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Inside Out Perspective?


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50 Antworten zu diesem Thema

#41
DirkH

DirkH
  • 1.048 Beiträge
  • Dabei seit 29.04.15

 

Unsere Professorin hat uns an der Aka bewusst sehr streng geführt, wir durften bei Outside In erst sehr spät mit den Figuren anfangen und bei Inside Out erst sehr spät mit der Welt. Wir sind am Anfang natürlich auch gleich hin und her geglitten - und dabei sind uns wichtige Blickwinkel flöten gegangen. Es war für mich, die fast immer Inside Out macht, total spannend, gezwungenermaßen erstmal nur die Konflikte in der Welt zu sehen. Ich wäre viel zu früh zur Figur abgebogen und hätte mich nicht tiefer in die Welt gegraben und so auch nicht ein Spannungsfeld erreicht, das für die Figuren dann wiederum viel spannender gewesen wäre. Einigen meiner KollegInnen, die lieber Outside In gemacht haben, ging es genau umgekehrt. Die wurden bei Inside Out gezwungen, lange bei der Figur zu bleiben und nicht schon die Welt mitzubauen. Lange Rede kurzer Sinn: Es ging meiner Professorin darum, uns vor allem im Finden der Konflikte sowohl Inside Out als auch Outside In zu trainieren. Sie hat uns gezwungen, genau hinzuschauen.

 

Das ist der große Nachteil des Autodidakten: Er leitet sich selbst an und geht oft unbewusst den bequemeren Weg. Deine Ausführungen, Lisa, verführen mich dazu, es selbst mal auf diese Weise auszuprobieren (gerade liegt ein neues Projekt auf dem Schreibtisch und will ausgearbeitet werden).

 

 

Ja, bei Outside In besteht die Gefahr, dass die Charaktere im Sinne der Außenwelt verbogen und zu Erfüllern gemacht werden - aber dafür kann die Arbeitsweise nichts! Das liegt dann ganz allein an den Autorinnen. So wie bei Inside Out die Gefahr besteht, dass die Welt zu schematisch gebaut ist. Aber auch da liegt es nicht an der Arbeitsweise... 

 

 

Genau das habe ich mir auch schon gedacht: Wenn man sich zu stark an Regeln klammert, bleibt vielleicht die Lebendigkeit des Textes auf der Strecke. Geht mir jedenfalls so, wenn ich die Handlung zu detailliert plotte.


Sagt Abraham zu Bebraham: Kann ich mal dein Cebraham?


#42
ClaudiaB

ClaudiaB
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  • Dabei seit 11.12.09

Übrigens kann man das in der Doku über Margaret Atwood gut verfolgen, die hier auch bereits empfohlen wurde (Arte). Ihre Outside-Herangehensweise an den Report der Magd (auch noch an einige andere von feministischen Ideen getriebene Bücher), ihre absolute Akribie, mit der sie lange im Außen bleibt und überprüft, dass jede Regel, jedes Zitat, das in dieser konstruierten, so unmenschlich scheinenden Welt Buch gebraucht wurde, in unserer Wirklichkeit (damals, der 80er) bereits existierte, in irgendeiner Zeitung/Nachricht zu finden war - und das ohne Internet. Und wie akribisch und genau sie daraufhin ihre Figurenkonstellation und die Hauptfiguren baut.

 

Spannend finde ich im Übrigen auch, dass diese Außenwelt im Grunde auch eine bestimmte Erzählform sein könnte, wenn man sie als "Welt des Buches" begreifen will. Ja, und das, was Dirk und Lisa sagen, dem stimme ich unbedingt zu, danke auch nochmal, Lisa für diese so genaue Erläuterung und Nach-Erläuterung. Ich denke auch, wenn man eine Professorin von "Outside" hat, :)  die einen dazu anhält, länger zu suchen und nicht sofort den bequemen, weil vertrauten Weg einzuschlagen, kostet es mehr Erschaffungsqual, aber das Ergebnis überzeugt oder bringt einen jedenfalls voran. So erlebt man auch Frau Atwood, die ihre eigene Professorin ist, wie sie durch ihren Raum voller Zeitungssausschnitte tigert und sie zusammenstellt, dann von neuem beginnt ... nach bequemem Weg sieht das tatsächlich nicht aus.


Bearbeitet von ClaudiaB, 16.10.2020 - 14:17,

Neu: Cleo Leuchtenberg (Lisa Dickreiter & Claudia Brendler) I love you heißt noch lange nicht Ich liebe dich. Oetinger HC
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#43
IlonaS

IlonaS
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@ Ilona: Ich glaube, du vermischst da etwas, was nicht vermischt werden sollten. Dirks Definition beschreibt die beiden Arbeitsweisen ja sehr gut, es geht um den Story Seed - und bei dem ist es egal, ob er von einem Charakter ausgeht oder von einer Situation, Prämisse, Welt. Dein Zitat von Scott Myers ist einfach Myers (und anderer Leute) Meinung, dass Inside Out zu bevorzugen sei. Ja, bei Outside In besteht die Gefahr, dass die Charaktere im Sinne der Außenwelt verbogen und zu Erfüllern gemacht werden - aber dafür kann die Arbeitsweise nichts! Das liegt dann ganz allein an den Autorinnen. So wie bei Inside Out die Gefahr besteht, dass die Welt zu schematisch gebaut ist. Aber auch da liegt es nicht an der Arbeitsweise... 

 

Ich glaube nicht, dass ich etwas vermische, ich habe Myers Zitat nur zu den Erklärungen hinzugefügt und im weiteren versucht zu der Entstehung dieser Begriffe auf den Grund zu gehen. Meine eigene Interpretation habe ich bisher noch gar nicht zum Besten gegeben. ;)

 

Mir ist das schon klar, was die Begriffe bedeuten und wie sie auch im Zusammenhang den Begriffe mit character und plot driven stehen. Da ich meine ersten Schritte in der Schriftstellerei in britischen und amerikanischen Zirkeln gemacht habe, und dort auch College Credits erzielt habe, glaube ich die vor allem die amerikanische Sichtweise gut beurteilen zu können. Zu der deutschen "Lehre" bin ich erst später gekommen. 

 

Mein Prozess fängt oft (nicht immer) Outside in an. Ich bekomme eine Idee einer Spannungskonstellation durch Ereignisse von außen und überlege mir, welche Charaktertypen dazu passen würden, um ein Buch darüber zu schreiben. aber sind die Figuren einmal in meinem Kopf, bestimmen sie, was sie aus dieser Konstellation machen, also inside out, oder früher sagte man, die Figuren verselbstständigen sich.  :)

 

Ich denke, dass pures Outside in verlangt, dass du eine äußere Konstellation eines Konflikts kreierst, der schon das Ende beinhaltet. Ich schreibe über ein historisches Ereignis und muss mit meinen Figuren dem entsprechen. Der Ausgang der Schlacht kann nicht offen sein, sondern ist vorbestimmt. Jeanne d'Arc wird am Scheiterhaufen enden, egal, wie du sie zeichnest. Nein, im Gegenteil, du musst sie so zeichnen, damit sie ihr Schicksal erleidet.

 

Bei purem inside out kann alles Mögliche passieren. Da könnte Jeanne d'Arc das Schwert fallen lassen und heiraten. 


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#44
Lisa

Lisa
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  • Dabei seit 14.11.06

Liebe Ilona,

sei mir nicht böse, aber du vermischst hier wirklich mehrere Dinge. Die beiden Arbeitsweisen eine Geschichte zu entwickeln, um die es hier geht - Outside In und Inside Out - führen im Idealfall zum selben Ergebnis. Man nähert sich nur von unterschiedlichen Blickwinkeln aus, stellt die Fragen in einer unterschiedlichen Reihenfolge. Aber das, was du beschreibst, diese Ausschließlichkeit, dass man bei Outside In schon das Ende haben muss und bei Inside Out alles mögliche passieren kann, das stimmt so einfach nicht. Claudia hat auf Margret Atwood hingewiesen, die beim Report der Magd und auch bei anderen Büchern Outside In gearbeitet hat. Sie zeigt ja grade auf, dass bei Outside In auch alles offen sein kann, man nicht auf ein bestimmtes Ende festgelegt ist.

 

Meyers Zitat ist keine Erklärung, sondern eine Bewertung. Er zieht die eine Arbeitsweise - Inside Out - der anderen vor. Kann er ja gerne machen, jeder darf seine Lieblinge haben. Aber hier ging es ja erstmal nur um die beiden Arbeitsweisen, darum, wie sie funktionieren.

 

Meine Professorin war/ist übrigens Amerikanerin. Wir haben an der Filmakademie ja Dozenten/ProfessorInnen aus dem Filmbereich und da eben nicht nur aus Deutschland. Keith Cunningham (The Soul of Screenwriting) war mein Lieblingsprof.

 

Liebe Grüß

Lisa


Bearbeitet von Lisa, 16.10.2020 - 14:55,


#45
IlonaS

IlonaS
  • 1.503 Beiträge
  • Dabei seit 14.08.13
Wieso soll ich dir böse sein? Erkenntnisgewinn ist der Sinn einer Diskussion - oder sollte es zumindest sein. Ich habe meine Interpretation geäußert, die meinem derzeitigen Kenntnisstand entspringt. Ich bin im Laufe der Jahre nur vorsichtig geworden, eine Theorie zu schnell zum Dogma zu erheben, dazu ist alles zu sehr im Fluss. Ich weiß auch nicht, ob man alles aus dem Scriptwriting 1:1 auf Romane übertragen kann - eine gegenseitige Befruchtung ist sicher richtig.

Bearbeitet von IlonaS, 16.10.2020 - 18:17,

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#46
Lisa

Lisa
  • 1.645 Beiträge
  • Dabei seit 14.11.06

Liebe Ilona,

da bin ich froh!

 

Aber eines verstehe ich nicht: Wer hat denn hier von Dogma geredet? Outside In und Inside Out sind einfach zwei Arbeitsweisen von ganz vielen, die man verfolgen kann oder nicht. Aber keiner von uns hat hier geschrieben, dass man die eine oder die andere verwenden muss

 

Outside In und Inside Out kommen meines Wissens nach auch nicht aus dem Scriptwriting. Das erste Beispiel, das wir damals dazu genannt bekamen, war "Krieg und Frieden" von Tolstoi.

 

Liebe Grüße

Lisa



#47
AndreasE

AndreasE
  • 2.452 Beiträge
  • Dabei seit 01.04.07

Vielleicht ist das Wichtigste, worauf es bei "methodischen Ansätzen" aller Art ankommt, das, dass sie uns lang genug vom Schreiben abhalten, dass wir, wenn wir die ersten Zeilen schreiben, wissen, was wir tun. Denn um das zu wissen, ist Vorbereitung nötig, viel Nachdenken und – Zeit.



#48
KarinKoch

KarinKoch
  • 797 Beiträge
  • Dabei seit 07.10.17

Oder, weil es mein Lieblingszitat ist: Wenn du weißt, was du tust, kannst du tun was du willst.


Wenn du weißt, was du tust

kannst du tun, was du willst. (Moshe Feldenkrais)
http://www.peter-ham...ils/karin_koch/


#49
HenningS

HenningS
  • 68 Beiträge
  • Dabei seit 11.04.19

Oder, weil es mein Lieblingszitat ist: Wenn du weißt, was du tust, kannst du tun was du willst.

Tolles Zitat!

 

Meinem Schreibunterricht stelle ich oft ein Zitat von Elizabeth George voran:

Es gibt keine Regeln, nur sachkundige Entscheidungen. Und sachkundige Entscheidungen könnt ihr nur treffen, wenn ihr euch sachkundig macht.

 

Deines sagt etwa das gleiche - nur kürzer



#50
KerstinH

KerstinH
  • 1.335 Beiträge
  • Dabei seit 08.04.19
Oder wie der Dalai-Lama in seinen Empfehlungen zum neuen Jahrtausend: Lerne die Regeln, damit du sie richtig brechen kannst.

#51
IlonaS

IlonaS
  • 1.503 Beiträge
  • Dabei seit 14.08.13

Ich kann auch etwas beisteuern:

 

Nur die Naturwissenschaft verfügen über ein Absolut, das sich beweisen lässt. Alles andere sind gedankliche Modelle, denen man folgen kann - oder eben auch nicht.


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