Inhalte aufrufen

Profilbild

Die Brillenmacherin erscheint


  • Zum Antworten bitte anmelden
28 Antworten zu diesem Thema

#21
Andreas

Andreas
  • 3.499 Beiträge
  • Dabei seit 10.02.05

Wenn ich an mich faszinierende, gut recherchieret historische Romane denke, z.B. Michelangelo (Autor?) oder Dunns "Kathedrale der Erinnerung" - die kamen ohne "Auflösung" aus und es hat nicht geschadet.

Die häufigsten Rückmeldungen, das ich von meinen Testlesern bekommen habe, waren:
1) Ganz naiv: Echt? Das wusste ich ja gar nicht, dass Luther ein Esoteriker war!
2) Relativ naiv: Stimmt das echt? Dass Luther ein Esoteriker war?
3) Smart: Was davon stimmt denn nun eigentlich wirklich?
Daher möchte ich sowas klarstellen.

Andere Idee: Warum nicht Mehrfachvermarktung? Warum nicht, wenn da wirklich so akribisch recherchiert wurde, das Sachbuch zum Roman schreiben? Es gibt doch auch Kochbücher und Gartenbücher zu Pilcher-Romanen? Und eines puscht das andere?

Dafür habe ich keine Zeit - ich denke mir lieber neue Romane aus :)

Andreas, dein Bemühen um Trennung von Fiktion und Wirklichkeit in allen Ehren. Vergiss es. Dan Brown sagt euch ja allen was und inzwischen gab es ja zig Berichte, was er alles erfunden hat. Sein Roman ist auch eindeutig als Fiktion

An der einzigen Stelle, wo es wichtig gewesen wäre, und wo es auch jeder gelesen hätte - nämlich am Ende das Romans Sakrileg - hat er es nicht gesagt. Und das ist das Fatale daran. Keineswegs zufällig, sondern bewusste Irreführung.

Andreas - ein Autor kann nicht lenken oder vorhersehen, wie seine Bücher gesehen werden.
Und bitte nachher Lesungen an Schauplätzen, gelle?

Guter Punkt, dann muss ich unbedingt zusehen, dass der nächste Roman auf des Seychellen spielt!  ;D

Gruß,

Andreas

#22
Titus

Titus
  • 421 Beiträge
  • Dabei seit 11.02.05
Ich gebe zu, Andreas, daß deine Lage keine einfache ist. Ob die Leser nun glauben, Nicholas Hereford sei im Februar 1387 befreit worden, oder ob sie glauben, er sei im Mai 1387 entkommen, das spielt keine große Rolle. Die Frage, ob Martin Luther ein Esoteriker war, hat mehr Gewicht.  :s09 Ich würde mich wahrscheinlich auch unwohl fühlen, wenn ich davon ausgehen müßte, daß ein Teil meiner Leser das für bare Münze nimmt. Insofern: Dein Nachwort hat meinen Segen.  ;D Gestattest du eine unverfrorene Frage? Dir scheint unangenehm zu sein, was du deine Leser zu denken lehrst. Warum dann diese Thematik? Schöner ist es doch, wenn man eine Geschichte erzählt, die man ohne Sorgen im Raum stehen lassen kann, oder? Okay, okay, das "Please don't try this at home" hat auch seine Reize ...  :p ;) Titus

Trailer zum neuen Roman. Unglaublich, aber wahr! Wie der Hochstapler Franz Tausend in den 1920er Jahren die Republik zum Narren hielt.


#23
Martina

Martina
  • 4.722 Beiträge
  • Dabei seit 10.02.05
Die Reaktionen des Publikums können wir alle nicht kontrollieren: Menschen schlagen einen Schauspieler zusammen, weil der in der Lindenstraße einen Neo-Nazi gespielt hat. Shit happens. Wir als Autoren müssen mit uns selbst im Reinen sein. Und die reale Geschichte zu verbiegen würde mir Unwohlsein verursachen. Wenn ich einen historischen Roman schreibe, habe ich ein Rahmengerüst. Meiner Phantasie sind trotzdem keine Grenzen gesetzt. Gruß, Tin

#24
Andreas

Andreas
  • 3.499 Beiträge
  • Dabei seit 10.02.05

Gestattest du eine unverfrorene Frage? Dir scheint unangenehm zu sein, was du deine Leser zu denken lehrst. Warum dann diese Thematik? Schöner ist es doch, wenn man eine Geschichte erzählt, die man ohne Sorgen im Raum stehen lassen kann, oder?

Guten Morgen!
Das Thema scheint uns ja nicht loszulassen ;)

Ich denke, der große Unterschied liegt jeweils in der Art des Buches, das man schreibt. In einem historischen Roman ist es ja durchaus auch ein Anliegen des Autors, ein reales Bild der Zeit zu zeichnen und dem Leser auf diese Weise einen Einblick zu gewähren, eine Art Wissen zu vermitteln.
Bei Büchern allerdings, die ganz bewusst damit spielen, dasssich eine scheinbare Wahrheit von der anderen ablöst, und dem Leser ein Szenario präsentiert wird, in dem er nicht mehr unterscheiden können soll, was real und was fiktiv ist, sehe ich es als Verantwortung des Autors (oder jedenfalls meine) dies wenigstens am Ende aufzuklären.

So gesehen ist deine Frage, Titus, weshalb mir unangenem sei, was ich die Leser zu denken lehrte (hier Konjunktiv 2?), leicht beantwortet: Ich möchte die Leser gar nicht das zu denken lehren, was den Protagonisten zustößt.
Die Leser identifizieren sich mit den Mysterien und den Fragen der Protagonisten, erleben das Entdecken und das immer neue Revidieren von zuvor als wahr angenommenen Zusammenhängen. Am Ende des Buches, wenn diese Fragen für die Protagonisten nicht mehr relevant sind und sie das Themengebiet verlassen haben, kläre ich zumindest den Leser dann auf.

Zweifellos leben wir in einer Zeit, in der die Masse dessen, was wir nicht wissen, immer unendlich viel größer sein wird, als das, was wir wissen. Vor ein paar hundert Jahren konnte ein Mensch noch alles wissen, was jemals erforscht oder publiziert wurde. Das ist längst nicht mehr der Fall, und durch die Herrschaft der Medien ist das verfügbare Wissen angereichert worden um ein Vielfaches an Verfälschungen und Spekulationen. Siehe Dan Brown.

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass vieles, von dem ich schreibe, den Lesern nicht bekannt ist. Ich möchte nicht zur allgemeinen Verwirrung und zur Verbreitung von gefährlichem Halbwissen beitragen, indem ich nicht aufkläre, was davon historisch ist, und was erfunden ist. Zumindest so viel kann und muss ich tun. Nur, weil ich annehme, dass Leser das eh' nicht lesen und sich ihre eigene Realität schaffen (was ja vielleicht stimmt), entbindet mich nicht von der Verantwortung, mein Bestes getan zu haben. Ein "das nützt eh' nichts" lasse ich nicht gelten.

Vielleicht ist meine Art von Roman aber auch ein Spezialfall. Und ich selbst, und mein Anspruch vielleicht auch. Das Thema "Wissen" ist nicht ohne Grund das Leitmotiv der Roman-Reihe (der auch noch ein dritter Teil folgen soll).

Ich würde auch einem "historischen" Roman kein Wort glauben, es sei denn, der Autor weist ausdrücklich darauf hin. Aber für andere Leser füllen historische Romane ihre Wissenlücken über die reale Vergangenheit. Hier hat der Autor also eine sehr große Verantwortung. Dass allerdings die Frage nach Februar oder Mai 1387 dabei keine große Rolle spielt, glaube ich auch ;)

Gruß,

Andreas

#25
Titus

Titus
  • 421 Beiträge
  • Dabei seit 11.02.05
Weißt du was, Andreas? Ich habe das Gefühl, dich immer besser zu verstehen.  :) Ich glaube zwar nicht, daß auch nur ein einziges Buch existiert, das keine Aussage enthält, die den Leser belehrt bzw. verändert, aber ich kapiere so langsam deinen Ansatz: Du führst deine Protagonisten in die Irre. Da sich das am Ende nur kurz auflöst, willst du mit dem Nachwort auch noch die langsam denkenden Leser wachrütteln. Richtig? Viel bleibt mir nicht mehr zu kritisieren. (Das scheint eine Folge des Dich-Verstehens zu sein: Die Kritik verflüchtigt sich.) Ich könnte höchstens sagen, daß ich eine ausführliche Auflösung im Roman dem nackten Nachwort vorziehe. Schöner Austausch hier!  :s01 Titus

Trailer zum neuen Roman. Unglaublich, aber wahr! Wie der Hochstapler Franz Tausend in den 1920er Jahren die Republik zum Narren hielt.


#26
Andreas

Andreas
  • 3.499 Beiträge
  • Dabei seit 10.02.05

Weißt du was, Andreas? Ich habe das Gefühl, dich immer besser zu verstehen.  :)

Puh! Und ich dachte schon, überhaupt niemand versteht mich, oder was ich meine...  :s09

Ich glaube zwar nicht, daß auch nur ein einziges Buch existiert, das keine Aussage enthält, die den Leser belehrt bzw. verändert, aber ich kapiere so langsam deinen Ansatz: Du führst deine Protagonisten in die Irre. Da sich das am Ende nur kurz auflöst, willst du mit dem Nachwort auch noch die langsam denkenden Leser wachrütteln. Richtig?

Jaaaa! So ist es  :s01

Viel bleibt mir nicht mehr zu kritisieren. (Das scheint eine Folge des Dich-Verstehens zu sein: Die Kritik verflüchtigt sich.) Ich könnte höchstens sagen, daß ich eine ausführliche Auflösung im Roman dem nackten Nachwort vorziehe.

Ja, das ist ja auch grundätzlich so. Ähnlich, wie sich auch im Foucaultschen Pendel alles in Wohlgefallen auflöst, wenn man nur aufmerksam genug liest. (Das Prinzip von Ecos Roman war auch in dieser Hinsicht ein Vorbild für mich - wenngleich ich mir nicht anmaßen würde, sie miteinander zu vergleichen.)
Nich ohne Grund habe ich meinem Buch auch ein Zitat vorangestellt von Roger Bacon aus seinem Epistel "Über die Nichtigkeit der Magie" ;)

Schöner Austausch hier!  :s01
Titus

Ja, absolut! :)

#27
(Petra)

(Petra)
Hallo Andreas, die ganze Zeit habe ich mich gefragt: Was hat er nur, Romane sind doch immer Fiktion und Non-Fiction ist bei mir ein Sachbuch... Aber jetzt kapiere ich so langsam auch, warum es dir darum geht... Thema Wissen, klar. Scheint wirklich ein Sonderfall zu sein ;-) Wobei ich als Leser manchmal so weit gehe, dass ich zumindest damit rechne, dass ein Nachwort zur Fiktion vielleicht fiktiv absichtlich so gesetzt ist ;-) So wie ich am Anfang meines Romans den berühmten Sermon habe mit "Personen und Handlung sind frei erfunden blablabla" und jetzt schon weiß, dass das niemand glauben wird... Kurzum: Ich werde einfach dein Buch lesen und dann entscheiden, ob ich das Nachwort auslasse oder lieber die Lesereise in die Höhle buche, ok?  :-* Schöne Grüße, Petra

#28
Andreas

Andreas
  • 3.499 Beiträge
  • Dabei seit 10.02.05

Kurzum: Ich werde einfach dein Buch lesen und dann entscheiden, ob ich das Nachwort auslasse oder lieber die Lesereise in die Höhle buche, ok?

Schöne Grüße,
Petra

Einverstanden ;)

#29
Andrea K.

Andrea K.
  • 141 Beiträge
  • Dabei seit 08.05.05
Ab dem  1. September werden wir das Buch "Die Brillenmacherin" gemeinsam mit Titus bei uns im Forum lesen. Falls sich noch jemand anschließen möchte, kommt hier der Link: (Link ungültig)