschleiern will.

#32
Susann

Susann
  • 2.529 Beiträge
  • Dabei seit 21.01.07

Ich bin gerade beim Plotten eines neuen Romans. Den werde ich aus der Ich-Perspektive schreiben. Der Leser bekommt also alles mit, was die Prota denkt und ausheckt. Um den Antagonisten zu überlisten, würde ich ihr aber gerne ein Ass in den Ärmel schieben, von dem der Leser nichts weiß. Das würde bedeuten, sie trifft Vorbereitungen ohne dass der Leser dabei ist und geht dem Antagonisten augenscheinlich in die Falle. Im Gegensatz zur Prota ahnt der Leser nicht, dass es eine Falle ist und denkt dann erstmal Oh nein. Dann aber zieht die Prota ihr Ass aus dem Ärmel.

Jetzt frage ich mich: Kommt sich der Leser hintergangen vor, wenn sie ihm ihr Wissen unterschlagen hat?
Denkt ihr, so ein Vorgehen birgt Gefahren, auf die ich achten muss? Vielleicht kennt ihr Romane/Filme, in denen das daneben ging oder auch funktionierte?

 

Also ich persönlich würde mich als Leser (vermutlich) verschaukelt fühlen. Ich denke, wenn mir das Buch ansonsten Spaß gemacht hätte, wäre das kein Problem, da würde ich das verzeihen, weil das Gesamtgefühl stimmt. Grundsätzlich aber empfinde ich es, so wie du es schilderst, als dramaturgische Schwäche. So, wie du es oben schilderst, ist die Protagonistin ja dem Antagonist überlegen. Sie bereitet eine Falle vor, die sie ihm stellen will, und um die Spannung zu halten, verschweigst du das dem Leser. Ich bevorzuge Spannung, die entsteht, weil Protagonist und Antagonist sich ebenbürtig sind und die Lösung sich aus dem Geschehen oder aus einer bislang unerkannten Stärke der Haupfigur ergibt. Ich kenne dein Projekt jetzt nicht, aber hast du nicht noch eine Idee, wie du das anders drehen könntest? Dann wäre das Problem nämlich gelöst, dann würde der Leser ehrlich mit der Hauptfigur mitfiebern, weil er sie kennt, weil er ihr vielleicht einen Schritt voraus ist und die Lösung sieht, nach der sie noch sucht, und man wünscht es ihr doch so, dass sie die findet.

Ich will damit sagen: Wenn sie dem Antagonist wirklich in die Falle geht und sich aus eigener Kraft wieder befreit, dann ist das für mich als Leser befriedigender, dann 'gönne' ich ihr den Sieg mehr, als wenn sie ihm nur scheinbar in die Falle geht und zum Leser dann sagt "Ätschebätsch, reingelegt! Beklag dich nicht, wär doch sonst nicht spannend gewesen, oder?"

Ich denke, in diesem Fall kann man auch nur bedingt mit Filmen vergleichen. Die Bindung eines Lesers zu einer Ich-Erzählerin, die zumindest scheinbar alles von sich preis gibt (die also nicht als Erzählerin angelegt ist, bei der man spürt, dass nicht alles gesagt wird), ist eine ganz enge, die meines Erachtens im Film so nicht möglich ist.

Wie immer: Alles meine persönliche Meinung.


Bearbeitet von Susann, 12.11.2019 - 09:48,

Eat the frog in the morning (Mark Twain)

#33
Sabine

Sabine
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  • Dabei seit 01.08.14

 

Ich bin gerade beim Plotten eines neuen Romans. Den werde ich aus der Ich-Perspektive schreiben. Der Leser bekommt also alles mit, was die Prota denkt und ausheckt. Um den Antagonisten zu überlisten, würde ich ihr aber gerne ein Ass in den Ärmel schieben, von dem der Leser nichts weiß. Das würde bedeuten, sie trifft Vorbereitungen ohne dass der Leser dabei ist und geht dem Antagonisten augenscheinlich in die Falle. Im Gegensatz zur Prota ahnt der Leser nicht, dass es eine Falle ist und denkt dann erstmal Oh nein. Dann aber zieht die Prota ihr Ass aus dem Ärmel.

Jetzt frage ich mich: Kommt sich der Leser hintergangen vor, wenn sie ihm ihr Wissen unterschlagen hat?
Denkt ihr, so ein Vorgehen birgt Gefahren, auf die ich achten muss? Vielleicht kennt ihr Romane/Filme, in denen das daneben ging oder auch funktionierte?

 

Also ich persönlich würde mich als Leser (vermutlich) verschaukelt fühlen. Ich denke, wenn mir das Buch ansonsten Spaß gemacht hätte, wäre das kein Problem, da würde ich das verzeihen, weil das Gesamtgefühl stimmt. Grundsätzlich aber empfinde ich es, so wie du es schilderst, als dramaturgische Schwäche. So, wie du es oben schilderst, ist die Protagonistin ja dem Antagonist überlegen. Sie bereitet eine Falle vor, die sie ihm stellen will, und um die Spannung zu halten, verschweigst du das dem Leser. Ich bevorzuge Spannung, die entsteht, weil Protagonist und Antagonist sich ebenbürtig sind und die Lösung sich aus dem Geschehen oder aus einer bislang unerkannten Stärke der Haupfigur ergibt. Ich kenne dein Projekt jetzt nicht, aber hast du nicht noch eine Idee, wie du das anders drehen könntest? Dann wäre das Problem nämlich gelöst, dann würde der Leser ehrlich mit der Hauptfigur mitfiebern, weil er sie kennt, weil er ihr vielleicht einen Schritt voraus ist und die Lösung sieht, nach der sie noch sucht, und man wünscht es ihr doch so, dass sie die findet.

Ich will damit sagen: Wenn sie dem Antagonist wirklich in die Falle geht und sich aus eigener Kraft wieder befreit, dann ist das für mich als Leser befriedigender, dann 'gönne' ich ihr den Sieg mehr, als wenn sie ihm nur scheinbar in die Falle geht und zum Leser dann sagt "Ätschebätsch, reingelegt! Beklag dich nicht, wär doch sonst nicht spannend gewesen, oder?"

Ich denke, in diesem Fall kann man auch nur bedingt mit Filmen vergleichen. Die Bindung eines Lesers zu einer Ich-Erzählerin, die zumindest scheinbar alles von sich preis gibt (die also nicht als Erzählerin angelegt ist, bei der man spürt, dass nicht alles gesagt wird), ist eine ganz enge, die meines Erachtens im Film so nicht möglich ist.

Wie immer: Alles meine persönliche Meinung.

 

 

Da geht es nur eine Szene. Der Roman besteht natürlich aus noch viel mehr Szenen. Protagonist und Antagonist sind ja nur dann ebenbürtig, wenn einmal der eine, dann wieder der andere die Nasenspitze vorn hat. In dieser Szene hätte die Protagonistin die Nase vorn.
 
Ich würde ihren Plan nicht verschweigen, um die Spannung zu halten, sondern, um der Spannung am Ende einen neuen Dreh zu geben. Die Spannung wäre auch ohne Überraschung da, nur wäre das Ganze am Ende dann halt sehr konservativ gelöst. Und genau davon wollte ich weg.
 

 

Weshalb genau würdest du dich denn verschaukelt fühlen? Wenn der Autor dir sagt, dass die Protagonistin einen Plan hat, kannst du ihm doch eigentlich nicht mehr böse sein, wenn sie dich mit ihrem Plan dann überrascht, oder? Noch dazu, wenn du selbst auch auf die Idee hättest kommen können. Würdest du dann nicht eher denken "Ganz schön clever von ihr" und dich mit ihr freuen, dass sie ihm ein Schnippchen geschlagen hat?


#34
Susann

Susann
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Da geht es nur eine Szene. Der Roman besteht natürlich aus noch viel mehr Szenen. Protagonist und Antagonist sind ja nur dann ebenbürtig, wenn einmal der eine, dann wieder der andere die Nasenspitze vorn hat. In dieser Szene hätte die Protagonistin die Nase vorn.
 
Ich würde ihren Plan nicht verschweigen, um die Spannung zu halten, sondern, um der Spannung am Ende einen neuen Dreh zu geben. Die Spannung wäre auch ohne Überraschung da, nur wäre das Ganze am Ende dann halt sehr konservativ gelöst. Und genau davon wollte ich weg.
 

 

Weshalb genau würdest du dich denn verschaukelt fühlen? Wenn der Autor dir sagt, dass die Protagonistin einen Plan hat, kannst du ihm doch eigentlich nicht mehr böse sein, wenn sie dich mit ihrem Plan dann überrascht, oder? Noch dazu, wenn du selbst auch auf die Idee hättest kommen können. Würdest du dann nicht eher denken "Ganz schön clever von ihr" und dich mit ihr freuen, dass sie ihm ein Schnippchen geschlagen hat?

 

 

Hm. Ich hab letzt schon den Eindruck gehabt, dass wir bisschen aneinander vorbei reden. Ich vermute, das liegt daran, dass ich nicht so richtig deutlich machen kann, was ich eigentlich meine. Ich versuche nochmal, meinen Standpunkt zu erklären (was hoffentich nicht als Beharren missverstanden wird. Es ist lediglich ein Bemühen um Verständnis in der Sache).

 

Zu der Frage, warum ich mich verschaukelt fühlen würde: So, wie ich dich verstanden habe, lädst du den Leser von Beginn an ein, im Kopf der Figur mitzureisen. Du hast eine Ich-Erzählerin, die alles von sich erzählt, was sie denkt, was sie beobachtet und was sie plant. Es ist also nicht so wie bei den anderen hier genannten Beispielen, dass der Leser von Beginn an spürt, dass die Erzählerin nicht die ganze Wahrheit sagt. Natürlich ist so ein Erzählkonstrukt immer Fiktion. Ein Autor nimmt den Leser immer mit in eine von ihm erfundene Welt. Aber innerhalb dieser Welt ist es eben sinnvoller das Versprechen, dass er von Beginn an gibt, auch einzuhalten. Versprichst du mir also eine Figur, die alles offen mit mir teilt, dann bin ich als Leser enttäuscht, wenn sie im entscheidenden Moment das Wichtigste verschweigt. Es wird etliche Leser nicht stören. Mich stört es.

Und das hängt auch mit dem zweiten Punkt zusammen.

Wenn ich dich richtig verstehe, dann geschieht diese Täuschung des Lesers am Schluss im showdown des Romans, also zu einem Zeitpunkt, an dem ich Protagonistin und Antagonist einander gegenüberstehen sehen will. Die Stärke der Hauptfigur kann ich hier als Leser doch nur dann nachvollziehen, wenn ich miterlebe, mit welchen Mitteln sie ihre Herausforderung meistert. Dein Kniff hingegen, eine grundehrliche Figur am Schluss etwas verschweigen zu lassen, der zielt so offensichtlich darauf ab, mich als Leser nur um der Spannung Willen in die Irre zu führen, dass ich das durchschaue, und mich persönlich nervt so was. Für mich entscheidet sich im letzten Viertel ob ein Roman gelungen ist, denn da sind keine Nebelkerzen mehr möglich, da muss der Autor Farbe bekennen und zeigen, dass er Figuren und Geschichte im Griff hat.

Ich würde mir an deiner Stelle nochmal überlegen, warum du dem Leser diesen Kniff der Hauptfigur überhaupt vorenthalten willst und ob es nicht eine ebenso spannende (und überraschende) Lösung gibt, die einen miterleben lässt, wie die Hauptfigur im Moment des größten Konfliktes, in dem sie sich final gegen den Gegner behaupten muss, agiert. Wenn das plausibel und konsequent aus der Hauptfigur heraus entwickelt wird, dann ist das originell, überraschend und man braucht keine Lesertäuschung.

Andere Lösung (für mich) wäre, wenn deine Hauptfigur schon von Beginn an nicht immer so ganz die Wahrheit sagt, ich also als Leser schon recht früh den Eindruck bekomme, dass sie mir nicht alles erzählt. Das ginge auch, da gehe ich als Leser dann auch mit (wobei sich mir auch da der Sinn deiner Täuschung am Schluss nicht erschließt, was aber auch daran liegen kann, dass ich das Projekt nicht kenne).


Bearbeitet von Susann, 12.11.2019 - 14:28,

Eat the frog in the morning (Mark Twain)

#35
Sabine

Sabine
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Naja, es ist ja nicht die Figur, die absichtlich etwas verschweigt. Sie ist nach wie vor grundehrlich zum Leser. Nur ich als Autor verschweige etwas oder schöner gesagt, erzähle nicht alles aus.

Ich glaube einfach, es hängt stark vom „Wie mache ich es“ ab und welche Anker setze ich. Vielleicht denkst du da gerade zu kompliziert.
Um mal ein Beispiel zu kreieren: Meine Figur könnte am Kapitelende denken „Ich werde seiner Einladung folgen, aber vorher will ich noch in die Bücherei“. Im neuen Kapitel geht sie dann zur Einladung und wenn ihr Gegenüber dann – wie bereits zwanzig Seiten zuvor – mit seinem Argument daherkommt, dass es im Mittelalter keine Spinnräder gab, holt sie ein Buch aus der Tasche und sagt: Doch die gab es.

Und da nimmst du es der Prota bzw. dem Autor dann übel, dass du nicht erfahren hast, dass sie in der Bücherei ein Buch über Mittelalter suchen wollte, um sein ewiges Argument zu entkräften?

#36
Susann

Susann
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Naja, es ist ja nicht die Figur, die absichtlich etwas verschweigt. Sie ist nach wie vor grundehrlich zum Leser. Nur ich als Autor verschweige etwas oder schöner gesagt, erzähle nicht alles aus.

Ich glaube einfach, es hängt stark vom „Wie mache ich es“ ab und welche Anker setze ich. Vielleicht denkst du da gerade zu kompliziert.
 

 

So, wie du es geschildert hast, trittst du aber als Autorin ganz hinter der Ich-Erzählerin zurück, das heißt, die Ich-Erzählerin erzählt mir (aus welchen Gründen auch immer) ihre Geschichte. Du als Autorin bist für mich als Leser nicht erkennbar, was wiederum bedeutet, wenn die Ich-Erzählerin mir plötzlich etwas verschweigt, obwohl sie davor die ganze Zeit so getan hat, als sei sie offen und ehrlich mit mir Leser, dann nehme ich das der Ich-Erzählerin übel. Nicht dir als Autorin, die natürlich hinten steht und die Fiktion erschaffen hat - nur das realisiere ich ja nicht beim lesen, zumindest nicht, wenn mich das Buch fesselt.

 

Ich glaube, das hängt jetzt auch ganz gut zusammen mit dem, was Angelika weiter vorne geschrieben hat und was ich sehr wichtig fand. Ich zitiere mal den Beginn von dem, was Angelika gesagt hat:

 

"Das kommt mir jetzt fast so vor wie einer der Fälle, wo es wichtig wird, wem und warum der Ich-Erzähler seine Geschichte überhaupt erzählt. Aus diesem Verhältnis ergibt sich das Motiv, warum er das entscheidende Moment – das Trumpf-As – nicht erwähnt."

 

Genau. Was ist das eigentlich für eine Erzählerin, warum erzählt die ihre Geschichte, wem erzählt sie sie und warum ist sie mal auskunftsfreudig und mal nicht. Wenn ich so ein Projekt angehen würde, dann stünden diese Fragen für mich ganz am Anfang und ich würde die für mich auch unbedingt klären wollen. Auch, weil ich weiß, dass ich ein schlüssiges und für den Leser befriedigendes Ende vor allem dann finde, wenn ich die Figur kenne.

 

Und ich glaube nicht, dass das daran liegt, dass ich zu kompliziert denke oder du zu einfach. Es mag aber sehr wohl sein, dass ich nicht zu der angepeilten Zielgruppe gehöre - insofern nimm meine Einwürfe einfach als anderen Blickwinkel, den man berücksichtigen kann aber nicht muss.


Eat the frog in the morning (Mark Twain)

#37
Sabine

Sabine
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Ehrlich gesagt, weiß ich überhaupt nicht, worauf du hinaus willst.

Auf meine Frage zum geschilderte Beispiel hast du nicht geantwortet. Das hätte mir zumindest Auskunft darüber geben, ob du mein geplantes Vorgehen verstanden hast.



#38
JenniferB

JenniferB
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Der Erzähler ist halt auch in einer Ich-Perspektive nicht identisch mit der Ich-Figur :)

Man kann nah dran sein, aber der Erzähler trifft immer noch eigene Entscheidungen: Wann blendet er ein, wann blendet er aus. Was wird fokussiert, was unscharf dargestellt?

 

Ich glaube nicht, dass es ein einziges Buch gibt, in dem der Erzähler jeden Gedanken, jede Wahrnehmung und jedes Gefühl der Ich-Perspektive an den Leser weitergibt. Eine Stunde Lebenszeit der Figur würde vermutlich 200 Seiten benötigen.
Stattdessen stellen wir unsere Figuren so vor, dass Leserin und Leser sie zu kennen glaube, nachvollziehen kann, wie sie tickt.

 

Solange die Leserin im Text an der Stelle der "Offenbarung" sofort nachvollziehen kann, wie die Figur aus diese Lösung gekommen ist ("Ach, das hat sie doch beim Schachspiel mit dem LoveInterest genau so gemacht - hätte ich drauf kommen können!") ist das ideal.
Der Teufel auf der Kiste - auf Seite 506 fällt ihr plötzlich erstmalig ein, dass sie eine Kampfsportmeisterin ist - wäre dagegen billig.



#39
KerstinH

KerstinH
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Ich denke, der Punkt ist, dass Sabine sowohl den Antagonisten als auch den Leser am Ende überraschen will, obwohl der Leser die ganze Zeit im Kopf der Protagonistin war und die ganze Planung mitgekriegt hat. Es muss also irgendwo einen Punkt geben, wo Protagonistin und Leser in ihrem Denken in verschiedene Richtungen abgebogen sind, ohne dass es der Leser gemerkt hätte.

Wie Jenny meint: Der Hätte ich drauf kommen können-Moment muss (im Rückblick) deutlich sichtbar sein, sonst ist die Lösung billig und der Leser fühlt sich veräppelt.


Bearbeitet von KerstinH, 12.11.2019 - 16:59,


#40
Sabine

Sabine
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Genau.
Das was Jenny beschreibt (ein-/ausblenden, scharf/unscharf fokussieren) zählt zum Handwerk, wenn man einen Thriller schreibt. Auch bei Ich-Perspektive.