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Siri Hustvedt zu Corona, Trump und der Situation in den USA


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74 Antworten zu diesem Thema

#41
ClaudiaB

ClaudiaB
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Ich habe das Interview mit Juli Zeh gelesen, als es erschien - könnte es mir interessant vorstellen, unvoreingenommen darüber zu diskutieren. Auf fb, wo ich mich nur noch sporadisch aufhalte, habe ich diffamierende Äußerungen gelesen, die mit intellektueller Diskussion gar nichts zu tun hatten, mit Unvoreingenommenheit auch nicht.

Und ich glaube auch nicht, dass uns hier eine solche Diskussion gelingt, weder über Hustvedt, die man etwas besser kennen müsste, um das Interview wirklich einordnen zu können, noch über Zeh oder Trump oder sonst wen. Wenigstens können hier Moderatoren einschreiten, wenn es zu weit geht.


Bearbeitet von ClaudiaB, 07.05.2020 - 08:54,

Neu: Cleo Leuchtenberg (Lisa Dickreiter & Claudia Brendler) I love you heißt noch lange nicht Ich liebe dich. Oetinger HC
http://www.claudiabrendler.de


#42
AlexanderW

AlexanderW
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  • Dabei seit 20.01.20

Danke für diese Rückmeldung, Angelika. Ich habe die Diskussion um dieseThemen auch als schwierig empfunden (und möchte sie hiermit auch nicht auf der Ebene fortsetzen.) Es gab ja noch mehr Aussagen, die in der letzten Zeit für Diffusionen gesorgt haben, ich denke da nur an die Worte vom Tübinger OB Palmer. Auf deinen Beitrag hin habe ich mir das Interview mit Juli Zeh angesehen. Direkt aus der Süddeutschen kann man es nicht verlinken aber hier:

https://www.maz-onli...evoelkerung-ein

 

"Im Grund schüchtert man die Bevölkerung ein." Und das würde ich unterstreichen, auch wenn das zum Besten des Volkes geschehen soll. Und das betrifft uns als Autoren genauso. Ich habe einige Beispiele von Denunziantentum erlebt und in den Medien gesehen.

 

Ich habe den von dir verlinkten Artikel gelesen, und war angenehm überrascht und fand, dass Juli Zeh es gut auf den Punkt bringt. (Das original Interview konnte ich als nicht-SZ Abonnent nicht lesen, aber ich fand der Artikel hat ihren Ansatz gut erklärt)

 

Aber egal ob ich mit Juli Zeh's Ansatz einverstanden bin oder nicht, für mich persönlich sind die Erläuterungen nach der Art von Juli Zeh besser als der von Hustvedt, weil sie über Ideen anstatt über Leute diskutiert. 

 

Eine weitere Zusammenfassung über den Ansatz, der von Juli Zeh (sowie von anderen Prominenten) mitvertreten wird, findet sich hier: https://www.tagesspi...n/25773378.html

 

Zwei der genannten Punkte fand ich besonders gut:

 

- Die Verfasser wollen allerdings nicht die drei schützenswerten Ziele – Geld, Grundgesetz und Leben – gegeneinander aufwiegen, sondern argumentieren, dass sich diese vielmehr gegenseitig bedingen.

 

Das finde ich sehr richtig. Diesen Gedanken weitergeführt, finde ich, dass die Langzeitfolgen einer aus der Pandemie resultierende Wirtschaftskrise der Gesundheit vieler Menschen langsamer, aber genauso sicher schadet wie das Virus: Wer während der Weltfinanzkrise 2008 stark betroffen war, weil man gerade in den Arbeitsmarkt einstieg, weil man seine Firma verlor, weil man sein Haus verlor, geschieden wurde, zu Mindestlöhnen arbeiten musste oder Suchterkrankungen entwickelt hat, weiß, wovon die Rede ist. 

 

 - Eine Ungleichbehandlung verschiedener Gruppen sehen die Autoren als verfassungsrechtlich gedeckt, sogar geboten.

 

Dies wird in dem Artikel im Zusammenhang mit der Forderung genannt, das Öffentliche Leben zu öffnen und stattdessen die Gesundheitsvorsorgemaßnahmen auf die Risikogruppen zu konzentrieren. Ich finde dass dies ein guter Ansatz ist. Ungleichbehandlung verschiedener Gruppen mag sich zunächst bedenklich anhören, ist aber die Norm: Jedes Land mit Wehrpflicht behandelt verschiedene Gruppen zum Wohle des Landes ungleich, indem sie ihnen für einen bestimmten Zeitraum die Pflicht zum Wehrdienst aufbürdet.


Bearbeitet von AlexanderW, 08.05.2020 - 05:22,


#43
KerstinH

KerstinH
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Beide Links, sowohl den von Christa als auch den von Alexander eingestellten, finde ich hochinteressant und würde gern mehr darüber lesen. Leider liegt das Interview selbst, wie Alexander anmerkte, in der SZ hinter der Bezahlschranke. Wenn jemand noch einen anderen Link zu diesem Interview mit Juli Zeh hat, würde ich mich freuen, wenn er/sie ihn einstellte. 


Bearbeitet von KerstinH, 08.05.2020 - 07:30,


#44
Christa

Christa
  • 10.159 Beiträge
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Den Link von Alexander fand ich auch interessant. Von diesem Papier hatte ich noch nichts gehört, aber ich weiß, um welche Kernfragen es dabei geht. Das gesamt Interview mit Juli Zeh ist ohne Bezahlschranke nicht auffindbar. Eine Gegenmeinung habe ich noch gefunden, die beweisen will, dass Juli Zeh falsch liege. Wenn man aber schaut, wer diesem Presseorgan nahe steht, nämlich die SPD,

wird man sich seinen Teil denken.

https://www.rnd.de/p...OSUKP32464.html

 

Ganz kurz gesagt, geht es in Alexanders Artikel meiner Meinung nicht darum, nur die Alten und Kranken in Pflegeheimen zu isolieren, während sich der Rest der Bevölkerung fröhlich immunisieren darf, sondern darum, diese Einrichtungen besser auszustatten, um den Schutz zu garantieren.


Schwarzwaldkrimis Tod am schwarzen Fluss. Taschenbuch und E-Book:https://t1p.de/2mhn


Martinsmorde:- https://www.thalia.d...pe=suchhistorie Mörderische Förde ab 5.10. 20 https://www.thalia.d...D149527193.html Blog:http://schreibteufel...a.blogspot.com/


#45
KerstinH

KerstinH
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Ich muss sagen, mir ist völlig egal, wer da wem oder welcher Partei oder welcher politischen Gruppierung oder Gesinnung nahesteht. Ich bilde mir meine Meinung ohnehin aufgrund der jeweiligen Aussagen einer Person zu einem bestimmten Thema, nicht anhand ihrer Zugehörigkeit zu irgendwas.
Alles, was ich über Juli Zehs Interview lese, ob Zustimmung oder Ablehnung (wie im von Christa verlinkten Artikel) - und leider ohne selbst an das Original heranzukommen - führt mich zu der Annahme, dass ich selbst ihr in weiten Teilen zustimmen würde.


Bearbeitet von KerstinH, 08.05.2020 - 12:52,


#46
Dietmar

Dietmar
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Leider scheint es das komplette Interview mit Juli Zeh nur hinter Bezahlschranken zu geben, finde ich ehrlich gesagt nicht gut, da man nur auf Sekundärquellen angewiesen ist.

Ich bin den Link, den Alexander in seinem Beitrag hat, gefolgt und ich finde diesen Satz sehr mutig

 

 

Wenn wir auf jegliche Differenzierung verzichten, damit sich niemand diskriminiert fühlt, fallen die Einschränkungen für alle viel größer aus.

 

Da steckt viel Wahrheit dahinter und man sollte sich den Satz hinter den Spiegel klemmen, damit man ihn jeden Tag sieht. Meine Eltern sind beide schon tot, wären jetzt fast 90. Wie hätten sie in dieser Situation gehandelt? Hätten sie sich diskrimiert gefühlt? Ich weiß es nicht.

 

Christas Link ins RND ist interessant. Es ist die Meinung eines Journalisten - nicht mehr und nicht weniger.

 

 

Zunächst einmal fragt man sich ja, ob die Schriftstellerin mal Zeitung liest oder die “Tagesschau” guckt. Wenn sie es tut, dann kann ihr nicht entgangen sein, dass in Italien und Spanien seit Wochen fast täglich bis zu 1000 Menschen an dem Coronavirus sterben – viele völlig allein und ohne dass Angehörige von ihnen Abschied nehmen können.

 

Das ist ganz typischer Sensationsjournalismus. Die Informationen sollen Emotionen auslösen, um im Nachgang Angst zu erzeugen, aber keine Grundlage zur eigenen Meinungsbildung des Lesers bilden. Ein guter Autor darf das, er darf (und soll!) Emotionen auslösen; ein guter Journalist darf, auch in einem Kommentar, genau das nicht. Der Autor soll unterhalten, der Jouralist soll informieren; das ist ein gewaltiger Unterschied, auch wenn beide zur schreibenden Zunft gehören.



#47
Christa

Christa
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  • Dabei seit 18.11.05


Leider scheint es das komplette Interview mit Juli Zeh nur hinter Bezahlschranken zu geben, finde ich ehrlich gesagt nicht gut, da man nur auf Sekundärquellen angewiesen ist.

Ich bin den Link, den Alexander in seinem Beitrag hat, gefolgt und ich finde diesen Satz sehr mutig

 


 

Wenn wir auf jegliche Differenzierung verzichten, damit sich niemand diskriminiert fühlt, fallen die Einschränkungen für alle viel größer aus.

 

Da steckt viel Wahrheit dahinter und man sollte sich den Satz hinter den Spiegel klemmen, damit man ihn jeden Tag sieht. Meine Eltern sind beide schon tot, wären jetzt fast 90. Wie hätten sie in dieser Situation gehandelt? Hätten sie sich diskrimiert gefühlt? Ich weiß es nicht.

 

Christas Link ins RND ist interessant. Es ist die Meinung eines Journalisten - nicht mehr und nicht weniger.

 


 

Zunächst einmal fragt man sich ja, ob die Schriftstellerin mal Zeitung liest oder die “Tagesschau” guckt. Wenn sie es tut, dann kann ihr nicht entgangen sein, dass in Italien und Spanien seit Wochen fast täglich bis zu 1000 Menschen an dem Coronavirus sterben – viele völlig allein und ohne dass Angehörige von ihnen Abschied nehmen können.

 

Das ist ganz typischer Sensationsjournalismus. Die Informationen sollen Emotionen auslösen, um im Nachgang Angst zu erzeugen, aber keine Grundlage zur eigenen Meinungsbildung des Lesers bilden. Ein guter Autor darf das, er darf (und soll!) Emotionen auslösen; ein guter Journalist darf, auch in einem Kommentar, genau das nicht. Der Autor soll unterhalten, der Jouralist soll informieren; das ist ein gewaltiger Unterschied, auch wenn beide zur schreibenden Zunft gehören.

 

Ich muss sagen, dass ich die Bezahlschranken akzeptiere, denn das Zeitungswesen leidet ja wie auch andere ganz massiv unter der Krise (Einbruch der Anzeigen).

 

Der Satz "Wenn wir auf jegliche Differenzierung verzichten, damit sich niemand diskriminiert fühlt, fallen die Einschränkungen für alle viel größer aus" finde ich auch sehr richtig. Mein Vater sagte mit 84, er wolle noch zehn Jahre leben. Und ist dann auch noch jahrelang unterwegs gewesen. Kurz vor seinem Tod mit neunzig Jahren hat er in Begleitung eine 6-Km-Wanderung mit dem Rollator durch den Harz gemacht. Er hätte sich diese Freiheit nicht nehmen lassen. 

 

Zur Auseinandersetzung zwischen der renommierten Schriftstellerin Juli Zeh und dem Journalisten Markus Decker (Er hat übrigens auch zwei Bücher geschrieben https://www.pressesp...r/markus-decker):

Ich bin mir nicht sicher, ob das ein informierender Artikel sein soll oder nicht eher ein Essay wie bei Siri Hustvedt. Ansonsten stimme ich dir zu, dass Journalisten bei der Berichterstattung nicht gefühlsheischerisch vorgehen sollten. Gute Autoren erzeugen Gefühle beim Leser durch die Inhalte und die Form, die Stilmittel. Allerdings habe ich schon in den einen und den anderen Fällen Beispiele für Sensationsheischerei gesehen, in Zeitungen, Romanen und besonders auch in Filmen.


Bearbeitet von Christa, 08.05.2020 - 15:04,

Schwarzwaldkrimis Tod am schwarzen Fluss. Taschenbuch und E-Book:https://t1p.de/2mhn


Martinsmorde:- https://www.thalia.d...pe=suchhistorie Mörderische Förde ab 5.10. 20 https://www.thalia.d...D149527193.html Blog:http://schreibteufel...a.blogspot.com/


#48
AndreasG

AndreasG
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Christas Link ins RND ist interessant. Es ist die Meinung eines Journalisten - nicht mehr und nicht weniger.

 

 

Zunächst einmal fragt man sich ja, ob die Schriftstellerin mal Zeitung liest oder die “Tagesschau” guckt. Wenn sie es tut, dann kann ihr nicht entgangen sein, dass in Italien und Spanien seit Wochen fast täglich bis zu 1000 Menschen an dem Coronavirus sterben – viele völlig allein und ohne dass Angehörige von ihnen Abschied nehmen können.

 

Das ist ganz typischer Sensationsjournalismus. Die Informationen sollen Emotionen auslösen, um im Nachgang Angst zu erzeugen, aber keine Grundlage zur eigenen Meinungsbildung des Lesers bilden. Ein guter Autor darf das, er darf (und soll!) Emotionen auslösen; ein guter Journalist darf, auch in einem Kommentar, genau das nicht. Der Autor soll unterhalten, der Jouralist soll informieren; das ist ein gewaltiger Unterschied, auch wenn beide zur schreibenden Zunft gehören.

 

Ein guter Journalist schreibt, was ist, und genau das tut er, sogar sehr nüchtern, in dem Abschnitt, den du zitierst, Dietmar: In Spanien sterben täglich bis zu 1000 Menschen an dem Coronavirus, sie sind völlig allein, die Angehörigen können nicht Abschied nehmen. Hier wird nichts aufgebauscht, sondern nur gesagt, was ist. Sollen diese Tatsachen verschwiegen werden, damit deutsche Juristen in ihren abstrakten Gedanken nicht von eventuell aufkommenden Mitgefühlen gestört werden? Gehört es nicht zur Meinungsbildung, zu erfahren, wie die Lebenswirklichkeit aussieht? Nein, ein guter Journalist bringt die Wirklichkeit hinter den Abstraktionen und Maßnahmen zur Geltung. 


"Stirb leise, mein Engel", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Hörst du den Tod?", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Denn morgen sind wir tot", Jugendbuch, Oetinger Verlag 2015, "Bad Boys & Little Bitches", Jugendbuch Oetinger Verlag 2017 und 2018; "Wir sind die Wahrheit", Jugendbuch Dressler Verlag 2020

"Die im Dunkeln sieht man nicht", Roman, FISCHER Scherz 2019


#49
KerstinH

KerstinH
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*gelöscht*

 

@Christa: Ja, die Bezahlschranke ist völlig okay, ich wollte nur sagen, dass ich mich deshalb nicht auf das echte Interview beziehen kann.


Bearbeitet von KerstinH, 08.05.2020 - 15:47,


#50
Christa

Christa
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*gelöscht*

 

@Christa: Ja, die Bezahlschranke ist völlig okay, ich wollte nur sagen, dass ich mich deshalb nicht auf das echte Interview beziehen kann.

 

Das echte Interview kann uns nur jemand verlinken, der die SZ abonniert hat. Aber wenigstens einen Medienblog habe ich gefunden, 

in dem fünf wesentliche Sätze von Juli Zeh zitiert werden. Weiter unten, mit einem Lob an die SZ für dieses Interview.

https://medienblog.hypotheses.org/9483

 

Zum Beispiel, Zitat:

Wir wissen aus Erfahrung, wie gefährlich Angstmechanismen sind. Deshalb würde ich von verantwortlicher Politik und auch von verantwortlichen Medien verlangen, dass sie niemals Angst zu ihrem Werkzeug machen.“


Bearbeitet von Christa, 08.05.2020 - 17:08,

Schwarzwaldkrimis Tod am schwarzen Fluss. Taschenbuch und E-Book:https://t1p.de/2mhn


Martinsmorde:- https://www.thalia.d...pe=suchhistorie Mörderische Förde ab 5.10. 20 https://www.thalia.d...D149527193.html Blog:http://schreibteufel...a.blogspot.com/


#51
Ramona

Ramona
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Zunächst einmal fragt man sich ja, ob die Schriftstellerin mal Zeitung liest oder die “Tagesschau” guckt. Wenn sie es tut, dann kann ihr nicht entgangen sein, dass in Italien und Spanien seit Wochen fast täglich bis zu 1000 Menschen an dem Coronavirus sterben – viele völlig allein und ohne dass Angehörige von ihnen Abschied nehmen können.

 

Das ist ganz typischer Sensationsjournalismus. Die Informationen sollen Emotionen auslösen, um im Nachgang Angst zu erzeugen, aber keine Grundlage zur eigenen Meinungsbildung des Lesers bilden. Ein guter Autor darf das, er darf (und soll!) Emotionen auslösen; ein guter Journalist darf, auch in einem Kommentar, genau das nicht. Der Autor soll unterhalten, der Jouralist soll informieren; das ist ein gewaltiger Unterschied, auch wenn beide zur schreibenden Zunft gehören.

 

Ein guter Journalist schreibt, was ist, und genau das tut er, sogar sehr nüchtern, in dem Abschnitt, den du zitierst, Dietmar: In Spanien sterben täglich bis zu 1000 Menschen an dem Coronavirus, sie sind völlig allein, die Angehörigen können nicht Abschied nehmen. Hier wird nichts aufgebauscht, sondern nur gesagt, was ist. Sollen diese Tatsachen verschwiegen werden, damit deutsche Juristen in ihren abstrakten Gedanken nicht von eventuell aufkommenden Mitgefühlen gestört werden? Gehört es nicht zur Meinungsbildung, zu erfahren, wie die Lebenswirklichkeit aussieht? Nein, ein guter Journalist bringt die Wirklichkeit hinter den Abstraktionen und Maßnahmen zur Geltung. 

 

Well said.


Inspiration exists, but it has to find us working! (Pablo Picasso)


#52
MartinC

MartinC
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Journalismus besteht nicht nur aus dem Wiedergeben von Fakten, sondern es ist auch die Aufgabe von Medien, einzuordnen und zu interpretieren, Meinungen zu äußern und damit zur Diskussion zu stellen, sie sind auch Sprachrohr unterschiedlichster gesellschaftlicher und politischer Strömungen. Das Entscheidende ist, dass diese Bereiche sauber von einander getrennt sind, bzw. markiert werden, z.B. durch die Überschrift: Kommentar. Journalisten dürfen und sollen auch überspitzen: In einer Glosse z.B.

 

 

LG

Martin


_________________________________________________

www.martinconrath.de

Jede Art des Schreibens ist erlaubt - nur nicht die langweilige (Voltaire)


#53
KerstinH

KerstinH
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Danke, Christa, für den Link. Ich kann allen fünf Zitaten von Juli Zeh nur zustimmen.

 

Was den Journalismus betrifft: Vielleicht wäre da, ganz allgemein, auch mal eine Diskussion fällig. Wie MartinC schreibt, gibt es zwar verschiedene Textsorten: Kommentare, Glossen, Aufmacher usw., die sauber getrennt werden sollten, aber so einfach ist es nicht, zumal die Kennzeichnung/saubere Trennung nicht immer gewährleistet ist. Einordnung und Interpretation sind m.E. auch nicht die grundlegenden Aufgaben eines Journalisten, sondern Recherche, Aufdeckung, Bericht, Information. Und Meinungen äußern? Eher sollten sie sich m.E. darum bemühen, so viele Meinungen wie möglich zu einem Thema abzubilden, um diese zur Diskussion zu stellen.

 

Ganz problematisch wird es, wenn sich Journalismus und Presse- bzw. Öffentlichkeitsarbeit vermischen. Von da ist es nicht mehr weit zur Hofberichterstattung bzw. lobbygesteuerten Interessenvertretung.


Bearbeitet von KerstinH, 08.05.2020 - 19:38,


#54
Christa

Christa
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Journalismus besteht nicht nur aus dem Wiedergeben von Fakten, sondern es ist auch die Aufgabe von Medien, einzuordnen und zu interpretieren, Meinungen zu äußern und damit zur Diskussion zu stellen, sie sind auch Sprachrohr unterschiedlichster gesellschaftlicher und politischer Strömungen. Das Entscheidende ist, dass diese Bereiche sauber von einander getrennt sind, bzw. markiert werden, z.B. durch die Überschrift: Kommentar. Journalisten dürfen und sollen auch überspitzen: In einer Glosse z.B.

 

 

LG

Martin

 

Genau, ich hab noch mal nachgeschaut: Bei Markus Decker steht als Überschrift "Kommentar". Also ein Kommentar zum Interview mit Juli Zeh. Wenn man regelmäßig und länger Zeitungsberichte, Kommentare, Glossen usw. liest, fällt es einem meist selber auf, ob es "passt". In meiner Zeitung ist mir schon bei Lokalberichten aufgefallen, dass sich Informationen, Meinungen und sogar Wertungen mischen. Dagegen steht vorne in der Zeitung immer ein "Kommentar" oder weiter hinten eine "Glosse".


Schwarzwaldkrimis Tod am schwarzen Fluss. Taschenbuch und E-Book:https://t1p.de/2mhn


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#55
Dietmar

Dietmar
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Christas Link ins RND ist interessant. Es ist die Meinung eines Journalisten - nicht mehr und nicht weniger.

 

 

Zunächst einmal fragt man sich ja, ob die Schriftstellerin mal Zeitung liest oder die “Tagesschau” guckt. Wenn sie es tut, dann kann ihr nicht entgangen sein, dass in Italien und Spanien seit Wochen fast täglich bis zu 1000 Menschen an dem Coronavirus sterben – viele völlig allein und ohne dass Angehörige von ihnen Abschied nehmen können.

 

Das ist ganz typischer Sensationsjournalismus. Die Informationen sollen Emotionen auslösen, um im Nachgang Angst zu erzeugen, aber keine Grundlage zur eigenen Meinungsbildung des Lesers bilden. Ein guter Autor darf das, er darf (und soll!) Emotionen auslösen; ein guter Journalist darf, auch in einem Kommentar, genau das nicht. Der Autor soll unterhalten, der Jouralist soll informieren; das ist ein gewaltiger Unterschied, auch wenn beide zur schreibenden Zunft gehören.

 

Ein guter Journalist schreibt, was ist, und genau das tut er, sogar sehr nüchtern, in dem Abschnitt, den du zitierst, Dietmar: In Spanien sterben täglich bis zu 1000 Menschen an dem Coronavirus, sie sind völlig allein, die Angehörigen können nicht Abschied nehmen. Hier wird nichts aufgebauscht, sondern nur gesagt, was ist. Sollen diese Tatsachen verschwiegen werden, damit deutsche Juristen in ihren abstrakten Gedanken nicht von eventuell aufkommenden Mitgefühlen gestört werden? Gehört es nicht zur Meinungsbildung, zu erfahren, wie die Lebenswirklichkeit aussieht? Nein, ein guter Journalist bringt die Wirklichkeit hinter den Abstraktionen und Maßnahmen zur Geltung. 

 

Aber sicher sind die Fakten wahr, das werde ich auch nicht bestreiten. Nur ist die Art und Weise, wie Markus Decker sie in dem von mir zitierten Abschnitt darstellt, für mich eine ganz subtile Methode, die moralische Integrität von Juli Zeh infrage zu stellen. Deckers Kontext, in dem er diese Argumentation verwendet, ist am Titel des Kommentars zu erkennen - "Corona-Krise: Warum Juli Zeh völlig falsch liegt". Er leitet seine eigentliche Argumentation, um sie zu widerlegen, mit "Zunächst einmal fragt..." ein. Ich nenne das, was dann kommt, in der Art und Weise, wie die Fakten dargestellt werden, Moralkeule. Eine sachliche Argumentation ist danach nicht mehr möglich. Ein Journalist darf in einem Kommentar seine Meinung äußern. Das aber moralisch vergleichend mit einer anderen Person, sollte ein Journalist gefälligst nicht tun. Der Leser kann sich danach nämlich keine eigene Meinung bilden, ohne in moralische Konflikte zu kommen.


Bearbeitet von Dietmar, 08.05.2020 - 20:24,


#56
KerstinH

KerstinH
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Ich muss sagen, ich sehe es wie Dietmar. Dieses "man fragt sich ja ..." und "kann ihr nicht entgangen sein ..." ist subtil, trotzdem aber polemisch.



#57
AndreasG

AndreasG
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Christas Link ins RND ist interessant. Es ist die Meinung eines Journalisten - nicht mehr und nicht weniger.

 

 

Zunächst einmal fragt man sich ja, ob die Schriftstellerin mal Zeitung liest oder die “Tagesschau” guckt. Wenn sie es tut, dann kann ihr nicht entgangen sein, dass in Italien und Spanien seit Wochen fast täglich bis zu 1000 Menschen an dem Coronavirus sterben – viele völlig allein und ohne dass Angehörige von ihnen Abschied nehmen können.

 

Das ist ganz typischer Sensationsjournalismus. Die Informationen sollen Emotionen auslösen, um im Nachgang Angst zu erzeugen, aber keine Grundlage zur eigenen Meinungsbildung des Lesers bilden. Ein guter Autor darf das, er darf (und soll!) Emotionen auslösen; ein guter Journalist darf, auch in einem Kommentar, genau das nicht. Der Autor soll unterhalten, der Jouralist soll informieren; das ist ein gewaltiger Unterschied, auch wenn beide zur schreibenden Zunft gehören.

 

Ein guter Journalist schreibt, was ist, und genau das tut er, sogar sehr nüchtern, in dem Abschnitt, den du zitierst, Dietmar: In Spanien sterben täglich bis zu 1000 Menschen an dem Coronavirus, sie sind völlig allein, die Angehörigen können nicht Abschied nehmen. Hier wird nichts aufgebauscht, sondern nur gesagt, was ist. Sollen diese Tatsachen verschwiegen werden, damit deutsche Juristen in ihren abstrakten Gedanken nicht von eventuell aufkommenden Mitgefühlen gestört werden? Gehört es nicht zur Meinungsbildung, zu erfahren, wie die Lebenswirklichkeit aussieht? Nein, ein guter Journalist bringt die Wirklichkeit hinter den Abstraktionen und Maßnahmen zur Geltung. 

 

Aber sicher sind die Fakten wahr, das werde ich auch nicht bestreiten. Nur ist die Art und Weise, wie Markus Decker sie in dem von mir zitierten Abschnitt darstellt, für mich eine ganz subtile Methode, die moralische Integrität von Juli Zeh infrage zu stellen. Deckers Kontext, in dem er diese Argumentation verwendet, ist am Titel des Kommentars zu erkennen - "Corona-Krise: Warum Juli Zeh völlig falsch liegt". Er leitet seine eigentliche Argumentation, um sie zu widerlegen, mit "Zunächst einmal fragt..." ein. Ich nenne das, was dann kommt, in der Art und Weise, wie die Fakten dargestellt werden, Moralkeule. Eine sachliche Argumentation ist danach nicht mehr möglich. Ein Journalist darf in einem Kommentar seine Meinung äußern. Das aber moralisch vergleichend mit einer anderen Person, sollte ein Journalist gefälligst nicht tun. Der Leser kann sich danach nämlich keine eigene Meinung bilden, ohne in moralische Konflikte zu kommen.

 

 

Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, was du hier beweisen willst, Dietmar. Der Text ist eindeutig als Kommentar gekennzeichnet. Also die Meinung eines Journalisten zu den Einlassungen von Juli Zeh, die ihrerseits ihre Meinung gesagt hat. Diese ihre Meinung gibt er am Anfang wider, damit man als Leser, wenn man Zehs Text nicht kennt, in etwa weiß, worauf er sich bezieht. Wenn er sie falsch widergibt, könnte man ihm das vorwerfen. Wie auch immer, man kann der einen wie auch der anderen Meinung zustimmen oder sie ablehnen. Kommentare dürfen auch polemisch sein (was dieser Text meiner Meinung nach aber nicht ist, im Gegenteil, er ist sehr sachlich und lobt Juli Zeh als kritische Beobachterin). Warum muss also die (moralische) Integrität des Autors angegriffen werden, statt dass man einfach versucht, seine Argumente zu widerlegen? 


"Stirb leise, mein Engel", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Hörst du den Tod?", Jugendthriller, Oetinger Verlag 2014, "Denn morgen sind wir tot", Jugendbuch, Oetinger Verlag 2015, "Bad Boys & Little Bitches", Jugendbuch Oetinger Verlag 2017 und 2018; "Wir sind die Wahrheit", Jugendbuch Dressler Verlag 2020

"Die im Dunkeln sieht man nicht", Roman, FISCHER Scherz 2019


#58
Christa

Christa
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Zum Thema "Moralkeule": In meiner heutigen Lokalzeitung gibt es auf der zweiten Seite einen "Leitartikel" mit der Überschrift:

Hört auf zu jammern! Er bezieht sich auf die Kritik an der Beschneidung von Grundrechten. Die Journalistin weist die Deutschen darauf hin, dass sie jeden Tag dieses sonnigen Frühlings draußen herumspazieren konnten und inzwischen wieder shoppen und die Haare schneiden lassen dürfen. Sie empfiehlt, zu den Nachbarländern hinüberzuschauen und zu registrieren, dass die Italiener 50 Tage lang eingesperrt waren und die Franzosen sich nur eine Stunde am Tag einen Kilometer im Umkreis der Wohnung bewegen dürfen (bis Montag). Inzwischen demonstrieren jede Woche in Stuttgart zunehmend mehr Menschen für die Erhaltung der Grundrechte wie Versammlungsfreiheit.

 

Wie wirkt diese freundlich-moralische Ermahnung auf mich? Erst einmal denke ich, das Verhalten der Nachbarländer, bei denen die Grundrechte noch stärker eingeschränkt wurden, ändert nichts an der Tatsache, dass die Grundrechte auch bei uns bis zum Anschlag überdehnt und vor allem polizeistaatlich überwacht wurden. Die Demonstrationen in Stuttgart wurden mit einem gewaltigen Kraftakt und 25 000 Euro Finanzeinsatz vor dem Verfassungsgericht in Karlsruhe erstritten. Das Recht gab den Jammerern also recht. Und es gibt Juli Zeh recht, die ja Mitglied des Verfassungsgerichtes Brandenburg ist.


Bearbeitet von Christa, 09.05.2020 - 10:52,

Schwarzwaldkrimis Tod am schwarzen Fluss. Taschenbuch und E-Book:https://t1p.de/2mhn


Martinsmorde:- https://www.thalia.d...pe=suchhistorie Mörderische Förde ab 5.10. 20 https://www.thalia.d...D149527193.html Blog:http://schreibteufel...a.blogspot.com/


#59
Dietmar

Dietmar
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Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, was du hier beweisen willst, Dietmar. Der Text ist eindeutig als Kommentar gekennzeichnet. Also die Meinung eines Journalisten zu den Einlassungen von Juli Zeh, die ihrerseits ihre Meinung gesagt hat. Diese ihre Meinung gibt er am Anfang wider, damit man als Leser, wenn man Zehs Text nicht kennt, in etwa weiß, worauf er sich bezieht. Wenn er sie falsch widergibt, könnte man ihm das vorwerfen. Wie auch immer, man kann der einen wie auch der anderen Meinung zustimmen oder sie ablehnen. Kommentare dürfen auch polemisch sein (was dieser Text meiner Meinung nach aber nicht ist, im Gegenteil, er ist sehr sachlich und lobt Juli Zeh als kritische Beobachterin). Warum muss also die (moralische) Integrität des Autors angegriffen werden, statt dass man einfach versucht, seine Argumente zu widerlegen?

 

Dass Decker die moralische Integrität Zehs angreift, habe ich in einem Zeit bewiesen. Wir können gerne darüber diskutieren, ob das Zitat das hergibt. Deine Frage "Warum muss..." ist überflüssig. Mich interessieren auch weniger die Fakten, die Decker vorbringt, ich sehe sie anders, ohne das hier auszuführen, da das hier keine Gesundheitsforum ist.

 

Schon die Überschrift "Warum Juli völlig falsch liegt", verstärkt durch die Einleitung "Die 45-Jährige irrt gewaltig, findet Markus Decker." ist für mich journalistisch grenzwertig. Bereits in der Überschrift bekomme ich das Ergebnis des Artikels geliefert ohne, dass ich mir eine eigene Meinung anhand seines Kommentares bilden konnte. Ich sage zu soetwas immer eine Interpretationsvorgabe, eine offen geäußerte Erwartungshaltung des Journalisten. Ich will von einem Journalisten informiert werden, auch in einem Kommentar, aber nicht betreut. Wenn er im Schlußsatz zu der Aussage kommt, Juli Zeh liegt völlig falsch, darf er das und es wirkt auf mich auch ganz anders. Ein guter Journalist  beherrscht nicht nur das Aneinanderreihen von Worten, sondern sollte auch wissen, wie Meinungsbildung funktionert. Ein Gitarrist, der nur die Akkorde eines Songs runterspielt, kann zwar Gitarre spielen, aber eben auch nicht mehr.

 

Die Meinungsbildung und Meinungsäußerung beim Leser basiert ja nicht nur auf der  Interpretation von Fakten, sondern, vorallem, wenn sie abweichend ist, auch auf der Einschätzung, wie diese Meinung auf das soziale Umfeld wirkt, wie die Reaktionen sein werden. Ein Journalist ist es beruflich gewöhnt, sein Produkt in der Öffentlichkeit zu sehen und kann damit umgehen. Die meisten Leser können das nicht. Ein guter Journalist sollte seine Leser dazu bringen, mit ihrer Meinung öffentlich zu werden, damit sie gehört wird. Wenn schon in der Überschrift eine andere Meinung als falsch und Irrtum bezeichnet wird, werden wenige dazu animiert werden, das öffentlich anders als Decker zu sehen. Wer will öffentlich schon gerne mit "falsch" und "Irrtum" in Verbindung gebracht werden? Da wird man eher schweigen, bis es so aussieht, als würde es andere Meinungen gar nicht geben und Zeh sich wohl tatsächlich irrt und falsch liegt.



#60
AndreasE

AndreasE
  • 2.452 Beiträge
  • Dabei seit 01.04.07

Schon die Überschrift "Warum Juli völlig falsch liegt", verstärkt durch die Einleitung "Die 45-Jährige irrt gewaltig, findet Markus Decker." ist für mich journalistisch grenzwertig. Bereits in der Überschrift bekomme ich das Ergebnis des Artikels geliefert ohne, dass ich mir eine eigene Meinung anhand seines Kommentares bilden konnte. Ich sage zu soetwas immer eine Interpretationsvorgabe,

 

Das nennt man "Framing": die Denkgatter vorgeben, durch die sich der Leser bewegen soll.